{"id":17986,"date":"2023-04-13T10:00:24","date_gmt":"2023-04-13T09:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=17986"},"modified":"2023-04-13T13:17:46","modified_gmt":"2023-04-13T12:17:46","slug":"free-speech-das-wort-hat-ivo-wallimann-helmer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2023\/free-speech-das-wort-hat-ivo-wallimann-helmer?lang=de","title":{"rendered":"Free-speech \u2013 Das Wort hat Ivo Wallimann-Helmer"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Prof. Dr. Ivo Wallimann-Helmer ist als Philosoph und Ethiker gern gesehener Gast in \u00f6ffentlichen Debatten, gerade weil er sich vornehmlich mit Herausforderungen rund um das Thema Umwelt befasst. Wie weit er geht, um seine pers\u00f6nlichen Ansichten in den allgemeinen Diskurs einzubringen, erkl\u00e4rt er im vierten Teil unserer Serie \u00fcber die Redefreiheit von Wissenschaftler_innen.<br \/>\n<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Ganz generell: Ist es jede Wahrheit wert, ausgesprochen zu werden?<\/strong><br \/>\nDas h\u00e4ngt vom Kontext ab. Aus strategischen Gr\u00fcnden ist es manchmal sinnvoller, freundlich zu bleiben statt jemandem direkt ins Gesicht vorzuwerfen, von der Materie nichts zu verstehen. Manchmal ist es aber essentiell, etwas unmissverst\u00e4ndlich festzuhalten, wenn man seine Ziele erreichen will. Solche strategischen Gr\u00fcnde sind das eine, moralische Gr\u00fcnde sind das andere. Manchmal sollte man aus Respekt vor einer Person oder einer Sache lieber die Unwahrheit sagen, als auf den Tatsachen herumzureiten. Aus ebenfalls moralischen Gr\u00fcnden kann es aber auch gegenteilig sein. Man muss die Wahrheit sagen, um einer Missachtung wichtiger Werte entgegenzuwirken. Bei offensichtlicher Diskriminierung ist es essentiell, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Einer gleichberechtigten Gespr\u00e4chspartnerin angemessenen Respekt zu zollen, bedingt manchmal, dass man nebens\u00e4chliche Ungenauigkeiten ausblendet, manchmal aber auch genau das Gegenteil.<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Wallimann.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-17989 size-medium alignleft\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Wallimann-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Wallimann-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Wallimann-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Wallimann-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Wallimann.jpg 1350w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Was ist Ihr Fachgebiet? Wor\u00fcber forschen Sie?<\/strong><br \/>\nIch bin als Philosoph und Ethiker ausgebildet, der sich mit angewandten Fragestellungen im Bereich von Umweltherausforderungen auseinandersetzt. Dabei bin ich auf demokratie- und gerechtigkeitstheoretische Fragestellungen spezialisiert. Meiner Meinung nach ist es von entscheidender Bedeutung, dass im Kontext von Umweltherausforderungen nicht nur die Frage unserer Pflicht zum Ergreifen von Umwelt- und Klimaschutzmassnahmen behandelt werden, sondern auch die faire Verteilung der Belastungen bei der Umsetzung entsprechender Massnahmen.<\/p>\n<p><strong>Einige Wissenschaftler, aktuell oft aus der Klimaforschung, ver\u00f6ffentlichen nicht nur ihre Ergebnisse, sondern versuchen auch, die \u00d6ffentlichkeit zu warnen und die Beh\u00f6rden zum Handeln zu bewegen. Sind Sie der Meinung, dass dies die Rolle der wissenschaftlichen Gemeinschaft ist oder dass sie sich auf ihre Forschung beschr\u00e4nken und keine Stellung beziehen\/sich nicht einmischen sollte?<br \/>\n<\/strong>Als Ethiker forsche ich zu normativen Fragen, deshalb haben meine \u00c4usserungen in der \u00d6ffentlichkeit fast zwangsl\u00e4ufig eine Stellungnahme meinerseits zur Folge. Wenn es um klimaethische Fragen geht, habe ich zu sehr vielen Herausforderungen eine Position und Meinung. Deren Begr\u00fcndung darzustellen, aber gleichzeitig auch kritisch zu diskutieren, scheint mir wichtig. Damit l\u00e4sst sich gr\u00f6sseres Bewusstsein f\u00fcr die Herausforderungen schaffen, vor denen wir stehen. Diese sind nicht nur naturwissenschaftlicher oder sozialwissenschaftlicher Natur, sondern betreffen auch unsere grundlegenden Wertvorstellungen und unsere Haltung gegen\u00fcber der Zukunft.<\/p>\n<p>Da die Zeit zum Ergreifen effektiver Massnahmen dr\u00e4ngt, verstehe ich sehr wohl, dass viele Forschende, insbesondere Klimaforschende, das Bed\u00fcrfnis haben, Stellung zu beziehen und die Beh\u00f6rden zum Handeln bewegen wollen. Auch mir ist es ein Bed\u00fcrfnis, die Politik in ihren Entscheidungen zu unterst\u00fctzen und in die aus meiner Sicht bestm\u00f6gliche Klimapolitik zu bewegen. Doch Wissenschaft und Politik sind nicht das gleiche und geh\u00f6ren klar getrennt. Deshalb sollten Forschende meines Erachtens immer klar machen, wann sie als Forschende ihre Forschungsergebnisse kritisch diskutieren und wann sie als besorgte, sehr gut informierte B\u00fcrger_innen politisch Stellung beziehen. Das ist nicht immer einfach und eine Gratwanderung. F\u00fcr die Glaubw\u00fcrdigkeit der Forschung aber unabdingbar.<\/p>\n<p><strong>Wie sch\u00e4tzen Sie den Einfluss Ihrer Forschung auf die wissenschaftliche Debatte und die \u00f6ffentliche Politik ein?<\/strong><br \/>\nMit philosophischer Forschung einen klar messbaren Einfluss auf die \u00d6ffentlichkeit zu haben ist nicht ganz leicht. Denn viele der Argumente und Konzepte unserer Forschung finden sich auch in der \u00f6ffentlichen politischen Debatte. Die Herausforderung ist deshalb immer, den Gewinn philosophischer Kl\u00e4rung und Argumentation zu vermitteln, ohne gleichzeitig allen ihre eigenen Ansichten zu erkl\u00e4ren. Gleichzeitig hoffe ich nat\u00fcrlich, mit meinen \u00f6ffentlichen Auftritten immer auch eine gewisse Kl\u00e4rung und Hilfestellung in die politische Debatte zu tragen. Wie gross der Einfluss meiner Auftritte in den Medien genau ist, weiss ich nicht. Ich erhalte aber immer wieder R\u00fcckmeldungen, dass man mich geh\u00f6rt oder gesehen h\u00e4tte und es spannend war. Am einflussreichsten war hier sicherlich mein Auftritt in \u00ab<a href=\"https:\/\/youtu.be\/gGw_HXSustE\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sternstunde Philosophie<\/a>\u00bb letzten Herbst.<\/p>\n<p>Meine Forschung ist in vielem interdisziplin\u00e4r angelegt. Damit hoffe ich, disziplinen\u00fcbergreifend Einfluss auf die Klimaforschung und -politik allgemein aus\u00fcben zu k\u00f6nnen. In den neuesten IPCC-Berichten (Intergovernmental Panel on Climate Change) spielen Gerechtigkeitskonzepte eine grosse Rolle. Ich hoffe, mit meinen Ver\u00f6ffentlichungen zu Klimasch\u00e4den und -verlusten zumindest f\u00fcr diesen Bereich etwas konzeptionelle Kl\u00e4rung beigesteuert zu haben. Zumindest in der breiteren Forschung zu diesen Fragen werden meine Forschungsbeitr\u00e4ge wahrgenommen, weniger aber von anderen Kolleg_innen meiner eigenen Zunft. Das liegt wohl am interdisziplin\u00e4ren Charakter von vielem, was ich publiziere. Auch an politischen Foren mit wichtigen Mitgliedern des Schweizer Parlaments und der Regierung war ich schon beteiligt. In solchen Kontexten ist die grosse Herausforderung aber immer, gegen\u00fcber empirischer Forschung Geh\u00f6r zu erhalten und als relevant zu gelten.<\/p>\n<p><strong>Sind Sie der Typ, der seine \u00dcberzeugungen vom <span style=\"color: #000000;\">\u00abPhilosophischen Lehnstuhl\u00bb<\/span> auf die Strasse tragen w\u00fcrde, um einem Thema das n\u00f6tige Gewicht zu verleihen?<\/strong><br \/>\nMeine Forschungsergebnisse und Positionen trage ich regelm\u00e4ssig in die Medien und die \u00d6ffentlichkeit. Wenn es meine Zeit zul\u00e4sst, bin ich mir nie zu schade, mich an politischen Foren oder anderen inter- und transdisziplin\u00e4ren Zusammenh\u00e4ngen zu beteiligen. Ebenso engagiere ich mich aus \u00dcberzeugung in der Universit\u00e4tspolitik f\u00fcr mehr Nachhaltigkeit. In diesem Sinne trage ich als Professor der Universit\u00e4t Freiburg meine \u00dcberzeugungen in die \u00d6ffentlichkeit und beteilige mich an der politischen Debatte. Als B\u00fcrger werde ich unter Umst\u00e4nden auch noch anders aktiv, doch das tue ich als B\u00fcrger und nicht als Professor der UniFR. Deshalb geh\u00f6rt das nicht hierher.<\/p>\n<p>Wichtig scheint mir bei all meinem Engagement als Forscher immer, klar zu machen, vor welchem Hintergrund ich mir erlaube, Positionen zu ergreifen. Ich bin als Forschender spezialisiert auf normative Fragen und habe keine Daten. Deshalb kann ich mich bei Aussagen \u00fcber das Ph\u00e4nomen des Klimawandels nur auf die Forschung anderer st\u00fctzen. Dies explizit zu machen, scheint mir wichtig. Zudem glaube ich auch, dass es wichtig ist, Gegenpositionen darzustellen bzw. anzuerkennen, wenn man als Ethiker eine Position vertritt. Sonst betreibt man Politik und ist nicht mehr als Forschender unterwegs. Dies ist nicht immer einfach, zumal man manchmal auch einfach Pfl\u00f6cke einschlagen muss. Den menschengemachten Klimawandel zu leugnen, scheint mir aufgrund meiner Kenntnis der aktuellen Forschungsliteratur inakzeptabel. Genauso bin ich der Meinung, dass wir unsere liberalen und demokratischen Errungenschaften nicht leichtfertig \u00fcber Bord werfen sollten.<\/p>\n<p><strong>Glauben Sie, dass Sie als Wissenschaftler die Legitimit\u00e4t oder sogar die Pflicht haben, sich an der \u00f6ffentlichen Debatte zu beteiligen?<\/strong><br \/>\nWir Forschende werden durch die \u00f6ffentliche Hand finanziert und haben die Ehre, uns intellektuell mit denjenigen Dingen zu besch\u00e4ftigen, in denen unsere Leidenschaft liegt. Nur schon deshalb sind Wissenschaftler_innen verpflichtet, sich an \u00f6ffentlichen Debatten zu beteiligen. Dar\u00fcber hinaus haben wir ein spezielles Wissen, das wir zum Besten der Gesellschaft erarbeiten. Dieses sollten wir nicht nur an unsere Studierenden weitervermitteln, sondern auch in die \u00d6ffentlichkeit tragen.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>\u00dcber <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/directory\/de\/people\/200532\/40c4c\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Prof. Dr. Ivo Wallimann-Helmer<\/a><\/li>\n<li>Website des <a href=\"http:\/\/unifr.ch\/env\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Environmental Sciences and Humanities Insitute<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prof. Dr. Ivo Wallimann-Helmer ist als Philosoph und Ethiker gern gesehener Gast in \u00f6ffentlichen Debatten, gerade weil er sich vornehmlich mit Herausforderungen rund um das Thema Umwelt befasst. 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