{"id":3419,"date":"2016-11-17T15:35:58","date_gmt":"2016-11-17T14:35:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges\/?p=3419"},"modified":"2016-12-01T13:58:23","modified_gmt":"2016-12-01T12:58:23","slug":"gleichstellung-am-arbeitsplatz-eine-utopie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2016\/gleichstellung-am-arbeitsplatz-eine-utopie","title":{"rendered":"Gleichstellung am Arbeitsplatz \u2013 eine Utopie?"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Frauen sind am Arbeitsplatz oft schlechter gestellt. Schuld daran sind hartn\u00e4ckige Rollenbilder. Im Experteninterview erl\u00e4utern in den ersten drei Fragen Dr. Lucia Lanfranconi und anschliessend Prof. Alexandra Jungo die Hindernisse und Chancen der heutigen Gleichstellungspolitik.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Dr. Lucia Lanfranconi, seit fast 20 Jahren ist das Schweizerische Gleichstellungsgesetz in Kraft, dennoch ist das gesetzte Ziel der Gleichstellung noch lange nicht erreicht. Warum sind geschlechtsspezifische Ungleichheiten im Erwerbsleben so hartn\u00e4ckig?<br \/>\n<\/strong>Da gibt es verschiedene Ursachen und Hintergr\u00fcnde. Im Unterschied zu anderen L\u00e4ndern sind im schweizerischen Gleichstellungsgesetz nur ungen\u00fcgende Durchsetzungsmechanismen enthalten \u2013 es hat eher einen Zielcharakter. In meiner Dissertation habe ich Gleichstellungsmassnahmen untersucht und festgestellt, dass man in der Schweiz bisher einen stark freiwilligen Weg gegangen ist. Beispielsweise k\u00f6nnen Betriebe ihre Lohngleichheit freiwillig \u00fcberpr\u00fcfen. Unverbindliche Gleichstellungsprojekte richten sich allgemein prim\u00e4r an die Arbeitgebenden, die sich an den Programmen beteiligen sollen. Leider f\u00e4llt die Beteiligung der Unternehmen sehr gering aus und im Interesse der Arbeitgebenden eingef\u00fchrte Massnahmen zielen auch nicht immer auf die Geschlechtergleichstellung. Diese Gleichstellungspolitik ist nur beschr\u00e4nkt wirksam.<\/p>\n<p><strong>Die Wirtschaft fordert, dass Frauen wieder mehr Kinder geb\u00e4ren, weil die Gesellschaft altert. Gleichzeitig begegnen M\u00fctter am Arbeitsplatz diversen Hindernissen. Wie erkl\u00e4rt sich dieser Widerspruch?<br \/>\n<\/strong>Geschlechterrollen und Rollenstereotype sind im Alltag tief verwurzelt und werden laufend reproduziert. In der Gesellschaft existieren immer noch Vorstellungen, wie das M\u00e4nner geeigneter seien f\u00fcr F\u00fchrungspositionen oder dass eine Mutter irgendwie mehr zum Kind geh\u00f6rt als ein Vater. Stereotypen werden bereits in der fr\u00fchen Kindheit vermittelt und sind oft unbewusst. Gleichzeitig existiert das Gleichstellungsgesetz, um etwas gegen die Ungleichheiten zu unternehmen. Trotzdem ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass die Ungleichheiten weiterhin bestehen bleiben, da die geschlechtsspezifischen Rollenbilder auch auf gesetzlicher und beruflicher Ebene hartn\u00e4ckig sind. Auf der beruflichen Ebene wiederspiegelt sich dies beispielsweise darin, wenn einer Mutter nach der Geburt eines Kindes eher eine schlechter bezahlte Teilzeitstelle angeboten wird, w\u00e4hrend einem Vater eher eine besserbezahlte Stelle mit Karrierem\u00f6glichkeit geboten wird. Auf der gesetzlichen Ebene zeigt sich dies beispielsweise darin, dass M\u00e4nner in der Schweiz keinen Anspruch auf Vaterschaftsurlaub haben und es auch keinen Elternschaftsurlaub gibt \u2013 ganz anders in Skandinavien. Eigentlich wird auf keiner Ebene genug getan, um etwas zu ver\u00e4ndern. Und letztlich geben sich auch viele M\u00e4nner und Frauen in die ihnen zugeordneten Rollen hinein und handeln danach. Es ist ein Teufelskreis.<\/p>\n<p><strong>Bleibt Gleichstellung am Arbeitsplatz eine Utopie oder gibt es Ans\u00e4tze zur Optimierung \u2013 und welche Rolle spielen dabei Schweizer Unternehmen und die Politik?<br \/>\n<\/strong>Die Schweizer Politik und Gesellschaft sind zwar in Richtung Gleichstellung unterwegs, aber klar zu langsam. Leider gibt es immer wieder R\u00fcckschritte, etwa werden auf politischer Ebene Fortschritte wieder in Frage gestellt. Dass Unternehmen freiwillig an Gleichstellungsprojekten teilnehmen k\u00f6nnen ist zwar ein erster Ansatz, meiner Meinung nach aber nicht ausreichend. Wir sollten einen Schritt weitergehen und verbindlichere Massnahmen einf\u00fchren. Beispielsweise die aktuell diskutierte Selbst-\u00fcberpr\u00fcfung der Lohngleichheit in Unternehmen. Eine weitere, verbindliche Massnahme, die immer wieder diskutiert wird, ist die Quotenregelung. Im Bereich Elternschaft w\u00e4re der Vaterschafts- oder Elternurlaub eine verbindliche Massnahme und im Bereich Teilzeit, dass ein generelles Recht auf Pensumsreduktion bestehen w\u00fcrde. Ist dieser Faktor auf rechtlicher Ebene festgelegt, ist ein Teilzeitpensum f\u00fcr die Betroffenen einfacher einzufordern, als wenn sie dies auf individueller Ebene als Einzelk\u00e4mpferInnen tun m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Prof. Alexandra Jungo, was steht in der Bundesverfassung zur Gleichstellung von Mann und Frau?<br \/>\n<\/strong>Laut Art. 8 zur Rechtsgleichheit sind alle Menschen vor dem Gesetz gleich. Niemand darf diskriminiert werden, namentlich nicht wegen der Herkunft, der Rasse, des Geschlechts, des Alters, der Sprache, der sozialen Stellung, der Lebensform, der religi\u00f6sen, weltanschaulichen oder politischen \u00dcberzeugung oder wegen einer k\u00f6rperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung. Mann und Frau sind gleichberechtigt. Das Gesetz sorgt f\u00fcr ihre rechtliche und tats\u00e4chliche Gleichstellung, vor allem in Familie, Ausbildung und Arbeit. Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn f\u00fcr gleichwertige Arbeit.<\/p>\n<p><strong>Aber die Realit\u00e4t sieht anders aus: Frauen erhalten oft weniger Lohn &#8211; einfach weil sie Frauen sind &#8211; obwohl die Verfassung das verbietet?<br \/>\n<\/strong>Ja, leider. Geht es um die Entlohnung von M\u00e4nnern und Frauen herrschen sachlich nicht begr\u00fcndete Unterschiede auf breiter Ebene. Gem\u00e4ss der Lohnstrukturerhebung des Bundesamts f\u00fcr Statistik betrug 2012 die Differenz aller Monatssal\u00e4re in der Gesamtwirtschaft im Durchschnitt 19,3 Prozent zu Ungunsten der Frauen. Die Unterschiede r\u00fchren teils daher, dass Frauen h\u00e4ufiger Teilzeit arbeiten, seltener in hohen Positionen zu finden sind und \u00f6fter generell schlecht entl\u00f6hnte Berufe aus\u00fcben. Ausserdem existieren die unerkl\u00e4rten Lohnunterschiede. Bei der Betrachtung der Bereiche Vollzeiterwerbst\u00e4tige, Teilzeitarbeitende, Hochschulabg\u00e4ngerInnen oder Hilfsarbeitende sowie unter Ber\u00fccksichtigung der Faktoren Alter, Zivilstand und Ausbildung, sind \u00fcberall erhebliche Lohnunterschiede zwischen M\u00e4nnern und Frauen sichtbar. Dabei sind die gr\u00f6ssten Unterschiede bei den Kaderl\u00f6hnen festzustellen. Ebenfalls interessant ist die Tatsache, dass auch bei gleicher Ausbildung und gleicher beruflicher Position erhebliche Lohnunterschiede bestehen.<\/p>\n<p><strong>Und wer sich zur Wehr setzt, riskiert seinen Job. Eine \u00dcbertreibung oder Realit\u00e4t?<br \/>\n<\/strong>Das ist leider in vielen F\u00e4llen eine traurige Tatsache. Die Lohnschere zwischen Frau und Mann h\u00e4lt sich hartn\u00e4ckig. Unter anderem geh\u00f6rt Gleichstellung bei der Anstellung, beim Lohn und bei der K\u00fcndigung zu den Hauptanliegen des entsprechenden Gesetzes. Gest\u00fctzt darauf hat jede Person das Recht gegen den Arbeitgeber zu klagen, wenn eine Lohnungleichheit oder eine andere Diskriminierung besteht. Das Gesetz liefert dabei verschiedene Hilfeleistungen, etwa muss eine Kl\u00e4gerin oder ein Kl\u00e4ger (auch M\u00e4nner d\u00fcrfen klagen) nur glaubhaft machen und nicht beweisen, dass eine Diskriminierung vorliegt. Das Gericht stellt dann eine Diskriminierungsvermutung auf. Anschliessend muss der Arbeitgeber beweisen, dass es sich nicht um eine Diskriminierung handelt. Oftmals hat dieser mutige Schritt die K\u00fcndigung zur Folge. Vielleicht auch aus diesem Grund hat das Interesse an Klagen wegen angeblicher Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern abgenommen.<\/p>\n<p><strong>Schweden gilt als Vorzeigeland, wenn die Rede von Gleichstellungspolitik ist. Was k\u00f6nnte die Schweizer Politik von Schweden lernen?<br \/>\n<\/strong>Der Schwedische Staat hat viel zur Gleichstellung beigetragen, auch dank seiner Familienpolitik. Die Mittags- und Nachmittagsbetreuung der Kinder ist dort beispielsweise selbstverst\u00e4ndlich. In der Schweiz bleibt in diesem Bereich noch viel zu tun. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist eine Herausforderung und verlangt viel Organisation. Die St\u00e4rkung der gesamten Tagesbetreuung w\u00e4re eine klare Verbesserung und der Staat sollte dazu seinen Beitrag leisten. In der Schweiz werden kleine Schritte gemacht, doch dieser Prozess geht nur schleppend voran.<\/p>\n<p><strong>Gibt es Bestrebungen zur Einf\u00fchrung von Quoten?<br \/>\n<\/strong>Der Schweizerische Arbeitgeberverband hat soeben postuliert, dass auf Stufe der obersten F\u00fchrungsgremien, in Verwaltungsr\u00e4ten pro 5 Mitglieder mindestens eine Frau im Verwaltungsrat mitwirken sollte (ab 10 Mitgliedern 2 Frauen, usw.). Der Arbeiterverband will aber keine Quote postulieren, sondern eher eine Richtlinie \u2013 eine sogenannte \u00abGood Practice\u00bb, die sich ein Unternehmen auf die Fahne schreiben sollte. Es existieren also Sensibilisierungen und Bestrebungen, doch das ist noch nicht ausreichend, denn die Lohnunterschiede werden in naher Zukunft weiter bestehen bleiben.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Weitere Informationen zu<a href=\"https:\/\/www.hslu.ch\/de-ch\/hochschule-luzern\/ueber-uns\/personensuche\/profile\/?pid=2925\" target=\"_blank\"> Dr. Lucia Lanfranconi<\/a><\/li>\n<li>Weitere Informationen zu<a href=\"http:\/\/www.unifr.ch\/ius\/jungo\/home\" target=\"_blank\"> Prof. Alexandra Jungo <\/a><\/li>\n<li>Am 21. November findet im Anschluss an den Film \u00abGleichstellen \u2013 eine Momentaufnahme\u00bb eine interessante <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/ius\/progin_de\/news\/fakultat?n=16575\" target=\"_blank\">\u00f6ffentliche Diskussion <\/a>zum Thema \u00abGleichstellung am Arbeitsplatz\u00bb statt.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/lettres.unifr.ch\/fr\/sciences-sociales\/soziologie-sozialpolitik-und-sozialarbeit\/forschung\/abgeschlossene-dissertationen\/lucia-lanfranconi.html\" target=\"_blank\">Dissertation<\/a> von Lucia Lanfranconi: \u00abGeschlechtergleichstellung durch Wirtschaftsnutzendiskurs?\u00bb (Universit\u00e4t Freiburg und FernUniversit\u00e4t in Hagen 2014), die den <a href=\"http:\/\/www.unifr.ch\/news\/15200\/prix-tudes-genre-2015?&amp;p=1&amp;q=lanfranconi\" target=\"_blank\">Preis f\u00fcr Geschlechterforschung 2015<\/a> gewonnen hat.<\/li>\n<li>Konkrete Beispiele zur beschr\u00e4nkten Wirksamkeit der Gleichstellungspolitik finden sich im <a href=\"http:\/\/www.gleichstellen.ch\" target=\"_blank\">Film \u00abGleichstellen \u2013 eine Momentaufnahme\u00bb<\/a>, produziert von Lucia und ihrer Schwester Romana Lanfranconi (<a href=\"http:\/\/voltafilm.ch\/\" target=\"_blank\">VOLTAFILM<\/a>).<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frauen sind am Arbeitsplatz oft schlechter gestellt. 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