{"id":7754,"date":"2019-02-07T13:40:49","date_gmt":"2019-02-07T12:40:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=7754"},"modified":"2019-02-07T15:07:39","modified_gmt":"2019-02-07T14:07:39","slug":"sie-konnen-den-leuten-nicht-einfach-sagen-gehen-sie-schwimmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2019\/sie-konnen-den-leuten-nicht-einfach-sagen-gehen-sie-schwimmen","title":{"rendered":"\u00abSie k\u00f6nnen den Leuten nicht einfach sagen: \u2039Gehen Sie schwimmen\u203a\u00bb"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Gregor Hasler ist unser neuer Professor f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie. Derzeit besch\u00e4ftigt er sich prim\u00e4r mit dem Aufbau des neuen Masterstudiengangs in Humanmedizin. Dieser startet im Herbst.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Herr Hasler, was sind die Ideen des neuen Masterstudiengangs in Humanmedizin?<br \/>\n<\/strong>Zuerst muss ich sagen, dass ich hier auf einen fahrenden Zug aufspringe, den Professor Bonvin und Professor Rodondi aufgegleist haben. Ihnen geb\u00fchrt die Anerkennung f\u00fcr den neuen Master. Aber ich kann einige Akzente einbringen, das macht die Aufgabe in Freiburg f\u00fcr mich besonders reizvoll. So wollen wir, dass die Studierenden schon fr\u00fch mit der Hausarztmedizin in Kontakt kommen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Hasler.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-7758\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Hasler.png\" alt=\"\" width=\"374\" height=\"241\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Hasler.png 640w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Hasler-300x193.png 300w\" sizes=\"(max-width: 374px) 100vw, 374px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Also mehr Hausarzt- und weniger Spitzenmedizin?<br \/>\n<\/strong>Es geht nicht darum, die Bereiche gegeneinander auszuspielen, sondern darum, wie die Studierenden ihr Wissen aufbauen. In der Spitzenmedizin sehen sie t\u00e4glich Patienten mit seltenen Krankheiten und nat\u00fcrlich ist das hoch interessant. Aber in der Grundversorgung haben sie es mit den h\u00e4ufigsten medizinischen Problemen zu tun und lernen, wie sie diese angehen. Wer die Realit\u00e4t des Hausarztberufs kennt, kann sein Wissen ganz anders vernetzen. Uns ist es wichtig, den Studierenden diesen Erfahrungshorizont mitzugeben. Au\u00dferdem m\u00fcssen sie in der Grundversorgung mehr im Team agieren.<\/p>\n<p><strong>Die \u00c4rztinnen und \u00c4rzte von morgen sollen also lernen, vernetzt zu denken.<br \/>\n<\/strong>Und vernetzt zu arbeiten! Ich habe beispielsweise viel zu Essst\u00f6rungen geforscht: Das hat mit Endokrinologie zu tun, mit dem Metabolismus, mit Psychiatrie. Oder nehmen wir Intoxikationen: Da geht es um Psychopharmakologie, um innere Medizin, aber auch um Psychiatrie. Heute werden diese Patienten oft zwischen den verschiedenen Abteilungen hin und her geschoben. Wenn man nicht eng zusammenarbeitet, kommt man aber oft nicht weiter. Deshalb ist es wichtig, dass sich die involvierten \u00c4rzte kennen lernen, dass sie nicht bloss Berichte schreiben, sondern auch mal telefonieren und sich zusammensetzen. Daf\u00fcr haben wir gerade hier in Freiburg durch die relative Kleinheit gute Voraussetzungen.<\/p>\n<p><strong>Was ist Ihnen p\u00e4dagogisch wichtig?<br \/>\n<\/strong>Wir wollen Formate wie den Unterricht in der Klinik f\u00f6rdern, den Kleingruppen-Unterricht oder die Vernetzung zwischen den medizinischen F\u00e4chern. Zudem wollen wir die Selbst\u00e4ndigkeit der Studierenden st\u00e4rken. Fr\u00fcher wurden diese in Vorlesungen stundenlang berieselt, heute m\u00fcssen wir sie mehr aktivieren. Hinzu kommt die individuelle Begleitung: Jeder Studierende bekommt einen Betreuer, der mit ihm\/ihr schaut, wo er\/sie hin will und was es braucht, um voranzukommen.<\/p>\n<p><strong>Das Medizinstudium und auch der Beruf gelten nach wie vor als Verschleissjob.<br \/>\n<\/strong>Leider. Ich habe ein Buch \u00fcber Resilienz geschrieben und diese Arbeit wird sicher in meine Unterrichtsphilosophie einfliessen.<\/p>\n<p><strong>Resilienz? Da haben Sie ein sehr trendiges Thema gew\u00e4hlt!<br \/>\n<\/strong>Ich weiss. Beziehungsweise: Als ich mit der Forschung dazu anfing, wusste ich noch nicht, dass es einmal so popul\u00e4r werden w\u00fcrde. Aber offenbar bin ich auf Trendthemen abonniert: \u00a0Mein letztes Buch besch\u00e4ftigt sich mit der Darm-Hirn-Achse. Beides sind aber auch wissenschaftliche \u00abhot topics\u00bb. Ginge es nur um das popul\u00e4re Interesse, w\u00e4re es nicht meins.<\/p>\n<p><strong>Wie sind Sie \u00fcberhaupt bei der Psychiatrie gelandet?<br \/>\n<\/strong>Ich habe in Z\u00fcrich, Paris und London studiert und begann danach als Assistenzarzt auf der Inneren Medizin. Dann arbeitete ich an der Medizinischen und Psychiatrischen Polikliniken des Universit\u00e4tsspitals Z\u00fcrich und es ging immer mehr in Richtung Psychiatrie. Nach einigen Jahren hat es mich doch mehr in Richtung Forschung gezogen und Prof. Jules Angst schickte mich in die USA. Dort verstand ich mich aber mit meinem Vorgesetzten schlecht. Schliesslich ging ich zu seinem Vorgesetzten und sagte ihm, ich gehe jetzt langsam heim. Was ich nicht wusste: gerade eben hatte Pr\u00e4sident Bush das Forschungsbudget verdoppelt. Also bot er mir eine Stelle an. Pl\u00f6tzlich forschte ich mit einem der meistzitierten Psychiater der Welt und erhielt einige Stunden pro Woche Privatunterricht. Heute sind Depressionen und Essst\u00f6rungen meine wichtigsten Forschungsfelder.<\/p>\n<p><strong>Eine besondere Form der Depression, das Burn-Out, ist auch unter Medizinern verbreitet.<br \/>\n<\/strong>Und da m\u00fcssen wir unsere Leute besser vorbereiten. Beispielsweise m\u00fcssen wir unseren Studierenden realistischere Erwartungen an sich selbst und an ihren Beruf mitgeben. In der Theorie gibt es f\u00fcr die meisten Probleme eine L\u00f6sung, in der Praxis sieht es ganz anders aus. Da gibt es viele chronische Geschichten, Patienten mit unklaren Symptomen, verwirrendem Krankheitsverlauf oder solche, wo man bloss noch die Symptome lindern kann.<\/p>\n<p><strong>Das erfordert eine gewisse Bescheidenheit.<br \/>\n<\/strong>Wenn drei Patienten ein Spital betreten, bleiben bei zweien die Ursachen der Symptome unklar. Warum genau einer Bauchschmerzen hat und sich beim andern der Sehnenansatz entz\u00fcndet, k\u00f6nnen wir oft nicht sagen. Meist ist schon viel erreicht, wenn wir schlimmere Ursachen ausschliessen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn Sie den Anspruch haben, sagen zu k\u00f6nnen: \u00abDas ist das Symptom, folglich ist das die Krankheit, folglich kann ich sie mit diesem Mittel heilen\u00bb, dann kommen Sie zuverl\u00e4ssig zum Burnout. Vieles in ihrer Arbeit wird unklar bleiben. Sie werden mit Unwissen umgehen m\u00fcssen und auch mit Ohnmacht. Und darauf m\u00fcssen wir die Studierenden vorbereiten.<\/p>\n<p><strong>Sie pl\u00e4dieren also f\u00fcr mehr Realismus.<br \/>\n<\/strong>Ja. Ich sehe das auch in meiner Arbeit mit Leuten mit Gewichtsproblemen wegen Essst\u00f6rungen. Sie k\u00f6nnen den Leuten nicht einfach sagen \u00abGehen Sie schwimmen\u00bb oder \u00abEssen Sie weniger\u00bb. Das kommt alles nicht an. Man muss viel mehr schauen, wo stehen die Leute? Welche Bewegung k\u00f6nnte ihnen Spass machen? Vielleicht ist Schwimmen das grosse Trauma ihrer Kindheit?<\/p>\n<p>Manche essen sehr ungesund, andere k\u00f6nnen nicht kochen, dritte haben keinen geordneten Rhythmus: da k\u00f6nnen Sie nicht sagen \u00abAb morgen essen Sie bitte mediterran\u00bb. Da m\u00fcssen Sie erst schauen: Kann der kochen? Will der kochen? Wie k\u00f6nnte er sein Nahrungsspektrum erweitern? Was k\u00f6nnte ihn motivieren und wo sind die Widerst\u00e4nde gegen eine Ver\u00e4nderung?<\/p>\n<p><strong>Sie wollen Verhaltens\u00e4nderungen nicht befehlen, sondern begleiten.<br \/>\n<\/strong>Medizin ist ja immer eine Verhaltens\u00e4nderung: Machen Sie mehr Bewegung, halten Sie diese Di\u00e4t, nehmen Sie diese Tabletten. Nur sind wir Menschen leider furchtbar undiszipliniert. 50% der Leute nehmen die Tabletten nicht, die man ihnen verschreibt. Obwohl das auf den ersten Blick ja sehr einfach w\u00e4re. Auch das ist eine Realit\u00e4t. Wichtig scheint mir, dass jeder Arzt die Grundprinzipien der Verhaltenstherapie kennt, das heisst von den wissenschaftlich fundierten Methoden, Verhalten nachhaltig zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>Sie wollen also Pragmatikerinnen und Pragmatiker ausbilden, keine Halbg\u00f6tter in Weiss.<br \/>\n<\/strong>Interessanterweise haben die Patienten diesen Anspruch ja gar nicht. Die wollen prim\u00e4r einen Arzt oder eine \u00c4rztin, die sie ernst nimmt.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www3.unifr.ch\/med\/de\/\">Webseite <\/a>der Abteilung Medizin<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gregor Hasler ist unser neuer Professor f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie. Derzeit besch\u00e4ftigt er sich prim\u00e4r mit dem Aufbau des neuen Masterstudiengangs in Humanmedizin. Dieser startet im Herbst. Herr Hasler, was sind die Ideen des neuen Masterstudiengangs in Humanmedizin? Zuerst muss ich sagen, dass ich hier auf einen fahrenden Zug aufspringe, den Professor Bonvin und Professor Rodondi aufgegleist haben. Ihnen geb\u00fchrt die Anerkennung f\u00fcr den neuen Master. Aber ich kann einige Akzente einbringen, das macht die Aufgabe in Freiburg f\u00fcr mich besonders reizvoll. So wollen wir, dass die Studierenden schon fr\u00fch mit der Hausarztmedizin in Kontakt kommen. 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