{"id":21995,"date":"2025-02-14T17:18:31","date_gmt":"2025-02-14T16:18:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=21995"},"modified":"2025-02-14T17:18:31","modified_gmt":"2025-02-14T16:18:31","slug":"mit-familiengeschichten-gegen-das-narrativ-vom-heroischen-widerstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2025\/mit-familiengeschichten-gegen-das-narrativ-vom-heroischen-widerstand","title":{"rendered":"Mit Familiengeschichten gegen das Narrativ vom heroischen Widerstand"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Erinnerungskulturelle Familienromane sind ein gutes Medium, um gesellschaftliche und historische Themen zu vermitteln. Germanistin Emily Eder zeigt in ihrem Buch auf, welches Bild von der Schweiz im Zweiten Weltkrieg in der zeitgen\u00f6ssischen Deutschschweizer Literatur gezeichnet wird.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>\u00abEs wird hinterfragt, infrage gestellt. Kann das wirklich so gewesen sein? Wie kann es sein, dass die offizielle Darstellung nicht mit dem \u00fcbereinstimmt, was sie erlebt haben?\u00bb So beschreibt Emily Eder die Herangehensweise der drei Autoren Christoph Geiser, Thomas H\u00fcrlimann und Urs Widmer, deren Werke sie f\u00fcr ihre Dissertation analysiert hat. Sie setzte sich mit der Frage auseinander, wie in erinnerungskulturellen Familienromanen die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg dargestellt wird.<\/p>\n<p>\u00abIn Deutschland und in \u00d6sterreich ist das ein grosses Forschungsfeld. Viele Autor_innen haben \u00fcber das geschrieben, was sie an Unterlagen bei ihren Eltern und Grosseltern auf dem Dachboden gefunden haben. Es gibt daher sehr oft einen autobiografischen Bezug. Das hat mich neugierig gemacht zu schauen, wie es in der Schweiz aussieht\u00bb, erkl\u00e4rt die in K\u00f6ln aufgewachsene Eder, wie sie auf die Idee f\u00fcr das Thema kam. Denn die Schweiz stellte im Kontext dieser Forschung einen blinden Fleck dar. \u00abAlso habe ich angefangen, viel zu lesen und dabei festgestellt, dass der Zweite Weltkrieg auch in der Deutschschweizer Literatur ein Thema ist. Es ist letztendlich nicht \u00fcberraschend, denn weder die Schweiz noch ihre Literatur sind losgel\u00f6st vom europ\u00e4ischen Kontext.\u00bb<\/p>\n<p>Besonders interessant sind Geiser, H\u00fcrlimann und Widmer vor dem Hintergrund, dass ihre Werke mehrheitlich in die Zeit fallen, in der das Narrativ vom heroischen Widerstand, das die offizielle Schweiz lange Zeit aufrechterhielt, zu br\u00f6ckeln begann. Eine Zeit, in der die 1996 vom Bundesrat eingesetzte \u00abUnabh\u00e4ngige Expertenkommission Schweiz \u2013 Zweiter Weltkrieg\u00bb genauer hinschaute.<\/p>\n<p><strong>Kritik in verschiedenen Formen<br \/>\n<\/strong>Welches Bild der Schweiz zeichnen Geiser, H\u00fcrlimann und Widmer? \u00abKein einheitliches. Aber alle hinterfragen auf ihre eigene Art, in ihrem spezifischen Kontext, das Narrativ vom heroischen Widerstand.\u00bb. Urs Widmer etwa beschreibt im 2004 erschienenen Roman \u00abDas Buch des Vaters\u00bb aus der Perspektive eines Kindes \u00ad\u2013 es handelt sich dabei um ihn selbst als kleinen Jungen \u2013, wie sein Vater eingezogen wurde und wie er die R\u00e9duit-Strategie wahrgenommen hat. \u00abEs ist alles literarisiert und fiktionalisiert, entsprechend schwierig ist zu beurteilen, wie weit sich die geschilderte Szene wirklich so abgespielt hat\u00bb, sagt Eder. \u00abAber die Kritik wird in einer besonders eindrucksvollen Passage deutlich, weil nicht klar wird, ob der erz\u00e4hlende Sohn die Gedanken des Vaters wiedergibt oder ob er selbst diese kommentiert. Beide Lesarten sind m\u00f6glich. Er stellt sinngem\u00e4ss die Fragen: Wie h\u00e4tten die Soldaten im R\u00e9duit die Schweiz verteidigen k\u00f6nnen? Und was sollte dann mit allen anderen Personen in der Schweiz geschehen?\u00bb<\/p>\n<p>Thomas H\u00fcrlimann, der selbst entfernt j\u00fcdische Vorfahren hat, zeigt seinerseits wiederholt auf, wie j\u00fcdisches Leben in der Schweiz aussah. Etwa im 2006 erschienen Roman \u00abVierzig Rosen\u00bb. \u00abDort gibt es das Tagebuch der Mutterfigur, das zumindest an das Tagebuch von Anne Frank erinnert, wenn nicht daran angelehnt ist. Es wird dargestellt, dass j\u00fcdische Menschen von der Schweizer Bev\u00f6lkerung teilweise feindlich behandelt wurden.\u00bb<\/p>\n<p>Christoph Geiser wiederum setzt sich in erster Linie kritisch mit der b\u00fcrgerlichen Schicht auseinander. \u00abWichtiger Bezugspunkt ist sein Grossvater Hans Fr\u00f6licher, der w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs Diplomat in Berlin war und von der offiziellen Schweiz sp\u00e4ter als S\u00fcndenbock dargestellt wurde, weil er die Schweiz aus eigenem Antrieb zu deutschlandfreundlich vertreten habe. Vereinfacht m\u00fcsste man r\u00fcckblickend sagen, ihn als S\u00fcndenbock zu instrumentalisieren ist sicher nicht richtig, ein vorbildlicher Diplomat war er jedoch auch nicht.\u00bb Geiser kannte seinen Grossvater, und auch die Dokumente, die er von seiner Mutter erhielt, zeichneten ein differenziertes Bild. \u00abDas ist etwas, was alle drei Autoren machen: Sie stellen dem historischen Ganzen ein Privatleben gegen\u00fcber, geben Einblicke in Alltagssituationen. Sie erg\u00e4nzen somit die historische Perspektive.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Der Familienroman hat mehrere St\u00e4rken<br \/>\n<\/strong>Das ist f\u00fcr Emily Eder genau die St\u00e4rke des Familienromans, wenn es um die Vermittlung relevanter gesellschaftlicher und historischer Themen geht. \u00abWir alle stecken in einem famili\u00e4ren Beziehungsgeflecht. Entsprechend haben wir Anhaltspunkte, um an das anzukn\u00fcpfen, was uns literarisch vermittelt wird. Dadurch k\u00f6nnen wir diese Fragen wom\u00f6glich innerhalb unserer eigenen Familie stellen \u2013 bei mir war das der Fall\u00bb, sagt Eder. \u00abIn der Familie kann \u00fcber verschiedene Generationen Erlebtes weitergegeben werden \u00ad\u2013 oder eben gerade nicht. Es kann Tabus geben, fehlende Kommunikation, sodass wir erst nach dem Tod der Eltern oder Grosseltern merken, warum Beziehungen dysfunktional waren. Deshalb sind die Familienromane, gerade wenn sie einen autobiografischen Gehalt haben, sehr aufschlussreich.\u00bb<\/p>\n<p>Die drei Autoren nehmen stellenweise die Perspektive ihrer Eltern ein, versuchen, sich in sie hineinzuversetzen, zeigen oft aber auch Generationenkonflikte auf. \u00abDas ist das Potenzial von Literatur. Sie ist ein Medium, das uns erlaubt, etwas \u00fcber andere Menschen zu lernen. Dar\u00fcber, was es heisst, \u00fcberhaupt Mensch zu sein, weil wir in die Gedanken von anderen Menschen schl\u00fcpfen k\u00f6nnen. Aber auch, um in der Zeit zur\u00fcckzugehen und Einblicke in andere politische Systeme und historische Momente zu erhalten. Das k\u00f6nnen andere Medien zwar auch, aber \u00fcber die Literatur verl\u00e4uft die Auseinandersetzung viel langsamer und pers\u00f6nlicher.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Der Einfluss von Literatur als Spiegel der Gesellschaft<br \/>\n<\/strong>Wie gross also ist der Einfluss von Literatur auf die Wahrnehmung eines bestimmten Themas in der Gesellschaft? Auf die Geschichtsschreibung oder Geschichtsumschreibung? \u00abDas h\u00e4ngt immer auch davon ab, wie und von wem die Literatur rezipiert wird. Meiner Ansicht nach k\u00f6nnte der Einfluss gr\u00f6sser sein \u2013 aber das scheint eine der Herausforderungen der Geisteswissenschaften zu sein.\u00bb Emily Eder will ihren Teil dazu beitragen, den gesellschaftlichen Dialog durch Literatur und die Forschung dar\u00fcber anzukurbeln. Auch deshalb hat sie die M\u00f6glichkeit genutzt, ihre Dissertation mit SNF-Geldern als Buch zu publizieren. Nicht ohne Stolz hat sie es vor kurzem in einer grossen Buchhandlung in Bern entdeckt. \u00abEs wird kein Bestseller werden, die meisten Leute lesen vor dem Einschlafen keine Dissertationen\u00bb, sagt Emily Eder mit einem Schmunzeln. \u00abAber vielleicht kann ich ein wenig Neugier wecken, wom\u00f6glich liest jemand B\u00fccher dieser Autoren pl\u00f6tzlich mit einer anderen Brille und macht sich zus\u00e4tzliche Gedanken. Das w\u00e4re bereits ein Gewinn.\u00bb<\/p>\n<p><em>Dr. Emily Eder hat Germanistik, franz\u00f6sische Sprache und Literatur sowie Komparatistik an den Universit\u00e4ten Freiburg und K\u00f6ln studiert. Heute arbeitet sie als Studiengangskoordinatorin und p\u00e4dagogische Beraterin in der Abteilung Medizin an der Universit\u00e4t Freiburg. Literatur nimmt in ihrem Leben immer noch einen wichtigen Platz ein, man trifft sie beispielsweise beim Literaturprogramm im Kino Korso.<\/em><\/p>\n<p><em>Das 232-seitige Buch \u00abDer Zweite Weltkrieg in der Deutschschweizer Literatur \u2013 Erinnerungskulturelle Familienromane von Christoph Geiser, Thomas H\u00fcrlimann und Urs Widmer\u00bb ist 2024 im Chronos Verlag erschienen.<\/em><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>E-Book (pdf) kostenlos <a href=\"https:\/\/www.chronos-verlag.ch\/node\/28712\">herunterladen<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erinnerungskulturelle Familienromane sind ein gutes Medium, um gesellschaftliche und historische Themen zu vermitteln. 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