{"id":4731,"date":"2017-09-11T14:07:41","date_gmt":"2017-09-11T13:07:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=4731"},"modified":"2017-10-04T13:26:00","modified_gmt":"2017-10-04T12:26:00","slug":"nachstenhiebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2017\/nachstenhiebe","title":{"rendered":"N\u00e4chstenhiebe"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Kecker Blick, schelmisches L\u00e4cheln, wilde Frisur: Sabina Ingold k\u00f6nnte vieles sein. Jazzmusikerin, Modedesignerin, Architektin. Oder eine reformierte Theologin, Boxerin und Doktorandin in katholischer Dogmatik.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Frau Ingold, wie landet man als reformierte Theologin an einem katholischen Lehrstuhl?<\/strong><br \/>\nAngefangen hat es mit dem Theologiestudium in Bern. Dieses war stark aufs Pfarramt ausgerichtet, was ich mir damals als 18-, 19-J\u00e4hrige nicht vorstellen konnte. Mit 20 wechselte ich deshalb nach Freiburg. Hier machte ich mein Studium und entdeckte meine Liebe zur Dogmatik. In diesem Fachbereich schreibe ich nun auch meine Dissertation.<\/p>\n<p><strong>Dogmatik, das ist die Wissenschaft der kirchlichen Lehre?<br \/>\n<\/strong>So ungef\u00e4hr. Ich befasse mich mit dem Verh\u00e4ltnis zwischen Wissen und Glauben. Beispielsweise in der Sch\u00f6pfungstheologie: Wie kann die katholische Kirche Aussagen zur Sch\u00f6pfung machen, ohne sich komplett der Naturwissenschaft unterzuordnen oder in einen einseitigen Kreationismus zu verfallen?<\/p>\n<p><strong>Und das untersuchen Sie als reformierte Theologin?<br \/>\n<\/strong>Ja, f\u00fcr meine Forschung ist diese Aussenperspektive oft ein Vorteil. Umgekehrt wirft die Auseinandersetzung mit der katholischen Theorie auch Fragen f\u00fcr meine reformierte Praxis auf. Das hilft mir, meine eigene Position immer wieder infrage zu stellen und so zu sch\u00e4rfen. Diese konfessionelle Mehrsprachigkeit ist eine Bereicherung \u2013 und gelebte \u00d6kumene.<\/p>\n<p><strong>Dann sind Sie inzwischen also doch noch Pfarrerin geworden?<br \/>\n<\/strong>Ja. W\u00e4hrend des Studiums machte ich Praktika in der Jugendarbeit und entdeckte die Vielfalt des Berufs. Fr\u00fcher dachte ich \u00abder Pfarrer h\u00e4lt Sonntags die Predigt, dann plaudert er noch ein wenig mit den Leuten und damit hat sich\u2018s\u00bb. Aber man hat mit so vielen Leuten in so vielen unterschiedlichen Lebenssituationen zu tun! Seit dem Jahr 2013 arbeite ich deshalb etwa zur H\u00e4lfte als Pfarrerin und zur H\u00e4lfte an der Uni.<\/p>\n<p><strong>Und nebenbei pr\u00fcgeln Sie sich.<br \/>\n<\/strong>Ja, da machen die Leute immer grosse Augen und zwar sowohl in der Kirchgemeinde, wie auch an der Uni. Und die Augen werden noch gr\u00f6sser, wenn ihnen klar wird, dass ich nicht nur um einen Sandsack herumt\u00e4nzle, sondern tats\u00e4chlich Sparring mache. Man sagt sich: die ist nicht allzu gross, sie ist nicht allzu schwer, sie hat ein bisschen was im Kopf \u2013 wie kann sie nur diesen Sport betreiben?<\/p>\n<p><strong>Und: wie kann sie?<\/strong><br \/>\nIch habe schon als Kind gerne gerangelt \u2013 dieses spielerische Kr\u00e4ftemessen hat mir immer enorm Spass gemacht. Vor drei Jahren ging ich dann erstmals ins Judo, wo mir aber schnell klar wurde, dass man mit knapp 30 nicht mehr so gut f\u00e4llt, wie mit 8. Daraufhin machte ich ein Probetraining im Boxen und wusste sofort: das ist es.<\/p>\n<p><strong>Aber ist Boxen nicht eine extrem aggressive Sportart?<br \/>\n<\/strong>Ich habe es nie so empfunden. Boxen ist nicht einfach drauflosschlagen. Es ist anspruchsvoll: konditionell, kr\u00e4ftem\u00e4ssig, aber auch von der Koordination her. Und Boxen ist anstrengend genug, dass ich an nichts anderes mehr denken kann. Es ist ein Weg, den Kopf zu leeren.<\/p>\n<p>Eigentlich ist es ja eine sehr einfache Sportart: wer nicht mehr steht, hat verloren. Zugleich ist es wahnsinnig komplex. Die Technik spielt eine grosse Rolle, aber auch, wie ich beispielsweise mit meinen Aggressionen umgehe oder mit der Angst des Sparringspartners.<\/p>\n<p><strong>Oder mit der eigenen Angst.<br \/>\n<\/strong>Auf die reagierte ich anf\u00e4nglich, indem ich mich total \u00fcbersch\u00e4tzt habe und einfach vorw\u00e4rts gelaufen bin. \u00abIst doch egal, dass der Typ vis-\u00e0-vis zwei K\u00f6pfe gr\u00f6sser und 100 kg schwer ist, den schaffe ich!\u00bb. Dass diese Haltung kontraproduktiv ist, habe ich dann eher schmerzlich gelernt.<\/p>\n<p><strong>Und was denken die Leute in Ihrer Kirchgemeinde \u00fcber das Boxen?<br \/>\n<\/strong>Ich binde es nicht jedem auf die Nase. Und die, die\u2019s wissen, hoffen dass ich irgendwann mal mit einem blauen Auge auf die Kanzel muss. Die w\u00fcrden sich k\u00f6stlich am\u00fcsieren!<\/p>\n<p>Bei vielen anderen Kampfsportarten, wie beispielsweise Karate, kann man sich hinter Begriffen wie \u00abKampfkunst\u00bb verstecken oder behaupten, der Sport sei irgendwie \u00abspirituell\u00bb. Beim Boxen geht das nicht. Da stehen sich einfach zwei Leute gegen\u00fcber und geben sich auf die Nase. Das ist ehrlich, simpel und direkt \u2013 und das gef\u00e4llt mir.<\/p>\n<p><strong>Aber gibt es da nicht ein theologisches Problem? Hat Jesus nicht gesagt: \u00abWenn Dich einer auf die linke Wange schl\u00e4gt, so halte ihm auch die rechte hin!\u00bb<br \/>\n<\/strong>Nun, einerseits geh\u00f6rt das Rangeln und K\u00e4mpfen f\u00fcr mich einfach zum Menschsein dazu. Und andererseits: dieses \u00abdie andere Wange hinhalten\u00bb \u2013 ich finde das nicht besonders menschlich. Oft halten die Leute die andere Wange hin, weil sie konfliktscheu sind. Und das f\u00fchrt dann zu Heuchelei. Boxen ist erfrischend ehrlich und erfrischend direkt. Ja, man r\u00fcckt sich auf die Pelle, ja, man ringt auch mal ziemlich hart miteinander, aber man muss hinterher auch wieder einen Zugang zueinander finden. In Kirchgemeinden hingegen haben Konflikte die Tendenz, niederschwellig zu g\u00e4ren, bis sie irgendwann einmal dann doch explodieren.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie auch ab und zu eine Br\u00fccke schlagen vom Boxen zur Theologie?<br \/>\n<\/strong>Naja, \u00fcbers Boxen gepredigt habe ich bisher noch nicht. Wo ich eine Br\u00fccke schlagen kann, ist bei der Pr\u00e4senz. Man muss bei beidem enorm pr\u00e4sent sein.<\/p>\n<p><strong>Gibt es nicht auch Widerspr\u00fcche zwischen Boxen und Theologie? Im Sport steht der K\u00f6rper im Mittelpunkt, Religionen hingegen haben oft ein schwieriges Verh\u00e4ltnis zum K\u00f6rper, weil sie vor allem den Geist ins Zentrum stellen.<br \/>\n<\/strong>Das ist leider richtig. Was ein positives K\u00f6rperbewusstsein, aber auch das Potential einer gelungenen Geist-K\u00f6rper-Beziehung angeht, hat die Theologie auch heute noch vieles nachzuholen. Beim Boxen wird man sich seines K\u00f6rpers extrem bewusst; seiner Kraft, seiner M\u00f6glichkeiten, aber auch seiner Grenzen. Dabei versucht man nicht den \u00aboptimalen K\u00f6rper\u00bb zu bekommen, sondern das optimale aus seinem K\u00f6rper herauszuholen. Das wiederum, so meine Erfahrung, geht nur dann, wenn der K\u00f6rper nicht nur ein Werkzeug ist, sondern Geist und K\u00f6rper in einer Beziehung stehen und aufeinander abgestimmt sind.<\/p>\n<p><strong>Ihre Dissertation ist inzwischen schon recht weit fortgeschritten. Wie geht es f\u00fcr Sie nun weiter?<br \/>\n<\/strong>Als n\u00e4chstes m\u00f6chte ich mal meine Diss abschliessen und mich dann dem Pfarramt widmen. Dort reizt mich insbesondere eine Weiterbildung f\u00fcr die Arbeit im Spital- und Palliativbereich. Und in der Freizeit werde ich sicher weiterhin boxen. Theologie ist f\u00fcr mich eine Liebe, das Boxen eine Leidenschaft.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kecker Blick, schelmisches L\u00e4cheln, wilde Frisur: Sabina Ingold k\u00f6nnte vieles sein. Jazzmusikerin, Modedesignerin, Architektin. Oder eine reformierte Theologin, Boxerin und Doktorandin in katholischer Dogmatik. Frau Ingold, wie landet man als reformierte Theologin an einem katholischen Lehrstuhl? Angefangen hat es mit dem Theologiestudium in Bern. Dieses war stark aufs Pfarramt ausgerichtet, was ich mir damals als 18-, 19-J\u00e4hrige nicht vorstellen konnte. Mit 20 wechselte ich deshalb nach Freiburg. Hier machte ich mein Studium und entdeckte meine Liebe zur Dogmatik. 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