{"id":2657,"date":"2016-07-13T07:27:41","date_gmt":"2016-07-13T06:27:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges\/?p=2657"},"modified":"2016-08-08T09:59:47","modified_gmt":"2016-08-08T08:59:47","slug":"ich-empfinde-eine-gewisse-zaertlichkeit-fuer-die-andersartigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2016\/ich-empfinde-eine-gewisse-zaertlichkeit-fuer-die-andersartigkeit","title":{"rendered":"\u00abIch empfinde eine gewisse Z\u00e4rtlichkeit f\u00fcr die Andersartigkeit\u00bb"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Sabine Haupt setzt sich als Wissenschaftlerin mit Literatur auseinander \u2013 gleichzeitig ist sie selbst Schriftstellerin. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Grenzverletzungen im Leben und im Schreiben.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Sabine Haupt, Sie sind Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin. Wie kam es dazu?<br \/>\n<\/strong>Schriftstellerin war mein allererster Berufswunsch. Da war ich f\u00fcnf, konnte noch gar nicht schreiben, habe mir aber Geschichten ausgedacht. Und meine Mutter tippte sie in ihre uralte, riesengrosse Olivetti-Schreibmaschine. Obwohl ich aus einer kulturell nicht speziell gebildeten Familie komme, scheint dieser Beruf der Schriftstellerin eine fr\u00fchkindliche Geschichte zu sein.<\/p>\n<p><strong>Zuerst wurden Sie dann aber Literaturwissenschaftlerin.<br \/>\n<\/strong>Ja, neben Theaterwissenschaften habe ich Germanistik studiert. Dann wurde ich schwanger. Wir fanden in M\u00fcnchen kein Auskommen und sind darum nach Genf gegangen. Dort habe ich mich auf die Germanistik konzentriert. Das waren die langen, langen Jahre, in denen es ums \u00dcberleben ging. Ich war jung, hatte ein Baby und einen kranken Mann. Es war eine harte Zeit. Heute staune ich, wie ich aus diesen Schwierigkeiten herausgekommen bin. Eine Frau mit Kind wurde damals viel weniger unterst\u00fctzt als heute; ein Kind wurde gerade auch im Berufsleben vor allem als Hindernis gesehen. Die Kollegen an der Uni sollten darum gar nicht wissen, wie kompliziert mein Privatleben war.<\/p>\n<p><strong>Seit Sie 2015 mit ihrem Erz\u00e4hlband \u00abBlaue Stunden. Kleine Quadratur der Liebe\u00bb als Schriftstellerin an die \u00d6ffentlichkeit getreten sind, interessieren Sie vermehrt auch als Privatperson. Wie gehen Sie damit um?<\/strong><br \/>\nIch denke, das eine ist, offen zu sein und m\u00f6glichst ehrlich. Daneben steht aber auch der Wunsch, nicht zu kippen in eine Art von Selbstdarstellung. Viele Autoren stilisieren sich sehr stark, um sich zu verkaufen. Sie machen aus der Notwendigkeit, sich zu \u00e4ussern, eine Tugend. Ich weiss noch nicht, wie sehr man sich vor diesem Spiel sch\u00fctzen kann. Die v\u00f6llige Trennung zwischen Privatem und Beruflichem ist nicht m\u00f6glich. Mein Leben ist ein Labyrinth von Entwicklungen. Erst im Nachhinein kriegt das Ganze eine Koh\u00e4renz, die ich in der Situation selber gar nicht sah.<\/p>\n<p><strong>Ihre Vita zeugt von vielseitigen Interessen an Gesellschaft, Kultur und Politik. Sie wuchsen im Deutschland der 1960er und 1970er Jahre auf, \u00abdas war die Zeit\u00bb, ich zitiere aus Ihrer Website, \u00abin der die 68er zum Gl\u00fcck ein paar Schneisen ins Dickicht der Nachkriegszeit schlugen\u00bb. Wie hat Sie die 68er-Bewegung gepr\u00e4gt?<\/strong><br \/>\n68, das ist f\u00fcr mich das Jahr, in dem meine Mutter starb. Die politische Dimension spielte also vorerst keine Rolle. Ich habe erst die Nachwirkungen gesp\u00fcrt: Als 15-J\u00e4hrige war ich das j\u00fcngste Mitglied in einem Chile-Unterst\u00fctzungskomitee. Ebenfalls aktiv war ich in einem Jugendzentrum. Dieses Engagement ist mir geblieben. Jahre sp\u00e4ter sass ich dann f\u00fcr die Gr\u00fcnen im Genfer Grossrat. Die Politik w\u00e4re auf Dauer aber nichts f\u00fcr mich gewesen, daf\u00fcr war ich zu sensibel und auch zu ungeduldig. Aber in meinem Blog schreibe ich \u00fcber Literatur und Politik. Das ist heute mein Weg, mich in die Diskussion einzubringen.<\/p>\n<p><strong>Eine Art Diskussionszirkel sind auch Ihre Seminare an der Uni. Sie setzen dabei auf Textkenntnis und die Begeisterung f\u00fcr die Sache. Ihre Studierenden sagen, Sie liessen ihnen Fl\u00fcgel wachsen, statt sie zu stutzen. Entspricht Ihnen dieses Bild?<\/strong><br \/>\nJa, auf jeden Fall. Das entspricht meinem Menschenbild generell. Ich lerne von den Studierenden, von ihren Fragen, und erlebe sie als \u00e4usserst kritisch und interessiert. Es geht mir ja nie um die Vermittlung von Faktenwissen, sondern immer um das Puzzle der Kultur, das jeder f\u00fcr sich selbst zusammensetzen muss.<\/p>\n<p><strong>Wie reagierte Ihr berufliches Umfeld darauf, dass Sie nun auf einmal als Schriftstellerin auftreten? Ihre Zunft lebt von der n\u00fcchternen und objektiven Auseinandersetzung mit Literatur.<\/strong><br \/>\nWas die Kollegen von der Uni auszeichnet, ist ihre unglaubliche Diskretion. Es fielen mir vor allem viele Nicht-Reaktionen auf. Zum Teil h\u00f6rte ich von Leuten, denen ich mein Buch geschenkt hatte, gar nichts. Lustig war auch die Verwunderung: Es staunte manch einer, dass ich als positiver Mensch so traurige oder unheimliche Geschichten schreibe. Da sagte ich jeweils: Mensch, es geh\u00f6rt doch zum Kern dessen, was wir den Studierenden vermitteln, dass literarische Texte nicht autobiographisch zu lesen sind! Es gab aber auch viel Lob und Interesse, vor allem auch f\u00fcr meine Lesungen.<\/p>\n<p><strong>Sie scheinen gl\u00fccklich zu sein \u00fcber Ihren Erfolg als Schriftstellerin.<\/strong><br \/>\nAls Schriftstellerin habe ich so viele Freiheiten! Man hat ja nur ein Leben, aber als Autorin kann ich Alternativen durchspielen. Mich fragen, wie es anders h\u00e4tte laufen k\u00f6nnen, h\u00e4tte es nur eine kleine Verschiebung gegeben. Dieses Spiel reizt mich. Es macht mich einfach wahnsinnig gl\u00fccklich, wenn dann diese andere Welt im Kopf entsteht.<\/p>\n<p><strong>Sitzt Ihnen als Wissenschaftlerin nicht eine Stimme im Nacken, die w\u00e4hrend des Schreibens gleich mitanalysiert?<\/strong><br \/>\nDoch, aber ich erlebe das als Vorteil. Ich schreibe ja nicht aus dem Bauch heraus. K\u00fcnstler st\u00fclpen nicht ihr lebendiges Inneres nach aussen und auf ein Blatt Papier, so ist es nicht. Mein Kopf hilft mir, aus den Emotionen Literatur zu machen. Sch\u00f6ne, besondere oder schockierende S\u00e4tze zu formulieren.<\/p>\n<p><strong>Was interessiert Sie am Menschen, was wollen Sie an ihm literarisch ergr\u00fcnden?<\/strong><br \/>\nMich interessiert die Vielfalt. Ich verkehre in meinem Leben in so unglaublich verschiedenen Kreisen. Ich habe eine Lebenserfahrung der Vielseitigkeit. Es geht mir nicht um ein vordergr\u00fcndiges Respektieren des Anderen. Ich suche immer nach der Grundidee eines Menschen. Es treibt mich nicht nur die Neugier an, sondern auch so etwas wie Empathie. Ich empfinde eine gewisse Z\u00e4rtlichkeit f\u00fcr die Andersartigkeit.<\/p>\n<p><strong>Ein Motiv in Ihren Texten ist die Auseinandersetzung zwischen den Geschlechtern: Es geht um die intellektuelle, emotionale, sexuelle Ann\u00e4herung und Entfremdung. Sind Sie eine Feministin?<\/strong><br \/>\nJa. Es gibt verschiedene Generationen von Feministinnen. Die erste forderte Gleichberechtigung. Die zweite suchte die Romantisierung der Weiblichkeit. Da ging es darum, anders zu sein als die M\u00e4nner. Ich habe einen Heidenrespekt vor Alice Schwarzer, aber sie ist auf einem Auge blind. Und da greift nun die dritte Generation, in der Feministinnen einstehen f\u00fcr eine freie Sexualit\u00e4t. Ich stehe mit einem Bein im fr\u00fchen und mit dem anderen im dritten Feminismus. Wir Frauen haben eine Sexualit\u00e4t, die wir ausleben d\u00fcrfen und k\u00f6nnen. Ich geh\u00f6re zu einer Frauengeneration, die irrsinniges Gl\u00fcck hatte. Es hat sich viel getan seit 68, aber trotzdem: Eine echte Gleichberechtigung ist immer noch nicht erreicht.<\/p>\n<p><strong>\u00abDie Liebe und der Hunger beginnen mit einer Grenzverletzung.\u00bb, schreiben Sie in einer Erz\u00e4hlung. Ich habe den Eindruck, dass es in Ihrer \u00abKleinen Quadratur der Liebe\u00bb oft um Grenzverletzungen zwischen den Menschen geht. Stimmt das?<\/strong><br \/>\nDas freut mich sehr, wenn Sie das so sehen. Das ist n\u00e4mlich der Link zwischen meinem Denken als Literaturwissenschaftlerin und meinem Denken als Schriftstellerin. In der modernen Kunst geht es immer auch um Grenzerweiterungen. Nach meinem Verst\u00e4ndnis ist das der Schl\u00fcssel zur Moderne.<\/p>\n<p><strong>Ist durch die Grenzerweiterung auch die Toleranz gr\u00f6sser geworden? In der Kunst und in der Gesellschaft?<\/strong><br \/>\nDas ist eine schwierige Frage. Es ist schwer, etwas \u00fcber die Gesellschaft im Allgemeinen zu sagen. Sie driftet im Moment sehr auseinander. Insgesamt ist sie wohl toleranter geworden. Gleichzeitig kommen \u2013 etwa im Zusammenhang mit der Asylfrage \u2013 Denkmuster wieder auf, die ich f\u00fcr \u00fcberwunden hielt. Trotzdem glaube ich, dass die momentane Untergangsstimmung \u00fcbertrieben ist. Ich bleibe optimistisch.<\/p>\n<p><strong>Staunen Sie manchmal \u00fcber sich selbst?<\/strong><br \/>\nIch staune manchmal im Nachhinein, wie ich das damals geschafft habe mit dem Leben: so jung, in einem fremden Land und einer fremden Sprache. Heute bin ich in diesem Leben, das sich wie zuf\u00e4llig aus so vielen Dingen ergeben hat, zuhause. R\u00fcckblickend auf die letzten Jahre staune ich auch dar\u00fcber, was sich alles neu er\u00f6ffnet hat. Es geht mir momentan ein bisschen so wie mit dem Roman, den ich gerade schreibe: Ich bin an einem Punkt, an dem ich ganz viele T\u00fcren aufgemacht habe. Nun muss ich schauen, dass ich einige davon wieder zu kriege.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><a href=\"mailto:sabine.haupt@unifr.ch\" target=\"_blank\">Sabine Haupt<\/a> ist 1959 in Giessen (Deutschland) geboren, lebt seit 1980 in der Westschweiz und hat zwei T\u00f6chter. Sie ist Titularprofessorin und unterrichtet als Lehr- und Forschungsr\u00e4tin (MER) f\u00fcr Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universit\u00e4t Freiburg. Ausserdem arbeitet sie als Journalistin und Schriftstellerin. 2015 erschien ihr zweiter Erz\u00e4hlband \u00abBlaue Stunden. Kleine Quadratur der Liebe\u00bb im Offizin-Verlag, Z\u00fcrich. <a href=\"http:\/\/sabinehaupt.ch\/\" target=\"_blank\">Weitere Informationen auf ihrer Homepage<\/a>.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sabine Haupt setzt sich als Wissenschaftlerin mit Literatur auseinander \u2013 gleichzeitig ist sie selbst Schriftstellerin. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Grenzverletzungen im Leben und im Schreiben. Sabine Haupt, Sie sind Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin. Wie kam es dazu? Schriftstellerin war mein allererster Berufswunsch. Da war ich f\u00fcnf, konnte noch gar nicht schreiben, habe mir aber Geschichten ausgedacht. Und meine Mutter tippte sie in ihre uralte, riesengrosse Olivetti-Schreibmaschine. Obwohl ich aus einer kulturell nicht speziell gebildeten Familie komme, scheint dieser Beruf der Schriftstellerin eine fr\u00fchkindliche Geschichte zu sein. 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