{"id":22426,"date":"2025-06-24T07:53:08","date_gmt":"2025-06-24T06:53:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=22426"},"modified":"2025-06-25T12:39:09","modified_gmt":"2025-06-25T11:39:09","slug":"medikale-raeume-sind-nie-unschuldig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2025\/medikale-raeume-sind-nie-unschuldig","title":{"rendered":"\u00abMedikale R\u00e4ume sind nie unschuldig\u00bb"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Krankenh\u00e4user, Operationss\u00e4le und Reha-Kliniken k\u00f6nnen viel \u00fcber den Zeitgeist aussagen. Im Juli steht der medikale Raum im Fokus einer internationalen Tagung an der Uni Freiburg. Zwei Tage lang tauschen sich Expert_innen aus den Bereichen Medizin, Literatur, Geschichte und Architektur aus.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>Martina King blickt gerne \u00fcber den eigenen Tellerrand hinaus. Die ordentliche Professorin am Lehrstuhl f\u00fcr Medical Humanities verf\u00fcgt nicht nur \u00fcber eine medizinische Fach\u00e4rztinnen-Ausbildung, sondern auch \u00fcber eine doppelte Habilitation in Germanistik und Medizingeschichte. Entsprechend vielschichtig ist ihre Forschung. Zum Team, das sie leitet, geh\u00f6ren Literaturwissenschaftler_innen, Medizin- und Wissenschaftshistoriker_innen, etliche von ihnen auch mit einer Doppelausbildung als Kliniker_innen. Es geht um die kulturellen Dimensionen der Medizin \u2013 und die medikalen Dimensionen der Kultur. Auch beim SNF-Projekt <em>Medikale R\u00e4ume in der Erz\u00e4hlliteratur des 20. Jahrhunderts, <\/em>mit dem sich das Team seit zwei Jahren besch\u00e4ftigt. Im Rahmen dessen organisiert es als Midterm-Veranstaltung am 4. und 5. Juli in Freiburg die internationale Tagung <em>Medical Spaces in Cultural Studies, Architecture, Literature: Transdisciplinary Perspectives. <\/em><\/p>\n<p>Im Interview erkl\u00e4rt Martina King, was dabei im Vordergrund steht, warum medikale R\u00e4ume instrumentalisiert werden und wie moderner Krankenhausbau heute aussieht.<\/p>\n<p><strong>Sie widmen dem medikalen Raum eine zweit\u00e4gige Tagung. Warum sind Krankenh\u00e4user, Operationss\u00e4le oder Chemotherapie-R\u00e4ume so interessant?<br \/>\n<\/strong>Der medikale Raum ist jenseits seiner eigentlichen Funktionalit\u00e4t ein symbolisch hoch aufgeladener Kulturtr\u00e4ger \u2013 und zwar sowohl in der Kunst, in der Literatur als auch in der Alltagskultur. Ein Blick in die Medien reicht aus, um zu sehen, wie sehr medikale R\u00e4ume politisch und gesellschaftlich instrumentalisiert werden. Sie sind nie unschuldig und wertneutral. Einerseits k\u00f6nnen sie als Flaggen des Fortschritts dienen. Wenn Sie ein popul\u00e4res Wissenschaftsmagazin aufschlagen, sehen Sie da wom\u00f6glich ein tolles Gamma-Knife (Methode zur Behandlung von Tumoren im Gehirn, Anmerkung der Redaktion) abgebildet, und \u00fcberhaupt sieht es aus wie in einem Spacelab \u2013 ein klares Fortschrittsversprechen. Im n\u00e4chsten Magazin ist andererseits wom\u00f6glich ein kalt wirkender Klinikraum zu sehen, in dem der arme Mensch, der von schweren Leiden geplagt ist, endg\u00fcltig jede Humanit\u00e4t verliert.<\/p>\n<p><strong>Ist diese Instrumentalisierung ein neues Ph\u00e4nomen?<br \/>\n<\/strong>Sie ist ein Ph\u00e4nomen des 20. Jahrhunderts. Der medikale Raum ist nicht bloss eine H\u00fclle, in der etwas drin ist, sondern zunehmend ein Akteur. Und je technischer die medikalen R\u00e4ume werden, desto mehr gibt es Gegenr\u00e4ume; deshalb ergibt es auch mehr Sinn, vom medikalen anstatt vom medizinischen Raum zu sprechen, das ist weiter gefasst. Zum Beispiel die idyllische Reha-Klinik, in der nur die sch\u00f6nen Kastanienb\u00e4ume zu sehen sind. Zwar gibt es dort ebenfalls technische Ger\u00e4te, aber die werden nicht abgebildet. Es ist interessant, wie Kommunikation \u00fcber medikale R\u00e4ume in der Gegenwart l\u00e4uft. Sehr pluralistisch, das macht sich die Erz\u00e4hlliteratur seit den 1920er Jahren stark zunutze, erforscht wurde das bis jetzt hingegen kaum. Dort setzen wir an, wir sind Literaturwissenschaftler_innen und Medizinhistoriker_innen. Uns interessiert nebst der Wirklichkeit dieser R\u00e4ume auch, wie sie dargestellt werden \u2013 und welche Rolle sie kulturell, politisch und \u00e4sthetisch spielen.<\/p>\n<p><strong>Wie hat sich die Darstellung des medikalen Raums gewandelt \u2013 und was verr\u00e4t uns das \u00fcber den Zeitgeist?<br \/>\n<\/strong>Wenn in den Texten aus der Weimarer Republik die Technokratie der R\u00e4ume behandelt wird, geschieht das zum Teil stark fortschrittsutopisch, auf der anderen Seite aber auch bereits kritisch. Sie sind zwar ein Ort, an dem der moderne Mensch und die moderne Architektur zu Hause sind, der Supermensch, den man auch in Metropolis findet, wird dort wieder hergerichtet. Gleichzeitig ist es ein Ort, an dem der Mensch den Boden unter den F\u00fcssen verliert, was die sozialen Zusammenh\u00e4nge angeht. Es wird wahrgenommen, dass eine Technikrevolution im Gang ist. Die R\u00e4ume, mit denen \u00e4sthetisch operiert wird, sind in der Regel weder einsinnig gut noch schlecht, sondern immer ein Durcheinander aus beidem. Exemplarisch daf\u00fcr ist das R\u00f6ntgenkabinett in Thomas Manns <em>Zauberberg<\/em>. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das R\u00f6ntgen ein chaotisches Unterfangen \u2013 mit selbst gebauten R\u00f6hren, die st\u00e4ndig in die Luft flogen. Was im Roman beschrieben ist, war tats\u00e4chlich die Fr\u00fchzeit des R\u00f6ntgens, Thomas Mann kannte sich sehr gut aus. Es zeigt einerseits die Fortschrittshoffnung, andererseits ist diese verbunden mit dem Hinterfragen einer Chaostechnik, die im Grunde genommen die wissenschaftliche Einsicht in den Menschen auch wieder verdunkelt.<\/p>\n<p><strong>Wie sieht es heute aus?<br \/>\n<\/strong>Die medikalen R\u00e4ume sind in eine andere Gattung abgewandert: Autobiografien von kranken Menschen. Diese Gattung ist auf dem anspruchsvollen Buchmarkt sehr pr\u00e4sent. In der Regel sind es Werke von kranken Schriftsteller_innen. Es gibt einige ber\u00fchmte Beispiele, etwa <em>Arbeit und Struktur<\/em> von Wolfgang Herrndorf. In den Werken aus dieser Gattung nimmt der medikale Raum eine riesige Rolle ein, er ist eine Stimmungsmetapher f\u00fcr den Zustand der Protagonist_innen, die nicht selten schwer krank sind oder ihre Krankheit nicht \u00fcberleben; die Texte brechen ab oder werden erst posthum herausgegeben. Es gibt aber auch positiver gestimmte Werke, wie <em>Leben <\/em>von David Wagner. Dort spielt das Krankenhaus als Kosmos der Postmoderne eine zentrale Rolle. Insgesamt ist die Darstellung der medikalen R\u00e4ume weiterhin hoch ambivalent, mal d\u00fcster, mal Totenkammer, genauso aber mal Ort, an dem man nicht bloss repariert wird, sondern neues Leben erh\u00e4lt. Insgesamt steht immer mehr das Krankenhaus im Vordergrund. Solche Krankenhaus-Texte gab es in der Weimarer Republik noch nicht, weil es diese Idee des Grossklinikums architekturgeschichtlich noch nicht gab.<\/p>\n<p><strong>Sie besch\u00e4ftigen sich nicht nur mit Literatur, sondern auch mit Architektur. Was versteht man heute unter einem modernen Krankenhaus?<br \/>\n<\/strong>Krankenh\u00e4user humaner zu gestalten, ist ein Langzeitgedanke, der sich schon seit den 1980er Jahren abzeichnet. Damals bedeutete das, nicht mehr hundert Meter von Pavillon zu Pavillon rennen zu m\u00fcssen, weil man es wom\u00f6glich mit einem akuten Herzinfarkt zu tun hatte. Seinerzeit galt es als die beste und humanste Situation, wenn die Distanz zwischen Aufnahme und Katheterlabor bloss f\u00fcnf Meter betrug. Dadurch entstanden die sogenannten Breitfuss-Krankenh\u00e4user mit ihren riesigen, zentralisierten Geb\u00e4udekernen. Die haben im unteren Bereich die ganzen Funktionen, und obendr\u00fcber steht das Bettenhochhaus. Diese Bauweise war einer zunehmenden Akutmedizin gewidmet, die versuchte, zentrale Funktionen zu integrieren. R\u00f6ntgen und CT mussten f\u00fcr alle da sein \u2013 und m\u00f6glichst bloss ein paar Meter entfernt. In den letzten 20 Jahren hat sich die Ausgangslage in der Medizin allerdings stark ver\u00e4ndert. Die Bev\u00f6lkerung altert, viele akute Erkrankungen wie Herzinfarkte oder Infektionen sind meist gut regulierbar. Insofern ist ein grosser Anteil der Krankenhauspatient_innen multimorbid, chronisch krank und profitiert nicht mehr unbedingt von sofortiger Erreichbarkeit, sondern eher von mehr Humanit\u00e4t im Krankenhaus \u2013 respektive einer anderen Humanit\u00e4t. Zum Beispiel durch mehr Licht, Einzelzimmer, Verglasungen, die bis zum Boden gehen und die mit unterschiedlichen Blenden so gestaltet werden k\u00f6nnen, dass Sonnenlicht je nach Bedarf dosiert werden kann. Es sind Akzentverschiebungen innerhalb des modernen Krankenhausbaus. Entsprechend weicht der Breitfuss-Zentralbau zunehmend heterogenen Bauk\u00f6rpern. Ein Gedanke ist es zum Beispiel, die Zentralklinik in der Stadt zu bauen, sodass der \u00dcbergang von der urbanen Zone zum Krankenhaus kaum merkbar ist und Patient_innen das Gef\u00fchl haben, sie seien in ihrer Lebenswelt.<\/p>\n<p><strong>Was sagt das \u00fcber den Zeitgeist aus?<br \/>\n<\/strong>Meiner Meinung nach positive Dinge. Es zeigt, dass medizinethische Gedanken in den Krankenhausbau eingebracht werden. Was der Medizin lange vorgeworfen wurde, dass sie technokratisch, selbstbezogen, kalt und reduktionistisch sei, betrachte ich entsprechend als ungerechtfertigten und oft instrumentellen Vorwurf. Der Krankenhausbau spricht eine andere Sprache.<\/p>\n<p><strong>Darum und um vieles mehr geht es an Ihrer Tagung im Juli. Wie laufen die beiden Tage ab?<br \/>\n<\/strong>Der erste Tag beginnt mit einem historischen Abschnitt, angefangen mit der Peststadt in der Fr\u00fchen Neuzeit. Es geht weiter mit den Spas des 19. Jahrhunderts, auch das sind medikale R\u00e4ume. Das m\u00fcndet anschliessend ins Krankenhaus, das den Schwerpunkt unserer Tagung bildet. Am zweiten Tag l\u00e4uft dann die reale Architekturgeschichte aus und wir gehen \u00fcber in den Bereich der Repr\u00e4sentationen; die literarischen Darstellungen. Insgesamt gibt es an den beiden Tagen zw\u00f6lf Vortr\u00e4ge, drei davon Keynotes. Keynote-Speaker sind Annmarie Adams, Magnus Nickl und Katrin Dennerlein. Professorin Adams von der kanadischen McGill University geh\u00f6rt zu den weltweit f\u00fchrenden Krankenhaus-Architekturhistoriker_innen. Magnus Nickl ist ein Architekt. Er arbeitet f\u00fcr das preisgekr\u00f6nte Architekturb\u00fcro Nickl &amp; Partner, das f\u00fcr ausgezeichnete Krankenhausbauten bekannt ist. Katrin Dennerlein schliesslich ist Literaturwissenschaftlerin. Sie wird \u00fcber das damals moderne amerikanische Krankenhaus sprechen, in dem sich Thomas Mann einer Lungenoperation unterzog. Mann hat das sp\u00e4ter in einem autobiografischen Text verschriftlicht. Insgesamt steht an der Tagung Komplementarit\u00e4t im Vordergrund. Es geht darum, Jung und Alt, Literatur, Architektur und Medizin miteinander ins Gespr\u00e4ch zu bringen. Die Tagung ist ein Signalbeispiel f\u00fcr gute interfakult\u00e4re Zusammenarbeit an der Uni Freiburg \u2013 in diesem Fall zwischen den Bereichen Zeitgeschichte und Germanistik an der Philosophischen Fakult\u00e4t und der Abteilung Medizin an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Fakult\u00e4t. Die Tagung findet im Pavillon Vert im Botanischen Garten statt, wir freuen uns \u00fcber interessierte Zuh\u00f6rer_innen.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">_________<\/span><br \/>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Alle <a href=\"https:\/\/projects.unifr.ch\/medikale-raeume\/index.php\/konferenz\/\">Infos<\/a> zur Tagung<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/med\/de\/research\/group\/mh\/people\/278806\/0087b\">Website<\/a> von Martina King<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krankenh\u00e4user, Operationss\u00e4le und Reha-Kliniken k\u00f6nnen viel \u00fcber den Zeitgeist aussagen. Im Juli steht der medikale Raum im Fokus einer internationalen Tagung an der Uni Freiburg. Zwei Tage lang tauschen sich Expert_innen aus den Bereichen Medizin, Literatur, Geschichte und Architektur aus. Martina King blickt gerne \u00fcber den eigenen Tellerrand hinaus. Die ordentliche Professorin am Lehrstuhl f\u00fcr Medical Humanities verf\u00fcgt nicht nur \u00fcber eine medizinische Fach\u00e4rztinnen-Ausbildung, sondern auch \u00fcber eine doppelte Habilitation in Germanistik und Medizingeschichte. Entsprechend vielschichtig ist ihre Forschung. Zum Team, das sie leitet, geh\u00f6ren Literaturwissenschaftler_innen, Medizin- und Wissenschaftshistoriker_innen, etliche von ihnen auch mit einer Doppelausbildung als Kliniker_innen. 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