{"id":8828,"date":"2019-06-14T08:30:15","date_gmt":"2019-06-14T07:30:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=8828"},"modified":"2019-06-14T13:35:25","modified_gmt":"2019-06-14T12:35:25","slug":"theologisch-gibt-es-keine-stichhaltigen-einwaende-gegen-frauen-als-priesterinnen-teil-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2019\/theologisch-gibt-es-keine-stichhaltigen-einwaende-gegen-frauen-als-priesterinnen-teil-22","title":{"rendered":"\u00abTheologisch gibt es keine stichhaltigen Einw\u00e4nde gegen Frauen als Priesterinnen\u00bb (Teil 2\/2)"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Im zweiten Teil des Interviews zu seinem neuen Buch \u00abIhr macht uns die Kirche kaputt \u2026 doch wir lassen das nicht zu!\u00bb spricht Theologieprofessor Daniel Bogner unter anderem \u00fcber ausgewanderte Gl\u00e4ubige, die in dieser Kirche keine Heimat mehr finden und \u00fcber das delikateste aller Themen: Frauen als Priesterinnen.<\/strong><\/h4>\n<p><strong>Sie schreiben unter anderem \u00abWir haben uns einlullen lassen, wenn die herrschenden Verh\u00e4ltnisse f\u00fcr richtig erkl\u00e4rt wurden.\u00bb Solche und \u00e4hnliche Worte h\u00f6rt man auch an Treffen von Anarchisten, die gegen das herrschende System wettern.<br \/>\n<\/strong>Das mag so klingen. Entscheidend ist die Frage, gegen welche Art von System man sich damit wendet. Solange der Protest gegen herrschende Verh\u00e4ltnisse gut begr\u00fcndet ist und sich auf jene Werte bezieht, f\u00fcr die rechtsstaatliche und auch religi\u00f6se Institutionen eigentlich stehen, halte ich ihn grunds\u00e4tzlich f\u00fcr legitim. In der Kirche gibt es einen bestimmten Mechanismus, der es oft verhindert, dass Menschen wirklich aufstehen und ihre berechtigten Anliegen als Kirchenmitglieder einbringen: Da die kirchliche Institution als g\u00f6ttliche Stiftung gerechtfertigt wird, meint man, auch alles Tun und Reden ihrer Amtstr\u00e4ger sei g\u00f6ttlichen Ursprungs, weise und richtig. Man hat der Kirchenleitung deswegen oft einen \u00fcberzogenen Vertrauensvorschuss einger\u00e4umt und es zugleich vers\u00e4umt, der Verantwortung zur eigenen Mitgestaltung gerecht zu werden. Wenn man dann sieht, dass nach theologischer Auffassung alle Getauften vollm\u00e4chtige Glieder des \u00abLeibes Christi\u00bb \u2013 der Kirche \u2013 sind, kann man schon zur Auffassung kommen, etwas mehr Anarchie t\u00e4te in der hierarchischen Gliederung der Kirche gut.<\/p>\n<p><strong>Das Zweite Vatikanische Konzil von 1962-65 scheint Hoffnung und Entt\u00e4uschung zugleich zu sein. Wie ist es einzuordnen mit dem Wissensstand von heute?<\/strong><br \/>\nDas Konzil war f\u00fcr die Kirche ein riesengrosser Schritt, der sie in vielen Bereichen wieder gespr\u00e4chsf\u00e4hig gemacht hat f\u00fcr die moderne Kultur und Gesellschaft. Das gilt etwa f\u00fcr den interreligi\u00f6sen Dialog, f\u00fcr Fragen von Menschenrechten und Entwicklung, aber auch f\u00fcr die Bedeutung einer an den wirklichen Bed\u00fcrfnissen des Menschen ausgerichteten Pastoral. Man muss aber auch feststellen, dass das Konzil auf halbem Wege stehen geblieben ist. Wenn es etwa den Freiheitsbegriff, der seiner Erkl\u00e4rung zur Religionsfreiheit zugrunde liegt, auch auf die Rolle der Kirchenmitglieder innerhalb der kirchliche Institution anwenden w\u00fcrde, w\u00e4re dies ein konsequenter Schritt, den man aber nicht gegangen ist. Das gr\u00f6sste Problem heute scheint mir die Konkurrenz normativer Ordnungen in der Kirche: Es gibt die theologisch motivierten und oft hilfreichen Aussagen des Konzils, es gibt das Kirchenrecht, es gibt eine Art \u00abpastorales Gewohnheitsrecht\u00bb, dann die fortlaufende lehramtliche Verk\u00fcndigung. Was gilt nun \u2013 eine durchaus entwicklungsoffene Konzilstheologie, oder die Normen des kanonischen Rechts, das selbst von einer vormodernen, nicht am Wert der Freiheit orientierten Theologie des Mittelalters durchdrungen ist? Das f\u00fchrt mich auf mein Anliegen zur\u00fcck: Wir brauchen eine Verfassungsdiskussion in der Kirche. Theologische Entwicklung und die Leitphilosophie der Kirchenordnung m\u00fcssen zusammengef\u00fchrt werden. Massstab hierf\u00fcr muss eine am Wert der gleichen gesch\u00f6pflichen Freiheit des Menschen orientierte Theologie sein.<\/p>\n<p><strong>Noch ein Wort zur Stellung der Frau in der katholischen Kirche. Ist die Zeit schon reif f\u00fcr Priesterinnen?<\/strong><br \/>\nIch sehe nicht, weshalb das nicht so sein sollte. Theologisch gibt es keine stichhaltigen Einw\u00e4nde dagegen: Jesus hat wohl deswegen M\u00e4nner zu J\u00fcngern berufen, weil in der patriarchalen Gesellschaft seiner Zeit M\u00e4nner die sichtbaren Rollen in religi\u00f6ser Praxis und Gottesdienst einnahmen und ihm an der Wirksamkeit seiner Botschaft gelegen sein musste. Heute trifft Ersteres nicht mehr zu, weil sich die \u00dcberzeugung von der Gleichwertigkeit der Geschlechter durchgesetzt hat. Die Kirche begeht einen Fehler, wenn sie das nur den M\u00e4nnern vorbehaltene Weiheamt zum zentralen Glaubensgut und knapp vor der Dogmatisierung ansiedelt. Es gibt auch den praktischen Einwand, es komme zu einer Kirchenspaltung, wenn die Kirche Frauen weihe. Spaltung hat aber l\u00e4ngst stattgefunden, auf dem \u00abkalten Weg\u00bb. Man denke an die vielen ausgewanderten Gl\u00e4ubigen, die in dieser Kirche keine Heimat mehr finden, an die Frauen, die abgespalten werden von einer gleichberechtigten Teilhabe. Eine \u00d6ffnung hin zur Frauenweihe br\u00e4uchte freilich eine kluge Implementierung: regionale L\u00f6sungen, in Etappen eingef\u00fchrt, mit begleitender Reflexion dar\u00fcber, was sich damit ver\u00e4ndert und wie es zu gestalten ist. Ein katholisches Weiheamt f\u00fcr Frauen w\u00e4re nicht einfach eine Kopie aus der Reformierten Kirche!<\/p>\n<p><strong>Wieso sollen Entt\u00e4uschte nicht einfach aus der Kirche austreten?<br \/>\n<\/strong>Ich werfe niemandem vor, dass er oder sie das tut. Meine Erfahrung ist: Viele Menschen gehen diesen Schritt nicht leichtfertig. Man hat sich eingebracht und bem\u00fcht, findet aber keine \u00abResonanz\u00bb mit diesem Engagement, wie der Soziologe Hartmut Rosa es ausdr\u00fccken w\u00fcrde. Manchmal ist der Austritt aus einer religi\u00f6sen Organisation dann der richtige Schritt, um dem Glauben \u00fcberhaupt treu bleiben zu k\u00f6nnen. Aber umgekehrt ist nat\u00fcrlich gerade f\u00fcr den christlichen Glauben die gemeinschaftliche Dimension wesentlich. Und f\u00fcr viele Menschen ist der \u00e4sthetische und kulturelle Ausdruck, den der Glaube in einer konfessionellen Tradition findet, die wesentliche, erlebbare Gestalt dieses Glaubens. Das kann man nicht einfach ablegen oder f\u00fcr irrelevant erkl\u00e4ren. In der Kirche zu sein ist etwas Ganzheitlicheres als die Mitgliedschaft in einem Sportverein oder einer Hobbygruppe, in der man bestimmten Interessen oder Neigungen nachgeht. So befindet man sich in einer Art Falle: Man ist existenziell an diese Kirche gebunden, obwohl man zutiefst ablehnt, was man an Lebensfeindlichem erf\u00e4hrt. Folge ist h\u00e4ufig eine tiefe innere Ambivalenz, die nicht jedem gut tut.<\/p>\n<div style=\"background-color: orange; font-size: 100%; padding: 1em;\"><strong>Veranstaltungshinweis:<\/strong><br \/>\nDie Medienkonferenz \u00abWenn die Kirche eine Zukunft haben will&#8230;.\u00bb findet in K\u00f6ln, Deutschland am 14. Juni 2019 um 19:00 Uhr statt. Neben Professor Daniel Bogner wird auch Doris Wagner teilnehmen. Die ehemalige Nonne im Vatikan wurde durch den ARTE-Dokumentarfilm Gottes missbrauchte Dienerinnen (franz\u00f6sischer Titel: \u00abReligieuses abuse\u0301es, l&rsquo;autre scandale de l&rsquo;Eglise\u00bb) bekannt. <a href=\"https:\/\/www.herder.de\/autoren\/lesungen-veranstaltungen\/wenn-die-kirche-eine-zukunft-haben-will-50676-koeln-14-06-2019\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Details und Website der Veranstaltung<\/a><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff9900;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Erster Teil des Interviews \u00ab<a href=\"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2019\/in-der-kirche-fehlen-gewaltenteilung-kontrolle-von-herrschaft-und-teilhaberechte-teil-12?lang=de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">In der Kirche fehlen Gewaltenteilung, Kontrolle von Herrschaft und Teilhaberechte<\/a>\u00bb<\/li>\n<li>ARTE-Dokumentarfilm \u00ab<a href=\"https:\/\/devtube.dev-wiki.de\/videos\/watch\/7fa4ea08-efe8-4742-8fa7-23f9c5f90b28\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gottes missbrauchte Dienerinnen<\/a>\u00bb<\/li>\n<li>Bayerischer Rundfunk, <a href=\"https:\/\/www.br.de\/mediathek\/video\/missbrauch-in-der-katholischen-kirche-doku-eine-frau-kaempft-um-aufklaerung-av:5c5af92b42b54f00183b451f\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Missbrauch in der katholischen Kirche | Eine Frau k\u00e4mpft um Aufkl\u00e4rung<\/a><\/li>\n<li>Documentaire ARTE, \u00ab<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=1BQJtuJC60s&amp;\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Religieuses abus\u00e9es, l&rsquo;autre scandale de l&rsquo;Eglise<\/a>\u00bb<\/li>\n<li>Neuerscheinung \u00ab<a href=\"https:\/\/www3.unifr.ch\/unicom\/de\/publikationen\/neuerscheinungen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ihr macht uns die Kirche kaputt \u2026 doch wir lassen das nicht zu!<\/a>\u00bb<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im zweiten Teil des Interviews zu seinem neuen Buch \u00abIhr macht uns die Kirche kaputt \u2026 doch wir lassen das nicht zu!\u00bb spricht Theologieprofessor Daniel Bogner unter anderem \u00fcber ausgewanderte Gl\u00e4ubige, die in dieser Kirche keine Heimat mehr finden und \u00fcber das delikateste aller Themen: Frauen als Priesterinnen. 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