{"id":6918,"date":"2018-08-20T10:07:27","date_gmt":"2018-08-20T09:07:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=6918"},"modified":"2018-08-23T09:20:01","modified_gmt":"2018-08-23T08:20:01","slug":"das-warten-als-existenzform","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2018\/das-warten-als-existenzform","title":{"rendered":"Das Warten als Existenzform"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Warten: auf den Geliebten. Darauf, dass die grosse Hitze wieder verschwindet. Warten auf die Zukunft. Der Deb\u00fctroman von Sabine Haupt, Professorin f\u00fcr Literaturwissenschaft am Institut f\u00fcr Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft,\u00a0beschreibt das Thema in all seinen allt\u00e4glichen, aber auch existenziellen und kulturgeschichtlichen Erscheinungsweisen.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Umschlag-Sabine-Haupt-final.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-6922 alignleft\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Umschlag-Sabine-Haupt-final-614x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"285\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Umschlag-Sabine-Haupt-final-614x1024.jpg 614w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Umschlag-Sabine-Haupt-final-180x300.jpg 180w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Umschlag-Sabine-Haupt-final-768x1280.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/a>Auszug<br \/>\n<\/strong>\u00abIch solle die Eingangst\u00fcr beim Betreten und Verlassen der Wohnung ganz vorsichtig schlie\u00dfen, hatte Philippe bei meiner Ankunft gesagt. Der Knauf, an dem man die T\u00fcr festhalten k\u00f6nne, sei leider vor Monaten abgebrochen, und wenn die schwere Wohnungst\u00fcr \u2013 in Paris seien die Wohnungst\u00fcren nun mal so schwer wegen der vielen Verriegelungen \u2013\u00a0 zu schnell ins Schloss fiele, bek\u00e4me ich \u00c4rger mit dem Nachbarn. Der n\u00e4mlich sei verr\u00fcckt, so verr\u00fcckt wie viele Menschen hier in Paris: \u00bbEine Form von urbaner Tollwut. Sie bei\u00dfen aus Einsamkeit um sich, weil sie glauben, dass es die anderen eigentlich gar nicht gibt oder gar nicht geben sollte.\u00ab Ich hatte Philippes Erkl\u00e4rung keine Beachtung geschenkt, ich wusste ja, dass er bei solchen Geschichten gern ein wenig \u00fcbertrieb, vom universalen Dichtestress der Metropolen sprach, von territorialen K\u00e4mpfen und enthemmter Anonymit\u00e4t, dabei auch gern Experimente mit Ratten und M\u00e4usen erw\u00e4hnte, vermutlich weil ihm die Sache mit den Menschen immer ein wenig zu fremd, zu kompliziert, ja wissenschaftlich suspekt erschien. Dabei kannte Philippe sich mit Sachen wirklich gut aus, nur diese eine Sache, die mit den Menschen, egal ob Nachbarn, Freunde oder Familie, blieb ihm stets ein R\u00e4tsel. Neurotische Nachbarn seien schlimmer als jede Naturkatastrophe, meinte er und dr\u00fcckte die T\u00fcr vorsichtig zur\u00fcck ins Schloss. Zum Gl\u00fcck werde man das \u00bbR\u00e4tsel Mensch\u00ab aber schon bald in den Griff bekommen, schlie\u00dflich sei der genetische Code seit April vollst\u00e4ndig entschl\u00fcsselt. \u00bbEndlich hat die menschliche DNA ihre Geheimnisse preisgegeben. Schon bald werden wir ganz genau wissen, in welcher A-T-G-C-Kombination der Wahnsinn von Paris eigentlich steckt.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Zusammenfassung<br \/>\n<\/strong>Hitzesommer 2003. Charlotte von Manteuffel, unsere aus Genf gefl\u00fcchtete Protagonistin, verbringt ihn ausgerechnet in einer stickigen Dachwohnung in Paris. Diese hat ihr ein Freund zur Verf\u00fcgung gestellt, damit sie das Manuskript zu einer Kulturgeschichte des Wartens beenden und ihrer Verlegerin, Frau Trinkl-Gahleitner aus Wien, so rasch wie m\u00f6glich zukommen lassen kann. Auf den \u00abSchneewittchenkomplex\u00bb wartet sie \u2013 welche Ironie &#8211; aber vergeblich, denn nicht nur die Hitze, das knappe Wasser und die Stromausf\u00e4lle machen Charlotte zu schaffen. Erinnerungen an die Kindheit, an die Trennung von ihrem emotionalen Erpresser und Partner Adrian, ja gar Erinnerungen aus der Zukunft und leichte Wahn- und Schizophrenie-Symptome hindern sie am Schreiben. Charlotte verliert sich in Gedanken, spinnt F\u00e4den, die teilweise ins Nichts f\u00fchren. \u00abWie soll man da wissen, worauf man tats\u00e4chlich wartet.\u00bb Ihre gr\u00f6sste Ablenkung ist eine Online-Plattform f\u00fcr Sex-Dates, in welcher sie, einer Spinne \u00e4hnlich, ihre M\u00e4nner durch das Aufbauen und Bespielen mehrerer Identit\u00e4ten in ihr Netz lockt. Charlotte von Manteuffel \u2013 ein Mann-Teufel?<\/p>\n<p><strong>Warum dieses Buch lesen?<br \/>\n<\/strong><em>Der blaue Faden. Pariser Dunkelziffern<\/em> ist nicht nur ein Roman \u00fcber das Warten in seinen unterschiedlichen Formen, es ist auch eine Abrechnung mit dem M\u00e4nnlichen. Wer sich weder an den teilweise klischeehaften Rollen von Weiblichkeit und M\u00e4nnlichkeit noch an der fragmentarischen Erz\u00e4hlform und den Gedankenspr\u00fcngen st\u00f6rt, zudem ein Freund des Existenzialismus und des Absurden ist, wird den Deb\u00fctroman von Sabine Haupt lieben.<\/p>\n<h4><strong>Drei Fragen an die Autorin\u00a0<\/strong><\/h4>\n<p><strong>Sabine Haupt, werden Sie nun auch \u00fcber den Hitzesommer 2018 schreiben? Haben Sie noch weitere Projekte auf Lager?<br \/>\n<\/strong>Ja, das ist wirklich ein kurioser Zufall. Doch vielleicht ist es gar kein Zufall, weil solche extremen Sommertemperaturen wie 2003 und 2018 nun immer h\u00e4ufiger auftreten. Mein Roman spielt ja mit dem Genre der Dystopie, d.h. er \u00fcberzeichnet gewisse negative \u00f6kologische und politische Entwicklungen und begegnet diesen mit einer ganz speziellen existenziellen, ebenfalls satirisch \u00fcberzeichneten Haltung: dem Warten. Diesem qu\u00e4lenden Zustand, sich gedulden zu m\u00fcssen, all die Beschr\u00e4nkungen des Lebens auszuhalten zu m\u00fcssen, obwohl man innerlich fast platzt vor Ungeduld und Sehnsucht.<\/p>\n<p>Ich denke, ein zeitgen\u00f6ssischer Roman kann und darf auf verschiedenen Ebenen agieren: Er braucht eine Sprache, einen Stoff, aber auch Gedanken. Reine Sprachspielereien oder reine, platte Handlung langweilen mich. Besonders, wenn ich sie selbst schreibe. Ich brauche immer so etwas wie \u201eWelthaltigkeit\u201c. In meinem n\u00e4chsten Roman, von dem inzwischen gut die H\u00e4lfte geschrieben ist, geht es u.a. um die Beziehung von K\u00f6rper und Geist. Das hat sogar eine ziemlich handfeste theologische Schlagseite.<\/p>\n<p><strong>Bleibt mit dem Schreiben noch Zeit f\u00fcr die Wissenschaft?<br \/>\n<\/strong>Ja, nat\u00fcrlich. Ich halte in diesem Herbst drei Vortr\u00e4ge, in Deutschland und in der Schweiz, ausserdem habe ich gerade einen Sammelband zum Thema \u201eDas Medium Film als Herausforderung f\u00fcr Literatur und Kunst\u201c herausgegeben. Offiziell habe ich ja nur eine 50%-Stelle an der Uni Fribourg. Ausserdem sind meine T\u00f6chter inzwischen erwachsen. Eigentlich hatte ich noch nie so viel Zeit wie jetzt.<\/p>\n<p><strong>\u00c4ndert die Autorinnenperspektive Ihre Art, Literaturwissenschaft zu unterrichten?<br \/>\n<\/strong>Das frage ich mich selbst. Noch habe ich keine wirklich \u00fcberzeugende Antwort gefunden. Manchmal habe ich das Gef\u00fchl, Texte heute besser und genauer zu verstehen, weil ich den schreibenden Menschen dahinter sehe, sie oder ihn mir beim Schreiben und Nachdenken besser vorstellen kann. Kafka zum Beispiel h\u00f6re ich manchmal leise lachen. Es ist ja sowohl ein Bl\u00f6dsinn zu glauben, der Text habe nichts mit dem Autor zu tun, wie auch das Gegenteil, also zu glauben, man k\u00f6nne alles irgendwie biografisch lesen.<\/p>\n<p>Was ich auch beim Schreiben merke, insbesondere beim Konzipieren eines l\u00e4ngeren zusammenh\u00e4ngenden Textes, ist, wie viele wichtige Fragen und Probleme von der Literaturwissenschaft gar nicht oder nur am Rande beachtet werden. Dinge, die literarisch funktionieren oder eben nicht funktionieren und die wahrscheinlich jeder erfahrenen Schriftstellerin, jedem erfahrenen Lektor mehr oder weniger intuitiv vertraut sind, f\u00fcr die sich die mir bekannten Erz\u00e4hltheorien aber gar nicht besonders interessieren. Da gibt es noch so manchen blinden Fleck. Vielleicht sollte ich irgendwann mal eine To-do-Liste zusammenstellen, schliesslich besch\u00e4ftige ich mich ja auch mit literaturtheoretischen Fragen.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Kontakt: <a href=\"mailto:sabine.haupt@unifr.ch\">sabine.haupt@unifr.ch<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.sabinehaupt.ch\">Webseite<\/a> von Sabine Haupt<\/li>\n<li>Lesungen:\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www2.fr.ch\/bcuf\/Dynamic.aspx?c=1318\">Rotonde KUB Freiburg<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/litcafe.ch\/\">Bieler Literaturcaf\u00e9<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/sabinehaupt.ch\/auftritte\/lesungen\/\">Gesamt\u00fcbersicht<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warten: auf den Geliebten. Darauf, dass die grosse Hitze wieder verschwindet. Warten auf die Zukunft. Der Deb\u00fctroman von Sabine Haupt, Professorin f\u00fcr Literaturwissenschaft am Institut f\u00fcr Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft,\u00a0beschreibt das Thema in all seinen allt\u00e4glichen, aber auch existenziellen und kulturgeschichtlichen Erscheinungsweisen. Auszug \u00abIch solle die Eingangst\u00fcr beim Betreten und Verlassen der Wohnung ganz vorsichtig schlie\u00dfen, hatte Philippe bei meiner Ankunft gesagt. Der Knauf, an dem man die T\u00fcr festhalten k\u00f6nne, sei leider vor Monaten abgebrochen, und wenn die schwere Wohnungst\u00fcr \u2013 in Paris seien die Wohnungst\u00fcren nun mal so schwer wegen der vielen Verriegelungen \u2013\u00a0 zu schnell ins Schloss<\/p>\n","protected":false},"author":48,"featured_media":6921,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1016,75],"tags":[1128,290,564,1125],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6918"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/users\/48"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6918"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6918\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6952,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6918\/revisions\/6952"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6921"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6918"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6918"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6918"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}