{"id":4491,"date":"2017-07-04T14:07:48","date_gmt":"2017-07-04T13:07:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=4491"},"modified":"2017-07-11T16:04:02","modified_gmt":"2017-07-11T15:04:02","slug":"imperiales-unterstatement","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2017\/imperiales-unterstatement","title":{"rendered":"Imperiales Unterstatement"},"content":{"rendered":"<h4><strong>17 Masterstudenten der Zeitgeschichte suchten im Rahmen einer Studienreise in\u00a0\u00abImperial London\u00bb\u00a0die Spuren des ehemaligen britischen Weltreiches. Und entdeckten eine Metropole, die visuell wenig Opulenz zur Schau stellt, daf\u00fcr aber andere Sinne anspricht.<\/strong><\/h4>\n<p>Das britische Empire hat in seiner Hauptstadt tiefe Abdr\u00fccke hinterlassen. Als ehemaliges Zentrum eines der gr\u00f6ssten Weltreiche der Geschichte ist London Standort zahlreicher Gedenkst\u00e4tten, die an Ereignisse und Akteure imperialer Weltgeltung erinnern. Die Objekte und Artefakte, die im \u00f6ffentlichen Raum und in den Museen von der kolonialen Expansion Grossbritanniens, vom globalen Handel und von der wissensgeschichtlichen Eroberung der Erde zeugen, sind in ihrer Vielfalt und Qualit\u00e4t wohl einzigartig. Sie erz\u00e4hlen in ihrer Anzahl aber auch von einem Sammelwahn und sind selbst f\u00fcr Historiker beinahe \u00fcberw\u00e4ltigend. Und doch wird die imperiale Vergangenheit Londons nicht auf des Forschers und Beobachters Auge und erst recht nicht auf jenes des flanierenden Touristen gedr\u00fcckt. St\u00e4dte wie Paris oder Wien sind viel offenkundiger vom Streben nach Grossmacht und der damit verbundenen imposanten Architektur gepr\u00e4gt. Man denke an die Metamorphose von Paris unter Napoleon III., als ganze Stadtteile abgerissen und breite Boulevards gezogen wurden. Solch eine grossfl\u00e4chige Umgestaltung fand in London nicht statt. Der Historiker J\u00fcrgen Osterhammel f\u00fchrt diese \u00abimperiale Abstinenz\u00bbauf private und \u00f6ffentliche Sparsamkeit zur\u00fcck sowie auf die Abneigung einer konstitutionellen Monarchie gegen hohlen absolutistischen Pomp. Ausserdem habe eine einheitliche Stadtverwaltung mit hinreichenden Planungsvollmachten gefehlt.<\/p>\n<p><strong>Der Drache auf der S\u00e4ule<br \/>\n<\/strong>Unter der Leitung von Professor Siegfried Weichlein und mitorganisiert von Linda Ratschiller waren 17 Master-Studenten der Zeitgeschichte aus Freiburg zwischen dem 8. und 11. Mai 2017 vor Ort auf der Suche nach den Spuren von Imperial London. In sechs Vorlesungen bereiteten sie sich auf die Reise vor, diskutierten das alte Imperium, das in der Fr\u00fchen Neuzeit von 1607 bis zum Verlust der nordamerikanischen Kolonien 1783 Bestand hatte und \u2013 auch dank dem Ausbau der Royal Navy zum m\u00e4chtigen aussenpolitischen Instrument \u2013 den Aufstieg zur Weltmacht begr\u00fcndete. Behandelt wurde auch der Fokustransfer vom Atlantik auf den Indischen Ozean im 19. Jahrhundert und die Expansion zum Weltreich. Dieses erreichte 1922 seine gr\u00f6sste Ausdehnung und verf\u00fcgte \u00fcber rund ein Drittel der Landfl\u00e4che der Erde. Thematisiert wurde schliesslich der \u00dcbergang in den Commonwealth und die politische Unabh\u00e4ngigkeit der Dominions und 1947 auch Indiens sowie die darauffolgende Dekolonisation Afrikas als Abgesang auf das Empire. Und schliesslich wurden auch aktuelle Wendungen wie der Brexit und der vom britischen Spr\u00fchregen stets etwas getr\u00fcbte Blick auf Europa und die Union thematisiert.<\/p>\n<p>Die Suche nach \u00dcberresten des Empires beginnt mit einem von zwei Kommilitonen gef\u00fchrten Rundgang entlang des \u00abStrand\u00bb, der Verbindungsstrasse zwischen den Cities of London als Handelszentrum und Westminster als politischem Nukleus. Wie an einer zwei Kilometer langen Schnur liegen da die Sehensw\u00fcrdigkeiten aufgereiht. Zum Auftakt stehen wir unter dem Spitzbogen der 1882 von Queen Victoria er\u00f6ffneten Royal Courts of Justice, die im historistischen Stil der nach er K\u00f6nigin benannten viktorianischen Gotik erbaut wurden. Hier wurde das Common Law gesprochen, das sich nicht auf kontinentales Zivilrecht abst\u00fctzt, sondern durch richterliche Auslegung weiterentwickelt wird. Offenkundigste Erinnerungsst\u00e4tten im Strassenbild sind Statuen. Be\u00e4ugt vom Drachen auf der S\u00e4ule des Temple Bar Memorial, das die Westgrenze der City und den \u00dcbergang der Fleet Street in den \u00abStrand\u00bb markiert, begaben wir uns zur Statue von Samuel Johnson. Dieser definierte 1755 den englischen Wortschatz und legte damit die Grundlage f\u00fcr eine Weltsprache. Nicht weit davon entfernt steht der bedeutende liberale Premierminister William Gladstone (1809-1898), der die Home Rule f\u00fcr Irland verteidigte und trotz Besetzung \u00c4gyptens und des Sudan als \u00abAnti-Imperialist\u00bb\u00a0gilt. Seinen konservativen Gegenspieler Benjamin Disraeli treffen wir sp\u00e4ter an diesem Tag \u2013 vor dem Palast von Westminster. Ein kontrovers diskutiertes Denkmal entdecken wir gleich neben Gladstone: Die Statue von Arthur \u00abBomber\u00bb\u00a0Harris, der das Bomberkommando der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg leitete, die fl\u00e4chigen Zerst\u00f6rungen deutscher St\u00e4dte aus der Luft anordnete und auch Dresden verw\u00fcstete. Nicht gerade ohrenbet\u00e4ubend, aber doch recht hoch ist der L\u00e4rmpegel in dieser zentralen Lage der Stadt, so dass es zuweilen schwierig wird, die Referenten zu verstehen. In der City of London und dar\u00fcber hinaus wird, harter Brexit hin oder her, eifrig gebaut und renoviert. Von der britischen Verbindung mit den Dominions und den Kronkolonien erz\u00e4hlen etwa das \u00abAustralia House\u00bb\u00a0 oder das \u00abIndia House\u00bb\u00a0in Aldwych.<\/p>\n<p><strong>Tee, Seide, Opium<br \/>\n<\/strong>Zwei Nachmittage lang f\u00fchrt uns die professionelle Touristenf\u00fchrerin Jacqueline Stater durch ihre Heimatstadt. Sie \u00f6ffnet uns die Augen f\u00fcr Sch\u00e4tze aus dem Imperium und dessen Protagonisten. Von Robert Clive (1725-1774), dem Eroberer Bengalens in Diensten der East India Company, der den Handel mit Tee, Seide und Opium monopolisierte und den daraus resultierenden Reichtum in Adelspal\u00e4sten und Landh\u00e4usern in der Heimat verbaute, \u00fcber Horatio Nelson, der am 21. Oktober 1805 die Schlacht von Trafalgar f\u00fcr die Briten entschied, bis zu Queen Victoria, die vor Buckingham Palace auf ihrem Memorial thront. Der organisierte Teil des ersten Tages ist damit beendet. Doch die Monarchie und das Imperium lassen uns in den sp\u00e4teren Stunden nicht ganz los, wenn auch in etwas informellerem Rahmen. Sei es beim Essen in einem indischen Restaurant in der Gegend um den Piccadilly Circus, bei gezapften Pints aus der Brixton Brewery im an unser Hotel grenzenden Pub \u00abPrince Of Wales\u00bb\u00a0in Brixton, bis dort schliesslich allzu fr\u00fch die \u00abLast Order\u00bb\u00a0ausgerufen wird.<\/p>\n<p>Den zweiten Tag leiten wir mit einer Seminareinheit im Deutschen Historischen Institut am Bloomsbury Square ein. Wir diskutieren die Royal Navy, die Navigation auf den Weiten der Ozeane, die Immigration aus den West Indies und Bangladesch sowie, damit zusammenh\u00e4ngend, das Essen in \u00abImperial London\u00bb. Am Nachmittag macht uns der Tourist Guide in Canary Wharf die Handels- und Finanzpolitik und sp\u00e4ter in Greenwich die Stellung Londons als Wissensapparat deutlich, etwa durch die Festlegung des Nullmeridians und der Greenwich Mean Time.<\/p>\n<p><strong>Entf\u00fchrt? Gerettet? Das Schicksal von Ramses II<br \/>\n<\/strong>Das Wissen steht auch am dritten Tag inmitten des Sammelsuriums von Artefakten und Objekten aus den Kolonien im British Museum im Mittelpunkt. Im Fokus steht die Statue Ramses II, die von Giovanni Battista Belzoni (1870-1920) aus Theben abtransportiert wurde. Handelt es sich dabei um Grabr\u00e4uberei oder wurden durch das Sammeln im britischen Empire Kunst- und Kultursch\u00e4tze vor dem Untergang bewahrt? An dieser Frage im Spannungsfeld des Wissens- und des Eigentumsbegriffes entz\u00fcndet sich eine flammende Diskussion. Der Nachmittag endet mit einer Visite der Bank of England, wo Grossbritannien als W\u00e4hrungsimperium verst\u00e4ndlich wird. Der Goldstandard von 1816 bis 1931 verlieh dank der Deckung des britischen Pfunds durch Goldreserven \u00f6konomische Stabilit\u00e4t. Zudem \u00fcbte das Empire seinen Einfluss auch in Teilen S\u00fcdamerikas aus, wo das Pfund Handelsw\u00e4hrung war.<\/p>\n<p>Der Tag verhallt mit dem St\u00fcck \u00abNell Gwynn\u00bb\u00a0von Jessica Swale in Shakespeares Globe Theatre. Erz\u00e4hlt wird die Lebensgeschichte der Schauspielerin Gwynn, die in den 1660er- und 1670er-Jahren die M\u00e4tresse von K\u00f6nig Charles II war. Weil sie wenig von Standesunterschieden hielt, war sie beim Volk sehr beliebt. Klassenunterschiede gibt es auch im heutigen, rekonstruierten Globe Theatre kaum, zumindest nicht auf den g\u00fcnstigeren Pl\u00e4tzen im Yard. Bei Bier und Chips wird geklatscht, gejohlt und Freud und Leid mit den B\u00fchnenfiguren geteilt. Diese beziehen das Publikum gleich mit in die Handlung ein. Es ist ein sehr gelungener, heiterer Abschluss des Tages.<\/p>\n<p><strong>William Turner und Cartoons<br \/>\n<\/strong>Der vierte Tag steht im Zeichen von \u00abthe Empire and the Arts\u00bb. Und wo k\u00f6nnte dieses Thema besser eingeleitet werden als in der Tate Britain in London? Nach der Betrachtung einiger Gem\u00e4lde von J.M.W. Turner (1775-1851) besch\u00e4ftigt uns die Kunst auch w\u00e4hrend der Seminareinheit. Durch einige Fallbeispiele entdeckt die Gruppe das britische Empire auch in der Malerei. In verschiedenen Abbildungen wird das Zusammenspiel von Imperialismus und Anti-Imperialismus deutlich. W\u00e4hrend dem Betrachter im Cartoon \u00abAnimals of the Empire\u00bb\u00a0zum Beispiel die Faszination f\u00fcr das Fremde und Exotische vermittelt wird, parodiert die Karikatur \u00abThe Rhodes Colossus\u00bb\u00a0von Edward Linley Sambourne das Grossprojekt des Kap-Kairo-Plans und den damit verbundenen Gr\u00f6ssenwahn der Imperialisten, in diesem Fall von Cecil John Rhodes.<\/p>\n<p>Ist London nun eine \u00abImperial City\u00bb? Und wo findet man das Empire heute in London? Diese Frage stellen wir in der letzten Seminareinheit auch dem deutschen Historiker Dominik Geppert, der mit einer Arbeit \u00fcber die Entstehung des Thatcherismus in Grossbritannien promoviert hat. Seiner Meinung nach wird das Empire vor allem in Museen bewusst thematisiert, da es sich f\u00fcr Engl\u00e4nder noch immer um ein schwieriges Thema handelt und eine Positionierung vielen Briten schwer f\u00e4llt. Im \u00f6ffentlichen Raum Londons sei das Empire auch aufgrund der Diversit\u00e4t der Menschen sichtbar. Siegfried Weichlein f\u00fcgt dieser Anmerkung hinzu, dass die Einwanderer aus den Kolonien einen Segen \u00fcber die britische K\u00fcche bringen konnten. Bei einem gemeinsamen Essen in einem Restaurant aus dem Punjab lassen wir uns zum Abschluss der Reise gerne davon \u00fcberzeugen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17 Masterstudenten der Zeitgeschichte suchten im Rahmen einer Studienreise in\u00a0\u00abImperial London\u00bb\u00a0die Spuren des ehemaligen britischen Weltreiches. Und entdeckten eine Metropole, die visuell wenig Opulenz zur Schau stellt, daf\u00fcr aber andere Sinne anspricht. Das britische Empire hat in seiner Hauptstadt tiefe Abdr\u00fccke hinterlassen. Als ehemaliges Zentrum eines der gr\u00f6ssten Weltreiche der Geschichte ist London Standort zahlreicher Gedenkst\u00e4tten, die an Ereignisse und Akteure imperialer Weltgeltung erinnern. Die Objekte und Artefakte, die im \u00f6ffentlichen Raum und in den Museen von der kolonialen Expansion Grossbritanniens, vom globalen Handel und von der wissensgeschichtlichen Eroberung der Erde zeugen, sind in ihrer Vielfalt und Qualit\u00e4t wohl einzigartig.<\/p>\n","protected":false},"author":43,"featured_media":4464,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[89,1,75],"tags":[340,260],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4491"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/users\/43"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4491"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4491\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4492,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4491\/revisions\/4492"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4464"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4491"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4491"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4491"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}