{"id":2515,"date":"2016-06-01T15:28:55","date_gmt":"2016-06-01T14:28:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges\/?p=2515"},"modified":"2016-06-30T14:52:41","modified_gmt":"2016-06-30T13:52:41","slug":"das-grosse-puzzle-uni-freiburg-setzt-geschichte-neu-zusammen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2016\/das-grosse-puzzle-uni-freiburg-setzt-geschichte-neu-zusammen","title":{"rendered":"Das grosse Puzzle: Uni Freiburg setzt Geschichte neu zusammen"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Was haben Fensterscheiben, Schuhe, Truhen, S\u00e4ttel, Hausw\u00e4nde und B\u00fccher gemeinsam? Sie alle wurden im Mittelalter und in der fr\u00fchen Neuzeit mitunter aus Makulatur von Pergamenthandschriften gefertigt. Was erst als Schriftst\u00fcck diente, erhielt eine neue Aufgabe als Isolationsmaterial, Verkleidung oder Stabilisierung \u2013 wenig wurde weggeworfen. Und genau davon profitiert die Wissenschaft heute.<\/strong><\/h4>\n<p>An der Universit\u00e4t Freiburg wird Geschichte zusammengesetzt \u2013 aus Hunderttausenden von Fragmenten, die rund um den Globus versteckt sind. Was vor ein paar hundert Jahren als Makulatur verwendet wurde um Ressourcen zu schonen, erz\u00e4hlt die Geschichte der Menschheit teilweise auf eine ganz neue Art. Im evangelisierten Skandinavien beispielsweise wurden im 16. Jahrhundert die mittelalterlichen Handschriften, die in katholischen Kl\u00f6stern entstanden waren, als Einbandmakulatur verarbeitet. Damit wurden etwa beh\u00f6rdliche Akten eingebunden. Gerade in den nordischen L\u00e4ndern gibt es seit der Reformation fast keine vollst\u00e4ndigen Handschriften mehr, aber zehntausende von Fragmenten. Deshalb wurde dort bereits im letzten Jahrhundert damit begonnen, die Teile von liturgischen Handschriften wie Antiphonare, Psalter oder Graduale in den Akten zu beschreiben.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<h6><a href=\"http:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Abb2c.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-2484 size-large\" src=\"http:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Abb2c-1024x660.jpg\" alt=\"\" width=\"680\" height=\"438\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Abb2c-1024x660.jpg 1024w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Abb2c-300x193.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><\/a><em><br \/>\nAn der schwarzen Stelle befand sich eine Buchmalerei, die herausgeschnitten wurde. Orselina, Convento della Madonna del Sasso, Codice I, f. 24v \u2013 Graduale Fratrum Minorum.<\/em><\/h6>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Unsichtbares entziffern<\/strong><\/p>\n<p>Dank der Wiederverwendung von aussortierten B\u00fcchern (Makulierung) ist ein wichtiger Teil des mittelalterlichen Handschriftenerbes bis heute nicht verloren gegangen. \u201eAuch wenn h\u00e4ufig nur wenige Seiten eines alten Codex wieder rekonstruiert werden k\u00f6nnen, gibt das f\u00fcr die Forschung einen enormen Aufschluss \u00fcber die Textgeschichte einerseits und den Umgang mit Handschriften(-fragmenten) andererseits\u201c, betont Projektmitarbeiter und Freiburger Forscher Martin W\u00fcnsche. Die Fragmente m\u00fcssen jedoch speziell behandelt und neu zusammengesetzt werden, damit wir sie richtig erforschen k\u00f6nnen. Zum Heben dieser Sch\u00e4tze m\u00fcssen aber nicht nur exakt die passenden Teile zusammenfinden \u2013 sie m\u00fcssen auch noch entziffert werden. Viele Fragmente wurden etwa abgeschabt oder abgewaschen und \u00fcberschrieben. Dank neuesten Techniken wie Spektralphotographie oder RTI (Reflectance Transformation Imaging) k\u00f6nnen nun auch Schriften, die nicht von blossem Auge sichtbar sind, wieder gelesen werden. Nur sind genau diese Bruchst\u00fccke oft auch in der ganzen Welt verstreut. Das heisst, was im Jahre 900 ein Buch war, wurde vielleicht als Makulatur teilweise zu einem Schuh, sp\u00e4ter zu Isolationsmaterial und schliesslich zum Abdichten eines Burggrabens verwendet. Eine weitere halbe Seite k\u00f6nnte sogar den Weg als Verpackungsmaterial bis nach Asien zur\u00fcckgelegt haben.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<h6><a href=\"http:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Abb3Corr.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-2504\" src=\"http:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Abb3Corr.jpg\" alt=\"Abb3Corr\" width=\"900\" height=\"580\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Abb3Corr.jpg 900w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Abb3Corr-300x193.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><br \/>\n<em> Der Text (dunkle Schrift im Hintergrund) wurde abgeschabt und das Pergament wiederbeschrieben. Dank Spektralfotografie, die UV-Licht und R\u00f6ntgenstrahlung nutzt, wieder sichtbar. Syriac Galen Palimpsest, f. 88v. Pseudocolor-processed image provided by Michael B. Toth.<\/em><\/h6>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Social Media der Medi\u00e4visten<\/strong><\/p>\n<p>Neue Technologie schafft auch in der Medi\u00e4vistik neue Wege: Schon seit 2005 digitalisiert e-codices Handschriften aus der ganzen Schweiz. \u201eZiel des Projektes ist es, alle mittelalterlichen und eine Auswahl neuzeitlicher Handschriften der Schweiz durch eine virtuelle Bibliothek frei zug\u00e4nglich zu machen\u201c, erkl\u00e4rt die Freiburger Forscherin und Projektmitarbeiterin Veronika Drescher. Zurzeit sind 1500 digitalisierte Handschriften in diesem Online-Verzeichnis verf\u00fcgbar. Auf der gleichen Basis baut nun auch ein weiteres Projekt auf: Fragmentarium \u2013 das Laboratorium zur digitalen Fragmentforschung. Dieses Online-Verzeichnis ist spezifisch f\u00fcr die komplexen Anforderungen zur Darstellung von Fragmenten konzipiert. Hier sollen die Nutzer in Zukunft auch selbst hochaufl\u00f6sende Fragmente hochladen und beschreiben. Diese sind dann sofort f\u00fcr alle beteiligten Forschenden verf\u00fcgbar, das heisst, sie k\u00f6nnen von ihrem Computer aus Abst\u00e4nde abmessen, Texte transkribieren, Rekonstruktionen erstellen und vieles mehr. Ziel ist es, dadurch zusammengeh\u00f6rige Fragmente schneller und vor allem auch g\u00fcnstiger wieder zueinander zu bringen.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<h6><a href=\"http:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Abb5c.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-2495 size-large\" src=\"http:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Abb5c-1024x660.jpg\" alt=\"\" width=\"680\" height=\"438\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Abb5c-1024x660.jpg 1024w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Abb5c-300x193.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><\/a><br \/>\n<em>Die sichtbaren Buchstaben sind das spiegelverkehrte Abbild einer Pergamentmakulatur, die dort aufgeklebt worden war. St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 63, Vordere Innenseite \u2013 Epistolae Pauli. Actus Aposto-lorum. Epistolae catholicae. Apocalypsis.<\/em><\/h6>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>Vorausgesetzt, die Bedeutung einzelner Fragmente wird nicht verkannt. Dies geschah so zum Beispiel mit einem alternativen Ende von 1001 Nacht. Die NZZ berichtete vor kurzem dar\u00fcber: \u201eGanz neu ist dieses gl\u00fcckliche Ende der Geschichte nicht: Der frisch vorliegende Schluss von \u201e1001 Nacht\u201c basiert auf einem Manuskript, das sich in der Ra\u015fit-Efendi-Bibliothek in Kayseri befindet und 1949 durch den Orientalisten Hellmut Ritter (1892-1971) erstmals beschrieben wurde. Ritter liess damals einen Mikrofilm der Handschrift anfertigen, der aber weitgehend unbeachtet blieb. Erst als dieser Mikrofilm vor einigen Jahren digitalisiert und ins Netz gestellt wurde, erwachte das Interesse der Wissenschaft, und auch dasjenige der \u00dcbersetzerin und Arabistin Claudia Ott.\u201c Genau diesen Weg zu Erfolgsgeschichten wollen die Freiburger Forschenden mit Fragmentarium erm\u00f6glichen und f\u00f6rdern.<\/p>\n<p><strong>Experten pilgern nach Freiburg<\/strong><\/p>\n<p>Das Projekt st\u00f6sst auf enormes Interesse. Auf der Liste der Partner finden sich als Vertreter der Amerikanischen Ivy League die Universit\u00e4ten Stanford, Yale und Harvard, aber auch die Bodleian Library der Universit\u00e4t Oxford sowie die \u00d6sterreichische Nationalbibliothek in Wien und die Stiftsbibliothek St.Gallen. Wer in der Handschriftenforschung etwas zu sagen hat, ist mit dabei. Aktuell arbeiten die Freiburger Forschenden an sechs Fallstudien in Oxford, Yale, Paris, Wien, St. Gallen und Leipzig, 2017 folgen nochmals sechs weitere. Dank der Interoperabilit\u00e4t der neuen Plattform Fragmentarium k\u00f6nnen die Partner einfach und global zusammenarbeiten. \u201eWir freuen uns sehr \u00fcber das Interesse an unserer Arbeit. Als Medi\u00e4visten sind wir uns nicht so viel Aufmerksamkeit gewohnt!\u201c, so Prof. Dr. Christoph Fl\u00fceler, Leiter des Projekts. Fragmentarium entstand aus der Handschriftenforschung und erm\u00f6glicht eine ganz neue Art der Zusammenarbeit: \u201eDie einzelnen Teile sind schwer zug\u00e4nglich und es gibt bisher kaum systematische Kataloge im Gegensatz zu mittelalterlichen Handschriften\u201c, erkl\u00e4rt der Freiburger Forscher. Dies soll sich in Zukunft \u00e4ndern. Fl\u00fceler und sein Team koordinieren die Unterst\u00fctzung aus der ganzen Welt. Die Hoffnung auf neue Erkenntnisse dank dem \u201eFacebook der Medi\u00e4visten\u201c ist gross. Das Team um Fl\u00fceler ist gespannt auf die Ergebnisse: \u201eWenn man unbekanntes Material erforscht, kann es immer \u00dcberraschungen geben. Und Fragmente bergen entsprechend grosses Potential.\u201c<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">__________<br \/>\n<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Der <a href=\"http:\/\/fragmentarium.ms\/pdf\/Conference-June-2016.pdf\" target=\"_blank\">n\u00e4chste internationale Kongress zu Handschriftenfragmenten und Fragmentarium<\/a> findet vom 6. bis 8. Juni in Freiburg statt. Hierbei werden Workshops durchgef\u00fchrt, geplante Forschungsprojekte diskutiert und die neue Plattform vorgestellt.<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/fragmentarium.ms\" target=\"_blank\">Infoseite des Projektes<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was haben Fensterscheiben, Schuhe, Truhen, S\u00e4ttel, Hausw\u00e4nde und B\u00fccher gemeinsam? Sie alle wurden im Mittelalter und in der fr\u00fchen Neuzeit mitunter aus Makulatur von Pergamenthandschriften gefertigt. Was erst als Schriftst\u00fcck diente, erhielt eine neue Aufgabe als Isolationsmaterial, Verkleidung oder Stabilisierung \u2013 wenig wurde weggeworfen. Und genau davon profitiert die Wissenschaft heute. An der Universit\u00e4t Freiburg wird Geschichte zusammengesetzt \u2013 aus Hunderttausenden von Fragmenten, die rund um den Globus versteckt sind. 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