{"id":23512,"date":"2026-06-23T10:27:34","date_gmt":"2026-06-23T09:27:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=23512"},"modified":"2026-06-23T10:33:50","modified_gmt":"2026-06-23T09:33:50","slug":"die-festplatte-neben-der-thora","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2026\/die-festplatte-neben-der-thora","title":{"rendered":"Die Festplatte neben der Thora"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Zeitgen\u00f6ssische Kunst tritt in den Dialog mit jahrtausendealten Objekten. Das ist die Idee hinter der aktuellen Ausstellung im Bibel+Orient Museum. Das Spezielle: Kuratiert wurde sie von Studierenden in einem Seminar.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>Im Bibel+Orient Museum liegt derzeit der Abguss einer Computer-Festplatte neben einer Thora, Kamel-Figuren und Skarab\u00e4en stehen vor \u00fcppig gemalten Freiburger Landschaften. Grund daf\u00fcr ist die Ausstellung \u00abHistoires crois\u00e9es\u00bb, in der zeitgen\u00f6ssische K\u00fcnstler_innen mit der Sammlung des Museums in den Dialog treten. Die Idee dahinter ist so einfach wie genial: Sechs junge K\u00fcnstler_innen aus der Schweiz wurden dazu eingeladen, sich \u2013 in Zusammenarbeit mit Studierenden \u2013 die Dauerausstellung \u00abVon G\u00f6ttern zu Gott\u00bb anzuschauen und eigene Interventionen zu entwickeln.<\/p>\n<p>\u00abDie Idee war eine transkulturelle Kuration, eine Ausstellung, in der Kulturen und Zeiten miteinander in Interaktion treten\u00bb, sagt Julia Gelshorn. Die ordentliche Professorin am Departement f\u00fcr Kunstgeschichte und Arch\u00e4ologie ist eine der Initiant_innen von \u00abHistoires crois\u00e9es\u00bb. Man habe schnell gemerkt, dass bereits die Sammlungsausstellung eine transkulturelle sei. Eine, in der hybride arch\u00e4ologische Objekte davon zeugen, wie verschiedene Kulturen ineinander \u00fcbergehen, aufeinander reagieren. \u00abKunst ist eine Form der Reflexion, die es erm\u00f6glicht, diesen Objekten noch einmal eine weitere Schicht hinzuzuf\u00fcgen \u2013 das war f\u00fcr die K\u00fcnstler_innen extrem spannend.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Sechs heterogene K\u00fcnstler_innen<br \/>\n<\/strong>Herausgekommen ist ein kurzweiliger Rundgang, der mal zum Nachdenken, mal aber auch zum Schmunzeln anregt. <strong>Felix St\u00f6ckle<\/strong> etwa, bekannt f\u00fcr seine ironischen Interventionen, hat in seinem Werk <em>DSS (Dog Soul Stone) <\/em>einen Seelenstein zu Ehren seines Hundes produziert. In knalligem Gelb steht er neben \u00e4gyptischen Grabreliefs und verweist auf Skarab\u00e4en, die die Seele eines Menschen verk\u00f6rpern sollen.<\/p>\n<p><strong>Ma\u00ebl Dupraz Nayak<\/strong>, der K\u00fcnstler mit der Computer-Festplatte, setzt sich in seinem Werk <em>Is Enslaved God the Only Good Future<\/em> mit Zukunftsszenarien auseinander, basierend auf einem Buch des Kosmologen Max Tegmark. \u00abEs geht darum, wie K\u00fcnstliche Intelligenz unsere Gesellschaft umformt. Und bei den Werken konkret auch um die Frage, welche Relikte dereinst von uns \u00fcbrigbleiben \u2013 und ob wir f\u00fcr zuk\u00fcnftige Generationen lesbar und verst\u00e4ndlich bleiben\u00bb, erkl\u00e4rt Julia Gelshorn.<\/p>\n<p>Kritisch mit der Konzeption von Orient setzt sich <strong>Dilan Kilic<\/strong> auseinander. Mit ihrer weissen Pseudopflanze aus Kunststoff, die sich im Werk <em>Orientalismus venere <\/em>\u00fcber verschiedene Ausstellungsobjekte ausbreitet, interessiert sie sich f\u00fcr die Frage, inwiefern der Import exotischer Pflanzen Teil des Kolonialismus und Orientalismus war. Auch in ihren beiden anderen Werken hinterfragt sie ganz direkt unsere westliche Konstruktion des Orients, eine Konstruktion, die nicht zuletzt auch das Bibel+Orient Museum selbst pr\u00e4gt.<\/p>\n<p><strong>Gr\u00e9gory Sugnaux<\/strong> wirft ebenfalls Fragen auf, indem er die exotischen Objekte unter dem Titel <em>Environs<\/em> vor seine Freiburger Landschaften stellt. Er interessiert sich grunds\u00e4tzlich f\u00fcr das Zusammentreffen und f\u00fcr den Ort von Bildern der Hoch- und Popul\u00e4rkultur in unserer massenmedialen Gesellschaft. \u00abDie arch\u00e4ologischen Objekte sind ohnehin schon dekontextualisiert. Die absurden Kulissen von Freiburger Landschaften werfen aber noch einmal ganz andere Fragen nach ihrer und unserer Verortung auf\u00bb, sagt Gelshorn. Es ist ein gutes Beispiel f\u00fcr den Dialog zwischen den Objekten, der Kunst und den Besuchenden, den die Ausstellung anregen will.<\/p>\n<p>Ein pers\u00f6nlich angehauchtes Werk hat <strong>Virginie Rebetez<\/strong> mit <em>Jeu d\u2019osselets? <\/em>geschaffen. \u00abSie interessiert sich f\u00fcr Abschiedsrituale und unterschiedliche Kulturen des Umgangs mit Verstorbenen und hat Abg\u00fcsse eines Knochens ihres verstorbenen Grossvaters in die Vitrine zu dem einbalsamierten Falken geschleust\u00bb, sagt Gelshorn.<\/p>\n<p>Komplettiert wird die Sammlung durch die spektakul\u00e4re Installation <em>Shall be pleasing<\/em> von <strong>Jacopo Belloni<\/strong>, die den mittelalterlichen Totenges\u00e4ngen gewidmet ist und knattert, leuchtet und einem sogar einen kleinen Stromschlag verpasst, wenn man sie anfasst.<br \/>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div id=\"new-royalslider-175\" class=\"royalSlider new-royalslider-175 rsUni rs-default-template\" style=\"width:100%;height:400px;;\" data-rs-options='{&quot;template&quot;:&quot;default&quot;,&quot;image_generation&quot;:{&quot;imageWidth&quot;:&quot;&quot;,&quot;imageHeight&quot;:&quot;&quot;,&quot;thumbImageWidth&quot;:&quot;&quot;,&quot;thumbImageHeight&quot;:&quot;&quot;},&quot;thumbs&quot;:{&quot;thumbWidth&quot;:96,&quot;thumbHeight&quot;:72},&quot;video&quot;:[],&quot;width&quot;:&quot;100%&quot;,&quot;height&quot;:&quot;400px&quot;}'>\n<div class=\"rsContent\">\n  <img class=\"rsImg\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/DilanKilic-1024x683.jpg\" alt=\"Mus\u00e9e Bible + Orient : Vernissage Expo Histoires Crois\u00e9es. Pho\"\/>\n  \n  \n  \n<\/div>\n<div class=\"rsContent\">\n  <img class=\"rsImg\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/FelixStoeckle-1024x683.jpg\" alt=\"Mus\u00e9e Bible + Orient : Vernissage Expo Histoires Crois\u00e9es. Pho\"\/>\n  \n  \n  \n<\/div>\n<div class=\"rsContent\">\n  <img class=\"rsImg\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/GregorySugnaux-1024x683.jpg\" alt=\"Mus\u00e9e Bible + Orient : Vernissage Expo Histoires Crois\u00e9es. Pho\"\/>\n  \n  \n  \n<\/div>\n<div class=\"rsContent\">\n  <img class=\"rsImg\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Hauptbild-1024x683.jpg\" alt=\"Mus\u00e9e Bible + Orient : Vernissage Expo Histoires Crois\u00e9es. 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Die freie Kuratorin Madeleine Schuppli, die 2024 bereits ein Seminar an der Uni Freiburg geleitet hatte, sei mit der Frage auf sie zugekommen, ob es nicht einen Ort gebe, um in einem Seminar tats\u00e4chlich einmal eine Ausstellung zu realisieren, erz\u00e4hlt Julia Gelshorn. \u00abDas Bibel+Orient Museum war sofort dabei und der Innovationsfonds der Fakult\u00e4t unterst\u00fctzte das Projekt.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abEin Kraftakt\u00bb sei es gewesen, innerhalb eines Seminars die Ausstellung auf die Beine zu stellen. Sie habe deshalb von Beginn weg klargemacht, dass von den Teilnehmenden w\u00e4hrend des Semesters \u00fcberdurchschnittliches Engagement erwartet w\u00fcrde. \u00abEinige mussten sich daraufhin tats\u00e4chlich gegen die Teilnahme entscheiden, sieben sind aber geblieben und haben aussergew\u00f6hnlichen Einsatz gezeigt.\u00bb Emilia Astorina, Ana Eichmann, Ludine Hofer, Zo\u00e9 Lou Javet, Elisa Federica K\u00e4ppeli, Th\u00e9o Roux und Maria Chiara Zwahlen, allesamt <em>Studierende des Masterstudiengangs Kunstgeschichte, <\/em>erhielten so einen wertvollen Einblick in die Praxis. Gemeinsam mit Schuppli und Gelshorn w\u00e4hlten sie die Kunstschaffenden aus, entwickelten ein Ausstellungskonzept, begleiteten die K\u00fcnstler_innen in ihrem Schaffensprozess, schrieben Texte zu den Werken, Reden f\u00fcr die Vernissage oder entwarfen F\u00fchrungen f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit. \u00abGleichzeitig war es f\u00fcr die Studierenden spannend zu sehen, welche Diskussionen und Aushandlungsprozesse mit solchen Ausstellungen einhergehen.\u00bb Was kann man den K\u00fcnstler_innen anbieten? Wer \u00fcbernimmt Material- und Produktionskosten? Was, wenn eine k\u00fcnstlerische Idee sich aus konservatorischer Perspektive nicht umsetzen l\u00e4sst? Wie findet man Kompromisse zwischen den Interessen der unterschiedlichen Akteure und den institutionellen Bedingungen? \u00abDie Studierenden haben viel gelernt. So praxisnah unterrichten zu k\u00f6nnen, ist ein Gl\u00fcck\u00bb, sagt Julia Gelshorn.<\/p>\n<p>Das Resultat l\u00e4sst sich sehen, findet auch Elodie Bauer, Leiterin Kommunikation und Kulturvermittlung beim Bibel+Orient Museum. Die ersten R\u00fcckmeldungen zur Sonderausstellung, die noch bis Ende Dezember l\u00e4uft, seien positiv. \u00abDie Leute sagen, die Thematik passe gut zur Dauerausstellung. Es sei kein zu starker Kontrast zum Rest des Museums, die Kunst sei auch visuell gut in die Ausstellung integriert. Und ganz grunds\u00e4tzlich finden sie das Projekt mit den Studierenden sehr interessant.\u00bb<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.bible-orient-museum.ch\/de\/\">Bibel+Orient Museum<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeitgen\u00f6ssische Kunst tritt in den Dialog mit jahrtausendealten Objekten. Das ist die Idee hinter der aktuellen Ausstellung im Bibel+Orient Museum. Das Spezielle: Kuratiert wurde sie von Studierenden in einem Seminar. Im Bibel+Orient Museum liegt derzeit der Abguss einer Computer-Festplatte neben einer Thora, Kamel-Figuren und Skarab\u00e4en stehen vor \u00fcppig gemalten Freiburger Landschaften. 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