{"id":6027,"date":"2018-03-20T13:43:41","date_gmt":"2018-03-20T12:43:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=6027"},"modified":"2018-03-21T12:55:21","modified_gmt":"2018-03-21T11:55:21","slug":"chinesische-buchsbaumzuensler-gibt-es-hier-erst-seit-dem-chinesischen-exportwunder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2018\/chinesische-buchsbaumzuensler-gibt-es-hier-erst-seit-dem-chinesischen-exportwunder","title":{"rendered":"\u00abChinesische Buchsbaumz\u00fcnsler gibt es hier erst seit dem chinesischen Exportwunder\u00bb"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Wenige Leute werden so oft zitiert wie der Invasionsbiologe Sven Bacher. Das best\u00e4tigt das \u00abCitation-Ranking\u00bb von clarivate.com, gem\u00e4ss welchem Bacher zum Top-1-Prozent der meistzitierten Biologen weltweit geh\u00f6rt. Ein Gespr\u00e4ch mit einem, der es sich zum Beruf gemacht hat, \u00c4pfel mit Birnen und Tigerm\u00fccken mit Riesenb\u00e4renklau zu vergleichen.<\/strong><\/h4>\n<p><strong>Sven Bacher, zun\u00e4chst einmal herzliche Gratulation. Wie wird man zu einem der meistzitierten Biologen weltweit?<\/strong><br \/>\nNun, mein erfolgreichster Artikel ist ein reiner Statistik-Artikel. Der wird auch in der Medizin, den Sozialwissenschaften, der Wirtschaft und vielen weiteren F\u00e4chern zitiert. Der \u00fcberwiegende Rest meiner Arbeiten stammt allerdings aus meinem eigentlichen Fachgebiet: der Invasionsbiologie. Und es sind eigentlich ausnahmslos Kollaborationen.<\/p>\n<p><strong>Wie muss man sich die Arbeit eines Invasionsbiologen \u00fcberhaupt vorstellen? Gehen Sie auf eine Wiese, stecken sich einen Quadratmeter ab, schauen, was es an Tieren und Pflanzen hat, und \u00fcberlegen sich dann, was da hingeh\u00f6rt und was nicht?<\/strong><br \/>\nDas w\u00e4re eine M\u00f6glichkeit. Meine St\u00e4rken liegen allerdings mehr im konzeptionellen Bereich. Ich arbeite mehr am Computer und \u00fcberlege mir, wie alles zusammenpasst. Wie f\u00fcgen wir die vielen Mosaiksteinchen zu einem grossen Bild? Und welche Mosaiksteinchen brauchen wir \u00fcberhaupt noch, um einen \u00dcberblick zu erhalten?<br \/>\nAm meisten Spass macht mir die Arbeit an Modellen, die beschreiben, was passiert, wenn Arten verschleppt werden.<\/p>\n<p><strong>Sie beschreiben also, was geschieht, wenn jemand Hirsche nach Neuseeland bringt?<\/strong><br \/>\nAuch. Aber die Modelle m\u00fcssen auch f\u00fcr V\u00f6gel funktionieren, f\u00fcr Fische, Milben, Bakterien, Amphibien, Pflanzen oder Pilze. Und das nicht nur in Neuseeland, sondern in \u00d6kosystemen auf der ganzen Welt. Um solche Modelle zu entwickeln und zu testen, braucht es riesige Datenmengen. Darum auch die Kollaborationen: Da kommen verschiedenste Forscher zusammen, jeder bringt seine Datenbank und dann schauen wir, wie alles zusammenpasst.<\/p>\n<p><strong>Und was passiert nun konkret, wenn Arten verschleppt werden?<\/strong><br \/>\nDas erste was wir sehen ist, dass es eine Sequenz von Ereignissen gibt. Es ist nicht so, dass eine Art \u2013 plopp \u2013 auf einmal alles kahl frisst. Die Art wird in einem ersten Schritt ausgew\u00e4hlt und verschleppt durch den Menschen. Am neuen Ort muss sie dann auch wirklich freigelassen werden. Eine M\u00fccke in einem Flugzeug ist noch keine invasive Art. Wenn die verschleppte Art freigesetzt wird, muss sie erst mal \u00fcberleben. Dann muss sie sich erfolgreich reproduzieren; und das nicht nur einmal, sondern mehrfach. Wenn das gelingt, beginnt sich die Art auszubreiten und dann irgendwann merkt man, dass die Art einen Schaden verursacht. Wir haben also eine Sequenz von Ereignissen. Die unterteilen wir und schauen bei jedem Schritt genau hin: welche Arten die n\u00e4chste H\u00fcrde schaffen und welche nicht.<\/p>\n<p><strong>Sie sagten eine Art wird \u00abausgew\u00e4hlt\u00bb. Werden Arten denn bewusst verschleppt?<\/strong><br \/>\nEinige schon. Nehmen wir beispielsweise V\u00f6gel: Sie wurden oft wissentlich umgesiedelt. Vor 150 Jahren galt das als sehr modern, da gab es sogar Vereine, sogenannte \u00abacclimatisation societies\u00bb, die das gezielt gef\u00f6rdert haben. Man hat aus Europa Tiere in die Kolonien mitgebracht, um sie dort auszusetzen. Damit man sich in der Fremde ein bisschen heimisch f\u00fchlen konnte. Umgekehrt hat man auch exotische Tiere aus den Kolonien hierher gebracht, damit\u2019s hier ein bisschen bunter wird.<\/p>\n<p><strong>Wirklich? Nicht als Attraktion, sondern um die W\u00e4lder farbiger zu machen?<\/strong><br \/>\nJa, man wollte die Natur sch\u00f6ner machen. Denken Sie an den Fasan: unsere V\u00f6gel sind ja alle eher grau, der Fasan ist sch\u00f6n bunt. Ausserdem kann man ihn jagen.<br \/>\nSein Aussehen hat den Fasan hierher gebracht, aber das allein half ihm nicht, hier zu \u00fcberleben. Erst wenn eine Art erfolgreich \u00fcberlebt, kommt sie irgendwann an den Punkt, wo sie sich \u00fcberlegen kann, ob sie mal ein Problem machen will. Und um das alles zu beschreiben, haben wir eine Sequenz von Phasen entwickelt, die sich nicht nur f\u00fcr V\u00f6gel eignet, sondern auch f\u00fcr Bakterien, Pflanzen, Fische. Der Artikel wird sehr oft zitiert.<\/p>\n<p><strong>Und was bringt uns dieses Modell?<\/strong><br \/>\nDer n\u00e4chste Schritt wird sein, dass wir Prognosen machen k\u00f6nnen, welche Typen von Arten es schaffen, die Sequenz zu durchlaufen. Dass wir herausfinden, worauf wir achten m\u00fcssen, wenn wir das verhindern wollen. Denn es ist eine Frage der Dimension: es werden so viele Arten verschleppt, dass wir uns unm\u00f6glich um alle k\u00fcmmern k\u00f6nnen.<br \/>\nSeit etwa 1500, also seit der Entdeckung anderer Kontinente, steigt die Zahl der verschleppten Arten rasant an. Pflanzen, Tiere, Bakterien. Und wir sehen, dass s\u00e4mtliche Massnahmen, die wir heute zur Kontrolle ergreifen \u2013 Handelsbeschr\u00e4nkungen, Einfuhrkontrollen \u2013 dass die, nun, sagen wir, dass sie nicht das bringen, was wir gerne h\u00e4tten.<\/p>\n<p><strong>Was kann man denn gegen Verschleppungen \u00fcberhaupt tun?<\/strong><br \/>\nDas h\u00e4ngt stark davon ab, wie die Arten verschleppt wurden. Denken Sie zum Beispiel mal an ihren Garten: All die sch\u00f6nen Blumen, nichts davon ist einheimisch. Das sind alles exotische Arten, die hierher gebracht wurden, damit\u2019s hier etwas farbenfroher aussieht. Sehr viele Pflanzenarten, die uns Probleme bereiten, kommen aus G\u00e4rten. Oder aus botanischen G\u00e4rten. Ein sch\u00f6nes Beispiel ist der Riesenb\u00e4renklau, eine krautige Pflanze mit grossen Bl\u00e4ttern, an denen man sich verbrennen kann, wenn man sie ber\u00fchrt.<br \/>\nDer Riesenb\u00e4renklau wurde zuerst im Royal Botanical Garden in Kew angebaut, von da b\u00fcxte er im 19. Jahrhundert aus. Es gibt ein Lied der Gruppe \u00abGenesis\u00bb namens \u00abThe Return of the Giant Hogweed\u00bb, wo beschrieben wird, wie die Pflanze aus dem botanischen Garten entwischt und sich dann \u00fcberall ausbreitet.<br \/>\nWenn wir etwas gegen die Verschleppung von Pflanzen unternehmen wollen, w\u00e4re es gut, wenn wir unsere Vorstellungen von Gartenbau \u00fcberdenken w\u00fcrden.<\/p>\n<p><strong>Was passiert denn, wenn so eine Gartenpflanze in die Umwelt entwischt?<\/strong><br \/>\nNehmen Sie die W\u00e4lder im Tessin. Eigentlich sind die im Winter grau; die B\u00e4ume werfen das Laub ab. Das Buschwindr\u00f6schen und andere Pflanzen \u00fcberwintern als Knolle im Boden und treiben im Fr\u00fchling wieder aus, wenn das Licht den Waldboden erw\u00e4rmt.<br \/>\nInzwischen ist das aber anders. Heute finden Sie dort im Unterwuchs Lorbeerpflanzen und Palmen. Die sind aus G\u00e4rten entkommen und f\u00fchren dazu, dass die Tessiner W\u00e4lder einen immergr\u00fcnen Unterwuchs haben. Das Buschwindr\u00f6schen und die anderen Pflanzen verschwinden, weil sie den Lichtimpuls nicht mehr erhalten.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/AG_180320_Bacher2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-6034 size-full\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/AG_180320_Bacher2.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"580\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/AG_180320_Bacher2.jpg 900w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/AG_180320_Bacher2-300x193.jpg 300w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/AG_180320_Bacher2-768x495.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Das heisst, man geht jetzt in den Wald und reisst die Palmen aus?<\/strong><br \/>\nDamit w\u00fcrde man am hinteren Ende der Kette ansetzen. Man kann aber auch in die G\u00e4rten gehen und den Leuten sagen, schaut doch bitte, dass Eure Palmen nicht bl\u00fchen. Oder man geht zum Grossh\u00e4ndler und sagt, nimm doch bitte die Palmen aus dem Sortiment. Und da kommen wir Biologen wieder ins Spiel: Wir m\u00fcssen herausfinden, welcher Zugang am effizientesten ist.<\/p>\n<p><strong>Und die Palmen sind ja nicht das einzige Problem, gegen das man etwas tun k\u00f6nnte.<\/strong><br \/>\nRichtig, die einen sagen \u00abda sind diese Palmen in unseren W\u00e4ldern\u00bb, die andern sagen \u00abda ist dieser chinesische Marienk\u00e4fer\u00bb und die dritten sagen \u00abda ist ein Fisch, der uns \u00c4rger macht\u00bb. In der Schweiz gibt es etwa eintausend Arten, die nicht hierher geh\u00f6ren. Wir k\u00f6nnen nicht gegen alle etwas tun, sondern sollten uns auf die schlimmsten konzentrieren. Also m\u00fcssen wir das, was der Marienk\u00e4fer anstellt mit dem vergleichen k\u00f6nnen, was die Palme macht. Damit wir wissen, wo wir zuerst ansetzen sollten \u2013 und wo es nicht so dringend ist.<br \/>\nMit solchen Fragen besch\u00e4ftige ich mich sehr gerne: wie entscheiden wir, ob wir besser beim Fisch aktiv werden oder bei der Palme oder beim K\u00e4fer?<\/p>\n<p><strong>Und? Wie entscheiden wir das?<\/strong><br \/>\nWir haben ein f\u00fcnfstufiges System entwickelt, das anzeigt, wie stark eine einheimische Art unter der fremden Art leidet. So k\u00f6nnen wir vergleichen, welche Art wie sch\u00e4dlich ist. Unser System wurde jetzt auch von jener UNO-Beh\u00f6rde aufgegriffen, die auch die roten Listen der bedrohten Arten definiert.<\/p>\n<p><strong>Und wie sieht es mit den Sch\u00e4den aus, die f\u00fcr den Menschen entstehen?<\/strong><br \/>\nDas war unser letztes Projekt \u2013 und nicht ganz einfach. Denn wir hier in Europa haben nat\u00fcrlich ganz andere M\u00f6glichkeiten, mit Sch\u00e4den umzugehen, als etwa ein Fischer in Uganda. Wenn sein See wegen einer eingeschleppten Wasserpflanze zuw\u00e4chst, muss er schlicht aufgeben. Trotz potentiell schlimmer Folgen ist das Problembewusstsein hier recht gering.<\/p>\n<p><strong>Ich habe k\u00fcrzlich ein Interview mit Ihnen bei <em>universitas<\/em> gelesen. Von den ganzen aufgez\u00e4hlten Arten kannte ich gerade mal die Varroa-Milbe \u2013 und ich habe vergessen, warum die mal ein Thema war.<\/strong><br \/>\nWegen dem Bienensterben. Sehen Sie: ob Sie das wissen oder nicht, es\u00a0 passiert trotzdem. Und wenn die Honigproduktion oder die Best\u00e4ubung von Kulturpflanzen betroffen ist, wird es sehr schnell sehr relevant. Aber Sie haben richtig beobachtet: das Wissen \u00fcber eingeschleppte Arten ist hierzulande wenig ausgepr\u00e4gt. Das sieht beispielsweise in S\u00fcdafrika ganz anders aus. Dort kennt jeder G\u00e4rtner das Problem und die Bev\u00f6lkerung empfindet die gebietsfremden Arten als negativ. Denn einige dieser Arten senken zum Beispiel den Grundwasserspiegel. Und Sie wissen ja, welche Wasserknappheit gerade in Kapstadt herrscht.<\/p>\n<p><strong>Aber in Europa hat die Problematik der eingeschleppten Arten keine Priorit\u00e4t?<\/strong><br \/>\nWas Priorit\u00e4t hat, ist eine gesellschaftliche Entscheidung. Wollen wir uns um invasive Arten k\u00fcmmern oder ist es dringender, die SRG zu bodigen? Als Wissenschaftler k\u00f6nnen wir da in erster Linie beratend zur Seite stehen und aufzeigen, was passiert, wenn man etwas gegen die Folgen der Artenverschleppung tut, was passiert, wenn man nichts tut und wie man vorgehen sollte, wenn man etwas tun m\u00f6chte.<br \/>\nAktuell unterst\u00fctzen wir hier in Freiburg gerade das naturhistorische Museum bei einer Ausstellung. Zurzeit lancieren wir eine Art \u00abPokemon Go\u00bb, bei dem die Leute in der Umgebung des Museums invasive Arten aufsp\u00fcren k\u00f6nnen. Das w\u00e4re ein kleiner Beitrag zur Sensibilisierung. Denn dass eingeschleppte Arten bei uns relativ wenig Probleme machen, muss nicht so bleiben. Es kann sein, dass wir auf einer Zeitbombe sitzen.<\/p>\n<p><strong>Was k\u00f6nnte denn in den n\u00e4chsten zehn Jahren Probleme bereiten?<\/strong><br \/>\nEinerseits gibt es zunehmend mehr neu eingeschleppte Arten, andererseits kommt es aber auch vor, dass eine Art erst nach Jahrzehnten oder nach Jahrhunderten anf\u00e4ngt, Probleme zu bereiten. Nehmen wir wieder den Riesenb\u00e4renklau: Der ist schon seit 150 Jahren in Europa, hat sich aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg schlagartig verbreitet. Damals hat man nicht verstanden, warum. Inzwischen scheint die Ausbreitung auch ohne unser Zutun wieder zur\u00fcckzugehen.<\/p>\n<p><strong>Wenn der Riesenb\u00e4renklau jetzt keine Probleme mehr macht, wird er dann irgendwann heimisch?<\/strong><br \/>\n\u00abHeimisch\u00bb ist eine Definitionssache. Und f\u00fcr mich ist es relativ unwichtig. Viel wichtiger ist, dass wir keine instabilen oder zerst\u00f6rten \u00d6kosysteme haben. Schliesslich wollen wir nicht, dass die Landwirtschaft pl\u00f6tzlich stark schwankende Ertr\u00e4ge einf\u00e4hrt. Oder dass in den alpinen Erosionsgebieten pl\u00f6tzlich Bewegung reinkommt. Oder dass die Flussufer mal halten und mal nicht. Wir wollen \u00d6kosysteme, die wir verstehen und mit denen wir arbeiten k\u00f6nnen. Bei den Debatten um \u00abEinheimisches\u00bb und \u00abFremdes\u00bb schwingen immer auch weltanschauliche Positionen mit.<\/p>\n<p><strong>Was geh\u00f6rt hierher, was geh\u00f6rt nicht hierher?<\/strong><br \/>\nSolche Debatten sind schwierig. Nur schon weil es unm\u00f6glich ist, einen status quo zu definieren, seit wann eine Spezies an einem Ort sein m\u00fcsste, damit sie \u00abdort hingeh\u00f6rt\u00bb. Ohnehin ist die Natur, die den Menschen vorschwebt, wenn sie sagen, \u00abwir wollen die Natur erhalten\u00bb, eine Natur, die hochgradig menschgemacht ist. Die sch\u00f6nen, artenreichen Bergwiesen beispielsweise w\u00fcrden ohne Landwirtschaft komplett verbuschen. Eine andere Frage ist, welche Natur wir uns leisten wollen. Wir k\u00f6nnen in der Schweiz gerade mal 50% der Menschen ern\u00e4hren. Ist das die Nachhaltigkeit, die in der Verfassung steht? Privat habe ich da durchaus eine Meinung, als Wissenschaftler kann ich aber bloss beratend zur Seite stehen. Solche Fragen muss die Gesellschaft entscheiden.<\/p>\n<p><strong>Welche M\u00f6glichkeiten gibt es denn heute zur Bek\u00e4mpfung der Artenverschleppung?<\/strong><br \/>\nDie M\u00f6glichkeiten haben abgenommen: Alle G\u00fcter, die innerhalb Europas unterwegs sind, unterliegen dem Freihandel und werden nicht mehr kontrolliert. G\u00fcter, die von ausserhalb Europas kommen, erreichen uns haupts\u00e4chlich per Schiff oder \u00fcber die Flugh\u00e4fen. Dort gibt es phytosanit\u00e4re Dienste. Die haben eine Liste von etwa 200 unerw\u00fcnschten Arten. Wird eine dieser Arten gefunden, wird die Ladung normalerweise verbrannt. Das Problem sind die Mengen. Kontrolliert werden gerade mal etwa 2 Prozent der Waren. Und bei denen muss man auch noch schauen, wie gr\u00fcndlich die kontrolliert werden \u2013 immerhin sucht man keine Elefanten. Die Frage ist, was alles auf diese Liste drauf soll. Das ist auch nochmal eine Wissenschaft f\u00fcr sich: zu antizipieren, was in Zukunft problematisch sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Und was mal im Land ist, ist kaum mehr wegzukriegen.<\/strong><br \/>\nEs ist auf jeden Fall sehr kostspielig. Vor ein paar Jahren gab es hier in Freiburg einen Ausbruch des Asiatischen Laubbockk\u00e4fers, der B\u00e4ume in der N\u00e4he von Marly befallen hat. Es mussten 700 B\u00e4ume gef\u00e4llt und eine Schutzzone eingerichtet werden. Inzwischen ist das etwa vier Jahre her und hat mehrere Millionen gekostet, aber der K\u00e4fer ist seit dem nicht wieder aufgetaucht. Die Massnahme gilt deshalb als Erfolg, aber Sie sehen, wie aufw\u00e4ndig und teuer das war.<\/p>\n<p><strong>Und alles kann man so auch nicht verhindern.<\/strong><br \/>\nMit vielen Arten werden wir uns anfreunden m\u00fcssen. Mit dem globalen Handel und dem Tourismus werden einfach extrem viele Arten verschleppt werden. Wir sch\u00e4tzen, dass zwischen zwei und 15 Prozent aller Arten weltweit verschleppt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Mit welchen Folgen?<\/strong><br \/>\nWir homogenisieren die \u00d6kosysteme. Am Anfang klingt das vielleicht noch nett, es gibt immer wieder Leute die sagen: fremde Arten steigern die Biodiversit\u00e4t. Das mag lokal sogar stimmen, aber global schadet die Verschleppung der Diversit\u00e4t. Es sind ja immer die gleichen Arten: Die Amseln, die man hier sieht, findet man auch in Sidney oder New York.<br \/>\nOder Tigerm\u00fccken: Weltweit werden Autoreifen verschifft, in denen sammelt sich Regenwasser und darin br\u00fcten die. Oder Ratten, ein grosses Problem auf vielen Inseln. Die leben auf praktisch allen Schiffen und fr\u00fcher oder sp\u00e4ter schaffen sie es irgendwo an Land. Mit teilweise grossen Folgen f\u00fcr die lokale Umwelt.<\/p>\n<p><strong>Die Globalisierung der Arten folgt der Globalisierung des Welthandels.<\/strong><br \/>\nAbsolut. Man sieht, wer mit wem Handel betreibt, wer st\u00e4rker oder weniger stark ins globale Netz eingebunden ist. Chinesische Buchsbaumz\u00fcnsler, Tigerm\u00fccken und Co. gibt es hier erst seit dem chinesischen Exportwunder.<br \/>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Webseite von <a href=\"http:\/\/www.unifr.ch\/biology\/research\/bacher\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sven Bacher<\/a><\/li>\n<li>Das Wissenschaftsmagazin <a href=\"https:\/\/www3.unifr.ch\/universitas\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>universitas<\/em><\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenige Leute werden so oft zitiert wie der Invasionsbiologe Sven Bacher. Das best\u00e4tigt das \u00abCitation-Ranking\u00bb von clarivate.com, gem\u00e4ss welchem Bacher zum Top-1-Prozent der meistzitierten Biologen weltweit geh\u00f6rt. Ein Gespr\u00e4ch mit einem, der es sich zum Beruf gemacht hat, \u00c4pfel mit Birnen und Tigerm\u00fccken mit Riesenb\u00e4renklau zu vergleichen. Sven Bacher, zun\u00e4chst einmal herzliche Gratulation. Wie wird man zu einem der meistzitierten Biologen weltweit? Nun, mein erfolgreichster Artikel ist ein reiner Statistik-Artikel. Der wird auch in der Medizin, den Sozialwissenschaften, der Wirtschaft und vielen weiteren F\u00e4chern zitiert. Der \u00fcberwiegende Rest meiner Arbeiten stammt allerdings aus meinem eigentlichen Fachgebiet: der Invasionsbiologie. Und es<\/p>\n","protected":false},"author":40,"featured_media":6029,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[80,75],"tags":[754,421,1100,663,503],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6027"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/users\/40"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6027"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6027\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6056,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6027\/revisions\/6056"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6029"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6027"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6027"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6027"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}