{"id":19090,"date":"2023-10-27T08:07:27","date_gmt":"2023-10-27T07:07:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=19090"},"modified":"2023-10-27T08:07:43","modified_gmt":"2023-10-27T07:07:43","slug":"was-ist-die-hoffnung-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2023\/was-ist-die-hoffnung-der-welt?lang=de","title":{"rendered":"Was ist die Hoffnung der Welt?"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Bei den diesj\u00e4hrigen, 9. \u00d6kumenischen Studientagen des Zentrums f\u00fcr Glaube und Gesellschaft an der Universit\u00e4t Freiburg sprach unter anderem der renommierte anglikanische Theologe und emeritierte Erzbischof von Canterbury Rowan Williams \u00fcber die (christliche) Hoffnung f\u00fcr diese Welt. Die Veranstaltung ist ein paar Monate her, die Themen sind aktueller denn je: Umwelt, Territorialdenken, eine sich rasant entwickelnde Technologie \u2026 Theologie-Student Max Ammann blickt zur\u00fcck und macht sich in einer Gastkolumne Gedanken \u00fcber die Kernbotschaft der Veranstaltung.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>Was ist die tragende Hoffnung f\u00fcr unsere Welt? In einer sich rasch ver\u00e4ndernden Welt stellten sich die 9. \u00d6kumenischen Studientage des Zentrums f\u00fcr Glaube und Gesellschaft in Freiburg genau dieser Frage. Der Klimawandel, gesellschaftlicher Wandel und der rasante technologische Fortschritt sind Themen, auf die auch der christliche Glaube eine Perspektive der Hoffnung erm\u00f6glichen muss. Das Zentrum f\u00fcr Glaube und Gesellschaft, das die Studientage jedes Jahr organisiert, m\u00f6chte Br\u00fccken zwischen akademischer Theologie, christlicher Spiritualit\u00e4t und Gemeindepraxis schlagen und genau das ist bei einer so ambitionierten Fragestellung gefragt. Die Vorrangstellung erhielt die Spiritualit\u00e4t und in diesem Sinne begann die Tagung mit einem Morgengebet. Die meditativen Taiz\u00e9-Ges\u00e4nge, der Psalmengesang, die Schriftlesungen und nicht zuletzt die mehrmin\u00fctige Stille zeigen an, dass die christliche Hoffnung nicht allein auf den klugen Vortr\u00e4gen und Diskursen beruht.<\/p>\n<p><strong>Pilgerschaft nach Hause zu Gott<br \/>\n<\/strong>Nach dem Gebet ging es aber gleich los mit den ersten Vortr\u00e4gen und Podiumsdiskussionen. Ryan McAnnaly-Linz ist systematischer Theologe und stellvertretender Direktor des Yale Center for Faith &amp; Culture in den USA. Er machte mit seinem Vortrag \u00ab<em>Home on the way: Discipleship between Babylon and Jerusalem<\/em>\u00bb den Anfang dieses ersten Tages, der die biblischen und theologischen Grundlagen der christlichen Hoffnung er\u00f6rtern sollte. McAnnaly-Linz erinnerte daran, dass die Christen in dieser Welt nicht zuhause, sondern bloss Pilger seien. Das sei aber kein Anlass zu jenseitsvertr\u00f6stender Weltflucht, vielmehr handle es sich um eine Pilgerfahrt \u00abfrom here to here\u00bb. Der leidenschaftliche vorgetragene und theologisch vielschichtige erste Vortrag verlangte den Teilnehmern bereits einiges Mitdenken ab. In den Pausen mischten sich Referenten und Zuh\u00f6rer, neue Bekanntschaften geschlossen und alte erneuert. Die Mehrsprachigkeit der Studientage sowie die \u00f6kumenische Perspektive mit Vertretern aus den protestantischen, anglikanischen und katholischen Traditionen machen die Studientage auch zu einem hervorragenden christlichen Networkinganlass f\u00fcr den erweiterten akademisch-theologischen Bereich.<\/p>\n<p><strong>Bewahrung der Sch\u00f6pfung und die Weisheit des Jubeljahres (Lev 25)<br \/>\n<\/strong>Der zweite Vortrag hielt Theologin, Sozialaktivistin und Mitglied des Domkapitels der Kathedrale von Rochester (England) Ruth Valerio. Sie zeigt auf, wie sich die biblische Genesis-Erz\u00e4hlung von den babylonischen Sch\u00f6pfungsmythen unterscheidet, und wie sich daraus das \u00e4usserst positive christliche Sch\u00f6pfungsverst\u00e4ndnis ergibt: \u00ab[\u2026] und siehe, es war sehr gut\u00bb (Gen 1, 31). Davon ausgehen wies sie auf den engen Zusammenhang von Sch\u00f6pfung und Erl\u00f6sung hin: Gottes Erl\u00f6sungsplan betreffe die gesamte Sch\u00f6pfung, also auch Natur und Umwelt. Deswegen m\u00fcsse christliche J\u00fcngerschaft die Welt miteinbeziehen und d\u00fcrfe die Fragen des Klimawandels und Umweltschutzes nicht ignorieren. Damit legte sie den Grundstein f\u00fcr den auf sie folgenden Hauptreferenten der Studientage: Der Anglikaner Rowan Williams ist nicht nur emeritierter Erzbischof von Canterbury, sondern zweifellos auch einer der renommiertesten Theologen der letzten Jahrzehnte. Williams legte dar, wie sich der Blick der Menschen auf das Land insbesondere im 16.\/17. Jahrhundert gewandelt habe und sie zunehmend als Eigentum verstand. Hier verortete der emeritierte Erzbischof ein grundlegendes Problem des heutigen Umganges mit der Natur. Bei der Predigt zum \u00f6kumenischen Gottesdienst am Abend des ersten Tages brachte Williams auch die im Titel der Veranstaltung stehende Hoffnung ins Spiel, die im Letzten nur auf dem Heilshandeln Gottes in Christus gr\u00fcnden k\u00f6nne.<\/p>\n<p><strong>Christliche Hoffnung und die Rolle der Kirche<br \/>\n<\/strong>Die Hoffnung war auch am zweiten Tag der Konferenz das pr\u00e4gende Thema. Prof. Christine Schliesser, Privatdozentin f\u00fcr Systematische Theologie an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich und Studienleiterin am Zentrum Glaube &amp; Gesellschaft, markierte die Hoffnung als Signatur christlicher Existenz. Dabei er\u00f6ffnete sie eine kleine Theologie der Hoffnung, um ihr neben den oftmals mehr beachteten g\u00f6ttlichen Tugenden Glaube und Liebe eine eigene Strahlkraft zu sichern. Besonders wichtig war ihr die Grundlage der Hoffnung in Christus, die leitende Kraft der Hoffnung zur Bew\u00e4ltigung von Hindernissen und die Antriebskraft der Hoffnung, die den Menschen Gott f\u00fcr das Heil bedr\u00e4ngen und der Erde treu bleiben l\u00e4sst. Die christliche Hoffnung fordere von Gott ein Heilshandeln in der Welt und Erl\u00f6sung f\u00fcr die Opfer der Geschichte im eschatologischen Jenseits zugleich. Darauf konnte Rowan Williams in seinem zweiten Vortrag \u00ab<em>The Jubilee Community: dispossessed living, public hope<\/em>\u00bb aufbauen. Er definierte den Zweck der Kirche so, dass sie zur Wiederherstellung der Welt durch die Gnade Gottes beitragen solle, statt ein bestimmtes Territorium geistlicher oder physischer Art in der Welt zu verteidigen. Die Kirche sei kein Verein unter anderen, sondern die tragende Gemeinschaft jener, die auf Gott vertrauen. Williams kritisierte scharf jede Form von Stammes- oder Territorialdenken und pl\u00e4dierte f\u00fcr eine im weitesten Sinne besitzlose und gottorientierte Kirche.<\/p>\n<p><strong>Christliche Gemeinschaften und Praxistipps f\u00fcr die Welt von heute<br \/>\n<\/strong>Eine Besonderheit der Studientage dieses Jahres stellte die M\u00f6glichkeit dar, eine Vielzahl von Ordensgemeinschaften kennenzulernen: Mit den Zisterziensern, Benediktinern, der Gemeinschaft der Seligpreisungen, der Bruderschaft der Christustr\u00e4ger, den Diakonissen von Riehen und vielen mehr waren zahlreiche katholische und protestantische Gemeinschaften vor Ort. Alle Gemeinschaften stellten sich vor, liessen sich befragen und man versuchte sich gemeinsam Gedanken zu machen, inwiefern sie Vorbild f\u00fcr die moderne Gesellschaft sein k\u00f6nnten. Das n\u00f6tige intellektuelle R\u00fcstzeug hierf\u00fcr hatte man am Donnerstagvormittag vom Patristiker Prof. Gregor Emmenegger (Freiburg) erhalten. Emmenegger erz\u00e4hlte die Geschichte des christlichen M\u00f6nchtums von einer \u00abanarchistischen Gegengesellschaft\u00bb in der \u00e4gyptischen W\u00fcste bis zum gelehrten Benediktinertum hinter europ\u00e4ischen Klostermauern nach. Er zeigte auf, wie monastische Gemeinschaft je nach Ort und Zeit unter Pachomius eben als Gegengesellschaft, mit Basilius dem Grossen als Element des Gemeindeaufbaus und bei Augustinus als christliche Elite verstanden wurde. Dies schl\u00e4gt sich bis heute in der Augustinus\u2013, der Benedikts\u2013 und der Basiliusregel nieder.<\/p>\n<p><strong>Yuval Noah Harari und die Bedrohung des Transhumanismus<br \/>\n<\/strong>Nach zahlreichen im weitesten Sinne hoffnungsvollen Impulsen nahmen die Studientage am Abend des zweiten Tages eine dunkle Wendung. Bei der Vorpremiere des Films \u00abThe Great Fake\u00bb, der unter Mitarbeit des Zentrums f\u00fcr Glaube und Gesellschaft entstanden war, erhielten die Teilnehmer einen kritischen Einblick in die dystopischen Fantasien des israelischen Bestsellerautors und Historikers Yuval Noah Harari (\u00abHomo Deus\u00bb). Dieser entwirft ein Szenario, in welchem der technologische Fortschritt einen Grossteil der Menschheit arbeitslos und im Grunde \u00fcberfl\u00fcssig macht, weswegen diese mit Drogen und Computerspielen ruhiggestellt werden. Die Zukunft des Menschen liege in einer Symbiose mit der Technik, die ihn in allen Bereichen \u00fcbertreffe. Im Film kritisierten die Macher die \u00e4usserst fragw\u00fcrdigen anthropologischen und epistemologischen Annahmen des Israelis und der transhumanistischen Szene. Dr. Oliver D\u00fcrr, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum Glaube &amp; Gesellschaft und Habilitand am Institut f\u00fcr Hermeneutik und Religionsphilosophie an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich, gab dann am Freitagmorgen einen Einblick in das Thema seiner Dissertation \u00ab<em>Homo Novus. Vollendlichkeit im Zeitalter des Transhumanismus. Beitr\u00e4ge zu einer Techniktheologie<\/em>\u00bb und kritisierte den sogenannten technischen Solutionismus, d. h. die Annahme, dass man mit der Technik alle Probleme der Menschheit l\u00f6sen k\u00f6nne. Er zeigte auf, dass technischer Fortschritt immer auch einen menschlichen Fortschritt, eine positive Anthropologie verlange, wenn sie dem Menschen wirklich helfen soll.<\/p>\n<p><strong>Christlicher Humanismus und t\u00e4tige Hoffnung<br \/>\n<\/strong>Hier konnte Prof. Dr. Carmody Grey, Assistenzprofessorin f\u00fcr Theologie an der University of Durham (England) und assoziierte Professorin f\u00fcr Ethik an der Universit\u00e4t Bern, ankn\u00fcpfen. Die katholische Theologin sprach \u00fcber den Zusammenhang von Humanismus und Christentum. Pr\u00e4zise und stringent legte sie dar, wie der Humanismus zum Grundparadigma unserer Zeit geworden, aber wegen der Krise des Menschenverst\u00e4ndnisses in der Moderne in Schieflage geraten sei. Jeder gehe heutzutage selbstverst\u00e4ndlich von der Heiligkeit des Menschen aus und empfinde daher z.B. Folter als in sich b\u00f6se. Doch seien wir uns nicht mehr einig, was der Mensch \u00fcberhaupt sei. Das Christentum sei zwar die h\u00f6chste und reinste Form des Humanismus, aber trotzdem nicht mit diesem deckungsgleich \u2013 zu konfliktbeladen war die Geschichte der Kirche mit dem Humanismus. Trotzdem g\u00e4be es keinen reineren Humanismus als die Vorstellung, dass der Sch\u00f6pfer von Himmel und Erde Mensch geworden sei, wie die Engl\u00e4nderin in Anlehnung an Papst Benedikt XVI. bemerkte. Den Christen k\u00e4me also weiterhin eine wichtige Rolle zu. Prof. Dr. Dr. G\u00fcnther Thomas, Professor f\u00fcr Systematische Theologie, Ethik und Fundamentaltheologie an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum, gab zum Abschluss Einblick in m\u00f6gliche praktische Konsequenzen christlicher Hoffnung. Er beschrieb mit viel Wortwitz und Eloquenz die Rolle der Christen im \u00abWeltabenteuer Gottes\u00bb und die Provokation einer t\u00e4tigen Hoffnung in \u00abKlage, Arbeit, Modellierung und Feier\u00bb. Dieses Schlussst\u00fcck liess die Tagung dem Titel entsprechend auf einer hoffnungsvollen Note enden. Die anfangs gestellte Frage, was die Hoffnung der Welt sei, wurde aber am sch\u00f6nsten von Rowan Williams beantwortet. Dieser sagte bei einem Podiumsgespr\u00e4ch sinngem\u00e4ss, dass die Hoffnung der Welt letztlich nur das Antlitz Christi tragen k\u00f6nne. In diesem Sinne endeten die Studientage mit einem l\u00e4ngeren \u00f6kumenischen Abschlussgebet vor der Kreuzikone von Taiz\u00e9.<\/p>\n<p><strong>Die Studientage 2024 stehen dann unter dem Titel \u00abCultural Witness \u2013 Das christliche Zeugnis in einer pluralen Welt\u00bb und finden vom 12. bis 14. Juni 2024 statt. <\/strong><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">_________<\/span><br \/>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div>\n<ul>\n<li>Webseite der <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/theo\/de\/\">Theologischen Fakult\u00e4t<\/a><\/li>\n<li>Webseite des <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/glaubeundgesellschaft\/de\/\">Zentrums Glaube &amp; Gesellschaft<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\"><div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei den diesj\u00e4hrigen, 9. \u00d6kumenischen Studientagen des Zentrums f\u00fcr Glaube und Gesellschaft an der Universit\u00e4t Freiburg sprach unter anderem der renommierte anglikanische Theologe und emeritierte Erzbischof von Canterbury Rowan Williams \u00fcber die (christliche) Hoffnung f\u00fcr diese Welt. Die Veranstaltung ist ein paar Monate her, die Themen sind aktueller denn je: Umwelt, Territorialdenken, eine sich rasant entwickelnde Technologie \u2026 Theologie-Student Max Ammann blickt zur\u00fcck und macht sich in einer Gastkolumne Gedanken \u00fcber die Kernbotschaft der Veranstaltung. Was ist die tragende Hoffnung f\u00fcr unsere Welt? 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