{"id":23059,"date":"2026-02-24T08:54:44","date_gmt":"2026-02-24T07:54:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=23059"},"modified":"2026-02-25T14:17:26","modified_gmt":"2026-02-25T13:17:26","slug":"zwischen-unifr-studium-und-spitzensport-ein-interview-mit-sandrine-benz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2026\/zwischen-unifr-studium-und-spitzensport-ein-interview-mit-sandrine-benz","title":{"rendered":"Zwischen Unifr-Studium und Spitzensport \u2013 Ein Interview mit Sandrine Benz"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Zwischen H\u00f6rsaal und Weltmeisterschaft: Seit Beginn ihres Medizinstudiums an der Universit\u00e4t Freiburg im Jahr 2022 lebt Spitzensportlerin Sandrine Benz (41) eine aussergew\u00f6hnliche Doppelkarriere.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>Als Sandrine Benz im Herbst 2022 ihr Medizinstudium an der Universit\u00e4t Freiburg begann, schien ihre Karriere im Spitzentriathlon abgeschlossen. F\u00fcnf Weltmeistertitel, Europa- und Schweizermeisterschaften und 17 internationale Medaillen lagen bereits hinter ihr. Der Entscheid zum R\u00fccktritt war bewusst gefallen: Hochleistungssport und Humanmedizinstudium, so ihre \u00dcberzeugung, liessen sich nicht miteinander vereinbaren.<\/p>\n<p>Doch der Sport blieb pr\u00e4sent. Ohne Trainer, ohne Wettkampfplan und ohne \u00e4usseren Druck begann sie wieder zu trainieren. Im Sommer 2023 gewann Sandrine Benz aus diesem selbst gesteuerten Training heraus WM-Bronze. Kurz darauf stoppte ein Meniskusriss ihr Comeback abrupt. Es folgten Operation und neun Monate vollst\u00e4ndiger Sportausfall, eine Phase, die auch ihr Studium beeintr\u00e4chtigte.<\/p>\n<p>Ihr zweites Comeback geriet umso eindrucksvoller: 2024 holte sie EM- und WM-Gold im Sprinttriathlon zur\u00fcck auf die internationale B\u00fchne. 2025 wurde sie Weltmeisterin in der Staffel \u00fcber die halbe Ironman-Distanz. Nur drei Tage nach dem pr\u00fcfungsm\u00e4ssigen Abschluss ihres Bachelorstudiums gewann Sandrine Benz EM-Silber, zwei Wochen sp\u00e4ter folgte Schweizermeisterschaftsgold. Heute, mit 41 Jahren, ist sie wieder nationale Titeltr\u00e4gerin und richtet den Blick auf eine vielseitige Saison 2026.<\/p>\n<p>Im Interview spricht Sandrine Benz \u00fcber ihren ungew\u00f6hnlichen Weg.<\/p>\n<p><strong>Wie hat sich Ihr Blick auf Leistung ver\u00e4ndert, seit Sie gleichzeitig Studentin und Spitzensportlerin sind? Gab es Momente, in denen Sie das Gef\u00fchl hatten, zwischen zwei Identit\u00e4ten w\u00e4hlen zu m\u00fcssen?<br \/>\n<\/strong>Vor Beginn des Medizinstudiums war ich fest davon \u00fcberzeugt, dass, wenn man in einem bestimmten Bereich auf Leistung kommen wolle, man sich mit ganzer Kraft darauf konzentrieren m\u00fcsse. So manch eine freundschaftliche Einladung hatte ich in meinen Jahren vor Studienantritt zugunsten des Trainings abgelehnt. Im Sport bin ich damit zwar weit gekommen, habe mit der Zeit aber auch den Preis eines etwas einseitigen Daseins bezahlt.<\/p>\n<p>Mit Beginn des Medizinstudiums war es f\u00fcr mich nicht mehr m\u00f6glich, dem Sport so viel Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken wie bis anhin. Gleichzeitig war es mir wichtig, in meinem neuen Studienalltag etwas \u00abbalancierter\u00bb unterwegs zu sein. Soziale Kontakte und Sport sollten nebst dem Medizinstudium auch Platz in meinem Alltag finden. Ich war schlichtweg einfach nicht mehr bereit, mein Dasein weiterhin auf einer einzigen S\u00e4ule zu bauen.<\/p>\n<p>So experimentierte ich w\u00e4hrend meines ersten Studienjahres auf vielf\u00e4ltige Art und Weise herum im Bestreben, eine solche Balance in meinem Alltag zu finden. Als ich sie gegen Ende des zweiten Studiensemesters allm\u00e4hlich gefunden hatte, stellte ich fest, dass ich mit rund der H\u00e4lfte der Trainingsstunden, die ich den Jahren zuvor w\u00f6chentlich absolviert hatte, auf bessere Leistungen als jemals zuvor kam. Gleichzeitig \u00fcberraschten mich auch meine akademischen Leistungen \u2013 verbrachte ich doch die eine oder andere Stunde weniger in der Bibliothek, um mich zu bewegen oder aber auch einmal eine Freundin auf einen Kaffee zu treffen.<\/p>\n<p>Heute bin ich der Ansicht, dass ein zufriedener, ausgeglichener Mensch seine H\u00f6chstleistung abrufen kann. So empfehle ich nicht nur jungen Nachwuchssportlerinnen und -sportlern, sondern auch Studierenden, bewusst daf\u00fcr zu sorgen, nebst Sport und Studium soziale Beziehungen zu pflegen und f\u00fcr einen kognitiven oder aber k\u00f6rperlichen Ausgleich zu sorgen. Ich glaube, damit kann man \u00fcber lange Zeit sehr leistungsf\u00e4hig und zugleich auch gl\u00fccklich sein.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meiner ersten Studienmonate hatte ich tats\u00e4chlich das Gef\u00fchl, meine Sportleridentit\u00e4t zugunsten der Identit\u00e4t als Medizinstudentin verabschieden zu m\u00fcssen. Das hat mich auch ziemlich traurig gestimmt \u2013 hatte der Sport mein Dasein doch w\u00e4hrend gut anderthalb Jahrzehnten dominiert.<\/p>\n<p>Nachdem ich mich eines Tages daf\u00fcr entschieden hatte, den Versuch zu starten, mein Sportlerwesen mit jenem der Medizinstudentin zu vereinen, begann ich, im Laufe des Tages bewusst zwischen diesen zwei Identit\u00e4ten hin und her zu wechseln: Wenn ich trainierte, war ich die Sportlerin. Und genoss es total, meinen Kopf abschalten zu k\u00f6nnen. Sobald das Training beendet war und ich mich Richtung Uni aufmachte, nahm ich die Rolle der Studentin an. Und genoss es, meine Beine mit gutem Gef\u00fchl hochlegen und meinen Kopf fordern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nach einigen Wochen merkte ich, dass ich durch dieses bewusste Wechseln zwischen Sportler- und Studentendasein eine wertvolle Win-Win-Situation generieren konnte, von der meine sportlichen und akademischen Leistungen profitierten. Der entscheidende Punkt war wohl mein Mindset: Weg von der Idee \u00abentweder bin ich Sportlerin oder Studentin\u00bb, hin zu \u00abich bin Sportlerin und Studentin\u00bb.<\/p>\n<p><strong>Was hat Ihnen das Medizinstudium \u00fcber den eigenen K\u00f6rper beigebracht?<br \/>\n<\/strong>Nat\u00fcrlich sehr vieles. Kleine Zipperlein, wie sie bei Sportlerinnen und Sportlern regelm\u00e4ssig auftreten, kann ich heute besser einordnen und mir dadurch manchen Gang zum Sportmediziner ersparen.<\/p>\n<p>Ebenso weiss ich seit dem Studium des menschlichen Immunsystems, was im K\u00f6rper vor sich geht, wenn er mit einem Infekt k\u00e4mpft. Meldet sich bei mir ein Schnupfen oder eine Grippe an, nehme ich im Training heute sofort den Fuss vom Gaspedal, wissend, dass mein K\u00f6rper gerade mehr als genug damit besch\u00e4ftigt ist, diesem Eindringling Herr zu werden. Die Frage, weshalb intensive Trainings w\u00e4hrend den ersten zehn Tagen nach einem Infekt nichts verloren haben, braucht man mit mir heute auch nicht mehr zu diskutieren.<\/p>\n<p>Das Medizinstudium hat mir dar\u00fcber hinaus auch vor Augen gef\u00fchrt, was f\u00fcr ein Wunderwerk der menschliche K\u00f6rper ist. Gibt man ihm, was er braucht (gesundes Essen, ausreichend Schlaf), kann er so viele Probleme von alleine l\u00f6sen und ist im Grunde genommen unglaublich belastbar. So schaue ich mir und meinem K\u00f6rper heute etwas verantwortungsbewusster als auch schon und traue ihm gleichzeitig auch mehr zu.<\/p>\n<p><strong>W\u00fcrden Sie heute noch sagen, dass Spitzensport und Medizin \u00abnicht vereinbar\u00bb sind \u2013 oder hat sich diese \u00dcberzeugung verschoben?<br \/>\n<\/strong>Diese \u00dcberzeugung hat sich bei mir im Verlauf der vergangenen Jahre stark ver\u00e4ndert. Heute wage ich zu sagen, dass Spitzensport und Medizin durchaus miteinander vereint werden k\u00f6nnen, wenn man Partner an seiner Seite hat, die ein solches Vorhaben unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Ich hatte das Gl\u00fcck, dass mich s\u00e4mtliche Akteure der Universit\u00e4t Freiburg auf diesem Weg unterst\u00fctzt haben. So durfte ich mir f\u00fcr meinen Bachelorabschluss vier anstelle von drei Jahren Zeit nehmen, was die Studienbelastung etwas reduzierte. Ebenso wurde es mir erlaubt, zugunsten wichtiger Wettk\u00e4mpfe oder Trainingslager auch das eine oder andere Mal an der Uni zu fehlen.<\/p>\n<p>Im Gegenzug habe ich in Momenten der Pr\u00fcfungsvorbereitung auch auf den einen oder anderen nennenswerten Wettkampf verzichtet oder das Training zugunsten des Studiums reduziert. Um das m\u00f6glich zu machen, musste ich auch mit Akteuren aus dem Sport sprechen und auch mit ihnen den einen oder anderen Kompromiss aushandeln.<\/p>\n<p>Am Ende war es ein gegenseitiges \u00abAufeinanderzugehen\u00bb von allen Seiten her: Von mir, von Seite der Universit\u00e4t und von Seite des nationalen Verbandes. Gemeinsam haben wir es geschafft, das scheinbar Unm\u00f6gliche m\u00f6glich zu machen.<\/p>\n<p><strong>Was war psychologisch schwieriger: der freiwillige R\u00fccktritt oder der erzwungene Stillstand durch die Verletzung?<br \/>\n<\/strong>Mhm, gute Frage \u2026 Im ersten Moment hat sich der freiwillige R\u00fccktritt als amtierende Schweizermeisterin, mit einer EM- und WM-Medaille aus dem gleichen Jahr in der Hand, f\u00fcr mich sehr rund angef\u00fchlt gehabt. Ein R\u00fccktritt, wie es sich so manch ein Sportler w\u00fcnschen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>In den Monaten danach begann mich dann aber tats\u00e4chlich die Frage zu plagen, ob ich nicht \u00abzu fr\u00fch\u00bb dem Spitzensport den R\u00fccken zugekehrt hatte. Was h\u00e4tte noch aus mir werden k\u00f6nnen, wenn ich weiter drangeblieben w\u00e4re \u2026<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzung mit dieser Frage f\u00fchrte letzten Endes dazu, dass ich zwei Monate nach Studienbeginn eines Tages doch wieder ins Wasser sprang und mich daf\u00fcr entschied, zu pr\u00fcfen, was nebst dem Medizinstudium sportlich f\u00fcr mich noch m\u00f6glich war.<\/p>\n<p>Der Meniskusriss wenige Tage nach meiner \u00abComeback-WM\u00bb 2023 tat im ersten Moment mental unfassbar weh. Kaum hatte ich \u00abden Dreh raus\u00bb mit Studium und Sport und war wieder einigermassen fit, kam diese Verletzung, bei der von Tag 1 an klar war, dass sie mich f\u00fcr lange Zeit aus dem Verkehr ziehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Zum guten Gl\u00fcck begann kurze Zeit nach der OP das zweite Studiensemester, welches ich zwar nur in der Theorie und gr\u00f6sstenteils von zuhause aus absolvieren konnte, das meinem Tag aber doch wieder eine hilfreiche Struktur verlieh und meinen Kopf besch\u00e4ftigte. So hatte ich dann gar nicht mehr so viel Zeit dar\u00fcber nachzudenken, was diese Verletzung mit mir gerade machte. Und als die Pr\u00fcfungen dieses zweiten Semesters dann vorbei waren, durfte ich das Training ganz sanft auch wieder aufnehmen. Entsprechend war der mentale Leidensdruck in den ersten Tagen nach der Verletzung zwar gross, daf\u00fcr zeitlich von eher kurzer Dauer \u2013 dem Medizinstudium sei Dank.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div id=\"new-royalslider-172\" class=\"royalSlider new-royalslider-172 rsUni rs-default-template\" style=\"width:100%;height:400px;;\" data-rs-options='{&quot;template&quot;:&quot;default&quot;,&quot;image_generation&quot;:{&quot;imageWidth&quot;:&quot;&quot;,&quot;imageHeight&quot;:&quot;&quot;,&quot;thumbImageWidth&quot;:&quot;&quot;,&quot;thumbImageHeight&quot;:&quot;&quot;},&quot;thumbs&quot;:{&quot;thumbWidth&quot;:96,&quot;thumbHeight&quot;:72},&quot;video&quot;:[],&quot;width&quot;:&quot;100%&quot;,&quot;height&quot;:&quot;400px&quot;}'>\n<div class=\"rsContent\">\n  <img class=\"rsImg\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/240810_180445-85pbA28-1024x683.jpg\" alt=\"\"\/>\n  \n  \n  \n<\/div>\n<div class=\"rsContent\">\n  <img class=\"rsImg\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/20241017_135822-768x1024.jpg\" alt=\"20241017_135822\"\/>\n  \n  \n  \n<\/div>\n<div class=\"rsContent\">\n  <img class=\"rsImg\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/20241019_130939-929x1024.jpg\" alt=\"20241019_130939\"\/>\n  \n  \n  \n<\/div>\n<div class=\"rsContent\">\n  <img class=\"rsImg\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/AgeGroupSaturday_2023-_2000px_063-_mitchproductions.ch_-1024x682.jpg\" alt=\"AgeGroupSaturday_2023 _2000px_063 _mitchproductions.ch\"\/>\n  \n  \n  \n<\/div>\n<div class=\"rsContent\">\n  <img class=\"rsImg\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/DSC_3118-1024x922.jpg\" alt=\"DSC_3118\"\/>\n  \n  \n  \n<\/div>\n<div class=\"rsContent\">\n  <img class=\"rsImg\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/IMG-20250518-WA0059-883x1024.jpg\" alt=\"IMG-20250518-WA0059\"\/>\n  \n  \n  \n<\/div>\n\n<\/div>\n\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>Bilder: \u00a9 Petko Beier (TriathlonD, Helm), Swiss Triathlon (Zieleinlauf in Hamburg &amp; Verfolgerin aus den USA), Ronja Blume (Podium zu dritt in Samorin), Johannes Seidenspinner (goldene WM-Medaille, Strandhintergrund)<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Wie h\u00e4lt man Motivation aufrecht, wenn neun Monate lang gar nichts geht?<br \/>\n<\/strong>Indem man sich dar\u00fcber freut, sich in aller Ruhe die Physiologie des menschlichen K\u00f6rpers einzuverleiben, und daneben abends gar einmal Zeit f\u00fcr das Schauen eines Films hat.<\/p>\n<p>Nein \u2013 Spass beiseite: Nat\u00fcrlich entsprach das wochenlange Hochlagern und Ruhighalten des Beins nicht unbedingt meinem Naturell. Doch da mir klar war, wie lange es dauern w\u00fcrde, bis diese Verletzung ausgeheilt sein wird, habe ich mich bewusst daf\u00fcr entschieden, das Beste aus dieser Zeit zu machen \u2013 im Wissen, dass wieder bessere Zeiten folgen w\u00fcrden. Im Studium habe ich jene Vorlesungen absolviert, die aus der Ferne und in liegender Position machbar waren. Das hat mir sehr geholfen, w\u00e4hrend dieser Zeit wieder eine gewisse Tagesstruktur und ein Ziel zu haben.<\/p>\n<p>Und wie es bei manch einem Sportler so ist, habe ich dank der intensiven Physiotherapie, die ich w\u00e4hrend dieser Zeit erhalten hatte, so manche k\u00f6rperliche Schwachstelle beseitigen k\u00f6nnen. Mit dem Ergebnis, dass ich am Ende noch st\u00e4rker in den Sport zur\u00fcckgekehrt bin.<\/p>\n<p>Mental bin ich die Sache ruhig angegangen: Ich habe mir w\u00e4hrend der Zeit des Verletztseins gesagt, dass ich es anschliessend einfach nochmals genau so machen werde wie vor einem Jahr: Selbstgesteuert und f\u00fcr mich stimmig w\u00fcrde ich \u2013 sobald ich vom Orthop\u00e4den gr\u00fcnes Licht erhalten w\u00fcrde \u2013 ins Training zur\u00fcckkehren und dann einfach schauen, was leistungsm\u00e4ssig noch geht. Ganz nach dem Motto \u00abAlles kann \u2013 nichts muss mehr\u00bb. Die Freude an der Bewegung und der Ausgleich zum kopflastigen Studium standen f\u00fcr mich im Vordergrund und war meine Hauptmotivation, nach dieser langen Pause das Training wieder aufzunehmen.<\/p>\n<p><strong>Wie unterscheidet sich selbst gesteuertes Training mental von klassischer Trainerf\u00fchrung?<br \/>\n<\/strong>Der gr\u00f6sste Unterschied besteht darin, dass man selbst bestimmt, wann man was trainiert. In meinem Fall brachte das den Vorteil, dass ich das Training ideal und flexibel auf meinen Studienalltag abstimmen konnte, was Voraussetzung daf\u00fcr war, dass das Projekt \u00abLeistungstriathlon nebst Medizinstudium\u00bb gelingen konnte.<\/p>\n<p>Zudem bin ich der Ansicht, dass man den eigenen K\u00f6rper und dessen Signale selbst am besten sp\u00fcrt. Nehme ich wahr, dass ich wirklich m\u00fcde bin oder sich ein Infekt ank\u00fcndigen k\u00f6nnte, reduziere ich sofort die Trainingsbelastung. Dieses \u00abFeingesp\u00fcr\u00bb f\u00fcr die kleinen Signale des K\u00f6rpers fehlt bei externer Trainingssteuerung h\u00e4ufig.<\/p>\n<p>Die Voraussetzung, dass ich mit selbstgesteuertem Training doch noch nennenswerte Fortschritte erzielen konnte, war das vorangegangene Jahrzehnt, in welchem ich in einer der weltweit erfolgreichsten Triathlon-Talentschmieden trainieren durfte. Da konnte ich mir nat\u00fcrlich richtig viel Trainingswissen \u00fcber meine Sportart aneignen, was mir in meinem heutigen selbstgesteuerten Training hilft. Ohne dieses Wissen h\u00e4tte ich wohl kaum eine Chance, heute noch an der Spitze mit dabei zu sein bei selbst\u00e4ndiger Trainingssteuerung \u2026<\/p>\n<p><strong>Wie entwickeln Sie Disziplin, wenn niemand zuschaut?<br \/>\n<\/strong>Ich bin eine Person, die nur jene Ziele verfolgt, die sie auch wirklich begeistern. Ist das Feuer f\u00fcr ein Vorhaben in mir einmal entfacht, ist es f\u00fcr mich keine Frage, dass ich eine gewisse Disziplin an den Tag lege, um das von mir anvisierte Ziel zu erreichen. Ich brauche da niemanden, der \u00ab\u00fcberwacht\u00bb, ob ich meine Hausaufgaben erledige.<\/p>\n<p>Als ich noch mit einem Trainer gearbeitet hatte, habe ich in jedem Training meinen bestm\u00f6glichen Einsatz gegeben \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob der Trainer gerade anwesend war oder nicht. Die gleiche Disziplin lege ich auch im Studium an den Tag. Ich glaube, das ist ein Teil meiner Pers\u00f6nlichkeit \u2026<\/p>\n<p><strong>Sie sind jetzt 41 Jahre alt. Welche Mythen \u00fcber Alter im Spitzensport w\u00fcrden Sie gern korrigieren?<br \/>\n<\/strong>Dass es im Alter von Ende zwanzig zu sp\u00e4t sei, ambitionierte Pl\u00e4ne im Kurzdistanz-Triathlon zu schmieden, da man in diesem Alter auf dieser Distanz sowieso keine Chance mehr h\u00e4tte. Und dass man sich \u00abim hohen Alter von\u00bb 35 Jahren grunds\u00e4tzlich vom Leistungssport verabschieden sollte \u2013 schliesslich sei man keine zwanzig mehr.<\/p>\n<p>Ich stimme zu, dass die \u00abSpritzigkeit\u00bb und vielleicht auch die Peak Performance ab Mitte dreissig nicht mehr dieselbe ist wie bei den 20-J\u00e4hrigen. Ebenso wird man ab einem bestimmten Alter grunds\u00e4tzlich etwas verletzungsanf\u00e4lliger und braucht etwas mehr Erholungszeit zwischen den Trainings als in jungen Jahren. Im Gegenzug kann man im h\u00f6heren Alter die grosse M\u00fcnze der langj\u00e4hrigen Erfahrung und der pers\u00f6nlichen Reife in den Teller werfen. Und gerade an internationalen Wettk\u00e4mpfen, an denen alle Athletinnen und Athleten im sehr gut trainierten Zustand erscheinen, hilft es sehr, wenn man im Kopf die Ruhe bewahren und auf seine St\u00e4rke vertrauen kann. Heute habe ich keine schlaflosen N\u00e4chte mehr vor einer WM \u2013 vor 10 Jahren war das noch ganz anders. Auch das wiederum hilft mir, am Wettkampftag meine bestm\u00f6gliche Leistung abrufen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich bin der Ansicht, dass jemand so lange Spitzensport machen soll, wie er Freude am Trainieren hat und leistungsm\u00e4ssig auf dem entsprechenden Level noch mithalten kann. Diese Aspekte sind meiner Ansicht nach h\u00f6her zu bewerten als das kalendarische Alter.<\/p>\n<p><strong>Was reizt Sie an der Saison 2026 am meisten?<br \/>\n<\/strong>Die R\u00fcckkehr in die deutsche Triathlon-Bundesliga und mein erster Halb-Ironman nach zehn Jahren Kurzdistanz-Triathlon.<\/p>\n<p><strong>Gibt es Ziele, die nichts mit Medaillen zu tun haben?<br \/>\n<\/strong>Ja, die gibt es. Mein n\u00e4chstes akademisches Ziel ist es, im Herbst 2026 den Bachelorabschluss in der Humanmedizin in der Hand zu halten. Anschliessend m\u00f6chte ich gerne herausfinden, in welchem Bereich ich meine berufliche Zukunft sehe. Dar\u00fcber konnte ich mir in den letzten Jahren noch nicht so wirklich meine Gedanken machen, ich war schlichtweg einfach zu besch\u00e4ftigt \u2026<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist ein weiteres Ziel von mir, weiterhin ein \u00abbalanciertes\u00bb Dasein haben zu d\u00fcrfen, in welchem Sport, Studium bzw. Beruf und soziale Kontakte ihren Platz finden.<\/p>\n<p><strong>Was m\u00f6chten Sie j\u00fcngeren Sportler_innen \u00fcber Karriereplanung mitgeben?<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Balance ist wichtig. Baue dein Dasein auf mehreren Quellen des Sinns und der Zufriedenheit auf. F\u00e4llt ein Bereich zwischenzeitlich einmal weg (wie bei mir bei meiner Knieverletzung), ist es sehr hilfreich, noch andere Ressourcen zu haben, die deinem Dasein Sinn und Zufriedenheit verleihen.<\/li>\n<li>Habe den Mut, deinen Tr\u00e4umen treu zu bleiben und neue, vielleicht bisher noch nicht gegangene Wege zu finden, um diese zu verwirklichen.<\/li>\n<li>Wenn dir jemand einmal sagen sollte \u00abDas hat bis jetzt aber noch nie jemand geschafft\u00bb, dann denke dir \u00abDann bin ich eben der Erste, der es tut\u00bb.<\/li>\n<li>Orientiere dich an jenen Akteuren, die dich auf deinem Weg unterst\u00fctzen. Wer sucht, findet fr\u00fcher oder sp\u00e4ter solche Personen.<\/li>\n<li>Und \u2013 last but not least \u2013 geniesse deine Reise: Momente des Ruhms sind verg\u00e4nglich \u2013 was du an Wissen und Erfahrung diesem Weg abgewinnen kannst, bleibt dir erhalten.<\/li>\n<li>\u00abDer Weg ist das Ziel\u00bb &#8211; egal, ob im Medizinstudium oder im Sport.<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/sportuni\/de\/\">Unisport<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/med\/de\/\">Abteilung Medizin<\/a> der Unifr<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen H\u00f6rsaal und Weltmeisterschaft: Seit Beginn ihres Medizinstudiums an der Universit\u00e4t Freiburg im Jahr 2022 lebt Spitzensportlerin Sandrine Benz (41) eine aussergew\u00f6hnliche Doppelkarriere. Als Sandrine Benz im Herbst 2022 ihr Medizinstudium an der Universit\u00e4t Freiburg begann, schien ihre Karriere im Spitzentriathlon abgeschlossen. F\u00fcnf Weltmeistertitel, Europa- und Schweizermeisterschaften und 17 internationale Medaillen lagen bereits hinter ihr. Der Entscheid zum R\u00fccktritt war bewusst gefallen: Hochleistungssport und Humanmedizinstudium, so ihre \u00dcberzeugung, liessen sich nicht miteinander vereinbaren. Doch der Sport blieb pr\u00e4sent. Ohne Trainer, ohne Wettkampfplan und ohne \u00e4usseren Druck begann sie wieder zu trainieren. 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