{"id":23650,"date":"2026-09-25T16:02:57","date_gmt":"2026-09-25T15:02:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=23650"},"modified":"2026-09-25T16:03:25","modified_gmt":"2026-09-25T15:03:25","slug":"beliebt-praxisnah-und-zuruck-in-freiburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2026\/beliebt-praxisnah-und-zuruck-in-freiburg","title":{"rendered":"Beliebt, praxisnah \u2013 und zur\u00fcck in Freiburg"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Die Weiterbildung in Psychotherapie f\u00fcr Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene feiert ihren 30. Geburtstag. Die Nachfrage wird immer gr\u00f6sser \u2013 nach der Weiterbildung, aber auch nach Therapien, wie Professorin Simone Munsch im Interview sagt.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>\u00abMAS in Kognitiver Verhaltenstherapie mit Schwerpunkt Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene\u00bb: So heisst die Weiterbildung mit vollem Namen, die Anfang Oktober in Freiburg ihr 30-Jahr-Jubil\u00e4um mit einer feierlichen Veranstaltung markiert. Und sie bleibt in Bewegung: In Freiburg gegr\u00fcndet, \u00fcbernahm die Universit\u00e4t Z\u00fcrich eine Zeit lang den Lead \u00fcber die vierj\u00e4hrige Weiterbildung. Nun \u00fcbernimmt wieder Freiburg \u2013 und es kommen zwei weitere Universit\u00e4ten dazu.<\/p>\n<p>Leiterin Simone Munsch, Professorin am Departement f\u00fcr Psychologie an der Universit\u00e4t Freiburg, erkl\u00e4rt im Interview, warum es die Weiterbildung mehr denn je braucht, was sich in den 30 Jahren ver\u00e4ndert hat und was sie sich von der Erweiterung der Kooperation um die Universit\u00e4ten Bern und Luzern verspricht.<\/p>\n<p><strong>Simone Munsch, was versteht man unter kognitiver Verhaltenstherapie?<br \/>\n<\/strong>Die kognitive Verhaltenstherapie \u2013 auch KVT genannt \u2013 kombiniert zwei Therapieans\u00e4tze: die kognitive Therapie und die Verhaltenstherapie. Entwickelt hat sie sich aus der Lernforschung heraus. Wichtig mit Blick auf unsere Weiterbildung: Die KVT ist die Verhaltenstherapie mit den meisten Wirksamkeitsbelegen \u2013 bei Erwachsenen, aber auch bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Entsprechend versuchen wir mit den Teilnehmenden an der Weiterbildung ein Erkl\u00e4rungsmodell zu bilden, das ihnen erlaubt, die Entwicklung und Aufrechterhaltung von psychischen St\u00f6rungen im Kontext des jeweiligen Systems \u2013 sei das Familie, Schule oder Peers \u2013, zu verstehen und zu behandeln. Wir setzen bei KVT-Interventionen also beim Kind an, aber eben auch bei den Eltern. Und vielleicht auch bei den Geschwistern, wenn es n\u00f6tig ist. Das ist die Arbeitshaltung und Problemauffassung, die wir zu vermitteln versuchen. Wir trainieren die Leute darin, die verschiedenen Perspektiven wahrzunehmen.<\/p>\n<p><strong>An wen richtet sich die Weiterbildung?<br \/>\n<\/strong>An alle Personen, die einen Master in Psychologie oder einen gleichwertigen Abschluss haben. Unabh\u00e4ngig davon, ob jemand letztes Jahr abgeschlossen hat oder vor zehn Jahren.<\/p>\n<p><strong>Warum braucht es die Weiterbildung auch 30 Jahre nach ihrer Gr\u00fcndung noch?<br \/>\n<\/strong>Ein Psychologiestudium ist keine berufsqualifizierende Ausbildung. Es sollen in der Psychologie ja nicht nur Personen ausgebildet werden, die Psychotherapeut_innen werden m\u00f6chten. Entsprechend braucht es unbedingt postgraduale Weiterbildungen. Sonst ist kein Kontinuum gew\u00e4hrleistet. Im Psychologiestudium wird Studierenden die Basis vermittelt. Das wird in unserer Weiterbildung nicht wiederholt. Alle m\u00fcssen wissen, welche psychischen St\u00f6rungen bei wem vorkommen, wie man sie erkennt und wie sie sich bei Kindern \u00e4ussern. Wir greifen dann diese St\u00f6rungsbilder auf und trainieren wirklich. Hands-on! Wir zeigen auf, wie therapeutische Strategien implementiert werden. G\u00e4be es das nicht, drohten Feld-Wald-und-Wiesen-Psychotherapien. Das ist zum Gl\u00fcck seit dem 2013 eingef\u00fchrten Psychologieberufegesetz nicht mehr m\u00f6glich. Seither ist zementiert, dass es ein Kontinuum geben muss. Das w\u00e4re sonst, als w\u00fcrde man \u00c4rztinnen und \u00c4rzte nach dem Studium nicht zun\u00e4chst Assistenz\u00e4rztinnen und Assistenz\u00e4rzte sein lassen. Ohne solche Weiterbildungen w\u00fcrden Leute mit rein theoretischem Wissen an Menschen mit psychischen St\u00f6rungen herangelassen, die ganz konkrete Interventionen ben\u00f6tigen. Sie sind deshalb ein wichtiger Teil der Gesundheitsversorgung.<\/p>\n<p><strong>Als die Weiterbildung vor 30 Jahren ins Leben gerufen wurde, war sie im ganzen deutschsprachigen Raum die einzige ihrer Art. Wie kam es dazu?<br \/>\n<\/strong>Es brauchte damals dringend psychotherapeutische Angebote, deren Wirksamkeit belegt war. Traditionell war das die kognitive Verhaltenstherapie. Noch dringender wurden Leute gebraucht, die sich bei Interventionen im Bereich Kinder und Jugendliche auskennen. Bis dahin gab es keine Weiterbildung, die sich mit dieser Altersgruppe auseinandersetzte. Gleichzeitig war es in der Wissenschaft schon lange verp\u00f6nt, Ergebnisse aus der Erwachsenen-Psychopathologie zu transferieren und als Basis f\u00fcr den Umgang mit Jugendlichen und Kindern zu nehmen. Nat\u00fcrlich ist eine Depression auch im Kinder- und Jugendalter eine Depression \u2013 aber sie zeigt sich dem Alter und der Entwicklung entsprechend ganz anders und muss entsprechend anders angegangen werden. Weil es nichts in diese Richtung gab, war der Bedarf in der Schweiz riesig. Das hat meinen Vorg\u00e4nger Meinrad Perrez zusammen mit dem heutigen Co-Direktor der Weiterbildung, Professor Guy Bodenmann von der Universit\u00e4t Z\u00fcrich, 1996 dazu inspiriert, diese ins Leben zu rufen. Als ich dazukam, habe ich sp\u00e4ter noch den Bereich der jungen Erwachsenen im Alter von 18 und 24 Jahren eingebracht. Das sind Personen, die sonst zwischen Stuhl und Bank zu fallen drohen, weil sie nicht ausreichend gut aufgehoben sind in einer Erwachsenentherapie, die auch 70-J\u00e4hrige behandelt.<\/p>\n<p><strong>30 Jahre sind eine lange Zeit. Was hat sich in dieser Zeit ge\u00e4ndert \u2013 gerade auch, was den Blick auf die kognitive Verhaltenstherapie betrifft?<br \/>\n<\/strong>Ausgehend von der traditionellen KVT gibt es laufend neue Entwicklungen. Im Zuge der sogenannten dritten Welle geht es derzeit immer mehr um den Umgang mit Emotionen. Das, nachdem in der zweiten Welle realisiert worden war, dass nicht nur das Verhalten eine Rolle spielt, sondern auch die Gedanken. Wir integrieren die Entwicklungen immer in unsere Weiterbildung, sobald es Belege gibt. Denn unser Fokus liegt ganz klar auf evidenzbasierter Psychotherapie, stets nah an der Forschung.<\/p>\n<p><strong>Welche anderen Entwicklungen zeichnen sich ab?<br \/>\n<\/strong>Im Kinder- und Jugendbereich haben wir in wissenschaftlichen Untersuchungen festgestellt, dass man mit digitalen Interventionen \u00e4hnlich gute Resultate erzielt wie mit physischen Treffen. Diese Erkenntnis ist ein grosses Plus. Zum Teil ist es schwierig, alle Betroffenen an einem Ort zusammenzubringen, zum Beispiel wenn beide Eltern arbeitst\u00e4tig sind. Psychotherapie funktioniert f\u00fcr die meisten psychischen St\u00f6rungen also auch, wenn man sich nicht jedes Mal sieht, sondern sich auch einmal via Bildschirm austauscht. Ein weiterer Trend ist die Feststellung, dass l\u00e4ngere Psychotherapien nicht immer besser sind. Die Tendenz geht teils sogar hin zu One-Session-Treatments. Nat\u00fcrlich reicht l\u00e4ngst nicht f\u00fcr alle psychischen St\u00f6rungen eine einzige Sitzung aus, aber zum Beispiel bei Angstst\u00f6rungen ist es eine effiziente Methode, um rasch zu intervenieren \u2013 und den Verlauf damit rechtzeitig so zu beeinflussen, dass es anschliessend keine weitere Therapie mehr braucht. Diese eine Sitzung kann daf\u00fcr auch einmal f\u00fcnf Stunden dauern. Ein Beispiel daf\u00fcr sind Expositionstrainings bei sozialer Angst oder bei einer Hundephobie. Angstst\u00f6rungen \u00fcbernehmen eine Schrittmacherrolle f\u00fcr andere psychische St\u00f6rungen. Werden sie nicht behandelt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass weitere psychische St\u00f6rungen entstehen. Kinder kommen allerdings in der Regel nicht gerne in Psychotherapie. Wenn man aber sagen kann: \u00abDu kommst einmal an einem Nachmittag vorbei und dann regeln wir das mit deiner Angst vor Hunden\u00bb, kann das den Zugang erleichtern und entsprechend sehr effektiv sein.<\/p>\n<p><strong>Wie hat sich die Nachfrage nach der Weiterbildung in den 30 Jahren entwickelt?<br \/>\n<\/strong>Was auff\u00e4llt: Im Zuge des Booms der Psychologie hat die Nachfrage in den letzten Jahren noch einmal deutlich zugenommen. Entsprechend haben wir begonnen, den Kurs jedes Jahr zu starten. Zuvor war das nur alle zwei Jahre der Fall gewesen. Nun haben wir f\u00fcr n\u00e4chstes Jahr schon wieder eine Warteliste. Das Kontingent ist geregelt, wir k\u00f6nnen bloss 25 Personen pro Kurs ausbilden.<\/p>\n<p><strong>Fehlt es in der Praxis denn nicht an Leuten?<br \/>\n<\/strong>Eine pauschale Aussage ist schwierig zu machen. In gewissen Ballungszentren gibt es teilweise sogar einen \u00dcberschuss an Psychotherapeut_innen. Gerade im Kinder- und Jugendbereich gibt es aber grunds\u00e4tzlich schon ein Manko. Insbesondere in l\u00e4ndlichen Gebieten, aber zum Beispiel auch in Freiburg. Und die Nachfrage steigt ungebremst.<\/p>\n<p><strong>W\u00e4re es dann nicht sinnvoll, mehr Leute in der Weiterbildung aufzunehmen?<br \/>\n<\/strong>Allenfalls k\u00f6nnte es sinnvoll sein, zwei Kurse pro Jahr durchzuf\u00fchren. Das ist etwas, das ich nicht ausschliessen m\u00f6chte. Aber wir m\u00fcssen immer beobachten, wie sich das Gesundheitssystem entwickelt, einen grossen Einfluss darauf haben politische Entscheide. Die meisten Leute bezahlen unsere Weiterbildung privat. Im Moment finden sie danach alle eine Stelle. Die Balance kann aber schnell kippen. Wenn wir mehr Leute ausbilden, die Politik aber nicht mehr Geld f\u00fcr Psychotherapien sprechen kann, finden wom\u00f6glich nicht alle eine Stelle, da k\u00f6nnen Nachfrage und Bedarf noch so gross sein. Diese Entwicklungen beziehen wir in unsere Strategie mit ein und entscheiden abh\u00e4ngig davon, wie viele Kurse wir durchf\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Die Weiterbildung war 1996 gegr\u00fcndet worden, der Lead ging dann vor\u00fcbergehend nach Z\u00fcrich. Nun kehrt er 2027 wieder nach Freiburg zur\u00fcck. Wie kam es dazu?<br \/>\n<\/strong>Zun\u00e4chst war der Sitz in Freiburg, bei seinem Gr\u00fcnder Meinrad Perrez. Sein Oberassistent war damals Guy Bodenmann, der ihn unterst\u00fctzte. Kurz vor der Emeritierung von Meinrad Perrez wurde Guy Bodenmann nach Z\u00fcrich berufen. Mit ihm wechselte auch der Sitz nach Z\u00fcrich. Die Zusammenarbeit mit der Uni Freiburg ging aber stets weiter, seit 16 Jahren bin ich aufseiten der Unifr daf\u00fcr verantwortlich. Und jetzt, da Guy Bodenmann pensioniert wird, kommt der Lead zu mir und damit zur\u00fcck nach Freiburg.<\/p>\n<p><strong>Gleichzeitig werden mit Bern und Luzern zwei weitere Universit\u00e4ten ins Boot geholt. Warum?<br \/>\n<\/strong>Es ist interessant, verschiedene Ideen einfliessen zu lassen. Die Weiterbildung soll nicht an eine Person gebunden sein, ich will nicht meinen Stil zementieren. Sie soll sich immer weiterentwickeln. Das ist garantiert durch zwei weitere, j\u00fcngere Kolleg_innen. F\u00fcr die Studierenden \u00e4ndert sich nicht viel. Abgesehen davon, dass sie nicht mehr nur nach Z\u00fcrich und Freiburg, sondern ab und zu auch nach Bern oder Luzern reisen m\u00fcssen. Das kann man m\u00fchsam finden, aber es ist der beste Garant f\u00fcr Erfolg auf dem Arbeitsmarkt. Sie werden in Zukunft ein Netz in Bern, Z\u00fcrich, Luzern und Freiburg haben.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div style=\"background-color: orange; font-size: 100%; padding: 1em;\">Das 30-Jahr-Jubil\u00e4um der <strong>Weiterbildung in Psychotherapie \u00ab<a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/psycho\/de\/av-kj\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">MAS in kognitiver Verhaltenstherapie mit Schwerpunkt Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene<\/a><\/strong>\u00bb \u00a0wird am 2. Oktober mit einer feierlichen Veranstaltung gew\u00fcrdigt. Beim Franziskanerkloster in der Murtengasse gibt es ab 14 Uhr Reden von Gr\u00fcnder Meinrad Perrez sowie den Co-Pr\u00e4sidierenden Guy Bodenmann und Simone Munsch. Hinzu kommen Stimmen von ehemaligen Absolvierenden aus der klinischen Praxis sowie ein Gastreferat von Professorin Martina Zemp von der Universit\u00e4t Wien.<\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Titelbild:<\/strong> @Stemutz<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Weiterbildung in Psychotherapie f\u00fcr Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene feiert ihren 30. Geburtstag. Die Nachfrage wird immer gr\u00f6sser \u2013 nach der Weiterbildung, aber auch nach Therapien, wie Professorin Simone Munsch im Interview sagt. \u00abMAS in Kognitiver Verhaltenstherapie mit Schwerpunkt Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene\u00bb: So heisst die Weiterbildung mit vollem Namen, die Anfang Oktober in Freiburg ihr 30-Jahr-Jubil\u00e4um mit einer feierlichen Veranstaltung markiert. 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