{"id":2361,"date":"2016-04-27T12:46:42","date_gmt":"2016-04-27T11:46:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges\/?p=2361"},"modified":"2016-05-11T08:47:35","modified_gmt":"2016-05-11T07:47:35","slug":"der-winnerslam-in-mehr-als-zehn-minuten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2016\/der-winnerslam-in-mehr-als-zehn-minuten","title":{"rendered":"Der Winnerslam in mehr als zehn Minuten"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Judith Bodend\u00f6rfer gewann den Science Slam 2016 in Freiburg. Kurz davor ver\u00f6ffentlichte sie einen Artikel im Magazin \u00abuniversitas\u00bb unter dem Titel \u00abGelebte Science-Fiction\u00bb. Es geht darin um die Theosophische Gesellschaft, die 1875 in New York gegr\u00fcndet wurde. Die okkulte Gruppe verschrieb sich der Forschung verborgener Naturkr\u00e4fte und wurde zu einer Muse der sp\u00e4teren Science-Fiction-Szene.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\nIm Jahr 1871 ver\u00f6ffentlichte Lord Bulwer-Lytton (1803\u20131873), ein Schriftsteller, der in der Tradition der englischen Gothic Novel stand, einen Roman, der heute zu den ersten Science-Fiction-Geschichten der Welt gez\u00e4hlt werden kann. Es ist die Erz\u00e4hlung \u00abThe Coming Race\u00bb deutsch u.a. \u00abEine Menschheit der Zukunft\u00bb in der ein junger amerikanischer Bergbauingenieur entdeckt, dass im Inneren der Erde Menschen leben, die sich eine Kraft zunutze gemacht haben, die sie Vril nennen. Diese \u00fcberaus entwickelten Erdkernbewohner beschreiben das Vril in Worten, die der oberirdische Eindringling nur schwer begreifen kann. Es scheint sich um eine Kraft zu handeln, die der Elektrizit\u00e4t \u00e4hnelt, aber mehr vermag als diese. Das Vril erleuchtet die St\u00e4dte der Vril-ya, wie sich die V\u00f6lker, die das Vril zu nutzen gelernt haben, nennen. Es erm\u00f6glicht es Ihnen zu fliegen und viele wundersame Maschinen zu bauen, darunter auch Waffen, die so wirksam sind, dass es in ihrer Welt keinen Krieg mehr gibt, da jeder Krieg die totale Zerst\u00f6rung nach sich ziehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>In der Welt der Vril-ya sind M\u00e4nner und Frauen gleichberechtigt, es besteht kein Unterschied zwischen arm und reich, Tiere stehen unter besonderem Schutz, es gibt keine harte k\u00f6rperliche Arbeit und das Gem\u00fct der Menschen ist stets ausgeglichen. Schlussendlich aber entflieht der Erz\u00e4hler angsterf\u00fcllt jenem unterirdischen Paradies, in dem er sich nur schwer zurechtfindet. Es wird klar: sobald die Vril-ya herausfinden, dass auf der Erdoberfl\u00e4che \u00abWilde\u00bb wohnen, werden sie diese grausamen und primitiven Kreaturen mit der Kraft des Vril vernichten. Und die Vril-ya werden kommen&#8230; Lytton verband in seinem als Satire gedachten Roman zwei Entdeckungen des 19. Jahrhunderts, die f\u00fcr die Vorstellung von der Zukunft massgeblich waren: die Beherrschung der Elektrizit\u00e4t und den durch den Darwinismus befeuerten Fortschrittsglauben. Er tat dies so erfolgreich, dass die Rezeptionsgeschichte des Romans nicht auf die Literatur beschr\u00e4nkt bleiben sollte und ihr satirischer Charakter bald in den Hintergrund trat.<\/p>\n<p><strong>Zwischen Fiktion und Okkultismus<\/strong><\/p>\n<p>Es kommt nicht von ungef\u00e4hr, dass die von der Theosophischen Gesellschaft beschriebenen verborgenen Kr\u00e4fte der Natur an das Vril erinnern. Nicht nur war Bulwer-Lytton Okkultist und glaubte, f\u00fcr seine Zeit nicht ungew\u00f6hnlich, durchaus selbst an die M\u00f6glichkeit des Vril, sondern zudem hatte die Stimme der Theosophischen Gesellschaft und Sphinx des 19. Jahrhunderts, Helena Blavatsky (1831\u20131891) wiederum Lytton gelesen und seine Idee des Vril f\u00fcr ihre Lehre \u00fcbernommen. Bald allerdings entwickelten die Theosophen ein ganz eigenes Weltbild. Laut der Theosophischen Lehre sei der Mensch in einen kosmischen Zyklus eingebunden. Die Seelen seien durch das All gereist und schliesslich auf der Erde angekommen, wo sie sich mit der Materie verbunden h\u00e4tten. Ziel der Menschheit sei es, sich wieder von der Materie zu l\u00f6sen und dies geschehe nach dem Prinzip von Wiedergeburt und Karma. In fr\u00fcheren Zivilisationen habe es weise Seelen gegeben, die bereits im Besitz dieses Wissen gewesen seien und dieses niedergeschrieben h\u00e4tten. Diese Texte zu finden und zu \u00fcbersetzten setzte es sich die Theosophischen Gesellschaft zur Aufgabe. 1878 siedelte sie deshalb nach Indien \u00fcber. Die Theosophen \u00fcbersetzten Texte wie die Bhagavad Gita und vertrieben diese in Europa und den USA. Sie waren Herausgeber einer Vielzahl von Zeitschriften in aller Welt und ver\u00f6ffentlichten zudem B\u00fccher, in denen sie ihre Lehre verbreiteten. Im 20. Jahrhundert wurden die Theosophen auch politisch aktiv. Sie forderten die Unabh\u00e4ngigkeit Indiens und waren im indischen Nationalkongress vertreten. Mahatma Gandhi selbst lernte als junger Mann in London Blavatsky kennen und war von ihr tief beeindruckt. Auch er lernte erst durch die Theosophie die religi\u00f6sen Schriften seiner Heimat kennen. Im Jahr 1913 spaltete sich in Deutschland unter Rudolf Steiner die Anthropologische Gesellschaft ab. Es gibt sie bis heute, sie brachte die Waldorfp\u00e4dagogik, die Demeter Bauernh\u00f6fe oder die Al Natura Supermarktkette hervor.<\/p>\n<p><strong>Beliebtes Tummelfeld<\/strong><\/p>\n<p>Die Theosophische Gesellschaft befandsich am Ende des 19. Jahrhunderts im breiten Grenzstreifen zwischen dem, was wir heute als Wissenschaft und dem, was wir als Religion bezeichnen, einem Streifen, der im 19. Jahrhundert reich bev\u00f6lkert war. Sie verstand sich selbst als Wissenschaft, ebenso wie viele spiritistische Gruppierungen, die Kontakt zu den Seelen der Verstorbenen aufnehmen wollten und mit Telekinese, Telepathie und Ektoplasma experimentierten. Diese Gruppen waren h\u00e4ufig nicht so streng getrennt von universit\u00e4rer Forschung, wie man glauben k\u00f6nnte. Insbesondere im Zwischenreich von Psychologie und Physik waren die Grenzen der Wissenschaft keineswegs eindeutig und manch ein Nobelpreisgewinner unterhielt eine aktive Mitgliedschaft in einer spiritistischen Forschungsgesellschaft. Aus diesem Bereich sch\u00f6pften auch viele Schriftsteller des 19. Jahrhunderts die Ideen f\u00fcr ihre Geschichten.<\/p>\n<p><strong>Muse f\u00fcr den Horror<\/strong><\/p>\n<p>Auch der sich gerade wieder gr\u00f6sserer Beliebtheit erfreuende Horrorschriftsteller H.P. Lovecraft (1890 \u20131937) interessierte sich sehr f\u00fcr jenen Grenzstreifen zwischen Wissenschaft und Religion, insbesondere f\u00fcr die Theosophie. Im Jahr 1928 erschien im \u00abWeird Tales Magazine\u00bb seine Erz\u00e4hlung The Call of Cthulhu, die heute zu seinen bekanntesten Werken z\u00e4hlt. Darin erbt der junge Wilcox von seinem Onkel eine Kiste, die in Form von Tagebucheintr\u00e4gen und Zeitungsberichten das Geheimnis des schrecklichen Cthulhu enth\u00e4lt, eines grauenhaften, ausserirdischen Wesens, das ineiner verborgenen Stadt im Meer auf seine Befreiung wartet und mittels Telepathie in die Tr\u00e4ume der Menschen eindringt. Lovecraft nimmt bereits auf der ersten Seite Bezug zur Theosophie. Er schreibt: \u00abDie Theosophen erahnten die schreckliche Gr\u00f6sse des kosmischen Zyklus, in dem unsere Welt und das Menschengeschlecht nur fl\u00fcchtige Zuf\u00e4lle darstellen. Sie haben das \u00dcberleben von etwas Fremdem in Worten angedeutet, die das Blut gefrieren liessen, w\u00e4ren sie nicht hinter milderndem Optimismus verborgen.\u00bb<\/p>\n<p>F\u00fcr seine Geschichten nimmt Lovecraft den Wahrheitsanspruch der Theosophen ernst und deutet ihn um, obwohl er die Theosophie privat als pseudo-wissenschaftlich bezeichnete und sich durchaus auch lustig machte, \u00fcber die okkultistischen Studien seiner literarischen Vorv\u00e4ter. Lovecraft war sicherlich kein Theosoph oder Okkultist, aber f\u00fcr ihn waren deren Ideen eine Inspiration f\u00fcr die Entwicklung seiner Theorie des Horrors, die im Science-Fiction-Genre ein h\u00e4ufiges Motiv darstellt. In seiner theoretischen Abhandlung Supernatural Horror in Literatur nennt er dieses den \u00abCosmic Horror\u00bb. Es ist die Angst, in einen Kosmos eingebunden zu sein, den der Mensch nicht begreifen kann und in dem er nichts gilt. Diesen Schrecken versinnbildlicht Lovecraft durch ein Monster von einem fremden Stern, das \u00e4hnlich einem Seeungeheuer riesig und mit gr\u00fc nem Schleim \u00fcberzogen ist. Es hat Tentakeln und besitzt eine auf der Erde unbekannte, \u00fcbermenschliche psychische Kraft.<\/p>\n<p><strong> Warum in die Ferne schweifen?<\/strong><\/p>\n<p>Als Ridley Scott 1979 mit \u00abAlien\u00bb einen der grossen Science-Fiction-Filmklassiker drehte, liess er sich von Lovecrafts Cthulhu inspirieren. Das Design f\u00fcr den Film \u00fcbernahm der Schweizer K\u00fcnstler HR Giger, der das mittlerweile zur Ikone gewordene Alien nach Lovecrafts Vorlage schuf. Und nicht nur hierf\u00fcr liess er sich von Lovecraft und dem Okkultismus inspirieren. Wer den okkultistischen Wurzeln der Science-Fiction nachsp\u00fcren m\u00f6chte, f\u00e4ngt also am besten in n\u00e4chster Nachbarschaft an: Mit einem Besuch im Giger Museum in Gruy\u00e8res.<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<p>Dieser Artikel wurde zuerst im Dezember 2015 im Magazin \u00ab<a href=\"http:\/\/www.unifr.ch\/scm\/pdf\/uf\/2016\/uf02_15_16.pdf\" target=\"_blank\">universitas<\/a>\u00bb unter dem Titel \u00abGelebte Science-Fiction\u00bb publiziert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Judith Bodend\u00f6rfer gewann den Science Slam 2016 in Freiburg. Kurz davor ver\u00f6ffentlichte sie einen Artikel im Magazin \u00abuniversitas\u00bb unter dem Titel \u00abGelebte Science-Fiction\u00bb. Es geht darin um die Theosophische Gesellschaft, die 1875 in New York gegr\u00fcndet wurde. Die okkulte Gruppe verschrieb sich der Forschung verborgener Naturkr\u00e4fte und wurde zu einer Muse der sp\u00e4teren Science-Fiction-Szene. Im Jahr 1871 ver\u00f6ffentlichte Lord Bulwer-Lytton (1803\u20131873), ein Schriftsteller, der in der Tradition der englischen Gothic Novel stand, einen Roman, der heute zu den ersten Science-Fiction-Geschichten der Welt gez\u00e4hlt werden kann. 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