{"id":8759,"date":"2019-06-11T10:28:10","date_gmt":"2019-06-11T09:28:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=8759"},"modified":"2019-06-11T10:33:27","modified_gmt":"2019-06-11T09:33:27","slug":"als-gruppentanz-noch-zu-amtlichen-verpflichtungen-gehorte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2019\/als-gruppentanz-noch-zu-amtlichen-verpflichtungen-gehorte","title":{"rendered":"Als Gruppentanz noch zu amtlichen Verpflichtungen geh\u00f6rte"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Fritz Graf gilt heute als einer der wichtigsten und anerkanntesten Philologen. Der geb\u00fcrtige Ostschweizer lehrte einst an der Universit\u00e4t Basel und ist mittlerweile in den USA t\u00e4tig. Im Interview gibt der Professor einen Einblick in den Tanz der antiken R\u00f6mer, zieht Vergleiche zu heutigen Tanzformen und sagt, was er im Mittleren Westen vermisst. <\/strong><\/h4>\n<p><strong>Herr Graf, Sie\u00a0werden am 18.\u00a0Juni einen Vortrag halten mit dem etwas mysteri\u00f6sen\u00a0Titel \u00abTanzen unter den Kaisern: eine (nicht nur) epigraphische Untersuchung\u00bb. Auf welche Inhalte d\u00fcrfen wir uns freuen?<br \/>\n<\/strong>Der Vortrag wird zuerst kurz davon sprechen, dass \u2018Tanz\u2019 in den inschriftlichen Texten der Kaiserzeit sehr oft Pantomime meint: das ist nicht neu, hat aber interessante Konsequenzen f\u00fcr die Stellung und das Selbstverst\u00e4ndnis der Pantomimen. Der Hauptteil des Vortrags gilt dann anderen, nicht-pantomimischen Formen des Tanzes in der kaiserzeitlichen Religion in der Spannnung zwischen Tradition und Neuerung. Ich werde insbesondere zwei T\u00e4nzergruppen ansprechen, die eine im religi\u00f6sen Leben von Olympia, die andere in der Stadt Ephesos. Wir werden dabei unter anderem reife Herren der Oberschicht antreffen, zu deren amtlichen Verpflichtungen ein Gruppentanz geh\u00f6rte.<\/p>\n<p><strong>Hatte das Tanzen in der Antike eine besondere Bedeutung? Vielleicht\u00a0eine andere\u00a0als heute?<br \/>\n<\/strong>Ja doch. Die dominanten Formen des modernen Tanzens, der Paartanz oder die gemischt-geschlechtliche Disco-Gruppe, existiert nicht wirklich, und Tanz ist (wo es nicht Pantomime ist) ein zumeist geschlechtsgetrenntes kollektives Unternehmen, das besonders mit der Religion verbunden ist, mit Apollon und Dionysos als den zentralen Gottheiten. Man verliert sich in der t\u00e4nzerischen Hingabe an den Gott Dionysos, wie dies die M\u00e4naden tun, oder man verehrt eine Gottheit wie Apollon mit der Gabe eines performativen Kunstwerks, das aus Instrumentalmusik, Gesang und Tanz besteht.<\/p>\n<p><strong>War\u00a0Tanzen\u00a0ein kodifiziertes Ritual oder konnte\u00a0es\u00a0auch als einfaches \u00abToben\u00bb und \u00abSpass haben\u00bb\u00a0gelesen\u00a0werden?\u200b<br \/>\n<\/strong>Der kultische Gruppentanz war selbstverst\u00e4ndlich kodifiziert, auch wenn wir die Regeln und Formen nicht mehr kennen; Vasenbilder der archaischen Zeit legen nahe, dass solche T\u00e4nze auch ausgelassen und komisch sein konnten. Der ekstatische Tanz im Kult des Dionysos und anderer Kultgruppen ist komplexer. \u2018Austoben\u2019 ist sicher eine Komponente \u2013 dionysische Vereine der Kaiserzeit hatten Aufseher, die daf\u00fcr sorgten, dass die Ordnung nicht v\u00f6llig aus den Fugen ging, und Tanz konnte als Heilung von Wahnsinn verstanden werden, als ein Austoben im eigentlichen Sinne; freilich insistieren Bilder mehr auf der selbstvergessenen Entspanntheit als auf ausgelassenem Toben. Gruppen von Satyrn \u2013 die m\u00e4nnlichen Verehrer von Dionysos \u2013 setzen im ausgelassenen Tanz im Ende von Trag\u00f6diendarbietungen einen Kontrapunkt zum Ernst der Trag\u00f6die, und solche Satyrt\u00e4nze existierten auch in der Kaiserzeit. Hingegen fehlen uns private Zeugnisse daf\u00fcr, wie ein einzelner Mensch Tanz erleben konnte; immerhin stellte man sich in einigen Kulten vor, dass man nach dem Tod auch im Paradies tanzen konnte.<\/p>\n<p><strong>Welche Codes\u00a0sind heute\u00a0noch aktuell?<br \/>\n<\/strong>Ich denke, dass beide grundlegenden Formen des antike Tanzes \u2013 die Gruppe, in der der Einzelne in einer \u00fcbergeordenten Ordnung aufging, und der Tanz als T\u00fcre zu einer anderen, regellosen Welt \u2013 noch immer wichtig sind, je nach der sozialen Gruppe, der man angeh\u00f6rt. Tanzen scheint ein urt\u00fcmliches menschliches Anliegen zu sein; wenn das so ist, so sind zwar die spezifischen Formen zeitgebunden, die Grundlage aber ist es anthropologisch gegeben.<\/p>\n<p><strong>Was ist die\u00a0Epigraphik genau\u00a0und wie begeistern Sie junge Menschen daf\u00fcr?\u00a0\u200b<br \/>\n<\/strong>Epigraphik ist die Wissenschaft von Inschriften, in meinem Fall von Inschriften der griechischen und r\u00f6mischen Welt. Inschriften sind die unmittelbarsten Dokumente der Vergangenheit, und sie f\u00fchren uns direkt in die Welt der antiken Schreiber; oft kann man sogar noch sehen, wie sich ein Schreiber verschrieb und sich dann korrigierte, und gelegentlich ist noch die rote Farbe vorhanden, mit der man die Texte viel besser lesbar machte, als wir meinen; Inschriften der griechischen Bronzezeit, eingeschrieben um 1200 v. Chr. auf Tont\u00e4felchen, bewahren sogar die Fingerabdr\u00fccke der Schreiber auf oder der Helfer, welche den Ton gl\u00e4tteten. Inschriften geben also ein unvermitteltes Bild von antiken Menschen, bis hin zu privaten Dingen wie der Inschrift, die der Bildhauer Phidias auf den Boden seines Trinkbechers einrizte (\u2018Ich geh\u00f6re Phidias\u2019 \u2013 Arch\u00e4ologen fanden den Becher in seinem Atelier), oder zu den Zauberspr\u00fcchen auf einem St\u00fcck Bleiblech, mit denen ein antiker Arzt seinen Konkurrenten lahmlegen wollte. Inschriften f\u00fchren aber auch antike Politik ganz direkt vor und erg\u00e4nzen oder korrigieren das, was die antiken Historiker uns mitteilen; gerade aus der r\u00f6mischen Welt besitzen wir inschriftliche Dokumente, welche Livius oder Tacitus nicht bloss erg\u00e4nzen, sondern auch widerlegen.<\/p>\n<p><strong>Schwingen Sie auch manchmal das Tanzbein?<br \/>\n<\/strong>Aber ja. Die Uni Basel hatte einen Professoren-Ball, das Professorium, und Princeton hatte sogar Tanzkurse f\u00fcr Faculty; an der Ohio State, im n\u00fcchternen Mittleren Westen, vermisse ich dies etwas.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">__________<br \/>\n<\/span><br \/>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li><strong>Abendvortrag \u00abTanzen unter den Kaisern: eine (nicht nur) epigraphische Untersuchung\u00bb\u00a0<\/strong>Der 2018 zum Ehrendoktor der Philosophischen Fakult\u00e4t ernannte Professor Fritz Graf h\u00e4lt am Dienstag, 18. Juni 2019 um 18.00 Uhr einen \u00f6ffentlichen Vortrag zu den Aspekten der R\u00f6mischen Tanzkultur.Mehr Informationen im <a href=\"https:\/\/agenda.unifr.ch\/e\/de\/4648\/\">Veranstaltungskalender<\/a>.<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fritz Graf gilt heute als einer der wichtigsten und anerkanntesten Philologen. Der geb\u00fcrtige Ostschweizer lehrte einst an der Universit\u00e4t Basel und ist mittlerweile in den USA t\u00e4tig. Im Interview gibt der Professor einen Einblick in den Tanz der antiken R\u00f6mer, zieht Vergleiche zu heutigen Tanzformen und sagt, was er im Mittleren Westen vermisst. Herr Graf, Sie\u00a0werden am 18.\u00a0Juni einen Vortrag halten mit dem etwas mysteri\u00f6sen\u00a0Titel \u00abTanzen unter den Kaisern: eine (nicht nur) epigraphische Untersuchung\u00bb. Auf welche Inhalte d\u00fcrfen wir uns freuen? 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