{"id":21977,"date":"2025-02-07T13:08:26","date_gmt":"2025-02-07T12:08:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=21977"},"modified":"2025-02-07T13:08:19","modified_gmt":"2025-02-07T12:08:19","slug":"gynaekologie-warum-unser-gesundheitssystem-divers-denken-muss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2025\/gynaekologie-warum-unser-gesundheitssystem-divers-denken-muss?lang=de","title":{"rendered":"Gyn\u00e4kologie \u2013 Warum unser Gesundheitssystem divers denken muss"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Gyn\u00e4kologische Praxen sind meist nur auf Frauen ausgerichtet \u2013 doch auch trans M\u00e4nner und nicht-bin\u00e4re Menschen brauchen diese medizinische Versorgung. Nina Schuler zeigt in ihrer Forschung, wie unser Gesundheitssystem diese Menschen oft ausschliesst und welche einfachen Massnahmen helfen k\u00f6nnten, das zu \u00e4ndern. F\u00fcr ihre Masterarbeit hat Schuler am Dies Academicus den Genderpreis erhalten.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Was hat Sie dazu motiviert, dieses Thema f\u00fcr Ihre Masterarbeit zu w\u00e4hlen? Gab es einen pers\u00f6nlichen oder gesellschaftlichen Anstoss?<br \/>\n<\/strong>F\u00fcr mich war von Anfang an klar, dass ich mich einem Thema widmen m\u00f6chte, welches mich nicht nur intellektuell fordert, sondern auch emotional ber\u00fchrt. Ein Thema, dass mir am Herzen liegt und mit dem ich auch etwas in der Gesellschaft ausl\u00f6sen kann. Geschlechterbasierte Diskriminierung ist leider immer noch Alltag in der Medizin. Umso extremer ist dies sichtbar, wenn Personen nicht den gesellschaftlichen Normen von Frau und Mann entsprechen. Trans Personen werden in der Gyn\u00e4kologie noch immer stigmatisiert und oft \u00fcbersehen \u2013 sei es durch einen Mangel an spezialisierten Fach\u00e4rzt_innen oder durch die fehlende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihren spezifischen Bed\u00fcrfnissen. Mit meiner Forschung m\u00f6chte ich dazu beitragen, dieses Tabu zu brechen, Sichtbarkeit zu schaffen und langfristig eine sensiblere, inklusivere Versorgung zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p><strong>Sie sprechen in Ihrer Arbeit \u00fcber das bin\u00e4re und cis-normative System im Gesundheitswesen. Was ist das?<br \/>\n<\/strong>Unser Gesundheitssystem in der Schweiz ist darauf ausgelegt, Menschen als entweder m\u00e4nnlich oder weiblich einzuordnen. Das zeigt sich besonders in der Gyn\u00e4kologie, die ausschliesslich f\u00fcr Frauen gedacht ist. Nicht-bin\u00e4re Personen oder trans M\u00e4nner m\u00fcssen sich diesem System anpassen, um eine Behandlung zu bekommen. Oft bedeutet das, dass sie sich rechtfertigen m\u00fcssen, damit die Krankenkasse beispielsweise die Kosten \u00fcbernimmt. In dem aktuellen bin\u00e4ren Versicherungssystem existieren n\u00e4mlich noch immer keine Vorlagen, die es erlauben, eine gyn\u00e4kologische Behandlung bei einem Mann abzurechnen.<\/p>\n<p>Der Begriff cis-normativ bedeutet, dass es als selbstverst\u00e4ndlich angesehen wird, dass alle Menschen sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde (also cisgeschlechtlich sind). Ein Beispiel f\u00fcr cis-normative Strukturen sind Formulare, die nur die Optionen \u00abm\u00e4nnlich\u00bb und\u00abweiblich\u00bb anbieten, oder die Annahme, dass alle Frauen einen Uterus haben und alle M\u00e4nner nicht. Personen, die nicht diesen gesellschaftlichen Vorstellungen von Mann und Frau entsprechen, werden systematisch ausgeschlossen und benachteiligt.<\/p>\n<p><strong>Wie sieht die Diskriminierung von trans Menschen bei der gyn\u00e4kologischen Versorgung konkret aus? Haben Sie ein paar Beispiele?<br \/>\n<\/strong>Die Diskriminierung von trans Personen findet auf unterschiedlichsten Ebenen statt und betrifft zahlreiche Bereiche der medizinischen Versorgung. Sie beginnt schon vor der eigentlichen Konsultation. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein trans Mann (also eine Person, welche bei Geburt das weibliche Geschlecht zugeordnet bekommen hat, sich aber als Mann identifiziert und von der Gesellschaft auch so gelesen wird). Sie haben weibliche Genitalien, nehmen jedoch m\u00e4nnliche Hormone. Braucht es also noch gyn\u00e4kologische Vorsorgeuntersuchungen? Auf der pink gestalteten Homepage der FRAUEN-Klinik gibt es nur Infos zu Vorsorgeuntersuchungen bei cis Frauen. Am Telefon m\u00fcssen Sie sich erkl\u00e4ren und rechtfertigen, wieso Sie als Mann einen Termin in der FRAUEN-Klinik wollen. Zusammen mit vier schwangeren Frauen sitzen Sie dann im ebenfalls rosa gestalteten Wartezimmer. An den W\u00e4nden h\u00e4ngen Poster von Weiblichkeit und Kinderwunsch. Die Urinprobe geben Sie auf dem Frauen-WC ab, bevor sie mit FRAU M\u00fcller aufgerufen werden und ins Konsultationszimmer gebracht werden. Der Arzt hat scheinbar noch nie mit einer trans Person gearbeitet und fragt Sie deshalb in einer \u00fcbergriffigen Art und Weise \u00fcber Ihren \u00abexotischen\u00bb Zustand aus. Sie f\u00fchlen sich bei dieser Befragung nackter als kurz darauf auf dem Gyn\u00e4kologiestuhl. W\u00e4hrend der Untersuchung plagen Sie enorme Schmerzen und negative Gef\u00fchle, auf die nicht eingegangen werden. Mit einem mulmigen Gef\u00fchl gehen Sie aus der Praxis, Sie wissen nicht, ob Ihre Versicherung die Untersuchung zahlt, da Sie dort als Mann angemeldet sind.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielt die Ausbildung von medizinischem Fachpersonal in der Verbesserung der Versorgung von trans Menschen? Gibt es bereits positive Ans\u00e4tze?<br \/>\n<\/strong>In diesem Bereich ist noch sehr viel zu tun. Ein fundiertes Fachwissen ist eine wichtige Grundlage f\u00fcr jede Behandlung. Oft ist es gar nicht so einfach, an dieses Fachwissen zu gelangen, da der Fokus in der Forschung aber auch in der Aus- und Weiterbildung von \u00c4rzt_innen anders gesetzt wird. Umso wichtiger ist es also, dass man selbst Initiative und ein gewisses Engagement zeigt, sich fehlendes Wissen anzueignen. Daf\u00fcr gibt es erfreulicherweise auch schon viele gute Angebote. An der Unifr hatten wir beispielsweise mehrmals Kurse zu diesem Thema und es wurden trans Personen f\u00fcr Gespr\u00e4che eingeladen. Ausserdem gibt es zahlreiche Events und Kurse, die von diversen Organisationen und Vereine wie TGNS Schweiz durchgef\u00fchrt werden. Ich glaube, es lohnt sich, mutig zu sein und seinen Horizont zu erweitern sowie mit den Menschen in Kontakt zu treten.<\/p>\n<p><strong>Inwiefern hat die Arbeit an diesem Thema Ihre eigene Perspektive auf Geschlechtsidentit\u00e4t und medizinische Versorgung ver\u00e4ndert?<br \/>\n<\/strong>Ich glaube ich sehe die Welt nun mehr in Spektren und nicht mehr in Kategorien. Als \u00c4rztin ist man sich daran gew\u00f6hnt, alles in gesund oder krank einzuteilen, in normal oder abnormal. Davon probiere ich mich immer mehr zu distanzieren. Und ich habe gemerkt, dass diese Denkweise auch sehr viele Vorteile f\u00fcr cis Menschen bringt. Es spielt weniger Wertung mit und die Leute f\u00fchlen sich mehr gesehen und angenommen.<\/p>\n<p><strong>Sie haben im Rahmen des Dies Academicus 2024 den Genderpreis erhalten. Welche Pl\u00e4ne haben Sie f\u00fcr die Verwendung des Preisgeldes?<br \/>\n<\/strong>Aktuell schreibe ich gerade meine Doktorarbeit in der Medizin, zum gleichen Thema. Das Preisgeld kann ich dort gut gebrauchen. Es wird also direkt wieder in neue Forschung investiert, die gegen geschlechtsbedingte Diskriminierung im Gesundheitswesen vorgehen soll.<\/p>\n<p><strong>Zum Schluss: Welche praktischen Empfehlungen k\u00f6nnten gyn\u00e4kologische Praxen sofort umsetzen, um trans\/nicht-bin\u00e4re Menschen besser zu unterst\u00fctzen?<br \/>\n<\/strong>Als erstes sollte einfach ein Bewusstsein daf\u00fcr geschaffen werden, dass trans Personen zum Klientel der Gyn\u00e4kologie geh\u00f6ren und nicht ausgeschlossen werden d\u00fcrfen. Daf\u00fcr lohnt es sich, seine eigenen Vorstellungen von Mann und Frau zu reflektieren. Welche \u2013 vielleicht auch unbewusste \u2013 Vorurteile hat man in diesem Bereich und wo fehlt es noch an Wissen? Kleine Ver\u00e4nderungen k\u00f6nnen schon viel bewirken, sei es geschlechtsneutrale Toiletten oder Infobrosch\u00fcren, die sich nicht ausschliesslich an cis hetero Frauen mit Kinderwunsch richten. Eine inklusivere Auswahl an Pronomen bei Anmeldeformularen oder eine geschlechtsneutralere Gestaltung der Praxis oder Homepage kann ebenfalls helfen. Besonders wichtig finde ich dabei immer, dass man nicht vor dem Thema zur\u00fcckschreckt. Trans Personen sind keine exotischen Wesen, welche auf eine Spezialbehandlung angewiesen sind und in Watte gepackt werden m\u00fcssen. Was sie wirklich brauchen, das findet man am einfachsten heraus, wenn man mit diesen Menschen direkt in Kontakt tritt, sei es an einem Event, einer Fortbildung oder im Privatem. Nat\u00fcrlich immer in einem respektvollen und wohlwollendem Rahmen.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Infos zum <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/egalite\/de\/angebot\/prix-genre.html\">Genderpreis<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gyn\u00e4kologische Praxen sind meist nur auf Frauen ausgerichtet \u2013 doch auch trans M\u00e4nner und nicht-bin\u00e4re Menschen brauchen diese medizinische Versorgung. Nina Schuler zeigt in ihrer Forschung, wie unser Gesundheitssystem diese Menschen oft ausschliesst und welche einfachen Massnahmen helfen k\u00f6nnten, das zu \u00e4ndern. F\u00fcr ihre Masterarbeit hat Schuler am Dies Academicus den Genderpreis erhalten. Was hat Sie dazu motiviert, dieses Thema f\u00fcr Ihre Masterarbeit zu w\u00e4hlen? 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