{"id":21629,"date":"2024-12-12T15:13:48","date_gmt":"2024-12-12T14:13:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=21629"},"modified":"2024-12-12T15:13:58","modified_gmt":"2024-12-12T14:13:58","slug":"umweltpreis-wie-die-verbuschung-im-wallis-philosophische-fragen-aufwirft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2024\/umweltpreis-wie-die-verbuschung-im-wallis-philosophische-fragen-aufwirft?lang=de","title":{"rendered":"Umweltpreis: Wie die Verbuschung im Wallis philosophische Fragen aufwirft"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Wie sehr soll der Mensch in die Natur eingreifen? Sophie Buchers Antwort auf diese Frage entspricht nicht dem akademischen Mainstream. Sie hat sich die Verbuschung in ihrer Walliser Heimat unter dem Aspekt der Tugendethik angeschaut \u2013 und daf\u00fcr den Umweltforschungspreis der Universit\u00e4t Freiburg gewonnen.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>\u00abThe Virtue Ethics of Shrub Encroachment on Cultural Landscapes.<strong>\u00a0<\/strong>Extensive Subalpine Grasslands in the Valais, Switzerland as a Case Study of Good Environmental Stewardship\u00bb, lautet der Titel der Masterarbeit, f\u00fcr die Sophie Bucher von der Jury einstimmig mit dem Umweltforschungspreis 2024 ausgezeichnet worden ist. Im Interview erkl\u00e4rt die Walliserin, warum das Thema wichtig ist, weshalb nicht alle Leute ihrer Meinung sind, und wie sie die Rolle des Menschen im \u00d6kosystem sieht.<\/p>\n<p><strong>Wie kamen Sie darauf, sich in Ihrer Masterarbeit mit dem Thema Verbuschung auseinanderzusetzen?<br \/>\n<\/strong>Ich wollte etwas mit einem Bezug zum Wallis machen. W\u00e4hrend meines Studiums hatte ich oft das Gef\u00fchl, dass ich das Gelernte nicht recht in meinen Alltag einbauen kann und die Leute aus meinem Umfeld sich nicht viel darunter vorstellen k\u00f6nnen. Deshalb suchte ich ein sehr konkretes Thema. W\u00e4hrend eines fr\u00fcheren Praktikums im Naturpark hatte ich bei Entbuschungsarbeiten mitgeholfen und wusste, dass das eine Thematik ist, die viele Leute im Wallis interessiert. Entsprechend spannend war es, mich mit ihnen auszutauschen.<\/p>\n<p><strong>Warum ist das Thema wichtig?<br \/>\n<\/strong>Es gibt zwei Hauptgr\u00fcnde: Erstens sind die Landschaften, zu denen ich geforscht habe, Biodiversit\u00e4tshotspots. Zweitens geh\u00f6ren sie im Wallis wie anderswo zum kulturellen Erbe. Die Thematik erlebt gerade eine Wiederbelebung, die Leute fangen sich zunehmend an, daf\u00fcr zu interessieren. Dadurch entstehen kontroverse Diskussionen um Fragen wie: Was wollen wir erhalten? Wie sehr sollen wir eingreifen? Wie sehr d\u00fcrfen wir diese Landschaften nutzen?<\/p>\n<p><strong>In welche Richtung geht die Tendenz im Wallis?<br \/>\n<\/strong>Generell hat man damit zu k\u00e4mpfen, dass immer weniger Personal zur Verf\u00fcgung steht. Es k\u00fcmmern sich zunehmend Freiwillige darum, aber das reicht bei weitem nicht aus, um die Fl\u00e4chen, die man eigentlich pflegen k\u00f6nnte, zu erhalten. Der Wille ist grunds\u00e4tzlich da und es gibt Leute, die um Hilfe anfragen, weil die Verbuschung f\u00fcr sie direkte negative Auswirkungen hat. Vergleicht man aber die Situation mit dem Zustand von vor 40 Jahren, br\u00e4uchte es mehr Aufwand.<\/p>\n<p><strong>Damals wurde mehr Aufwand betrieben?<br \/>\n<\/strong>Es gab vor allem mehr Personen, die in der Landwirtschaft t\u00e4tig waren, entsprechend wurden die Landschaften mehr genutzt. Heute spazieren wir durch die meisten dieser Fl\u00e4chen bloss, sie sind wichtig als Erholungsgebiet, haben aber keine Versorgungsfunktion mehr. Entsprechend schwieriger ist es, die Leute daf\u00fcr zu motivieren, den Aufwand f\u00fcr die Pflege auf sich zu nehmen. Und doch ist ein Bewusstsein daf\u00fcr vorhanden \u2013 und es wird immer gr\u00f6sser.<\/p>\n<p><strong>Was passiert, wenn der Mensch \u00fcberhaupt nicht eingreift?<br \/>\n<\/strong>Die flachen Grasl\u00e4nder verschwinden, es gibt mehr Str\u00e4ucher und es kommt zur Verbuschung. Das kann an gewissen Orten gut sein, etwa in steilen H\u00e4ngen, wo es positiv ist, wenn wieder ein tieferes Wurzelwerk entsteht, das Erosion entgegenwirkt. Aber je nachdem, welche Pflanzen wachsen, k\u00f6nnen Monokulturen entstehen. Dominante Pflanzen verhindern so Biodiversit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>Sie behandeln die Thematik in Ihrer Arbeit auch auf einer philosophischen Ebene. Was war Ihre Herangehensweise?<br \/>\n<\/strong>Ich w\u00e4hlte einen interdisziplin\u00e4ren Ansatz, mit Fokus auf die Ethik. In unserem Masterstudium ist es so etwas wie der Klebstoff, der alles zusammenh\u00e4lt, die Themen immer auch unter dem ethischen Aspekt zu betrachten. Konkret habe ich mich dazu entschieden, etwas zur Tugendethik zu machen. Im Gegensatz zu den anderen grossen Teilgebieten der Ethik geht es da vor allem um die Kultivierung des eigenen moralischen Charakters. Das passt gut zum Thema, weil es in diesem Spannungsfeld zwischen Nutzung und Pflege angesiedelt ist. In der Tugendethik ist die M\u00e4ssigung ein zentrales Thema, dass ein Kompromiss zwischen zwei Extremen gefunden wird. Auch Begriffe wie Identit\u00e4tsst\u00e4rkung und Kulturerbe sind von Bedeutung.<\/p>\n<p><strong>Stichwort Tugendethik: Was geh\u00f6rt zu den Aufgaben und Pflichten des Menschen im Zusammenhang mit der Verbuschung im Wallis?<br \/>\n<\/strong>Zu den wichtigsten Schl\u00fcssen, die ich in meiner Arbeit ziehe, geh\u00f6rt, dass es eben nicht darum geht, uns komplett zur\u00fcckzuziehen und mit einem Laissez-faire-Ansatz die Natur sich selbst zu \u00fcberlassen. Es ist sinnvoll und sogar notwendig, dass wir einen Einfluss auf diese Landschaften aus\u00fcben. Ich habe drei Tugenden herausgearbeitet, die daf\u00fcr wichtig sind: M\u00e4ssigung, das Wohlwollen anderen Lebewesen gegen\u00fcber sowie Loyalit\u00e4t, also Dankbarkeit daf\u00fcr, was wir in diesen Landschaften bereits erleben durften, dass wir davon profitiert haben \u2013 und nun entsprechend diese Tradition weiterf\u00fchren. Es ist eine Verpflichtung, diese Lebewesen, dieses \u00d6kosystem zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>Ist das die g\u00e4ngige Sichtweise in der Ethik und im Umweltschutz?<br \/>\n<\/strong>Nicht unbedingt, sie geht ein wenig gegen den Mainstream. Es gibt Leute, die sehr stark den Laissez-faire-Ansatz bef\u00fcrworten. Je nach Blase, in der man sich bewegt, geht man davon aus, dass sich der Mensch generell zur\u00fcckhalten und zur\u00fcckziehen sollte. Der Tenor ist, dass es in Arroganz m\u00fcndet, eine Hybris ist oder ganz einfach naiv, wenn wir jetzt noch mehr machen wollen, nach allem, was der Mensch bereits angerichtet hat.<\/p>\n<p><strong>Sie hingegen glauben an das Gute im Menschen?<br \/>\n<\/strong>Auf jeden Fall. Wir m\u00fcssen aufpassen, dass wir nicht alles, das vom Menschen kommt, direkt verteufeln. Es geht darum, den Wert des Eingreifens zu erkennen, zu sehen, dass es etwas bewirken kann. F\u00fcr die meisten Leute ausserhalb des akademischen Rahmens ist das selbstverst\u00e4ndlich. Folglich sind es im akademischen Kontext mitunter abgehobene Diskussionen \u2013 in denen ich gerne dagegenhalte.<\/p>\n<p><strong>Kann man sagen: Der Mensch ist Teil des \u00d6kosystems, folglich w\u00e4re es nicht nat\u00fcrlich, wenn er sich komplett heraushielte?<br \/>\n<\/strong>Absolut. Es ist auch interessant, aus einer Erziehungsperspektive an das Thema heranzugehen. Wir sollten uns selbst erziehen und zur Verantwortung ziehen. Es geht nicht darum, dass wir eingreifen, wie es uns gerade beliebt; wir m\u00fcssen uns st\u00e4ndig hinterfragen, kontinuierlich schauen, welche Auswirkungen unser Eingreifen hat, und daran wachsen \u2013 damit wir w\u00fcrdig sind, diese Verantwortung aktiv zu \u00fcbernehmen. Das ist ein zutiefst humanistischer Ansatz, keineswegs auf Dominanz ausgerichtet. Wir sind nun einmal da und m\u00fcssen irgendwas mit unseren Kr\u00e4ften machen, die diejenigen vieler anderer Spezies \u00fcbersteigen.<\/p>\n<p><strong>Wenn Sie sich die Schweizer Umweltpolitik unter dem Aspekt der Tugendethik anschauen, wo m\u00fcsste haupts\u00e4chlich der Hebel angesetzt werden?<br \/>\n<\/strong>Es w\u00fcrde sich lohnen, bei der Bildung nicht nur in Digitalisierung und die MINT-F\u00e4cher zu investieren, sondern vermehrt auch darin, die Natur zu erfahren. Es w\u00e4re wichtig, dass m\u00f6glichst viele Leute erleben, was die Natur mit uns machen kann, dass wir vielleicht auch einmal der Natur ausgesetzt sind und uns zurechtfinden m\u00fcssen. Ich habe pers\u00f6nlich sehr gute Erfahrungen gemacht mit Naturwochen, in denen Kinder im Sommer campen und ein l\u00e4ngerfristiges Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr entwickeln, was es bedeutet, wenn man die Natur lesen und sich darin zurechtfinden kann. Allein schon diese Verankerung w\u00fcrde sehr viel ausl\u00f6sen, wenn sie bei mehr Leuten vorhanden w\u00e4re als heute.<\/p>\n<p><strong>Was haben Sie gemacht, damit die Erkenntnisse aus Ihrer Arbeit m\u00f6glichst breit gestreut werden?<br \/>\n<\/strong>Ich durfte sie in einem Seminar an der Uni Bern bei einem Kolloquium vorstellen. Das wurde von einem meiner Co-Betreuer organisiert, der dort als Biologie-Professor t\u00e4tig ist. Zudem habe ich die Arbeit all meinen Gespr\u00e4chspartnern weitergeleitet. Grunds\u00e4tzlich gilt: Falls sich jemand melden will, um mit mir weiter dar\u00fcber zu diskutieren, bin ich sehr offen daf\u00fcr.<\/p>\n<p><strong>Zum Schluss noch etwas komplett anderes: Wie hoch war das Preisgeld und was machen Sie damit?<br \/>\n<\/strong>Es gab 3000 Franken. Was ich damit mache? Da ist Tugendethik wieder ein gutes Stichwort. (<em>lacht<\/em>) Ich k\u00f6nnte es einerseits sparen, andererseits f\u00e4nde ich es auch sch\u00f6n, mir etwas zu g\u00f6nnen, um die Auszeichnung richtig zu feiern. Wer weiss, vielleicht l\u00e4uft es auf eine l\u00e4ngere Wanderung hinaus.<\/p>\n<p><em>Zur Person: <\/em><em>Sophie Bucher hat 2023 an der Universit\u00e4t Freiburg das Masterstudium in Environmental Sciences and Humanities abgeschlossen. Im September 2024 begann sie an der Berner Fachhochschule die Ausbildung zur Hebamme. Nebenbei ist die Walliserin in einem Teilzeitpensum im Nachhaltigkeitsteam der BLS t\u00e4tig.<\/em><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/env\/de\/research\/umweltforschungspreis\/\">Umweltforschungspreis<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie sehr soll der Mensch in die Natur eingreifen? Sophie Buchers Antwort auf diese Frage entspricht nicht dem akademischen Mainstream. 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