{"id":18149,"date":"2023-05-04T14:34:15","date_gmt":"2023-05-04T13:34:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=18149"},"modified":"2023-05-04T14:37:39","modified_gmt":"2023-05-04T13:37:39","slug":"muslim_in-sein-in-zeiten-von-superdiversitat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2023\/muslim_in-sein-in-zeiten-von-superdiversitat","title":{"rendered":"Muslim_in sein in Zeiten der Superdiversit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Wie finden sich Muslim_innen in einer pluralistischen Gesellschaft zurecht? Das Schweizerische Zentrum f\u00fcr Islam und Gesellschaft (SZIG) der Universit\u00e4t Freiburg geht mit dem Projekt \u00abDiversit\u00e4t und Orientierung\u00bb dieser Frage nach \u2013 und arbeitet Antworten heraus, die in den Bereichen Bildung und Seelsorge in der Praxis helfen k\u00f6nnen.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>\u00abIslam wird in der Regel nicht mit Diversit\u00e4t in Verbindung gebracht. Islamische Praktiken und Glaubensinhalte werden oft als unvereinbar mit gesellschaftlicher Pluralit\u00e4t dargestellt\u00bb, sagt Dominik M\u00fcller. Er ist Teil eines jungen Projekts des SZIG, das genau das \u00e4ndern will. Ein sechsk\u00f6pfiges Team versucht unter dem Begriff \u00abDiversit\u00e4t und Orientierung\u00bb aus einer sozialwissenschaftlichen, aber auch islamisch-theologischen Reflexion heraus Ressourcen f\u00fcr den Umgang mit Vielfalt in der Gegenwart herauszuarbeiten. Einerseits werden in dem Projekt konkrete Umg\u00e4nge mit Diversit\u00e4t empirisch erforscht und andererseits Ressourcen aus muslimischen Traditionen systematisch erschlossen.<\/p>\n<p><strong>\u00dcberlappung von Identit\u00e4ten<br \/>\n<\/strong>Es stellt sich als Erstes die Frage: Warum braucht es dieses Forschungsprojekt? Warum wird der Islam selten mit Diversit\u00e4t in Verbindung gebracht? \u00abReligionen haben im Kern immer einen exklusiven Wahrheitsanspruch\u00bb, sagt Professor Amir Dziri, der das Projekt leitet. \u00abIn der Praxis sind die Leute aber jeweils nicht nur Teil einer Religion, sondern auch einer Kultur, einer Sprachgemeinschaft, einer Ethnie usw. Diese \u00dcberlappung von Identit\u00e4ten schafft einen Ausgleich zu dem exklusiven Wahrheitsanspruch.\u00bb Das gilt erst recht f\u00fcr s\u00e4kulare Gemeinschaften wie der schweizerischen. \u00abWir leben in Zeiten von Superdiversit\u00e4t. Es ist deshalb interessant zu untersuchen, wie sich die Menschen in diesem Umfeld als Muslime definieren\u00bb, sagt S\u00e9bastien Dupuis, der sich innerhalb des zweisprachigen Projekts mit der Romandie auseinandersetzt.<\/p>\n<div id=\"attachment_18145\" style=\"width: 282px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/stemutz_photo_unifr_zentrum_centre_islam_2400px-DSCF8710.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-18145\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-18145 size-medium\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/stemutz_photo_unifr_zentrum_centre_islam_2400px-DSCF8710-e1683206499811-272x300.jpg\" alt=\"\" width=\"272\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/stemutz_photo_unifr_zentrum_centre_islam_2400px-DSCF8710-e1683206499811-272x300.jpg 272w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/stemutz_photo_unifr_zentrum_centre_islam_2400px-DSCF8710-e1683206499811-928x1024.jpg 928w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/stemutz_photo_unifr_zentrum_centre_islam_2400px-DSCF8710-e1683206499811-768x847.jpg 768w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/stemutz_photo_unifr_zentrum_centre_islam_2400px-DSCF8710-e1683206499811-1393x1536.jpg 1393w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/stemutz_photo_unifr_zentrum_centre_islam_2400px-DSCF8710-e1683206499811.jpg 1632w\" sizes=\"(max-width: 272px) 100vw, 272px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-18145\" class=\"wp-caption-text\">Projektleiter Prof. Amir Dziri \/ \u00a9stemutz.ch<\/p><\/div>\n<p><strong>Kompromisse geh\u00f6ren zum islamischen Alltag<br \/>\n<\/strong>Nebst innermuslimischer Diversit\u00e4t steht deshalb das Aushandeln von Islamizit\u00e4t im Kontext des pluralen schweizerischen Gesellschaftsrahmens im Fokus. Dominik M\u00fcller nennt ein Beispiel, auf das er in seiner Dissertation gestossen war. Ein junger muslimischer Mann hatte ein Jobangebot von einer Z\u00fcrcher Bar, in der nat\u00fcrlich auch Alkohol ausgeschenkt wurde \u2013 und stellte sich die Frage, ob er diesen Job annehmen d\u00fcrfe. Er wandte sich mit der Frage an einen Theologen, der sich daraufhin eines islamrechtlichen Instrumentes bediente, um dem jungen Mann eine Rechtsauskunft zu erteilen. Der Gelehrte erkl\u00e4rte dem Mann, er d\u00fcrfe angesichts seiner prek\u00e4ren finanziellen Situation den Job annehmen, weil es wichtig f\u00fcr die Familie sei, dass er seinen Lebensunterhalt bestreiten k\u00f6nne. \u00abDas Beispiel zeigt, dass durchaus Ambiguit\u00e4tstoleranz vorhanden ist. Diversit\u00e4t war immer schon Gegenstand muslimischen Alltagslebens und islamischer Gelehrtentradition.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Engagiert und partizipativ<br \/>\n<\/strong>Bei dem Projekt, das von der Stiftung Mercator Schweiz gef\u00f6rdert wird, geht es deshalb nicht bloss darum, den Ist-Zustand zu beschreiben. Sich den grossen Fragen anzun\u00e4hern wie: Was h\u00e4lt eine Gesellschaft zusammen? Ist Religion eine Ressource, um sich zurechtzufinden? Oder ein Hindernis? Schafft sie Integration? Oder Abgrenzung? Es geht auch darum, den Menschen, die in den Bereichen Bildung und Seelsorge arbeiten, Wissen und damit wichtige Werkzeuge f\u00fcr den Alltag zur Verf\u00fcgung zu stellen. \u00abWir betreiben eine engagierte, partizipative Forschung. Wir gehen auch raus und sprechen mit Leuten, die einen normalen nicht-akademischen Alltag leben\u00bb, sagt Amir Dziri. \u00abAm Ende ist es ein intensiver Austausch, bei dem wir eine akademische Expertise anbieten, die im Alltag selbst Orientierung schafft. So \u00fcbernehmen wir gesellschaftliche Verantwortung, indem wir die Diskussion mit abgesicherten Befunden von Leuten begleiten, die sich systematisch mit den jeweiligen Fragen auseinandergesetzt haben.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Geschlechtliche und sexuelle Diversit\u00e4t ebenfalls Thema<br \/>\n<\/strong>Der Begriff Diversit\u00e4t ist derzeit in westlichen Gesellschaften oft in erster Linie mit sexueller- und geschlechtlicher Diversit\u00e4t konnotiert. Im Projekt des SZIG steht das Thema zwar nicht im Vordergrund, ist aber durchaus pr\u00e4sent. \u00abDas Geschlecht ist eine wichtige Ressource im Orientierungsprozess. Gender und Transidentit\u00e4t sind Teil der Erfahrungen, die junge Muslime machen, und es ist deshalb wichtig zu verstehen, wie islamisch-theologische \u00dcberlegungen mit diesen Herausforderungen umgehen, ohne dass wir davon ausgehen, dass sie unvereinbar sind\u00bb, erkl\u00e4rt S\u00e9bastien Dupuis.<\/p>\n<p>\u00abDie jungen Menschen m\u00fcssen sich gegen viele Einfl\u00fcsse wehren. Nat\u00fcrlich gibt es islamische Auslegungen, die restriktiv sind, bestimmte Idealliteratur, die von Ausschl\u00fcssen ausgeht, wenn es um die sexuelle Orientierung und das Muslimischsein geht\u00bb, sagt Amir Dziri. \u00a0\u00abDiversit\u00e4t und Hybridit\u00e4t sind Realit\u00e4ten Jahrhunderte alter muslimischer Kulturgeschichte, und das ist auch heute nicht anders. Das geh\u00f6rt zu den wichtigen Grundannahmen innerhalb des Projekts.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Ohne Scheuklappen<br \/>\n<\/strong>Es ist eine Herangehensweise ohne Scheuklappen. \u00abWir leben in Zeiten von Informations\u00fcberfluss. Das gilt auch in Bezug auf islamische Orientierungsangebote. Im Internet gibt es sehr viele verschiedene Meinungen, dazu geh\u00f6ren auch autoritative Stimmen\u00bb, sagt Dominik M\u00fcller. \u00abDie vielen verschiedenen Blickwinkel k\u00f6nnen zu \u00dcberforderung f\u00fchren. Diese Komplexit\u00e4t, sowie der mediale und politische Druck, der auf muslimischen Gemeinschaften in der Schweiz lastet, der auch mit Stigmatisierung und Vorverurteilung einhergeht, erh\u00f6hen die Wahrscheinlichkeit, dass die Gemeinschaft auf den Status quo zur\u00fcckgreift.\u00bb<\/p>\n<p>Dem will das Projekt, das noch bis 2026 l\u00e4uft, entgegenwirken. Was m\u00f6chten die Forschenden dannzumal r\u00fcckblickend sagen k\u00f6nnen? \u00abDass wir mitgeholfen haben, die Diskussion weg von einer defizitzentrierten hin zu einer ressourcenorientierten Betrachtung zu f\u00fchren\u00bb, sagt M\u00fcller. Und Dupuis erg\u00e4nzt: \u00abDass wir es geschafft haben, die Komplexit\u00e4t der Frage in den Vordergrund zu r\u00fccken.\u00bb Letztlich versucht das Projekt aufzuzeigen, was der Islam eben auch ist: divers!<br \/>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Das Projekt <a href=\"http:\/\/www.unifr.ch\/szig\/de\/forschung\/projekte\/islamisch-theologische-studien-diversit\u00e4t-und-orientierung.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Islamisch-theologische Studien: Diversit\u00e4t und Orientierung<\/a><\/li>\n<li>\u00dcber <a href=\"http:\/\/www.unifr.ch\/szig\/de\/zentrum\/team\/amir-dziri-de.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Prof. Dr. Amir Dziri<\/a><\/li>\n<li>\u00dcber <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/szig\/fr\/centre\/equipe\/dominik-m%C3%BCller.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dominik M\u00fcller<\/a><\/li>\n<li>\u00dcber <a href=\"http:\/\/www.unifr.ch\/szig\/de\/zentrum\/team\/s\u00e9bastien-dupuis.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">S\u00e9bastien Du<\/a><a href=\"http:\/\/www.unifr.ch\/szig\/de\/zentrum\/team\/s\u00e9bastien-dupuis.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">puis<\/a><\/li>\n<li>Website des <a href=\"http:\/\/www.unifr.ch\/szig\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Schweizerischen Zentrums f\u00fcr Islam und Gesellschaft<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.stiftung-mercator.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stiftung Mercator<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie finden sich Muslim_innen in einer pluralistischen Gesellschaft zurecht? 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