{"id":8352,"date":"2019-05-02T14:12:18","date_gmt":"2019-05-02T13:12:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=8352"},"modified":"2019-05-03T08:18:31","modified_gmt":"2019-05-03T07:18:31","slug":"ich-finde-das-manifest-uberhaupt-nicht-radikal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2019\/ich-finde-das-manifest-uberhaupt-nicht-radikal","title":{"rendered":"\u00abIch finde das Manifest \u00fcberhaupt nicht radikal\u00bb"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Am 14. Juni wird gestreikt \u2013 auch an den Schweizer Universit\u00e4ten. Bereits heute haben Forscher_innen ein Manifest ver\u00f6ffentlicht.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/AG_Falk_Streik.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-8355 alignleft\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/AG_Falk_Streik.jpg\" alt=\"\" width=\"235\" height=\"232\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/AG_Falk_Streik.jpg 649w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/AG_Falk_Streik-300x296.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 235px) 100vw, 235px\" \/><\/a>Francesca Falk, warum kommt es am 14. Juni zu einem schweizweiten Frauenstreik?<br \/>\n<\/strong>Einen einzelnen Ausl\u00f6ser gibt es nicht. Der Streik wird auch nicht von einem zentralen Komitee organisiert \u2013 die Bewegung ist vielf\u00e4ltiger und speist sich aus dem \u00c4rger vieler Einzelner. Anders gesagt: Viele Frauen haben offenbar einfach gerade genug. Es gibt zahlreiche Bereiche, in denen es seit Jahren nicht vorw\u00e4rts geht \u2013 und andere, wo wir einen richtigen Backlash erleben. Besonders sichtbar ist der in den USA mit Donald Trump.<\/p>\n<p><strong>Und diesen Backlash gibt es auch in der Schweiz?<br \/>\n<\/strong>Absolut. Beispielsweise kommen die Genderstudies vermehrt unter Druck. Bereits Erreichtes wird wieder infrage gestellt. Dagegen wehren sich die Streikenden. Oder es gibt den erschreckenden Hass gegen Politikerinnen im Internet. Frauen, die sichtbar ihre Position vertreten, werden da massiv angegangen. Und das nicht nur, wenn sie polarisieren: Sogar die ausgesprochene Konsenspolitikerin Doris Leuthard hat sich k\u00fcrzlich dar\u00fcber beklagt, was sie alles an Beschimpfungen aushalten muss. Die Bek\u00e4mpfung dieser \u00abHatespeech\u00bb ist darum auch eine der Forderungen des Streiks.<\/p>\n<p><strong>Was sind denn weitere Anliegen?<br \/>\n<\/strong>Unterschiedliche Frauen haben unterschiedliche Anliegen, dementsprechend breit sind auch die Forderungen. Viele \u00e4rgern sich beispielsweise \u00fcber weiterhin bestehende Lohndifferenzen oder \u00fcber die Unterschiede bei der unbezahlten Arbeit. Es gibt Studien, die zeigen, dass M\u00e4nner und Frauen in der Schweiz ungef\u00e4hr gleich viel arbeiten. Bloss \u00fcbernehmen die Frauen viel mehr schlechter oder gar nicht bezahlte Arbeit. Das f\u00fchrt dazu, dass ihr durchschnittliches Einkommen am Ende nur etwas mehr als halb so gross ist, wie jenes der M\u00e4nner.<\/p>\n<p><strong>Deshalb werden auch Sie am 14. Juni streiken.<br \/>\n<\/strong>Ja. Mir war von Anfang an klar, dass ich mich engagieren wollte, ich hatte aber ein Problem: Mein Streik w\u00e4re nicht automatisch sichtbar. Es sind Semesterferien und ob ich da arbeite oder nicht, merkt eigentlich niemand. Anderen Forscher_innen aus der ganzen Schweiz ging es genau gleich. Zugleich gibt es auch an der Uni einen grossen Handlungsbedarf. Und so beschlossen wir, ein nationales Manifest mit hochschulspezifischen Forderungen zu verfassen.<\/p>\n<p><strong>Und was steht da drin?<br \/>\n<\/strong>Insgesamt sind es <a href=\"https:\/\/www.feminist-academic-manifesto.org\/?lang=de\">20 Forderungen<\/a>. Dabei geht es beispielsweise um Schritte gegen die prek\u00e4ren Arbeitsbedingungen an den Universit\u00e4ten oder darum, dass wir heute zwar mehr Studentinnen als Studenten, aber noch immer viel zu wenige Professorinnen haben.<\/p>\n<p>Viele Massnahmen ben\u00f6tigen kein Geld, sondern die richtigen Entscheide. Nehmen wir Job-Sharing: In der Histoire contemporaine teilen sich bereits zwei Professoren ein Pensum. An den meisten anderen Instituten und Universit\u00e4ten ist solches aber noch immer nicht m\u00f6glich. Dabei w\u00fcrde Job-Sharing mehr Frauen eine Professur erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Andernorts ist es eine Frage, welche Form von Frauenf\u00f6rderung betrieben wird. Beim SNF wurde beispielsweise ein F\u00f6rderinstrument f\u00fcr Frauen mit Familie durch ein Exzellenz-Instrument ersetzt, das nur Frauen ab der Post-Doc-Stufe offensteht.<\/p>\n<p>Damit spricht man aber ein anderes Klientel an. Dass der Frauenanteil mit jedem akademischen Karriereschritt abnimmt hat ja Gr\u00fcnde. Die Arbeitsverh\u00e4ltnisse an den Universit\u00e4ten verlangen eine hohe Mobilit\u00e4t und sind sehr oft prek\u00e4r \u2013 also schlecht bezahlt, befristet oder beides. Dabei brauchen gerade Forschende, die eine Familie wollen, auch eine gewisse finanzielle Sicherheit und k\u00f6nnen nicht einfach so mobil sein. Wir fordern deshalb mehr unbefristete Stellen und dass die Mobilit\u00e4t keine Voraussetzung f\u00fcr eine akademische Karriere sein darf.<\/p>\n<p><strong>Und erreicht man es, dass es mehr Frauen ganz an die Spitze schaffen?<br \/>\n<\/strong>Indem die Universit\u00e4ten mehr Professorinnen berufen. Bis da Ausgeglichenheit herrscht, fordern wir, mindestens 50 Prozent der Professuren mit Frauen* zu besetzen.<\/p>\n<p><strong>Eine 50%-Quote bei Neuberufungen!?<br \/>\n<\/strong>Warum denn nicht? Wir h\u00e4tten auch mehr verlangen k\u00f6nnen. Ganz allgemein finde ich unser Manifest \u00fcberhaupt nicht radikal. Was wir fordern ist vern\u00fcnftig.<\/p>\n<p><strong>Manche Probleme lassen sich tats\u00e4chlich \u00e4ndern, indem man die Spielregeln \u00e4ndert. Anderem ist nicht einfach so mit einem neuen Reglement beizukommen.<br \/>\n<\/strong>Stimmt. Beispielsweise Bel\u00e4stigungen oder der allt\u00e4gliche Sexismus. Als ich doktorierte, verglich ein Professor in einem Kolloquium den Google-Schlitz mit einer Vagina \u2013 man k\u00f6nne bei beiden alles M\u00f6gliche reinschieben. Es waren damals mehrere Professoren anwesend, aber keine Professorin \u2013 und niemand sagte etwas dazu, es wurde nur gelacht. Wir Doktorandinnen waren schlicht zu schockiert, um darauf ad\u00e4quat reagieren zu k\u00f6nnen. Gibt es mehr Frauen in Machtpositionen, dann verschwinden solche Bemerkungen. Auch darum geht es uns mit unserem Manifest.<\/p>\n<p><strong>Wer kann das Manifest denn \u00fcberhaupt unterzeichnen?<br \/>\n<\/strong>Da sind wir sehr offen. Der Text beginnt mit den Worten: \u00abWir sind Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Disziplinen und werden am 14. Juni 2019 streiken.\u00bb Alle, die sich damit identifizieren\u00a0 \u2212 unabh\u00e4ngig von ihrem Geschlecht \u2212, k\u00f6nnen das Manifest <a href=\"https:\/\/www.feminist-academic-manifesto.org\/?lang=de\">online<\/a> unterschreiben.<\/p>\n<p><strong>Was versprechen Sie sich denn vom Manifest? Die Forderungen werden ja wohl kaum eins zu eins umgesetzt.<br \/>\n<\/strong>Die Funktion des Manifestes ist es, eine Diskussion anzustossen und ein \u00a0Bewusstsein f\u00fcr die Defizite zu sch\u00e4rfen. Als ich beispielsweise schwanger wurde, war klar, dass ich mich in den ersten Monaten um das Kind k\u00fcmmern werde, weil nur ich Anspruch auf eine bezahlte Elternzeit hatte. Mein Partner hatte damals eine Woche Vaterschaftsurlaub und konnte zudem noch geblockt ein paar Ferienwochen beziehen und das Pensum sp\u00e4ter eine gewisse Zeit reduzieren, was bereits eine sehr privilegierte Situation war. Und trotzdem war das noch lange keine gleichberechtigte Aufteilung. Der Staat bestimmt von Anfang an die Rollenverteilung und das hat weitreichende Folgen. Er greift an einem extrem intimen Punkt in unsere Beziehung ein und bestimmt, wer was zu tun hat. Solche Fragen m\u00fcssen gesellschaftlich diskutiert werden.<\/p>\n<p><strong>War denn der letzte Frauenstreik politisch ein Erfolg?<br \/>\n<\/strong>Ja. Kurzfristig sowieso: eine halbe Million Frauen hat mitgemacht. Damit war der Frauenstreik der gr\u00f6sste Streik seit dem Landesstreik (wobei auch unbezahlt arbeitende Frauen streikten; die fallen bei g\u00e4ngigen Streikdefinitionen durch die Maschen). Wichtiger aber war, dass der Streik der Frauenbewegung starken Auftrieb verliehen und dass der politische Druck unter anderem zum Gleichstellungsgesetz von 1996 und zur Wahl der zweiten Frau (Ruth Dreifuss) in den Bundesrat beigetragen hat.<\/p>\n<p><strong>Und k\u00f6nnen sich eigentlich auch M\u00e4nner am Streik engagieren?<br \/>\n<\/strong>Nat\u00fcrlich! Solange sie sich nicht in den Vordergrund dr\u00e4ngen. Beim letzten Frauenstreik 1991 haben M\u00e4nner beispielsweise eine Streikk\u00fcche betrieben, damit die Frauen streiken konnten. Bei unseren Sitzungen gibt es zudem gegenw\u00e4rtig eine Gruppe von M\u00e4nnern, die jeweils die Kinderbetreuung \u00fcbernimmt. Wir vergessen sowieso viel zu oft, dass feministische Anliegen, wie \u00a0etwa die Elternzeit oder generell eine gerechtere Gesellschaft auch Anliegen von vielen M\u00e4nnern sind.<\/p>\n<p><strong>Und wenn man keine Zeit hat?<br \/>\n<\/strong>Das Mitmachen am Streik ist sehr niederschwellig. Wer nicht den ganzen Tag streiken kann, kann beispielsweise morgens um 11h mitmachen. Zu diesem Zeitpunkt finden in der ganzen Schweiz symbolische Aktionen statt. Wer gar keine M\u00f6glichkeit hat, die Arbeit niederzulegen, kann zudem etwa durch die Kleidung oder das Aufstellen von Schildern auf den Frauenstreik und seine Forderungen aufmerksam machen.<\/p>\n<p><strong>Was wird am 14.6. an den Unis stattfinden?<br \/>\n<\/strong>So genau kann ich das nicht sagen \u2013 es h\u00e4ngt von den Unis und den unz\u00e4hligen Gruppierungen ab, die etwas auf die Beine stellen. Weil Semesterferien und die meisten Leute nicht da sind, werden die grossen Kundgebungen wohl eher anderswo stattfinden. Ich selbst werde in Bern sein, da ich dort im lokalen Streik-Komitee aktiv bin. In Freiburg sp\u00fcren wir \u00fcbrigens auch einen gewissen Support aus dem Rektorat: Astrid Epiney hat eine E-Mail geschrieben mit der Bitte, dass am 14.6. keine Pr\u00fcfungen stattfinden sollen. So k\u00f6nnen sich auch alle Studierenden am Streik beteiligen. Zudem wird sie mit uns \u00fcber das Manifest diskutieren. Dieser \u00f6ffentliche Anlass findet zusammen mit anderen Mit-Diskutierenden am 15. Mai von 18.30 bis 20 Uhr in der Mis\u00e9ricorde statt \u2013 wir freuen uns sehr, wenn m\u00f6glichst viele kommen \u2013 und nat\u00fcrlich auch unser Manifest unterschreiben!<\/p>\n<div style=\"background-color: orange; font-size: 100%; padding: 1em;\">\n<p><strong>Emanzipation und Migration.<br \/>\n<\/strong>Ein Blick in die Schweizer Geschichte zeigt, dass Migration viel dazu beigetragen hat, die Verh\u00e4ltnisse in der Arbeitswelt, Bildung und Politik zugunsten von Frauen zu ver\u00e4ndern. Francesca Falks soeben ver\u00f6ffentlichtes Buch beleuchtet diese Zusammenh\u00e4nge zum ersten Mal in einer Gesamtschau. Da heute Migration oft als Gefahr f\u00fcr die Gleichberechtigung gesehen wird, sind diese Befunde von besonderer Bedeutung und Brisanz. Gender Innovation and Migration in Switzerland. Cham: Springer International Publishing (Palgrave Studies in Migration History).<br \/>\n<strong>Open Access:<\/strong> <a href=\"http:\/\/www.palgrave.com\/978-3-030-01626-5\">http:\/\/www.palgrave.com\/978-3-030-01626-5<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff9900;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Zum <a href=\"https:\/\/www.feminist-academic-manifesto.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Manifest <\/a><\/li>\n<li>Infos zum <a href=\"http:\/\/frauenstreik2019.ch\">Frauenstreik<\/a><\/li>\n<li>Am Mittwoch, 15. Mai diskutiert unsere Rektorin Astrid Epiney gemeinsam mit Pascal Gygax (Psycholinguist), Niels Rebetez (Vertreter des CSWM im Fakult\u00e4tsrat) sowie Francesca Falk (Mit-Initiantin Manifest) an einer \u00f6ffentlichen Veranstaltung \u00fcber die vorgebrachten Forderungen. Moderiert wird der Anlass von Sarah Baumann und Pauline Milani. 15.5. 2019, 18.30 Uhr, Mis\u00e9ricorde 11 salle Laure Dupraz 2.102<\/li>\n<li>Webseite von <a href=\"https:\/\/lettres.unifr.ch\/de\/hist\/gmzg\/team\/falk.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Francesca Falk<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 14. Juni wird gestreikt \u2013 auch an den Schweizer Universit\u00e4ten. Bereits heute haben Forscher_innen ein Manifest ver\u00f6ffentlicht. Francesca Falk, warum kommt es am 14. Juni zu einem schweizweiten Frauenstreik? Einen einzelnen Ausl\u00f6ser gibt es nicht. Der Streik wird auch nicht von einem zentralen Komitee organisiert \u2013 die Bewegung ist vielf\u00e4ltiger und speist sich aus dem \u00c4rger vieler Einzelner. Anders gesagt: Viele Frauen haben offenbar einfach gerade genug. 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