{"id":20005,"date":"2024-03-28T08:56:35","date_gmt":"2024-03-28T07:56:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=20005"},"modified":"2024-04-02T08:24:16","modified_gmt":"2024-04-02T07:24:16","slug":"pioniergeist-der-erste-asthetik-lehrstuhl-der-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2024\/pioniergeist-der-erste-asthetik-lehrstuhl-der-schweiz?lang=de","title":{"rendered":"Pioniergeist: Der erste \u00c4sthetik-Lehrstuhl der Schweiz"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Seit der Einrichtung des ersten Universit\u00e4ts-Lehrstuhls f\u00fcr \u00c4sthetik und Kunstphilosophie im Jahr 2019 hat dieser eine bedeutende Rolle in der schweizerischen akademischen Welt \u00fcbernommen. Im Interview mit Prof. Dr. Emmanuel Alloa werfen wir einen Blick auf die facettenreiche Welt der \u00c4sthetik, von ihrer historischen Entwicklung bis hin zu ihrer aktuellen Relevanz f\u00fcr Gesellschaft und Kultur.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Der Lehrstuhl f\u00fcr \u00c4sthetik und Kunstphilosophie an der Unifr ist einzigartig in der Schweiz. K\u00f6nnten Sie uns diesen kurz vorstellen?<br \/>\n<\/strong>Sehr gern. Die Universit\u00e4t Freiburg hat 2019 am Departement f\u00fcr Philosophie einen neuen Lehrstuhl f\u00fcr \u00c4sthetik und Kunstphilosophie eingerichtet, f\u00fcr den ich damals den Ruf an die Unifr erhielt und dessen Verantwortung ich seitdem trage. Unser Team am Lehrstuhl ist auf verschiedenen Gebieten der \u00c4sthetik in Geschichte und Gegenwart t\u00e4tig, sowohl in der Forschung als auch in der Lehre. Wir sind bem\u00fcht, allgemeine Kategorien wie etwa Sch\u00f6nheit, Geschmacksurteil oder den Werkbegriff in engem Austausch mit den stets singul\u00e4ren \u00e4sthetischen Gegenst\u00e4nden und den jeweiligen K\u00fcnsten (Malerei, Literatur, Musik, Theater, Film, Architektur, Tanz \u2026) zu bestimmen. Das legt dann oft einen interdisziplin\u00e4ren Austausch mit den anderen an der Unifr vertretenen Kunstwissenschaften nahe, mit denen wir sehr regelm\u00e4ssig zusammenarbeiten.<\/p>\n<p>Anderseits verstehe ich \u00c4sthetik jedoch auch als eine philosophische Kerndisziplin, insofern sich die \u00c4sthetik \u2013 man vergisst es manchmal \u2013 noch vor jeder Besch\u00e4ftigung mit dem Sch\u00f6nen oder mit Kunstwerken zun\u00e4chst einmal mit der Logik sinnlicher Erkenntnis befasst (\u00c4sthetik leitet sich von <em>Aisthesis<\/em>, dem griechischen Wort f\u00fcr Wahrnehmung her). Dass uns die Sinne, anders als uns eine hartn\u00e4ckige sinnenfeindliche Philosophietradition weismachen wollte, nicht immer t\u00e4uschen, sondern auf ganz eigene \u2013 n\u00e4mlich gerade nicht-begriffliche \u2013 Weise die Welt verl\u00e4sslich erschliessen: das ist ein Nachweis, mit dem sich die \u00c4sthetik im Kern der philosophischen Debatten \u00fcber Erkenntnisformen verortet.<\/p>\n<p><strong>Wie sehen Sie die Bedeutung dieses Lehrstuhls f\u00fcr die akademische Gemeinschaft in der Schweiz und dar\u00fcber hinaus?<br \/>\n<\/strong>Es war tats\u00e4chlich ein Kuriosum, dass es in dem Land, das zu recht auf Rousseau, Nietzsche, Giacometti oder Tinguely stolz ist, bis dato landesweit keinen einzigen Universit\u00e4ts-Lehrstuhl f\u00fcr philosophische \u00c4sthetik gab. Dabei spielte die Schweiz sogar eine ganz zentrale Rolle in der Etablierung der \u00c4sthetik als neuer philosophischen Disziplin im 18. Jahrhundert, als Autoren wie J.J. Bodmer, J.G. Sulzer oder J.J. Breitinger die Rolle des Gef\u00fchls rehabilitiert haben. Ganz zu schweigen von ihren Beitr\u00e4gen zu einer \u00c4sthetik des Erhabenen (vielleicht laden spektakul\u00e4re Bergkulissen eher zu Erhabenheits-Erfahrungen ein). Es ist also nur folgerichtig, dass \u00c4sthetik nicht nur an Kunsthochschulen gelehrt und erforscht wird \u2013 ich denke etwa an meine Kollegin, Prof. Judith Siegmund an der Z\u00fcrcher Hochschule der K\u00fcnste \u2013 , sondern sich auch die Universit\u00e4ten auf diese lange Tradition besinnen und die Unifr eine Vorreiterrolle \u00fcbernimmt. Denn die Schweiz hat sich nicht nur auf dem Gebiet der praktischen \u00c4sthetik einen Namen gemacht \u2013 man braucht nur an Design und Typographie zu denken \u2013, sondern hat auch auf dem Gebiet der theoretischen \u00c4sthetik Wichtiges geleistet.<\/p>\n<p>Allerdings will dieser \u00c4sthetik-Lehrstuhl, den wir nun dankenswert in Freiburg haben, nicht nur in den R\u00fcckspiegel, sondern auch dezidiert nach vorn schauen. Wir m\u00f6chten unseren eigenen Beitrag zu den gegenw\u00e4rtigen gesellschaftlichen Herausforderungen leisten.<\/p>\n<p><strong>Genau, denn: Philosophie, \u00c4sthetik &#8230; klingt alles sehr spannend. Aber was kann man damit machen? Kann man damit einen Job finden?<br \/>\n<\/strong>\u00c4sthetische Fragen betreffen nicht nur Kunstkritikerinnen, Opernfreunde oder Gourmets, sie betreffen uns alle. Ob Unternehmenskommunikation, Urban Design, Event-Kultur oder Selbstinszenierung in sozialen Medien \u2013 wohin man schaut sind \u00c4sthetisierungsprozesse im Gange. Die allgemeine \u00abAufh\u00fcbschung\u00bb ist schon lange nicht mehr nur Verpackung, sondern Kern der Botschaft. Da ist dann kritische Distanz gefragt, und ein reflektierter Umgang. In der \u00c4sthetik kann man das \u00abWas\u00bb niemals vom \u00abWie\u00bb, den Inhalt niemals von der Art und Weise trennen; was wir an \u00e4sthetischen Gegenst\u00e4nden lernen, l\u00e4sst sich auf viele andere Felder \u00fcbertragen. In dieser Hinsicht hat die philosophische \u00c4sthetik ein feingliedriges Handwerkszeug anzubieten, damit wir anstelle von passiven Rezipienten zu kritischen Zeitgenoss_innen werden, die diese neuen audiovisuellen und multisensoriell organisierten Erfahrungswelten verstehen und eigenm\u00e4chtig mitgestalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In dieser Hinsicht betrifft die Bef\u00e4higung zur \u00e4sthetischen Kritik alle B\u00fcrger_innen. Neben diesem allgemeinen Auftrag haben wir an der Unifr jedoch auch ein gezielteres Ausbildungsangebot. Wir bereiten Studierende f\u00fcr ein Berufsleben im Kultursektor, im Erziehungsbereich sowie an der Schnittstelle von Kunst und \u00d6ffentlichkeit aus. Analytische Kompetenzen, wie sie im Philosophie-Studium verfeinert werden, gepaart mit \u00e4sthetischer Bildung \u2013 das ist heute sehr gefragt. Eine ganze Reihe unserer Absolvent_innen arbeiten heute in im Kulturjournalismus (Radio, Print und Online-Medien), in Museen oder in der Kunstf\u00f6rderung.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnten Sie uns \u00fcber das Forschungsprojekt \u00abAerial Spatial Revolution\u00bb erz\u00e4hlen, das durch den SNF-Sinergia-Grant unterst\u00fctzt wird?<br \/>\n<\/strong>Gern. Wir nehmen nun im April neu die Arbeit an einem neuen kollaborativen Verbundprojekt auf, das wir in Freiburg gemeinsam mit der Tessiner SUPSI, der Architekturfakult\u00e4t Mendrisio und der OST St. Gallen durchf\u00fchren. Wir freuen uns sehr, mit dem Projekt \u00abAerial Spatial Revolution\u00bb einen der begehrten SINERGIA-Grants des SNF gewonnen zu haben. Es geht dabei um die Frage, wie die Revolution der Luft- und Raumfahrt seit Beginn des 20. Jahrhunderts unser Verst\u00e4ndnis von R\u00e4umlichkeit radikal ver\u00e4ndert hat. Der \u00abBlick von oben\u00bb zieht eine \u00abVerflachung\u00bb der Welt nach sich, aber auch eine Objektivierung und Selbstdistanzierung. Das Projekt bietet erstmals eine systematische und interdisziplin\u00e4re Studie der Geschichte und der Auswirkungen der Raumrevolution. Unser Forschungsnetzwerk bringt Expert_innen aus den Bereichen St\u00e4dtebau und Architektur, \u00c4sthetik, Theorie visueller Medien und politische Philosophie zusammen, und verschr\u00e4nkt praktische wie theoretische Gesichtspunkte. Das Freiburger Teilprojekt \u00abAeroVision\u00bb soll eine Ph\u00e4nomenologie des luftbasierten Blicks liefern, auf der Grundlage meiner eigenen medienph\u00e4nomenologischen Arbeiten und meiner \u00dcberlegungen zur Philosophie der Perspektivit\u00e4t, wobei wir uns auch fragen wie Technologie wie unbemannte Drohnen und Remote-Sensing-Technologien unsere nat\u00fcrlichen Wahrnehmungs-Koordinaten ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>Der Kongress der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr \u00c4sthetik, der im September in Freiburg stattfinden wird, ist ein bedeutendes Ereignis f\u00fcr die \u00c4sthetik-Community. <\/strong><strong>Was hat es damit auf sich?<br \/>\n<\/strong>Die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr \u00c4sthetik (DG\u00c4) ist der allgemeine Dachverband im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Schweiz, \u00d6sterreich), aber auch dar\u00fcber hinaus. Mit \u00fcber 700 Mitgliedern ist sie die heute europaweit gr\u00f6sste wissenschaftliche Gesellschaft f\u00fcr \u00c4sthetik, und z\u00e4hlt eine ganze Reihe von Mitgliedern aus anderen Sprachregionen. Die Mitgliederversammlung der DG\u00c4 hat mich 2021 zu ihrem Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt, und zu meinen Aufgaben geh\u00f6rt damit ebenfalls die Durchf\u00fchrung des dreij\u00e4hrig stattfindenden grossen Kongresses. Ich freue mich sehr, dass ein DG\u00c4-Kongress nun erstmals nach Freiburg kommt (in der Stadt, in der \u00fcbrigens 2008 die European Society of Aesthetics gegr\u00fcndet wurde!). Vom 9. bis 13. September 2024 wird es zu dem allgemeinen Thema \u00abMedien der K\u00fcnste\/K\u00fcnste der Medien\u00bb \u00fcber 100 wissenschaftliche Parallelvortr\u00e4ge geben, mit Vortragenden aus Europa und den USA. Begleitend dazu gibt es ein Rahmenprogramm mit Performances und Lesungen, das auch speziell dem allgemeinen Publikum offenstehen soll. Das Organisationsteam ist momentan aktiv damit besch\u00e4ftigt, weitere Kooperationen mit lokalen und kantonalen Partnern zu vereinbaren. Eine Tagungsgeb\u00fchr gibt es keine: Alle sind herzlich eingeladen \u2013 Universit\u00e4tsmitglieder, Studierende, die interessierte \u00d6ffentlichkeit \u2013, im September mit uns gemeinsam \u00fcber Kunst, \u00c4sthetik, Medien und Gesellschaft zu debattieren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">_________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Website von <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/philosophie\/de\/departement\/staff\/bereich\/ars\/people\/299309\/fdd4f\">Emmanuel Alloa<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/philosophie\/de\/teilbereiche\/aesthetik-und-kunstphilosophie\/\">\u00c4sthetik und Kunst<\/a> an der Unifr<\/li>\n<li>Kongress <a href=\"http:\/\/www.dgae.de\/kongresse\/\">Medien der K\u00fcnste | K\u00fcnste der Medien<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/aerialspatialrevolution.ch\/\">Aerial Spatial Revolution<\/a><\/li>\n<li>Foto: St\u00e9phane Schmutz \/ <a href=\"http:\/\/www.stemutz.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.stemutz.com<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit der Einrichtung des ersten Universit\u00e4ts-Lehrstuhls f\u00fcr \u00c4sthetik und Kunstphilosophie im Jahr 2019 hat dieser eine bedeutende Rolle in der schweizerischen akademischen Welt \u00fcbernommen. Im Interview mit Prof. Dr. Emmanuel Alloa werfen wir einen Blick auf die facettenreiche Welt der \u00c4sthetik, von ihrer historischen Entwicklung bis hin zu ihrer aktuellen Relevanz f\u00fcr Gesellschaft und Kultur. Der Lehrstuhl f\u00fcr \u00c4sthetik und Kunstphilosophie an der Unifr ist einzigartig in der Schweiz. K\u00f6nnten Sie uns diesen kurz vorstellen? Sehr gern. 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