{"id":5118,"date":"2017-11-02T14:53:54","date_gmt":"2017-11-02T13:53:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=5118"},"modified":"2017-11-22T17:04:59","modified_gmt":"2017-11-22T16:04:59","slug":"akademische-karrieren-sind-nur-begrenzt-planbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2017\/akademische-karrieren-sind-nur-begrenzt-planbar","title":{"rendered":"\u00abAkademische Karrieren sind nur begrenzt planbar\u00bb"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Vor 100 Jahren hat er gelebt, doch auch heute ist sein Werk noch brandaktuell: Max Weber. Prof. Dr. Michael Nollert hat sich intensiv mit seinem 1917 gehaltenen Vortrag \u00abWissenschaft als Beruf\u00bb auseinandergesetzt und erkl\u00e4rt uns im Interview, weshalb Weber auch heute noch eine wichtige Figur f\u00fcr uns ist \u2013 nicht nur in den Lehrb\u00fcchern.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Herr Nollert, was k\u00f6nnen wir heute noch von Max Weber lernen?<br \/>\n<\/strong>In der deutschsprachigen Soziologie geh\u00f6rt der Jurist und National\u00f6konom Max Weber zu den Klassikern, die in jeder Einf\u00fchrungsveranstaltung thematisiert werden. Von Weber k\u00f6nnen wir vorab lernen, dass Individuum und Gesellschaft zusammengeh\u00f6ren. So wie Individuen stets mit sozialen Wirklichkeiten konfrontiert sind, sind letztlich Individuen und deren Organisationen f\u00fcr die kulturelle, politische und \u00f6konomische Wirklichkeit verantwortlich.<\/p>\n<p>Besonders fruchtbar erscheint mir f\u00fcr die aktuelle soziologische Analyse allen voran sein Konzept \u00aboffener\u00bb und \u00abgeschlossener\u00bb Beziehungen (soziale Schliessung), demzufolge Menschen mittels Organisationen die Handlungs- und Erwerbschancen anderen Menschen einschr\u00e4nken und damit \u00f6konomische Ungleichheiten bewirken.<\/p>\n<p><strong>Hat dies auch politische Auswirkungen?<br \/>\n<\/strong>F\u00fcr die Analyse populistischer Tendenzen in der Politik ist insbesondere Webers \u00abcharismatischer Herrschaftstyp\u00bb von Interesse. In der Tat neigen auch heute viele \u00abstarke M\u00e4nner\u00bb dazu, demokratische Entscheidungsprozesse, wissenschaftliche Fakten und generell den universit\u00e4ren Interpretationswettbewerb zu diskreditieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Disziplinen jenseits der Sozialwissenschaften ist folglich vor allem Webers Diagnose aktuell, dass sachliche und kreative Forschung, Lehre und Expertise nur dann m\u00f6glich ist, wenn sie unabh\u00e4ngig von politischen, ideologischen und wirtschaftlichen Interessen erfolgt.<\/p>\n<p>So betonte Weber in seinem Vortrag, der in einem politisch-gesellschaftlich extrem aufgeheizten Klima (Erster Weltkrieg, Russische Revolution) stattfand, dass wissenschaftliche Analyse und \u00abpolitisch-praktische Stellungnahme\u00bb zweierlei ist, wobei f\u00fcr ihn klar war: \u00abPolitik geh\u00f6rt nicht in den H\u00f6rsaal\u00bb. Dieses Pl\u00e4doyer f\u00fcr tagespolitische Abstinenz mag erkl\u00e4ren, weshalb Karl Marx, auch ein Klassiker der Soziologie, bis heute ungleich mehr Resonanz ausserhalb der Akademia findet.<\/p>\n<p><strong>Worin bestehen heute die Hauptherausforderungen einer akademischen Karriere?<br \/>\n<\/strong>Akademische Karrieren sind nur begrenzt planbar oder in Worten Max Webers auch heute noch ein \u00abHasard\u00bb. Inzwischen kennen wir jedoch einige karrierewirksame Faktoren. Selbstverst\u00e4ndlich sind ein kulturell inspirierendes Herkunftsmilieu, \u00fcberdurchschnittliche akademische Abschl\u00fcsse, viele und \u00e4stimierte Publikationen und Forschungsprojekte noch immer g\u00fcnstige Voraussetzungen.<\/p>\n<p>Hinzu kommen muss ein ausgepr\u00e4gtes Selbstbewusstsein, das scharfe Kritik an der eigenen Arbeit, Intrigen, prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse und ablehnende Entscheidungen aushalten l\u00e4sst. Zudem ist soziales Kapital vonn\u00f6ten, das einem hilft, \u00abwichtige\u00bb Figuren in der scientific community kennenzulernen, sich sozial zu profilieren und sog. Zitierkartelle aufzubauen. Auch \u00f6konomisches Kapital ist n\u00fctzlich, wenn es etwa um den Nachweis von Erfahrungen an US-amerikanischen Elitehochschulen geht.<\/p>\n<p>Da eine akademische Karriere ein Engagement verlangt, das in die Wochenenden und Abende hinein reicht, ist es zudem wichtig, die Anspr\u00fcche der Familie und des Wissenschaftsbetriebs zu vereinbaren, was m\u00e4nnlichen Nachwuchskr\u00e4ften &#8211; aus bekannten Gr\u00fcnden \u2013 h\u00e4ufig noch immer besser gelingt als ihren weiblichen Konkurrentinnen.<\/p>\n<p><strong>Was hat Sie dazu motiviert?<br \/>\n<\/strong>Spannende Themen und Begegnungen sowie vieles mehr, was von der Prekarit\u00e4t meiner akademischen Nachwuchsstellen ablenkte.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Michael Nollerts <a href=\"https:\/\/lettres.unifr.ch\/de\/sozialwissenschaften\/soziologie-sozialpolitik-und-sozialarbeit\/team\/michael-nollert.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Webseite <\/a><\/li>\n<li>Mehr Infos zur <a href=\"http:\/\/agenda.unifr.ch\/e\/fr\/2792\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tagung<\/a> \u00ab100 Jahre Max Weber: Wissenschaft als Beruf. Aktuelle Herausforderungen\u00bb<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 100 Jahren hat er gelebt, doch auch heute ist sein Werk noch brandaktuell: Max Weber. Prof. Dr. Michael Nollert hat sich intensiv mit seinem 1917 gehaltenen Vortrag \u00abWissenschaft als Beruf\u00bb auseinandergesetzt und erkl\u00e4rt uns im Interview, weshalb Weber auch heute noch eine wichtige Figur f\u00fcr uns ist \u2013 nicht nur in den Lehrb\u00fcchern. Herr Nollert, was k\u00f6nnen wir heute noch von Max Weber lernen? In der deutschsprachigen Soziologie geh\u00f6rt der Jurist und National\u00f6konom Max Weber zu den Klassikern, die in jeder Einf\u00fchrungsveranstaltung thematisiert werden. Von Weber k\u00f6nnen wir vorab lernen, dass Individuum und Gesellschaft zusammengeh\u00f6ren. 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