{"id":22209,"date":"2025-04-08T15:52:25","date_gmt":"2025-04-08T14:52:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=22209"},"modified":"2025-05-05T10:59:24","modified_gmt":"2025-05-05T09:59:24","slug":"der-mensch-hat-ein-beduerfnis-nach-spiritualitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2025\/der-mensch-hat-ein-beduerfnis-nach-spiritualitaet","title":{"rendered":"\u00abDer Mensch hat ein Bed\u00fcrfnis nach Spiritualit\u00e4t\u00bb"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Der Dominikaner-Bruder Szymon Bialik (42) ist seit einem halben Jahr katholischer Seelsorger an der Universit\u00e4t Freiburg. Er sieht sich als Br\u00fcckenbauer und sagt von sich: \u00abIch bin ein Sp\u00e4tberufener.\u00bb<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>Es gibt Momente im Leben, die alles ver\u00e4ndern. Momente, in denen Weichen gestellt werden, oft ohne dass man es im ersten Augenblick erkennt. So ein Moment erlebte Szymon Bialik im Sommer 2007. Der damals 25-J\u00e4hrige verbrachte, wie in vielen Jahren zuvor, zwei Wochen in Taiz\u00e9 (F). Dieser kleine Ort im franz\u00f6sischen Burgund war f\u00fcr ihn eine Zuflucht der Stille, ein Kontrast zu seinem Alltag als Geschichtslehrer. \u00abIn dieser Zeit war ich ein Suchender\u00bb, erinnert sich der in Schlesien (Polen) aufgewachsene Bialik. Taiz\u00e9 war f\u00fcr ihn stets ein Ort der Begegnung, der Spiritualit\u00e4t, aber 2007 wurde es ein Augen\u00f6ffner. Die Communaut\u00e9 de Taiz\u00e9, ein \u00f6kumenischer M\u00e4nnerorden, bekannt f\u00fcr seine Jugendtreffen, zog j\u00e4hrlich zehntausende junge Menschen aus aller Welt an. Und inmitten dieses spirituellen Aufbruchs fand Bialik eine entscheidende Erkenntnis: Kl\u00f6ster und Orden m\u00f6gen eine jahrhundertealte Tradition haben, doch sie m\u00fcssen nicht aus der Zeit gefallen sein. Hier reifte in ihm eine \u00dcberzeugung, die sein Leben ver\u00e4ndern sollte: \u00abIn Taiz\u00e9 habe ich meine Berufung entdeckt.\u00bb Doch noch war die Zeit nicht reif. Es sollten noch zehn Jahre vergehen, bis aus der Erkenntnis eine Entscheidung wurde.<\/p>\n<p><strong>Zwischen zwei Welten<br \/>\n<\/strong>Szymon Bialik spricht fliessend Deutsch \u2013 und das ist kein Zufall. \u00abDeutsch ist nicht meine Muttersprache, aber es ist auch keine Fremdsprache\u00bb, sagt er mit einem L\u00e4cheln. Seine Heimat ist seit Jahrhunderten zweisprachig. Die Region liegt in der N\u00e4he zu Deutschland und bildet eine Br\u00fccke zwischen zwei Kulturen &#8211; vergleichbar mit Freiburg. Doch Schlesiens Geschichte ist nicht nur die einer friedlichen Koexistenz. Das 20. Jahrhundert brachte zwei totalit\u00e4re Systeme, die die Sprachenfrage zu einer Frage der Identit\u00e4t machten. Unter den Nationalsozialisten war Polnisch verboten, unter dem kommunistischen Regime war es dann das Deutsche. \u00abDie Generation meiner Grosseltern war die letzte, die noch ganz nat\u00fcrlich zweisprachig aufwuchs\u00bb, erz\u00e4hlt Bialik. \u00abWir Schlesier haben ein germanisches und ein slawisches Herz.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Faszination \u00d6kumene<br \/>\n<\/strong>Nicht nur die Sprache, auch die Religion pr\u00e4gt sein Leben. Schlesien ist katholisch, doch es gibt auch eine starke lutherische Minderheit. In jedem Dorf, jeder Stadt stehen zwei Kirchen: eine katholische und eine evangelisch-lutherische. Als Kind fragte er sich: Wieso gibt es zwei Kirchen? Diese Frage liess ihn nicht los. Sie wurde zum Ausgangspunkt f\u00fcr seine Faszination an der \u00d6kumene, die ihn bis heute begleitet. Zwei Sprachen, zwei Glaubensrichtungen \u2013 und doch eine gemeinsame Identit\u00e4t. Szymon Bialik lebt mit diesen Spannungen, doch er sieht darin keine Gegens\u00e4tze, sondern eine Bereicherung. \u00abVielleicht ist es genau das, was uns ausmacht \u2013 wir sind Br\u00fcckenbauer.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Das letzte Puzzlest\u00fcck<br \/>\n<\/strong>Ein weiterer Schl\u00fcsselmoment in seinem Leben war 2015, als die Dominikaner nach Katowice kamen. Bialik besuchte eine Messe \u2013 und war verzaubert. \u00abDie Liturgie war anders als alles, was ich bisher erlebt hatte. Sie war lebendig, ohne kirchliche Hochsprache. Ich f\u00fchlte mich sofort angesprochen.\u00bb Rund um die Kirche entstand eine Gemeinschaft, die ihn begeisterte. Der Umgang der Br\u00fcder untereinander war offen, zug\u00e4nglich. Doch das letzte Puzzlest\u00fcck fiel an seinen Platz, als er ein Buch \u00fcber die dominikanische Berufung las. \u00abEs war, als w\u00fcrde ich meine eigene spirituelle und geistige Autobiografie lesen. Man versucht, die Puzzleteile zusammenzuf\u00fcgen \u2013 und pl\u00f6tzlich passt alles: mein Weg, mein Studium, das Unterrichten, Taiz\u00e9, meine Vision von Gesellschaft.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Die Frage der Werte<br \/>\n<\/strong>Szymon Bialik ging schon als Sch\u00fcler der Frage nach, was die Gesellschaft zusammenh\u00e4lt, was ihr Richtung gibt. Diese Suche nach den Werten f\u00fchrte ihn tiefer, \u00fcber philosophische und gesellschaftliche \u00dcberlegungen hinaus, hin zur Quelle, zu Gott \u2013 dem Ursprung des Sch\u00f6nen, des Guten, des Wahren, wie er es beschreibt. Doch Erkenntnis allein reichte ihm nicht. Er wollte dar\u00fcber sprechen, den Dialog f\u00fchren, das Gedachte teilen. Also suchte er eine Lebensform, die ihm das erm\u00f6glichte. 2017 und mit 35 Jahren war die Zeit reif: der Suchende hatte gefunden. Bialik trat dem Dominikanerorden bei. Es war nicht einfach f\u00fcr ihn, die Studierenden auf ihrem Weg zur Matura alleine zu lassen. Denn das Unterrichten war f\u00fcr Bialik die wichtigste Lebenserfahrung: Er konnte f\u00fcr Menschen da sein. \u00abDer ganze Prozess war ein langer Weg, ich bin sozusagen ein Sp\u00e4tberufener.\u00bb Aber jede und jeder habe eine eigene innere Uhr, die nach einem eigenen Rhythmus ticke. \u00abIch bin nach meiner Zeit gegangen\u00bb.<\/p>\n<p><strong>Unter den Leuten<br \/>\n<\/strong>Der Eintritt in den Dominikanerorden war f\u00fcr ihn kein Bruch, sondern die konsequente Fortsetzung seines Denkens und Lebens. Die Dominikaner boten ihm, was er brauchte: N\u00e4he zur Gesellschaft, die M\u00f6glichkeit, Br\u00fccken zu bauen und sich einzubringen. \u00abWir Dominikaner leben nicht abgeschieden, sondern mitten in der Welt. Unser kirchlicher Beitrag ist zugleich ein gesellschaftlicher\u00bb, erkl\u00e4rt Bialik.<\/p>\n<p>Genau das unterscheidet diesen Orden von vielen anderen. Tats\u00e4chlich war die Gr\u00fcndung des Ordens im 13. Jahrhundert eine kleine Revolution. W\u00e4hrend andere Ordensm\u00e4nner sich hinter Klostermauern zur\u00fcckzogen, ihre Tage dem Gebet und der Schrift widmeten, gingen die Dominikaner hinaus. Sie studierten, sie mischten sich unter das Volk, sie predigten auf M\u00e4rkten. Ein ungewohnter Anblick in einer Zeit, in der Ordensleben mit Abgeschiedenheit gleichgesetzt wurde. \u00abIn den Augen der etablierten Orden waren wir Vagabunden\u00bb, sagt Bialik mit einem Schmunzeln. Und doch \u2013 oder gerade deshalb \u2013 fand er hier seine geistige Heimat.<\/p>\n<p><strong>N\u00e4he zur Uni<br \/>\n<\/strong>Auch in Freiburg haben die Dominikaner ihren festen Platz \u2013 und das seit der Gr\u00fcndung der Universit\u00e4t im Jahr 1889. Schon damals besetzten sie Lehrst\u00fchle f\u00fcr Philosophie und Theologie und kauften ein ehemaliges Hotel, das sie in ein theologisches Konvikt verwandelten &#8211; ein Haus, in dem Professoren und Theologiestudenten gemeinsam lebten und arbeiteten. Dieses Haus, das Albertinum am Georges-Python-Platz, ist bis heute ein lebendiger Ort des intellektuellen und spirituellen Austauschs. \u00abDie Dominikaner sind immer dort, wo die Hochschulen sind. Das ist unsere mittelalterliche Tradition\u00bb, erkl\u00e4rt Bialik. Sie pflegen das intellektuelle Leben, verbinden Wissenschaft mit Seelsorge. Doch ihr Wirken reicht weit \u00fcber akademische Kreise hinaus. So engagieren sich die Br\u00fcder auch f\u00fcr Obdachlose und Menschen in Not \u2013 mitten in der Gesellschaft, dort, wo sie gebraucht werden.<\/p>\n<p><strong>Zur\u00fcck nach Freiburg<br \/>\n<\/strong>Nun also ist Szymon Bialik katholischer Uni-Seelsorger. Nach seiner Priesterweihe im Jahr 2024 in Polen trat er direkt seine erste Stelle an. Freiburg war f\u00fcr ihn keine Reise ins Unbekannte, schon vor drei Jahren hatte er hier im Rahmen eines \u00abOrdens-Erasmus\u00bb ein Semester verbracht. \u00abEs ist eine grosse Herausforderung und gleichzeitig eine Ehre, direkt nach der Weihe nach Freiburg zu kommen\u00bb, sagt Bialik. Und er trifft dort auf eine vertraute Erfahrung: das Zusammenleben verschiedener Kulturen. \u00abIn Schlesien trifft das Germanische auf das Slawische, hier in der Westschweiz trifft das Germanische auf das Romanische.\u00bb F\u00fcr ihn ist es ein weiteres Zeichen, dass er genau am richtigen Ort angekommen ist.<\/p>\n<p><strong>Die Kraft des Austauschs<br \/>\n<\/strong>Bialik sp\u00fcrt den Wandel, die Bedeutung der Religion als Institution nimmt ab &#8211; doch etwas bleibt: das menschliche Bed\u00fcrfnis nach Spiritualit\u00e4t. \u00abWeil es zutiefst menschlich ist\u00bb, sagt er. Als Seelsorger sieht er sich nicht nur als Zuh\u00f6rer, sondern als Begleiter \u2013 f\u00fcr alle, unabh\u00e4ngig von ihrer Konfession. Er m\u00f6chte Br\u00fccken bauen, \u00fcber Sprach- und Religionsgrenzen hinweg. Ein spannendes Programm soll Menschen zusammenbringen, neue Perspektiven er\u00f6ffnen. Besonders am Herzen liegt ihm die Disputatio-Reihe. Eine alte Tradition, die er bei deutschsprachigen Studierenden bekannter machen will. Schon viel fr\u00fcher, an den Universit\u00e4ten, praktizierten Dominikaner die Kunst der widerspr\u00fcchlichen, aber br\u00fcderlichen Debatte. Argumente wurden gesch\u00e4rft, Standpunkte hinterfragt \u2013 nicht um zu gewinnen, sondern um zu verstehen. Bialik glaubt an die Kraft des Austauschs. \u00abMan muss nicht einer Meinung sein, aber in der Diskussion k\u00f6nnen neue Antworten entstehen\u00bb, ist er \u00fcberzeugt.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff9900;\">_________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/kug\/de\/seelsorgen\/\">Website<\/a> Seelsorgen der Unifr<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Dominikaner-Bruder Szymon Bialik (42) ist seit einem halben Jahr katholischer Seelsorger an der Universit\u00e4t Freiburg. Er sieht sich als Br\u00fcckenbauer und sagt von sich: \u00abIch bin ein Sp\u00e4tberufener.\u00bb Es gibt Momente im Leben, die alles ver\u00e4ndern. Momente, in denen Weichen gestellt werden, oft ohne dass man es im ersten Augenblick erkennt. 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