{"id":4647,"date":"2017-08-24T08:00:21","date_gmt":"2017-08-24T07:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=4647"},"modified":"2017-09-06T09:28:09","modified_gmt":"2017-09-06T08:28:09","slug":"ich-habe-keine-lust-auf-grenzerfahrungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2017\/ich-habe-keine-lust-auf-grenzerfahrungen","title":{"rendered":"\u00abIch habe keine Lust auf Grenzerfahrungen\u00bb"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Dr. Andreas Dorn kommt mit schwarzen Hosen und weissem Hemd zum Interview. Er geht nicht besonders schnell, stramm oder federnd. Nichts an seiner Erscheinung ist auff\u00e4llig. Nichts weist darauf hin, dass er, wenn die Kinder im Bett sind, mal noch rasch zehn oder zwanzig Kilometer laufen geht. Oder in einem Tag 206 Kilometer rennt.<\/strong><\/h4>\n<p><strong>Andreas Dorn, was machen Sie an der Universit\u00e4t Freiburg?<br \/>\n<\/strong>Ich bin Leiter des Bibel- und Orient-Museums. Das ist ein kleines Museum, welches einen arch\u00e4ologischen Zugang zur biblischen Welt schafft. Bei uns sieht man also, was ein Scheffel ist, oder wir k\u00f6nnen anhand von Figuren zeigen, wie sich die nah\u00f6stliche G\u00f6tterwelt in der Antike entwickelt hat. Mein Pensum betr\u00e4gt offiziell 50 Prozent, wobei ich im Sommer deutlich mehr arbeite, damit ich im Winter dann in \u00c4gypten meinen Forschungen nachgehen kann. Ja, und dann habe ich nebenbei noch so ein Hobby \u2026<\/p>\n<p><strong>Genau. Wie hat das mit dem Laufen denn \u00fcberhaupt angefangen?<br \/>\n<\/strong>Angefangen hat es vor zw\u00f6lf Jahren. Ich war am Einkaufen mit meiner Frau und sah ein Plakat: Erster Basel City Marathon. \u00abDa k\u00f6nnte ich eigentlich mal mitmachen\u00ab\u00bb, sagte ich mir und meldete mich an. Ich war nicht unsportlich, ich fuhr immer mit dem Velo zur Arbeit und spielte einmal die Woche etwas Fussball. Bei der Anmeldung am Vorabend des Laufs erhielt ich dann eine Brosch\u00fcre: Wie komme ich in einem Jahr zum Marathon?. Da musste ich schon kurz leer schlucken, ich hatte mich gerade mal drei Monate vorbereitet. Trotzdem habe ich es geschafft und von da an hat es mich reingezogen.<\/p>\n<p><strong>Und irgendwann waren die Marathons zu einfach?<br \/>\n<\/strong>Nach sechs Jahren habe ich mir gesagt \u00abjetzt m\u00f6chte ich mal ein bisschen l\u00e4nger laufen\u00bb. Also habe ich mich f\u00fcr den 100-Kilometer-Lauf von Biel angemeldet. Bei der Vorbereitung habe ich dann zum ersten Mal in ein Buch geschaut und mich informiert, wie man sich richtig auf so etwas vorbereitet. Die ersten 90 Kilometer liefen dann tats\u00e4chlich wie am Schn\u00fcrchen. Erst dann hatte ich so einen Klumpen im Magen, der die letzten 10 Kilometer deutlich schwieriger gemacht hat.<\/p>\n<p><strong>Wie wichtig ist denn die Ern\u00e4hrung?<br \/>\n<\/strong>Ach, das ist ein Riesenthema. Die einen schw\u00f6ren auf dieses, die andern auf jenes. Ich selbst habe am Anfang zum Beispiel keine Orangen gegessen \u2013 viel zu viel S\u00e4ure! Aber irgendwann hatte ich einfach Lust auf diese Orange und wissen Sie was? Sie hat grossartig geschmeckt und mir nicht die geringsten Probleme bereitet. Inzwischen weiss ich, dass ich dieser Lust vertrauen kann. Salat, Vollkornbrot: ich esse alles. Und ob ich mich eine Woche vor dem Rennen vegetarisch ern\u00e4hre oder viel Fleisch esse, spielt auch keine Rolle. Aber ich habe auch das Gl\u00fcck, einen Rossmagen zu haben, der mir w\u00e4hrend dem Rennen alles verdaut, was ich ihm zuf\u00fchre. Um den war ich auch am letzten Wochenende wieder froh.<\/p>\n<p><strong>Da waren Sie wieder an einem Ultramarathon.<br \/>\n<\/strong>Genau. Ein Bergrennen von St. Moritz nach Davos. 130 Kilometer mit 7\u2018000 Metern Auf- und Abstieg. Der erste Teil lief sehr gut. Dann wurde es immer heisser und irgendwann habe ich mir auch noch eine Blase eingefangen. Das ist unangenehm, das ist ein Schmerz, den man nicht haben will. Aber: man gew\u00f6hnt sich irgendwann daran.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher war es mir ja wichtig, schnell zu sein. Schneller als letztes Mal, schneller als der da vorne. Inzwischen ist das Soziale wichtiger geworden. Man fragt jeden, wie\u2019s ihm geht, man l\u00e4uft in der Gruppe. Und mit der Zeit sieht man: Jeder hat da oder dort ein Problem. Ich selbst wollte mit meinem l\u00e4dierten Fuss den Schluss des Rennens eigentlich langsam angehen. Aber dann kamen zwei an mir vorbei und ich sagte mir \u00abeigentlich will ich ja auch nicht mehr so lange unterwegs sein\u00bb. Also habe ich mich denen angeh\u00e4ngt und wir sind die letzten 20 Kilometer (gef\u00fchlt) in einem Affenzahn gelaufen.<\/p>\n<p><strong>Was passiert mit einem, wenn man da stundenlang unterwegs ist? Studieren Sie an aktuellen Forschungsfragen herum?<br \/>\n<\/strong>Nein, das geht h\u00f6chstens in einem langsamen Training. Ich laufe einfach und geniesse. Ab und zu sehe ich ein Tier, ich entdecke neue Landschaften und wenn dann noch die Sonne aufgeht \u2026 das ist wunderbar. Ich komme auch nicht in dieses \u00abRunners High\u00bb, diesen Endorphin-Flash, von dem andere berichten \u2013 und ich denke, das ist ein Vorteil. Ich sp\u00fcre mich sehr gut und setze mein Tempo nach meinem Gef\u00fchl und nicht nach dem Pulsmesser oder nach irgendeinem rigiden Ziel, das ich mir gesetzt habe.<\/p>\n<p>Ich merke, was geht und was nicht und das wichtigste ist: Ich kann meine Grenzen auch akzeptieren. Wenn man das nicht kann, f\u00e4ngt man an, Dummheiten zu machen. Ich habe Leute gesehen, die konnten kaum noch laufen. Leute, die Bandscheibenvorf\u00e4lle hatten, Leute, die vor lauter Schmerzen nicht mehr aufs Siegertreppchen kamen. Ich will wissen, ob ich es ins Ziel schaffe und manchmal gelingt es mir und manchmal gelingt es mir nicht. Aber ich habe keine Lust auf Grenzerfahrungen. Da h\u00f6re ich lieber fr\u00fcher auf.<\/p>\n<p><strong>Gibt es zwischen der Forschung und dem Laufen Parallelen? K\u00f6nnen Sie etwas von den Rennen mitnehmen in Ihren Beruf?<br \/>\n<\/strong>Die gibt es absolut. Auch auf eine neue Fragestellung muss ich mich gut vorbereiten, auch in der Forschung muss ich Krisen durchstehen, muss einen langen Atem haben. Auch dabei war ich fr\u00fcher kompetitiver unterwegs, heute arbeite ich viel lieber mit anderen zusammen. Und ich habe durchs Laufen auch etwas Gelassenheit gelernt. Wenn eine Krise kommt, sage ich mir \u201edas habe ich damals auch f\u00fcr unm\u00f6glich gehalten und habe es schliesslich doch geschafft\u201c.<\/p>\n<p>Aber es gibt noch einen viel direkteren Zusammenhang: In den Zeiten, in denen ich viel gelaufen bin, war ich auch in der Forschung sehr produktiv. Es ist also nicht so, dass ich vor lauter Laufen nicht mehr zum Arbeiten komme. Und f\u00fcr mich ist auch klar: Das Laufen ist ein Hobby, das neben Beruf und Familie Platz haben muss.<\/p>\n<p><strong>Und wie sehen Sie nun Ihre Zukunft? Immer h\u00f6her, schneller, weiter?<br \/>\n<\/strong>Das h\u00e4ngt von meinem K\u00f6rper ab. Fr\u00fcher habe ich viele Stadtmarathons gemacht, inzwischen laufe ich viel lieber in der Natur. Da ist jeder Schritt ein bisschen anders, das ist definitiv besser. Trotzdem ist es nat\u00fcrlich alles andere als gesund, 7000 Meter den Berg hinunterzuspringen und darum habe ich die diesj\u00e4hrige Saison mit dem Rennen vom letzten Wochenende eigentlich auch beendet. Ich bin jetzt 49 und ich m\u00f6chte schon gerne bis 60 weiterlaufen. Und daf\u00fcr muss ich meinem K\u00f6rper auch ein wenig Sorge tragen.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Titelbild: Andreas Dorn (Mitte) nach 130km beim Zieleinlauf.<\/li>\n<li>Website <a href=\"http:\/\/www.bible-orient-museum.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bibel- und Orientmuseum<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. Andreas Dorn kommt mit schwarzen Hosen und weissem Hemd zum Interview. Er geht nicht besonders schnell, stramm oder federnd. Nichts an seiner Erscheinung ist auff\u00e4llig. Nichts weist darauf hin, dass er, wenn die Kinder im Bett sind, mal noch rasch zehn oder zwanzig Kilometer laufen geht. Oder in einem Tag 206 Kilometer rennt. Andreas Dorn, was machen Sie an der Universit\u00e4t Freiburg? Ich bin Leiter des Bibel- und Orient-Museums. Das ist ein kleines Museum, welches einen arch\u00e4ologischen Zugang zur biblischen Welt schafft. 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