{"id":1857,"date":"2016-01-28T12:59:25","date_gmt":"2016-01-28T11:59:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges\/?p=1857"},"modified":"2016-02-09T18:53:32","modified_gmt":"2016-02-09T17:53:32","slug":"grosse-erkenntnis-dank-kleinen-wesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2016\/grosse-erkenntnis-dank-kleinen-wesen","title":{"rendered":"Grosse Erkenntnis dank kleinen Wesen"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Simon Sprechers wissenschaftliches Steckenpferd ist die Erforschung des Gehirns. Das grosse Vorhaben setzt der Neurobiologe mit kleinsten Lebewesen in Tat um. So gelang es dem Professor am Bereich Zoologie k\u00fcrzlich zu beweisen, dass der Wurm mit Namen <em>Symsagittifera<\/em> <em>roscoffensis<\/em> ein Gehirn hat. Und dass dem Tier nach einer Enthauptung der Kopf \u2013 mitsamt Hirn \u2013 wieder nachw\u00e4chst.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Simon Sprecher, Sie konnten nachweisen, dass beim <em>Symsagittifera roscoffensis<\/em>, einem Wurm aus der Gruppe der Plattw\u00fcrmer, nach einer Enthauptung der Kopf nachw\u00e4chst und dass diese Tiere ein Hirn haben. Welches ist die Neuheit?<br \/>\n<\/strong>Man wusste bereits, dass sie regenerieren k\u00f6nnen. Aber nicht genau wie. Man wusste, dass man das Hinterteil abschneiden kann. Bei gewissen Arten auch den Kopf. Aber ob diese Tiere ein Hirn haben, war bisher umstritten. Und wir haben in dieser Publikation jetzt eben bewiesen, dass sie ein Hirn haben. Ein komplexes Hirn sogar. Wenn man den ganzen Kopf entfernt, w\u00e4chst das ganze Hirn nach. Die Frage: Funktioniert es auch wieder wie vorher? Unsere Experimente zeigen: Ja.<\/p>\n<h6><div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<a href=\"http:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Sprecher_Simon_AG.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-1850\" src=\"http:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Sprecher_Simon_AG-1024x660.jpg\" alt=\"Sprecher_Simon_AG\" width=\"680\" height=\"438\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Sprecher_Simon_AG-1024x660.jpg 1024w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Sprecher_Simon_AG-300x193.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><br \/>\n<\/a><em>Simon Sprechers Arbeit konzentriert sich auf die Erforschung des Gehirns, dessen Funktionsweisen noch immer zum gr\u00f6ssten Teil unverstanden sind. Der 39-j\u00e4hrige Biologe ist assoziierter Professor am Departement f\u00fcr Biologie.<\/em><\/h6>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Wieso gerade der <em>Symsagittifera roscoffensis<\/em>?<\/strong><br \/>\nEs gibt extrem viele verschieden W\u00fcrmer. Im Grunde beschreibt man mit \u00abWurm\u00bb nur die Form des Tieres. Viele Tierst\u00e4mme werden als W\u00fcrmer bezeichnet,\u00a0 der Regenwurm als Klassiker geh\u00f6rt zu den Anneliden, es gibt Rundw\u00fcrmer, die oft im Meer oder als Parasiten leben oder auch Plattw\u00fcrmer&#8230; alles verschiedene St\u00e4mme, so unterschiedlich wie ein Seeigel und ein Mensch. Nur f\u00fcr uns sehen sie halt aus&#8230; wie W\u00fcrmer.<br \/>\nBeim Regenwurm ist die Regeneration nicht so gut. Ganz anders beim Plattwurm. Gewisse Arten lassen sich in 100 St\u00fccke schneiden und jedes davon gibt einen neuen Wurm. Die Gruppe der Ac\u00f6len, wie sie auch genannt werden, sind auch im evolution\u00e4ren Sinne sehr spannend. Als erste Lebewesen entstanden Bakterien, Prokaryoten, dann Lebewesen mit Zellkern und Organellen aus welchen die Tiere, Pflanzen und Pilze hervorgingen. Die ersten, einfachsten Tiere waren im Prinzip nicht viel anderes als eine Ansammlung von Zellen, wie beispielsweise die Schw\u00e4mme. Die ersten Wesen mit Geweben, wie zum Beispiel Muskeln, waren Quallen und Polypen, die sogenannten \u00abBlumentiere\u00bb. Diese verf\u00fcgen bereits \u00fcber ein diffuses Nervensystem. Das erste \u00abrichtige\u00bb Tier schliesslich, wie wir uns ein solches vorstellen, mit einem Vorne und Hinten, also einem Kopf und entsprechend einem Hirn, waren diese W\u00fcrmer. Deshalb sind wir an ihnen interessiert.<\/p>\n<p><strong>Sp\u00fcren die was?<br \/>\n<\/strong>Weiss ich nicht. Man weiss es nicht.<\/p>\n<p><strong>Wie wurde das Vorhandensein eines Hirns bewiesen?<br \/>\n<\/strong>Man kannte bislang keinen Marker, der das ganze Hirn anf\u00e4rbt. Mit Serotonin konnte man zwar ein Nervennetz aufzeigen, das gegen vorne dichter wird, aber kein Hirn. Serotonin zeigt nur etwa 10 Prozent an. Wir haben also nach einem Marker gesucht, der alles anf\u00e4rbt. Mit Neuropil haben wir diesen auch gefunden und so gesehen, dass die W\u00fcrmer ein Gehirn haben wie ein Insekt auch.<\/p>\n<p><strong>Wie lautet Ihre einfache Definition von Gehirn?<\/strong><br \/>\nEine Zentrale im Nervensystem, die alle anderen Dom\u00e4nen kontrolliert.<\/p>\n<p><strong>Sie konnten aufzeigen, dass das Hirn wieder funktioniert, wenn es nachgewachsen ist. Wie?<br \/>\n<\/strong>Die W\u00fcrmer mussten verschiedene Verhaltenstests bestehen: Die Bewegung zum Licht hin, das Schwimmen nach unten und die K\u00f6rperkontraktion bei heftigem Sch\u00fcttelstimulus. Wir haben beobachtet, wozu sie vor der Enthauptung in der Lage sind, was sie ohne Kopf k\u00f6nnen und was mit dem nachgewachsenen Kopf. Die K\u00f6rperkontraktion hatten sie noch immer im Griff, die ist also kein Beweis f\u00fcrs Hirn. Die Bewegung zum Licht hin war ohne Kopf nicht m\u00f6glich und das Schwimmen nach unten auch nicht. Als der Kopf nachgewachsen war kam nach 20-30 Tagen auch die Bewegung zum Licht hin wieder zur\u00fcck. Das Abw\u00e4rtsschwimmen hingegen hat sich nicht regeneriert. Obwohl das daf\u00fcr n\u00f6tige Organ vorhanden war, die Stratozyste. Offen bleibt die Frage, ob die Teilregeneration auf den Stress zur\u00fcckzuf\u00fchren ist oder auf die Regenerationsf\u00e4higkeit an sich.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<h6><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/tube.switch.ch\/embed\/df76cf3c\" width=\"640\" height=\"360\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><br \/>\n<em>W\u00fcrmer suchen das Licht: Eine Zeitraffer-Aufnahme der Phototaxis bei <\/em>Symsagittifera roscoffensis<em>.<\/em><\/h6>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Was bringt uns diese Erkenntnis?<br \/>\n<\/strong>Ein hoffentlich besseres Verst\u00e4ndnis des Gehirns. Wir verstehen \u00fcber 90 Prozent dieses Organs noch nicht.<br \/>\nIch fand es ausserdem sehr spannend, innerhalb von so kurzer Zeit eine solche Regeneration zu beobachten. Eine Entstehung nicht aus der Embryogenese, sondern durch Regeneration. Der Mensch ist ja sehr schlecht in Sachen Regeneration. \u00dcber die Forschung k\u00f6nnen wir viel lernen dar\u00fcber, wie etwa ein Schaltkreis wiederaufgebaut wird. Damit die W\u00fcrmer regenerieren k\u00f6nnen, m\u00fcssen die Elemente richtig identifiziert werden. Bei den W\u00fcrmern geht das offenbar. Wieso nicht beim Menschen? Nicht zuletzt sind diese Tiere auch sehr n\u00fctzlich zum Testen von Medikamenten oder zur Stammzellenforschung.<\/p>\n<p><strong>Ist dieser Wurm das \u00abeinfachste<\/strong>\u00bb<strong> Tier?<br \/>\n<\/strong>Wahrscheinlich \u2013 zumindest das einfachste Tier mit Gehirn. Die Bandbreite beginnt bei einfachen Einzellern und geht bis zu uns, den Menschen. Im Prinzip passiert w\u00e4hrend der Evolution alles zuf\u00e4llig, und nur was einen Vorteil verschafft, bleibt h\u00e4ngen. Die Evolution hat also nicht ein Ziel, wie beispielsweise immer kompliziertere Lebewesen zu schaffen. Diese W\u00fcrmer hatten ebenso viel Zeit wie wir, um sich zu spezialisieren. Und sie sind nicht ausgestorben. Also machen sie etwas richtig. Aus einer Wurmperspektive kann es gut sein, dass wir evolution\u00e4r komische, nicht sehr erfolgreiche Tiere sind.<\/p>\n<p><strong>Gibt es andere Tiere, die \u00fcber eine solche Regenerationsf\u00e4higkeit verf\u00fcgen?<br \/>\n<\/strong>Nicht in diesem Ausmass, aber schon auch bemerkenswert. Der Zebrafisch etwa, kann auch St\u00fccke des Auges oder des Hirns regenerieren. Bei S\u00e4ugetieren und Menschen ist diese F\u00e4higkeit fast komplett verschwunden.<\/p>\n<p><strong>Wieso k\u00f6nnen wir dies nicht mehr?<br \/>\n<\/strong>Vermutlich weil die Verkn\u00fcpfung der Neuronen sehr viel komplizierter ist. Diese W\u00fcrmer haben etwa 700 Neuronen. Eine Fruchtfliege bereits rund 100&rsquo;000. Und der Mensch? 100 Billionen?<\/p>\n<p><strong>Und als n\u00e4chstes?<br \/>\n<\/strong>Wir wollen ja rausfinden, ob der \u00a0<em>Symsagittifera roscoffensis<\/em> das Urhirn war und die Genetik dahinter untersuchen. Um zu verstehen, wie ein solch komplexes Netzwerk wieder zusammenwachsen und sich regenerieren kann.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>Die Forschungsresultate zum <em>Symsagittifera roscoffensis<\/em> wurden k\u00fcrzlich in der <a href=\"http:\/\/bio.biologists.org\/content\/early\/2015\/11\/16\/bio.014266\" target=\"_blank\">Fachzeitschrift Biology Open<\/a> publiziert.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Simon Sprechers wissenschaftliches Steckenpferd ist die Erforschung des Gehirns. Das grosse Vorhaben setzt der Neurobiologe mit kleinsten Lebewesen in Tat um. So gelang es dem Professor am Bereich Zoologie k\u00fcrzlich zu beweisen, dass der Wurm mit Namen Symsagittifera roscoffensis ein Gehirn hat. Und dass dem Tier nach einer Enthauptung der Kopf \u2013 mitsamt Hirn \u2013 wieder nachw\u00e4chst. Simon Sprecher, Sie konnten nachweisen, dass beim Symsagittifera roscoffensis, einem Wurm aus der Gruppe der Plattw\u00fcrmer, nach einer Enthauptung der Kopf nachw\u00e4chst und dass diese Tiere ein Hirn haben. Welches ist die Neuheit? Man wusste bereits, dass sie regenerieren k\u00f6nnen. 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