{"id":19409,"date":"2023-12-05T16:07:02","date_gmt":"2023-12-05T15:07:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=19409"},"modified":"2023-12-05T16:11:34","modified_gmt":"2023-12-05T15:11:34","slug":"grosse-freiwillige-initiativen-entlarven-mangel-innerhalb-des-systems","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2023\/grosse-freiwillige-initiativen-entlarven-mangel-innerhalb-des-systems","title":{"rendered":"\u00abGrosse freiwillige Initiativen entlarven M\u00e4ngel innerhalb des Systems\u00bb"},"content":{"rendered":"<h4><strong>An der Podiumsveranstaltung \u00abFreiwilligkeit und Flucht: Arbeiten am Rand der Legalit\u00e4t\u00bb diskutierten eine Anw\u00e4ltin, ein Pfarrer und ein Schriftsteller \u00fcber ihr Engagement f\u00fcr Gefl\u00fcchtete \u2013 und dar\u00fcber, was dieses \u00fcber die Migrationspolitik aussagt.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>\u00abEs ist f\u00fcr mich alternativlos. In der \u00c4g\u00e4is werden Menschen get\u00f6tet, in Handschellen ins Meer geworfen, zu Tode gepr\u00fcgelt. Ich halte das nicht aus\u00bb, sagte Annina Mullis gegen Ende der Veranstaltung, als sie gefragt wurde, wie sie mit dem Dilemma umgeht, dass Aktivist_innen ein St\u00fcck weit das Funktionieren des Systems miterm\u00f6glichen, indem sie die schlimmsten Exzesse abfedern.<\/p>\n<p>Das interdisziplin\u00e4re Institut f\u00fcr Ethik und Menschenrechte der Universit\u00e4t Freiburg setzt sich intensiv mit dem Thema Freiwilligkeit auseinander \u2013 und zwar auch kritisch. Unter der Leitung von Regula Ludi und Matthias Ruoss l\u00e4uft seit 2021 und noch bis 2025 das SNF-Projekt \u00abFreiwilligkeit und Geschlecht: Neuverhandlung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung seit den 1970er-Jahren.\u00bb Wurde Freiwilligkeit lange schlicht als Ressource betrachtet, will das Projekt einen neuen Blickwinkel er\u00f6ffnen, die Spannungsfelder aufzeigen, die sich in der Praxis ergeben \u2013 und so zu einem breiteren Dialog \u00fcber die Systemrelevanz des unentgeltlichen Engagements und dessen transformatives Potenzial anregen.<\/p>\n<p>In diesem Rahmen organisierte das Projektteam am vergangenen Mittwoch an der Uni Freiburg die Podiumsveranstaltung \u00abFreiwilligkeit und Flucht: Arbeiten am Rande der Legalit\u00e4t\u00bb. Zu den Referent_innen geh\u00f6rten nebst Anw\u00e4ltin Annina Mullis Pfarrer Daniel Winkler und Schriftsteller Dominik Riedo. Unter der Leitung von Sarah Probst, die als Doktorandin am SNF-Projekt mitarbeitet, suchten sie Antworten auf dr\u00e4ngende Fragen.<\/p>\n<p><strong>Welches Licht wirft es auf die Migrationspolitik, dass so viel freiwilliges Engagement \u00fcberhaupt notwendig ist?<br \/>\n<\/strong>\u00abGrosse freiwillige Initiativen entlarven M\u00e4ngel innerhalb des Systems, das Fehlen einer staatlichen beziehungsweise \u00fcberstaatlichen Handlung. Zivile Seenotrettung zum Beispiel f\u00fcllt eine L\u00fccke, die von den Verantwortlichen offengelassen wird\u00bb, sagte Annina Mullis, die am Legal Center Lesbos an der EU-Aussengrenze Gefl\u00fcchtete unterst\u00fctzt, etwa in Form von Rechtsberatung oder indem sie systematische Rechtsverletzungen wie Pushbacks dokumentiert.<\/p>\n<p>Eine L\u00fccke f\u00fcllt auch Daniel Winkler. Als Leiter der Freiwilligengruppe Riggi-Asyl unterst\u00fctzt der Pfarrer in der Berner Gemeinde Riggisberg Gefl\u00fcchtete bei der Integration \u2013 und er hilft abgewiesenen Asylsuchenden mit erschwerten R\u00fcckkehrbedingungen. \u00abDas sind vor allem Menschen aus Eritrea. Niemand geht freiwillig in diese Steinzeitdiktatur zur\u00fcck, das wissen auch unsere Beh\u00f6rden. Trotzdem leben die abgewiesenen Langzeitf\u00e4lle innerhalb des repressiven Schweizer Nothilferegimes unter menschenunw\u00fcrdigen Bedingungen. Unser Ziel ist es, ihnen ein Dasein in W\u00fcrde zu erm\u00f6glichen, damit sie \u00fcber die Jahre nicht in den R\u00fcckkehrzentren verelenden.\u00bb Die Krux: Indem Riggi-Asyl nach privaten Unterbringungen sucht und f\u00fcr die Menschen die Bussen bezahlt, die sie wegen illegalen Aufenthalts erhalten, begeben sich die Freiwilligen selbst an den Rand der Legalit\u00e4t. \u00abEs tangiert das Solidarit\u00e4tsdelikt im Ausl\u00e4nder- und Integrationsgesetz. Jeder Franken, den wir f\u00fcr Abgewiesene ausgeben, ist streng genommen ein illegaler Akt\u00bb, erkl\u00e4rte Winkler. \u00abDass diese Form der Solidarit\u00e4t in der Schweiz kriminalisiert wird, ist unverst\u00e4ndlich.\u00bb<\/p>\n<p>Solidarit\u00e4t pr\u00e4gt auch den Alltag von Dominik Riedo mit. Der Schriftsteller ist Pr\u00e4sident des Deutschschweizer PEN-Zentrums. PEN steht f\u00fcr <em>Poets, Essayists, Novelists<\/em>, die Organisation setzt sich weltweit f\u00fcr Meinungsfreiheit ein und unterst\u00fctzt Menschen, die schreiben. \u00abAls die Taliban in Afghanistan \u00fcberfallartig an die Macht zur\u00fcckkehrten, wurden wir mit Anfragen von Frauen \u00fcberh\u00e4uft. Innert k\u00fcrzester Zeit haben wir ein grosses Projekt gestartet, um m\u00f6glichst vielen von ihnen in der Schweiz Schutz zu bieten. Dazu mussten wir immer wieder mit den zust\u00e4ndigen Bundesbeh\u00f6rden verhandeln \u2013 und viel Geld auftreiben, da wir zum Beispiel die Tickets teilweise selbst bezahlen mussten.\u00bb<\/p>\n<p>Bei aller Kritik an den L\u00fccken im System, gab Daniel Winkler aber auch zu bedenken, dass es nicht gut w\u00e4re, alles den staatlichen Strukturen zu \u00fcberlassen. \u00abZivilgesellschaftliches Engagement ist f\u00fcr Gefl\u00fcchtete ein Gamechanger, Beziehungsnetze sind matchentscheidend. Wer in die Gemeinschaft geholt und wahrgenommen wird, f\u00fchlt sich geachtet, wer allein gelassen wird, verk\u00fcmmert.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Darf freiwilliges Engagement als nettes Plus auf LinkedIn betrachtet werden?<br \/>\n<\/strong>\u00d6konomisierungstendenzen machen vor dem Bereich der Freiwilligkeit nicht Halt. Darf Fl\u00fcchtlingshilfe auch als Investition in die Karriere gesehen werden, als netter Eintrag f\u00fcr den Lebenslauf auf LinkedIn? \u00abIch finde es nichts Verwerfliches, wenn jemand in jungen Jahren Zeit in ein entsprechendes Projekt steckt \u2013 und das auch im Hinblick auf eine sp\u00e4tere Jobchance tut. Solange das freiwillige Engagement nicht total berechnend ist, finde ich gewisse Hintergedanken okay\u00bb, sagte Dominik Riedo. Annina Mullis sieht das \u00e4hnlich. \u00abAus dem Leben streichen kann ich die Erfahrung ja nicht, es ist Teil der Biografie, ob das nun im CV drinsteht oder nicht.\u00bb Menschen in Not zu helfen d\u00fcrfe durchaus eigenn\u00fctzig sein, sagte Daniel Winkler \u2013 und dachte dabei an eine Art Kollektivvertrag. \u00abWir alle k\u00f6nnen in Situationen geraten, in denen wir Hilfe ben\u00f6tigen. Deshalb unterst\u00fctzen wir Menschen, solange wir die Ressourcen dazu haben.\u00bb<\/p>\n<p>Unerl\u00e4sslich findet Annina Mullis Selbstreflexion. \u00abEs ist wichtig, das eigene Bed\u00fcrfnis, etwas Gutes zu tun, beiseitestellen zu k\u00f6nnen und sich zu \u00fcberlegen: Was wird tats\u00e4chlich ben\u00f6tigt? Und bin ich die richtige Person, um das zu tun?\u00bb Als Beispiel erw\u00e4hnte sie die Situation auf Lesbos in den Jahren 2016 und 2017. \u00abDa gab es jede Woche eine neue Freiwilligeninitiative, zeitweise waren 500 NGOs vor Ort \u2013 und damit auch Personen, die keine Ahnung hatten, was sie eigentlich tun sollten.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Wie umgehen mit dem Dilemma, das System, das man eigentlich bek\u00e4mpfen m\u00f6chte, wom\u00f6glich aufrechtzuerhalten, indem man Kompromisse eingeht und seine schlimmsten Fehler ausb\u00fcgelt?<br \/>\n<\/strong>Die eingangs erw\u00e4hnte Alternativlosigkeit pr\u00e4gt den Umgang mit diesem Dilemma entscheidend. Annina Mullis pl\u00e4diert dennoch daf\u00fcr, sich selbst und die Wirkung des eigenen Handelns st\u00e4ndig zu hinterfragen. \u00abUm etwas zu erreichen, m\u00fcssen wir mitunter Kompromisse eingehen. Die Frage ist immer: Wie weit sollen wir bei diesen Kompromissen gehen?\u00bb Sie h\u00e4tten vor der Veranstaltung zusammen diskutiert, warum sie eigentlich nicht in die Politik gegangen seien, erg\u00e4nzte Dominik Riedo. \u00abSchliesslich h\u00e4tten wir dort die M\u00f6glichkeit, etwas zu ver\u00e4ndern. Allerdings werden in der Schweizer Politik so viele Kompromisse eingegangen, dass sich innerhalb eines Lebens nur wenig bewegt. Deshalb bevorzuge ich die direkte Hilfe, da sehe ich jeden Tag konkrete Ergebnisse. Daraus ziehe ich meine Kraft.\u00bb<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">_________<\/span><br \/>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div>\n<ul>\n<li>Webseite des <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/ethique\/de\/\">Interdisziplin\u00e4ren Instituts f\u00fcr Ethik und Menschenrechte<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\"><div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An der Podiumsveranstaltung \u00abFreiwilligkeit und Flucht: Arbeiten am Rand der Legalit\u00e4t\u00bb diskutierten eine Anw\u00e4ltin, ein Pfarrer und ein Schriftsteller \u00fcber ihr Engagement f\u00fcr Gefl\u00fcchtete \u2013 und dar\u00fcber, was dieses \u00fcber die Migrationspolitik aussagt. \u00abEs ist f\u00fcr mich alternativlos. In der \u00c4g\u00e4is werden Menschen get\u00f6tet, in Handschellen ins Meer geworfen, zu Tode gepr\u00fcgelt. 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