{"id":20246,"date":"2024-05-21T07:49:23","date_gmt":"2024-05-21T06:49:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=20246"},"modified":"2024-05-21T08:04:07","modified_gmt":"2024-05-21T07:04:07","slug":"marco-polos-bewunderung-fur-khubilai-khan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2024\/marco-polos-bewunderung-fur-khubilai-khan","title":{"rendered":"Marco Polos Bewunderung f\u00fcr Khubilai Khan"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Wer war Marco Polo und was ist sein Verm\u00e4chtnis? Am kommenden Donnerstag referiert Marina M\u00fcnkler von der TU Dresden in Freiburg zum Thema \u00ab<\/strong><strong>Marco Polos Blick auf das mongolische China\u00bb. Die Literaturprofessorin stellte sich den Fragen von Alma&amp;Georges. <\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>Marco Polo ist heute nahezu der einzige bekannte Fernostasienreisende des Mittelalters. 1271 begleitete der damals 17-j\u00e4hrige Venezianer seinen Vater Niccol\u00f2 und seinen Onkel Maffeo nach China, trat in den Dienst des mongolischen Grosskhans Khubilai und kehrte erst 1295 nach Venedig zur\u00fcck. Sein Reisebericht galt bald als ein \u00abBuch der Wunder\u00bb. 2024 j\u00e4hrt sich Marco Polos Todestag zum siebenhundertsten Mal.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber die Person Marco Polo erf\u00e4hrt man in seinem Reisebericht nur sehr wenig. Wie weiss man heute, ob Marco Polo, ein Kaufmann, ein Abenteurer, ein Chronist der Fremde oder ein Kulturvermittler war? War er gar alles zusammen?<br \/>\n<\/strong>Marco Polo war Kaufmann, das k\u00f6nnen wir aus venezianischen Dokumenten der Zeit entnehmen. Aus seinen Berichten erfahren wir ausserdem, dass er ein Chronist der Fremde und Kulturvermittler war und voller Bewunderung von den Mongolen spricht. Am wenigsten war er vermutlich ein Abenteurer, jedenfalls berichtet er nichts von erlebten Abenteuern. Daf\u00fcr ist der Bericht insgesamt zu objektivistisch gehalten.<\/p>\n<p><strong>Seit Mitte des 13. Jahrhunderts herrschte in Europa eine Mischung aus Furcht und Faszination vor den Mongolen. War Marco Polos Aussicht auf Handel also gr\u00f6sser als seine Furcht?<br \/>\n<\/strong>Ob Marco Polo Furcht empfunden hat, k\u00f6nnen wir schlicht nicht wissen, denn er spricht in seinem Bericht nicht dar\u00fcber. Aber die venezianischen Kaufleute hatten auf die Mongolen, die ihnen sehr viel bessere Handelsbedingungen boten als das bis dahin im Asienhandel der Fall war, sicherlich eine andere Perspektive als die europ\u00e4ischen Herrscher. Diese waren mit dem mongolischen Weltherrschaftsanspruch konfrontiert und sahen ihre Reiche von mongolischen Heeren bedroht.<\/p>\n<p><strong>Ob Endzeitvorstellungen oder Heilserwartungen: Asien bildete zu jener Zeit den Erwartungshorizont der europ\u00e4ischen Kultur. Welches Bild hatte Marco Polos von Khubilai Khan, wie sah er das mongolische\u00a0China?<br \/>\n<\/strong>F\u00fcr Marco Polo war Khubilai Khan der weiseste und pr\u00e4chtigste Herrscher, den die Welt bis dahin gesehen hatte. Aus Marco Polos Perspektive \u00fcbertraf seine Herrschaft die s\u00e4mtlicher europ\u00e4ischer Herrscher. Marco Polos Bericht pr\u00e4sentiert Khubilai Khan in strahlendem Licht und vermittelte so der europ\u00e4ischen Kultur einen Eindruck von der \u00dcberlegenheit der mongolischen Herrschaft in China. Das stand in starkem Widerspruch zu den Berichten der franziskanischen Gesandten aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, die zu den Mongolen gereist waren, um herauszufinden, ob es sich bei ihnen um die V\u00f6lker der Apokalypse handelte, die den Untergang der Welt bringen w\u00fcrden. Zwischen ihren Berichten und Marco Polos Bericht lagen vierzig Jahre sowie die mongolische Expansion nach China. W\u00e4hrend die franziskanischen Gesandten die Mongolen der Steppe kennenlernten, lernte Marco Polo die mongolische Herrschaft \u00fcber das hochentwickelte China kennen. Von daher gibt es objektive Gr\u00fcnde f\u00fcr die Differenzen zwischen ihren Berichten, aber Marco Polo vertrat eben auch entschieden eine positive Perspektive.<\/p>\n<div id=\"attachment_20247\" style=\"width: 324px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Portrait_Muenkler.jpeg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-20247\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-20247 size-full\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Portrait_Muenkler.jpeg\" alt=\"\" width=\"314\" height=\"190\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Portrait_Muenkler.jpeg 314w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Portrait_Muenkler-300x182.jpeg 300w\" sizes=\"(max-width: 314px) 100vw, 314px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20247\" class=\"wp-caption-text\">Marina M\u00fcnkler<\/p><\/div>\n<p><strong>Was \u2013 neben seinem Bericht \u2013 ist das Verm\u00e4chtnis von Marco Polos Reise ins mongolische China?<br \/>\n<\/strong>Sein Verm\u00e4chtnis besteht sicherlich darin, dass er nicht aus der Perspektive einer selbstgewissen eigenen \u00dcberlegenheit auf das mongolische China blickte, sondern f\u00fcr die fremde Kultur der Mongolen ebenso grosses Interesse wie Bewunderung aufbrachte. Das hat seinen Grund sicherlich in der kaufm\u00e4nnischen Grundperspektive des Berichts, auch wenn diese in manchen Fassungen und \u00dcbersetzungen relativiert wurde. Fernhandelskaufleute mussten sich an die Umgebung, in der sie Handel treiben wollten, anpassen und wenn die Bedingungen f\u00fcr sie g\u00fcnstig waren, reagierten sie darauf mit Sympathie und Bewunderung, ohne die kulturellen Differenzen zu negieren oder negativ zu bewerten.<\/p>\n<p><strong>Marco Polos Vater, den er auf der Reise begleitete, war Jahre zuvor schon bei Khubilai Khan. War es f\u00fcr den damals 17-j\u00e4hrigen Marco trotzdem eine Reise ins Ungewisse?<br \/>\n<\/strong>Vermutlich hat er von seinem Vater und seinem Onkel auf der Reise schon einiges \u00fcber Khubilai Khan und die Mongolen erfahren. Und es gab zweifellos auch schon andere Venezianer in China. Dennoch wird man von einer Reise ins Ungewisse sprechen k\u00f6nnen, denn das, was ihm m\u00fcndlich vermittelt worden sein d\u00fcrfte, waren zweifellos nur Bruchst\u00fccke von Wissen. Die Gewissheit eigener Erfahrung konnten sie sicherlich nicht produzieren.<\/p>\n<p><strong>War der Reisegrund nur wirtschaftlicher\u00a0Natur oder war da auch Neugierde an neuen Kulturen?<br \/>\n<\/strong>Der Reisegrund d\u00fcrfte ausschliesslich wirtschaftlicher Natur gewesen sein. Venezianische Fernhandelskaufleute reisten nicht aus Neugier auf andere Kulturen, sondern um gewinnbringenden Handel zu treiben. Nat\u00fcrlich lernten sie dabei auch die lokalen Sprachen und die sozialen Regeln fremder Kulturen so weit zu begreifen, dass sie sich innerhalb dieser Kulturen bewegen konnten.<\/p>\n<p><strong>Die Meinung h\u00e4lt sich hartn\u00e4ckig, dass Marco Polo gar nie in China war, er ein Hochstapler gewesen sei. Wie begegnen Sie dieser Kritik?<br \/>\n<\/strong>Die These, Marco Polo sei nicht in China gewesen, ist in den letzten beiden Jahrzehnten insbesondere von der britischen Sinologin Frances Wood vertreten worden. Sie argumentiert mit dem, was Marco Polo nicht beschrieben hat: die chinesische Mauer, den chinesischen Tee und die gebundenen F\u00fcsse der Frauen. Solche \u00abargumenta e silentio\u00bb (Argumente aus dem Schweigen, d. h. der Nichterw\u00e4hnung) hat schon Cicero kritisiert, weil sich aus ihnen keine ernsthafte Schlussfolgerung ziehen l\u00e4sst. Sie sind zumal bei einem Autor unangemessen, der vor 700 Jahren verstorben ist, weil sie unterstellen, wissen zu k\u00f6nnen, wovon er demzufolge h\u00e4tte berichten m\u00fcssen. Die chinesische Mauer, die Wood f\u00fcr so wichtig h\u00e4lt, gab es vor 700 Jahren so noch gar nicht, den Tee tranken die Chinesen, aber nicht unbedingt die Mongolen \u2026 Der Sinologe Hans-Ulrich Vogel hat demgegen\u00fcber gezeigt, dass Marco Polo die Herstellung von Papiergeld und Salzgeld sehr korrekt beschreibt, was er aus keiner europ\u00e4ischen Quelle der Zeit erfahren haben, sondern nur aus eigener Augenzeugenschaft wissen konnte.<\/p>\n<p><strong>Zur Person<br \/>\n<\/strong>Marina M\u00fcnkler, Professorin f\u00fcr \u00c4ltere und fr\u00fchneuzeitliche deutsche Literatur an der TU Dresden, ist Expertin f\u00fcr mittelalterliche Reiseberichte, insbesondere f\u00fcr die Verbreitung und Rezeption von Marco Polos Reisebericht in ganz Europa.<\/p>\n<p><strong>\u00d6ffentlicher Vortrag<br \/>\n<\/strong>Im Rahmen der \u00abFreiburger Gastprofessur f\u00fcr Germanistische Medi\u00e4vistik\u00bb wird jedes Fr\u00fchjahr eine international renommierte Forscherpers\u00f6nlichkeit eingeladen, an der Universit\u00e4t Freiburg eine Lehrveranstaltung zur Literatur des Mittelalters im europ\u00e4ischen Kontext anzubieten. Zudem werden im Rahmen eines \u00f6ffentlichen Vortrags der interessierten \u00d6ffentlichkeit aktuelle Forschungsergebnisse vorgestellt:<\/p>\n<p>Donnerstag, 23. Mai 2024, 18 Uhr<br \/>\nMuseum f\u00fcr Kunst und Geschichte Freiburg<\/p>\n<p>Marina M\u00fcnkler (TU Dresden) referiert zum Thema \u00abIm Reich des Grosskhans. Marco Polos Blick auf das mongolische China\u00bb. Der Vortrag wird musikalisch umrahmt von Bayanzul Damdinsuren, Spezialist f\u00fcr mongolische Musik und Pferdekopfgeigenspieler.<\/p>\n<p>Der Eintritt ist frei.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/agenda.unifr.ch\/e\/de\/14780\">Event<\/a> in der Unifr-Agenda<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer war Marco Polo und was ist sein Verm\u00e4chtnis? Am kommenden Donnerstag referiert Marina M\u00fcnkler von der TU Dresden in Freiburg zum Thema \u00abMarco Polos Blick auf das mongolische China\u00bb. Die Literaturprofessorin stellte sich den Fragen von Alma&amp;Georges. Marco Polo ist heute nahezu der einzige bekannte Fernostasienreisende des Mittelalters. 1271 begleitete der damals 17-j\u00e4hrige Venezianer seinen Vater Niccol\u00f2 und seinen Onkel Maffeo nach China, trat in den Dienst des mongolischen Grosskhans Khubilai und kehrte erst 1295 nach Venedig zur\u00fcck. 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