{"id":3975,"date":"2017-04-11T09:17:01","date_gmt":"2017-04-11T08:17:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges\/?p=3975"},"modified":"2017-05-11T14:33:31","modified_gmt":"2017-05-11T13:33:31","slug":"zeit-ist-glueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2017\/zeit-ist-glueck","title":{"rendered":"Zeit ist Gl\u00fcck"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Beat Henzirohs leitet den Personaldienst der Universit\u00e4t Freiburg. Nach f\u00fcnf Jahren im Dienst der Uni entschied er sich f\u00fcr eine Auszeit. Und verbrachte drei Monate in einem Waisenhaus in Mangetti Dune, abseits der Welt im namibischen Nirgendwo.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Vom Personaldienst ins Waisenhaus: Was bewog Sie dazu, nach Mangetti Dune zu gehen?<\/strong><br \/>\nIch hatte Lust auf eine hundertprozentige Auszeit, hatte gerade einen runden Geburtstag gefeiert und dann kam einfach der richtige Moment. Mein Team funktionierte mit etwas Vorbereitung auch ohne mich und ich wollte etwas Neues erleben, weg von allen Verpflichtungen. Da war Mangetti Dune perfekt!<\/p>\n<p><strong>Wie muss man sich dieses Dorf denn vorstellen?<\/strong><br \/>\nMangetti Dune ist die Antithese zu dem, was wir hier haben. Die Leute haben nichts. Es gibt keinen Handyempfang, keine Hektik, keinen modernen Takt. Offiziell hat Mangetti etwa 300 Einwohner, tats\u00e4chlich sind es aber viel mehr, weil es da eine Schule gibt, sowie das zentrale Spital f\u00fcrs ganze Buschmannland. F\u00fcr Landwirtschaft ist die Gegend viel zu trocken. Die Leute, die Arbeit haben, betreiben kleine Gesch\u00e4fte, sind Polizisten, Krankenpfleger oder Lehrer. Und ein paar arbeiten auch im \u201eCasa Angelo\u201c, dem Waisenhaus, in dem ich drei Monate gelebt habe.<\/p>\n<p><strong>Im \u201eCasa Angelo\u201c haben Sie ein kleines Zimmerchen mit Blechdach bezogen. War das kein Schock?<\/strong><br \/>\nBei fr\u00fcheren Volunteerings in Namibia war ich einmal in Mangetti Dune vorbeigekommen, daher wusste ich ungef\u00e4hr, was mich erwartet. Ich wusste, wie das Leben dort ist, und genau das wollte ich ja auch! Ich wollte da hin, weg von Handys und E-Mails und Newsflashs. Ich habe diese Welt gesucht. Als ich dort ankam, war ich nur gl\u00fccklich und dachte mir: \u201eWow, ich darf das jetzt erleben!\u201c<\/p>\n<p><strong>Und was haben Sie dann in Mangetti tats\u00e4chlich gemacht?<\/strong><br \/>\nMeine Tage begannen normalerweise etwa um 6 oder 7 Uhr fr\u00fch, wenn die Kinder an meine T\u00fcr trommelten: \u201eBeat! Beat! We need this, we need that!\u201c. Am Morgen gab ich meistens Nachhilfe in der Schule. Das war eindr\u00fccklich, weil das Niveau einfach unglaublich tief ist. Und dann habe ich auch viel mit den Kindern gespielt. Mikado, Volleyball, Fussball. Ich bin aber auch oft mit ihnen spazieren gegangen und habe ganz einfach Zeit mit ihnen und den Menschen in Mangetti verbracht.<\/p>\n<p>Eine meiner Aufgaben war das Verteilen von Medikamenten oder das Verarzten kleinerer Wunden. In einem Waisenhaus mit 20 Kindern ist ja st\u00e4ndig jemand krank und manche mussten leider auch Medikamente gegen HIV oder Tuberkulose nehmen. Fast noch wichtiger war aber meine Funktion als Wasserreservoir. Ich habe 5-Liter-Flaschen gesammelt, das Wasser aufbewahrt und es wieder verteilt, wenn wir keines mehr hatten. Und in den Augen der Kinder war mein vermutlich wichtigster Job jener als Ausgabestelle f\u00fcr S\u00fcssigkeiten und Spielzeug.<\/p>\n<p>Daneben habe ich auch sporadisch in der Spitalverwaltung ausgeholfen. Die Software dort wurde vermutlich vor langer Zeit mit einer Diskette installiert &#8230; . Internetverbindung f\u00fcr Updates gibt\u2018s ja nicht. Immer wieder sind wir auch nach Grootfontein gefahren, um Essen zu holen und einzukaufen. Und nebenbei hatte ich auch viel Zeit um Sport zu treiben, zu lesen und zu schreiben. Letztlich glich kein Tag dem andern &#8211; es war eine fantastische Zeit!<\/p>\n<div id=\"new-royalslider-34\" class=\"royalSlider new-royalslider-34 rsUni rs-default-template\" style=\"width:100%;height:400px;;\" data-rs-options='{&quot;template&quot;:&quot;default&quot;,&quot;image_generation&quot;:{&quot;imageWidth&quot;:&quot;&quot;,&quot;imageHeight&quot;:&quot;&quot;,&quot;thumbImageWidth&quot;:&quot;&quot;,&quot;thumbImageHeight&quot;:&quot;&quot;},&quot;thumbs&quot;:{&quot;thumbWidth&quot;:96,&quot;thumbHeight&quot;:72},&quot;video&quot;:[],&quot;width&quot;:&quot;100%&quot;,&quot;height&quot;:&quot;400px&quot;}'>\n<div class=\"rsContent\">\n  <img class=\"rsImg\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/mangetti-2.jpg\" alt=\"mangetti 2\"\/>\n  \n  \n  \n<\/div>\n<div class=\"rsContent\">\n  <img class=\"rsImg\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/mangetti.jpg\" alt=\"mangetti\"\/>\n  \n  \n  \n<\/div>\n<div class=\"rsContent\">\n  <img class=\"rsImg\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/mangetti-3.jpg\" alt=\"mangetti 3\"\/>\n  \n  \n  \n<\/div>\n\n<\/div>\n\n<p><strong>Namibia ist ein eher trockener Ort. Wie stand es denn um die Wasserversorgung?<br \/>\n<\/strong>Oh, \u00fcber Wasser k\u00f6nnte ich sprechen, bis Ihnen langweilig wird! Es musste aus bis zu 230 Metern hochgepumpt werden und ist eigentlich sehr gut. Aber mal war die Pumpe defekt, mal lief der Generator nicht. Der Wasserhahn war deshalb ein heiliger Ort, wenn Wasser floss, ging man da hin. Floss keines, ging man eben zu einem weiter entfernten Hahn. Das Wasserschleppen war eine der wichtigsten T\u00e4tigkeiten \u00fcberhaupt. Man braucht ja f\u00fcr alles Wasser! Zum Kochen, zum Trinken, zum Waschen, Duschen, Rasieren &#8230; . An den besten Tagen kam w\u00e4hrend vielleicht f\u00fcnf oder sechs Stunden Wasser. Im schlimmsten Fall kam aber auch mal zwei Tage gar keines. Das war sehr schwierig und mit der Zeit hatte ich dann irgendwann schon auch Angst.<\/p>\n<p><strong>An Wasser herrscht Mangel, Zeit daf\u00fcr gibt es sozusagen \u00e0 discretion.<\/strong><br \/>\nEine meiner sch\u00f6nsten Erinnerungen: einfach Zeit zu haben. Und diese gemeinsam zu teilen. Ohne Ablenkung, ohne dass immer einer nebenher auf sein Handy starrt. Die Leute haben auch kein Zeitverst\u00e4ndnis in unserem Sinn. Was ist 15 Uhr? 15 Uhr, das ist so (<em>zeigt den Sonnenstand<\/em>).<\/p>\n<p>Ebenfalls im \u00dcberfluss vorhanden ist die Stille. Bei uns kommt ja st\u00e4ndig von irgendwoher ein Ger\u00e4usch. In Mangetti herrscht die absolute Ruhe \u2013 besonders in der Nacht. Kein Handy, kein Mail, kein Telefon. Keine Autos, keine Flugzeuge. Eine tief gehende Erfahrung. Und wenn\u2019s doch Ger\u00e4usche gab, waren es menschliche Ger\u00e4usche, keine Maschinen \u2013 ausser vielleicht die Generatoren.<\/p>\n<p><strong>Sprechen wir von \u201ethe doctor\u201c, einer der wichtigsten Personen im Dorf.<br \/>\n<\/strong>Melitta Bosshart, ja. Sie ist Anfang der 1990er-Jahre mit der UNO ins Land gekommen und dann geblieben. Jetzt leitet sie die Buschkliniken im gesamten Buschmannland, einem Gebiet halb so gross wie die Schweiz. Die Leute in Mangetti verdanken ihr enorm viel, aber ich hoffe, sie liest das nicht \u2013 ihre Bescheidenheit ist legend\u00e4r.<\/p>\n<p>Das Waisenhaus, in dem ich drei Monate mitgeholfen habe, ist ein Nebenprojekt von Melitta Bosshart (die \u00fcbrigens die Schwester des emeritierten Freiburger Professors Louis Bosshart ist). Das \u201eCasa Angelo\u201c k\u00fcmmert sich um Kinder, deren Eltern schwer krank oder an AIDS oder Tuberkulose gestorben sind, aber auch um Kinder, die einfach irgendwo ausgesetzt worden sind.<\/p>\n<p><strong>Das klingt nach schwierigen Schicksalen.<\/strong><br \/>\nDie Kinder haben es wirklich nicht leicht. Mir fiel erst nach einigen Wochen auf: Es kommt ja gar nie jemand vorbei. Keine Tante, kein Cousin, der schauen w\u00fcrde, wie es der kleinen Sofia so geht, oder Luca oder Bossie. Darum werden die Kinder f\u00fcr sich gegenseitig zur Familie. Die Lebensbedingungen in Mangetti sind f\u00fcr niemanden einfach und die Leute werden darum auch nicht alt. Als ich sagte, dass ich 41 bin, sagten sie: \u201eWas? Du solltest schon l\u00e4ngst tot sein!\u201c<\/p>\n<p><strong>Was \u00fcberwog: Sch\u00f6nes oder Schwieriges?<\/strong><br \/>\nSch\u00f6nes! Kurz vor Weihnachten etwa sind Melitta Bosshart und ich mit den Kindern nach Grootfontein gefahren. Nur schon der \u00dcbergang vom Schotter auf die Asphaltstrasse war f\u00fcr die Kinder ein Ereignis! Die meisten Kinder hockten hinten im Auto, nur Absalom sass zwischen mir und Melitta Bosshart. Der ist normalerweise ein Plappermaul, aber auf der Fahrt war er ganz still. Ich sagte \u201eyou\u2019re so quiet\u201c, da antwortete er: \u201eBeat, I\u2019m so happy!\u201c. Es war wundervoll, diesen Moment mit ihm teilen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In der Stadt \u2013 ein eher w\u00fcstes Einkaufsnest \u2013 angekommen, war die ganze Bande dann v\u00f6llig \u00fcberw\u00e4ltigt. Normalerweise sind sie ziemlich wild, aber im Trubel der Stadt wurden sie zu L\u00e4mmchen. Sie waren enorm gl\u00fccklich, einmal im Jahr etwas Besonderes zu erleben.<\/p>\n<p><strong>Wie blicken Sie jetzt auf Ihren Einsatz zur\u00fcck? Konnten Sie etwas f\u00fcr die Kinder erreichen?<br \/>\n<\/strong>Ich ging nicht mit dem Anspruch, die Welt zu ver\u00e4ndern. Ich wusste, was ich schenken kann, ist vor allem Zeit. Wenn ich dar\u00fcber hinaus ein paar Spuren hinterlassen kann: sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Manchmal konnte ich f\u00fcr jemanden da sein, der gerade etwas brauchte. Daf\u00fcr bin ich gegangen. Ich weiss: das ist weniger als ein Tropfen auf den heissen Stein. Bei Melitta Bosshart ist es anders, sie setzt sich mit ihrem Leben und ihren F\u00e4higkeiten f\u00fcr diese Leute ein und das hilft definitiv. Immer wieder gelingt es ihr, Kinder an h\u00f6here Schulen zu bringen.<\/p>\n<p>Aber bei so einem Kurzeinsatz darf man sich keine Illusionen machen. Von fr\u00fcheren Volont\u00e4ren hingen noch Tafeln mit Regeln herum \u2013 dabei k\u00f6nnen die Kinder nicht mal lesen! Dieses \u201eihr m\u00fcsst nur diszipliniert sein\u201c, \u201eman muss euch nur Anreize geben\u201c \u2013 das funktioniert nicht. Mein ganze einfache Mission war: Ich bin da.<\/p>\n<p><strong>Und was konnten Sie aus diesem Einsatz mit nach Hause nehmen?<\/strong><br \/>\nVielleicht hatte ich \u201ethe time of my life\u201c. Und ich verdanke Mangetti Dune eine grosse Portion Gelassenheit. Der Aufenthalt dort hat mich ausbalanciert. Und auf h\u00f6chst intensive Weise habe ich gelernt, wie wichtig es ist, zusammen zu sein und gemeinsam Zeit zu haben. Das nehme ich mit, den Wert der Zeit. Und die Freude am eigenen Leben. Die Kinder haben ja nichts. Sie haben keine Familie und nicht mal die Kleider, die sie tragen, geh\u00f6ren ihnen. Trotzdem gehen sie herum und sind stolz darauf, wer sie sind und neugierig auf alle anderen.<\/p>\n<p><strong>Was wenn es Ihnen nun jemand gleichtun und ebenfalls eine Auszeit nehmen m\u00f6chte?<\/strong><br \/>\nKeine Sekunde w\u00fcrde ich z\u00f6gern und die Person so gut ich kann unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>Und wenn sich jemand f\u00fcr Mangetti Dune interessiert?<\/strong><br \/>\nSoll er oder sie zu mir kommen. Ich bin jetzt offizieller Botschafter von Mangetti Dune (<em>lacht<\/em>).<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beat Henzirohs leitet den Personaldienst der Universit\u00e4t Freiburg. Nach f\u00fcnf Jahren im Dienst der Uni entschied er sich f\u00fcr eine Auszeit. Und verbrachte drei Monate in einem Waisenhaus in Mangetti Dune, abseits der Welt im namibischen Nirgendwo. Vom Personaldienst ins Waisenhaus: Was bewog Sie dazu, nach Mangetti Dune zu gehen? Ich hatte Lust auf eine hundertprozentige Auszeit, hatte gerade einen runden Geburtstag gefeiert und dann kam einfach der richtige Moment. Mein Team funktionierte mit etwas Vorbereitung auch ohne mich und ich wollte etwas Neues erleben, weg von allen Verpflichtungen. Da war Mangetti Dune perfekt! 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