{"id":8815,"date":"2019-06-12T08:50:40","date_gmt":"2019-06-12T07:50:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=8815"},"modified":"2019-06-12T11:37:01","modified_gmt":"2019-06-12T10:37:01","slug":"in-der-kirche-fehlen-gewaltenteilung-kontrolle-von-herrschaft-und-teilhaberechte-teil-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2019\/in-der-kirche-fehlen-gewaltenteilung-kontrolle-von-herrschaft-und-teilhaberechte-teil-12","title":{"rendered":"\u00abIn der Kirche fehlen Gewaltenteilung, Kontrolle von Herrschaft und Teilhaberechte\u00bb (Teil 1\/2)"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Theologieprofessor Daniel Bogner hat sich in seinem neusten Buch den Frust \u00fcber den Zustand der katholischen Kirche von der Seele geschrieben. Enttabuisierend, rebellierend, aber auch konstruktiv-kritisch. Im Gespr\u00e4ch \u00e4ussert er sich zu fehlenden \u00abChecks and Balances\u00bb, der unm\u00f6glichen Rolle der Bisch\u00f6fe und sagt, wieso etwas mehr Anarchie der Kirche gut t\u00e4te.<\/strong><\/h4>\n<p>\u00abIhr macht uns die Kirche kaputt \u2026 doch wir lassen das nicht zu!\u00bb heisst die Kritik, die sich als Stimme in die (kirchen-)politische Debatte einmischen will. Ob Sexualit\u00e4t, Missbrauch oder Rolle der Frau \u2013 der 47-j\u00e4hrige Deutsche l\u00e4sst nichts aus. Im Gegensatz zu schockierenden Dokumentarfilmen und Skandalgeschrei besinnt sich der Moraltheologe aber auch auf die akademische Seite. So fordert er unter anderem eine kirchliche Verfassungsdiskussion, sucht Vergleiche zwischen der Institution der Kirche mit dem demokratischen Rechtsstaat und kritisiert die Vermischung von der Kirche als \u00abLehrk\u00f6rper\u00bb (mit einer Glaubenswahrheit) und als \u00abSozialk\u00f6rper\u00bb, die sich einer deutlich strengeren Kontrolle unterwerfen soll.<\/p>\n<p><strong>Herr Professor Bogner, wenn ein Unternehmen oder eine Organisation in einer grossen Krise steckt, holt es sich \u00fcblicherweise externe Hilfe, um wieder Vertrauen herzustellen. Sind Sie als Teil dieser Kirche nicht viel zu emotional?<\/strong><br \/>\nTheologie muss man sich ein bisschen vorstellen wie die \u00abteilnehmende Beobachtung\u00bb in der Ethnologie. Sie ist konzipiert als eine kritische Funktion aus der Teilnehmerperspektive. Darin liegt gerade ihre St\u00e4rke. Denn sie ist nicht der Kirche als sozialer Organisation verpflichtet, dann w\u00e4re sie wirklich ideologisch, sondern ist bezogen auf den Sachgehalt des christlichen Glaubens. Von daher kann und muss sie kritisieren, wie die Kirche agiert und was diese aus dem inhaltlichen Anspruch des Glaubens macht. Gegenw\u00e4rtig heisst das: Theologie ist Anw\u00e4ltin der Kirchenmitglieder, weil deren berechtigte Anliegen in der kirchlichen Verfassungsordnung der absolutistischen Monarchie nicht angemessen vorkommen. Grunds\u00e4tzlich gilt: Beide Blickrichtungen, die Kritik von innen (Theologie) und die von aussen (z.B. Religionswissenschaften), erg\u00e4nzen sich, beide sind notwendig. Unternehmensberatungen hat sich die Kirche \u00fcbrigens schon \u00f6fter eingekauft.<\/p>\n<p><strong>Sie sagen, dass die gegenw\u00e4rtige Krise der Kirche so gravierend ist, dass es zun\u00e4chst einer sehr gr\u00fcndlichen Analyse und Diagnose bedarf. Das t\u00f6nt nach Stillstand w\u00e4hrend mindestens zehn Jahren.<br \/>\n<\/strong>Nein, im Gegenteil! Zu sagen, wir brauchen eine grundst\u00e4ndige Diagnose, heisst nicht, das ist eine Ewigkeitsaufgabe, sondern nur, dass wir den Fokus anders ansetzen m\u00fcssen als bisher. Momentan ist es doch h\u00e4ufig so: Der Reformfl\u00fcgel des Katholizismus verlegt sich auf die \u00abguten\u00bb Botschaften des II. Vatikanischen Konzils und versucht, diese exemplarisch umzusetzen. Aber man ist oft blind f\u00fcr die Frage nach den Gef\u00e4ssen und Verfahren, ohne die das erneuerte Denken nicht umgesetzt werden kann. Und hier kommen Kirchenstruktur und Recht ins Spiel. Vielfach wurde ausgeblendet, wie zentral diese Dimension ist. Dass man eben nicht eine partizipationsorientierte Kirche in der Rechtsgestalt einer absolutistischen Monarchie errichten kann! Es ist deshalb dingend erforderlich, den Finger in diese Wunde zu legen und eine kirchliche Verfassungsdiskussion zu beginnen. Ziel w\u00e4re eine kirchliche Rechtskultur, in der \u00abMenschenw\u00fcrde\u00bb nicht nur nach aussen verk\u00fcndet wird, sondern auch zum verbindlichen Kriterium des eigenen, kirchlichen Rechts und der Institution Kirche w\u00fcrde. Die Missbrauchskrise zeigt den Bedarf daf\u00fcr un\u00fcbersehbar an: Es fehlt in der Kirche, die ja nicht nur geistliche Gr\u00f6sse, sondern als Sozialk\u00f6rper eben auch eine Organisation mit Zust\u00e4ndigkeiten, Befugnissen und unterschiedlichen Funktionen und Rollen ist, an zentralen rechtsstaatlichen Errungenschaften: Gewaltenteilung, eine wirklich verbindliche Kontrolle von Herrschaft und echte Teilhaberechte. Es ist dramatisch, dass erst die Missbrauchskrise mit dem uns\u00e4glichen Leid, das sie schuf, den Blick f\u00fcr diese Schieflagen \u00f6ffnete.<\/p>\n<p><strong>Sprechen wir konkret \u00fcber Missbrauchsf\u00e4lle in der Kirche. Sie betonen die wichtige Rolle der Bisch\u00f6fe. Wieso gerade sie Bisch\u00f6fe?<br \/>\n<\/strong>In ihrer gegenw\u00e4rtigen Verfassung vereint der Bischof in der Katholischen Kirche alle drei Gewalten in einer Person: Regentschaft, Gesetzgebung und Rechtsprechung. Bisch\u00f6fe haben deshalb h\u00f6chste Macht, aber dann auch h\u00f6chste Verantwortung, der sie gerecht werden m\u00fcssen. Das gilt gerade in der Missbrauchskrise. Das Problem ist: Mit diesem Modell von Herrschaft gibt es in der Kirche keinen Mechanismus von \u00abChecks und Balances\u00bb, \u00fcber den sich die drei Gewalten gegenseitig kontrollieren k\u00f6nnten. Es ist beinahe alles vom guten Willen der Person des Bischofs abh\u00e4ngig. In einer Situation, in der Menschen zu Opfern schwerer Verbrechen geworden sind, ist es nicht sehr beruhigend, allein auf Geist und Haltung der Kirche und ihrer Verantwortungstr\u00e4ger setzen zu m\u00fcssen. Und deswegen ruft diese Missbrauchskrise auch so laut nach \u00absystemischen\u00bb Reformen.<\/p>\n<p><strong>Immer wieder sieht man in Dokumentarfilmen Priester, die entschuldigend angeben, dass sie vom Teufel beseelt waren. Ihre Opfer \u00abentsch\u00e4digen\u00bb sie mit Gebeten. Hand aufs Herz: Kann es je besser werden, wenn das Weltbild dieser Priester derart weit von einem zeitgem\u00e4ssen Rechtssystem ist?<br \/>\n<\/strong>Das ist absurd und verr\u00e4t jeden religi\u00f6sen Sinn von Gebet und jede moralische Vorstellung von Verantwortung. Auch wo sexuelle Gewalt als Akte religi\u00f6ser oder spiritueller Praxis ausgegeben werden, findet eine uns\u00e4gliche Camouflage statt. Man bedient sich der religi\u00f6sen Semantik, um dem Narzissmus des eigenen Begehrens nachgehen zu k\u00f6nnen. Dass Ordensschwestern bis ins Mark verletzt sind, weil sie der spirituellen Semantik stets trauten, zeigt die ARTE-Dokumentation \u00abGottes missbrauchte Dienerinnen\u00bb sehr eindr\u00fccklich. Hier in Freiburg hat die Theologie vielleicht eine besondere Aufkl\u00e4rungspflicht, wenn man an den Fall Marie-Dominique Philippe denkt. Der Dominikanerpater war Professor an der hiesigen Fakult\u00e4t, bevor er als geistlicher Rektor der von einigen seiner Studenten gegr\u00fcndeten \u00abJohannesgemeinschaft\u00bb wurde. In dieser Funktion begleitete er auch Frauen, die er dann sexuell missbrauchte, alles unter dem Deckmantel des von ihm entwickelten Elaborats der sogenannten \u00abFreundschaftsliebe\u00bb, mit der die k\u00f6rperliche Ann\u00e4herung als vermeintliche Form der Gottesbegegnung ausgegeben wird. Das ist wirklich perfide und abstossend \u2013 und hier ist die kritische, aufkl\u00e4rende Funktion der Theologie gefragt. Weder k\u00f6nnen die zentralen Inhalte des christlichen Glaubens so ausgelegt werden, dass sie derartige \u00dcbergriffigkeiten erlauben, noch d\u00fcrfen die Strukturen der Kirche als ein Biotop daf\u00fcr dienen.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff9900;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>ARTE-Dokumentarfilm \u00ab<a href=\"https:\/\/devtube.dev-wiki.de\/videos\/watch\/7fa4ea08-efe8-4742-8fa7-23f9c5f90b28\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gottes missbrauchte Dienerinnen<\/a>\u00bb<\/li>\n<li>Bayerischer Rundfunk, \u00ab<a href=\"https:\/\/www.br.de\/mediathek\/video\/missbrauch-in-der-katholischen-kirche-doku-eine-frau-kaempft-um-aufklaerung-av:5c5af92b42b54f00183b451f\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Missbrauch in der katholischen Kirche | Eine Frau k\u00e4mpft um Aufkl\u00e4rung<\/a>\u00bb<\/li>\n<li>Documentaire ARTE, \u00ab<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=1BQJtuJC60s&amp;\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Religieuses abus\u00e9es, l&rsquo;autre scandale de l&rsquo;Eglise<\/a>\u00bb<\/li>\n<li>Neuerscheinung \u00ab<a href=\"https:\/\/www3.unifr.ch\/unicom\/de\/publikationen\/neuerscheinungen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ihr macht uns die Kirche kaputt \u2026 doch wir lassen das nicht zu!<\/a>\u00bb<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Theologieprofessor Daniel Bogner hat sich in seinem neusten Buch den Frust \u00fcber den Zustand der katholischen Kirche von der Seele geschrieben. 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