{"id":2087,"date":"2016-03-15T12:18:13","date_gmt":"2016-03-15T11:18:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges\/?p=2087&#038;lang=de"},"modified":"2016-03-18T10:56:18","modified_gmt":"2016-03-18T09:56:18","slug":"heilige-sind-immer-ein-wenig-verrueckt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2016\/heilige-sind-immer-ein-wenig-verrueckt?lang=de","title":{"rendered":"\u00abHeilige sind immer ein wenig verr\u00fcckt\u00bb"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Am 15.M\u00e4rz entscheidet die Kardinalsversammlung des Vatikans \u00fcber das Datum zur Heiligsprechung von Mutter Teresa. Die heute Selige wird voraussichtlich am 4. September 2016 zur Heiligen erkl\u00e4rt werden. Prof. Barbara Hallensleben erz\u00e4hlt im Interview, dass Mutter Teresa verr\u00fcckt war, wie das Heiligsprechungsverfahren vor sich geht und dass Heilige uns helfen, Menschen von Glaube, Hoffnung und Liebe zu sein.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Barbara Hallensleben, ist die Rede von \u201eHeiligen\u201c heute \u00fcberhaupt noch zeitgem\u00e4ss?<br \/>\n<\/strong>Ja, davon bin ich \u00fcberzeugt! Das Freiburger Institut f\u00fcr \u00d6kumenische Studien beherbergt die Privatbibliothek von Walter Nigg, der mit seinem Buch \u00abDie grossen Heiligen\u00bb 1946 eine Wende im Zugang zu den Heiligen einleitete. Der reformierte Pfarrer und Theologe war gepr\u00e4gt durch seine Lekt\u00fcre von Friedrich Nietzsche und Franz Overbeck, die christliches Leben als Heuchelei betrachteten und den Einsatz f\u00fcr die Schwachen als abgel\u00f6st durch den Willen zur Macht. Pers\u00f6nlich bewegte ihn die tragische Erfahrung des Suizids seiner ersten Ehefrau. Wie sollte er als Pfarrer glaubw\u00fcrdig das Evangelium predigen? In den \u00abHeiligen\u00bb suchte er glaubw\u00fcrdige Zeugnisse, wie man mitten in der Gebrochenheit der Welt und des eigenen Lebens ein Mensch von Glaube, Hoffnung und Liebe sein kann.<\/p>\n<p><strong>Weshalb schreibt die Kirche uns vor, welche Menschen als \u00abHeilige\u00bb zu gelten haben?<br \/>\n<\/strong>Wenn ein Mensch heilig gesprochen wird, f\u00e4llt die Kirche ein Urteil, das eigentlich nur Gott zusteht. Doch letztlich unterwirft sie sich damit dem Urteil Gottes, indem sie die Spuren des heiligen Gottes im Leben dieses Menschen anerkennt. F\u00fcr jede Heiligsprechung ist eine ausf\u00fchrliche Dokumentation der Lebensgeschichte n\u00f6tig, die der Erinnerung der Menschheit anvertraut wird. Vor allem aber braucht es die Verehrung im Volk Gottes und ein \u201eWunder\u201c, das nur auf das Wirken des oder der Heiligen zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. In ihrer Zeit sind Heilige oft kritisch gegen\u00fcber dem Leben der Kirche und entwickeln alternative Lebensformen, die auch der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Der heilige Franziskus etwa reagierte auf die beginnende Geldwirtschaft und zeigt deren Versuchungen auf. Heilige sind immer ein wenig \u201everr\u00fcckt\u201c, Narren in Christus. Das darf in der sp\u00e4teren Verehrung nicht vergessen werden.<\/p>\n<p><strong>War Mutter Teresa ebenfalls \u00abverr\u00fcckt\u00bb?<br \/>\n<\/strong>Ja, nat\u00fcrlich. Ein amerikanischer Journalist soll zu ihr gesagt haben:\u00abWas Sie da tun, w\u00fcrde ich nicht f\u00fcr eine Million Dollar machen.\u00bb Ihre Antwort: \u00abIch auch nicht.\u00bb An den Heiligen zeigt sich der Unterschied zwischen der Ethik und einer christlichen Lebenskunst. Was Mutter Teresa f\u00fcr die \u00c4rmsten der Armen getan hat und was ihre Schwestern weiterhin tun, kann man nicht nach dem kategorischen Imperativ von Kant zur Norm erkl\u00e4ren. Und doch ist es h\u00f6chst einleuchtend, dass unsere Welt auf diese Weise menschenw\u00fcrdiger wird. Mutter Teresa hat nicht nur ein allseits wahrgenommenes Problem aufgegriffen, sie hat in ihrem kulturellen Umfeld das Problembewusstsein geschaffen, dass leidende und sterbende Menschen unsere Ehrfurcht und Sorge verdienen.<\/p>\n<p><strong>Die Heiligsprechung findet relativ kurz nach dem Tod von Mutter Teresa statt \u2013 wieso so schnell?<br \/>\n<\/strong>Papst Franziskus m\u00f6chte, dass die \u00abOption f\u00fcr die Armen\u00bb, die in der Rezeption des II. Vatikanischen Konzils nicht zuletzt von der lateinamerikanischen Kirche formuliert worden ist, das christliche Handeln st\u00e4rker leitet. Die Armut nimmt ja in vielf\u00e4ltiger Gestalt in unserer Welt eher zu als ab. Das \u201eJahr der Barmherzigkeit\u00bb, das der Papst ausgerufen hat, weist in dieselbe Richtung. Hier ist Mutter Teresa ein \u00ablebendiges\u201c Vorbild. Die vatikanischen Beh\u00f6rden sind in ihren Prozeduren so langwierig wie weltliche Beh\u00f6rden. Papst Franziskus ist eher von einer heiligen Ungeduld geleitet. Vielleicht haben die heutigen Heiligen einfach darauf zu achten, dass der Mensch wichtiger bleibt als die Verwaltung.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><a href=\"mailto:barbara.hallensleben@unifr.ch\">Barbara Hallensleben<\/a> ist Professorin f\u00fcr Dogmatik und Theologie der \u00d6kumene und Mitglied im Direktorium des Instituts f\u00fcr \u00d6kumenische Studien.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 15.M\u00e4rz entscheidet die Kardinalsversammlung des Vatikans \u00fcber das Datum zur Heiligsprechung von Mutter Teresa. Die heute Selige wird voraussichtlich am 4. September 2016 zur Heiligen erkl\u00e4rt werden. 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Das Freiburger Institut f\u00fcr \u00d6kumenische Studien beherbergt die Privatbibliothek von Walter Nigg, der mit seinem Buch \u00abDie grossen Heiligen\u00bb 1946 eine Wende im Zugang zu den<\/p>\n","protected":false},"author":16,"featured_media":2089,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[104,113],"tags":[409,410,413,406,414],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2087"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/users\/16"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2087"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2087\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2091,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2087\/revisions\/2091"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2089"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2087"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2087"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2087"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}