{"id":17976,"date":"2023-04-06T10:00:50","date_gmt":"2023-04-06T09:00:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=17976"},"modified":"2023-04-12T11:38:53","modified_gmt":"2023-04-12T10:38:53","slug":"free-speech-das-wort-hat-sanja-hakala","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2023\/free-speech-das-wort-hat-sanja-hakala","title":{"rendered":"Free-speech \u2013 Das Wort hat Sanja Hakala"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Biologin und Wissenschaftskommunikatorin Sanja Hakala ist \u00fcberzeugt, dass die akademische Welt es der Gesellschaft schuldet, sich aktiv \u00f6ffentlich zu den grossen Problemen unserer Zeit zu \u00e4ussern \u2013 bis hin zur Teilnahme an Protestaktionen. Teil drei unserer Serie \u00fcber die Redefreiheit von Wissenschaftler_innen.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Sanja-2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-17915 alignleft\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Sanja-2-766x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"229\" height=\"306\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Sanja-2-766x1024.jpg 766w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Sanja-2-224x300.jpg 224w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Sanja-2-768x1027.jpg 768w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Sanja-2.jpg 970w\" sizes=\"(max-width: 229px) 100vw, 229px\" \/><\/a>Ganz generell: Ist es jede Wahrheit wert, ausgesprochen zu werden?<br \/>\n<\/strong>Sowohl die Wahrheit an sich als auch die Absicht, sie auszusprechen, sind wichtig. Die Aufgabe der Forschung besteht selbstverst\u00e4ndlich darin, die Wahrheit zu suchen und sie auch zu vermitteln. Wir m\u00fcssen auch analysieren, wie die Wahrheit, das Wissen, in der Gesellschaft verwendet wird. Der Kampf gegen Fehlinformationen wird immer wichtiger, und dagegen k\u00f6nnen wir nur mit der Wahrheit ankommen.<\/p>\n<p><strong>Was ist Ihr Fachgebiet? Wor\u00fcber forschen Sie?<br \/>\n<\/strong>Ich bin Wissenschaftlerin und Wissenschaftskommunikatorin. Ich arbeite als Post-Doc im Bereich \u00d6kologie und Evolutionsbiologie und habe ausserdem letztes Jahr ein popul\u00e4rwissenschaftliches Buch \u00fcber die biologische Vielfalt von Insekten ver\u00f6ffentlicht. Mein gr\u00f6sstes Interesse gilt der Evolution des Sozialverhaltens. Derzeit untersuche ich Ameisenkolonien und ihre Mund-zu-Mund-F\u00fctterungsnetze, um herauszufinden, wie sich die Individuen auf molekularer Ebene gegenseitig beeinflussen k\u00f6nnen und wie dies der Ameisengesellschaft hilft, kooperativ zu bleiben.<\/p>\n<p>Im Rahmen meiner akademischen Arbeit setze ich mich zunehmend f\u00fcr st\u00e4rkere Massnahmen gegen den Zusammenbruch des Klimas und der Umwelt ein. Ich geh\u00f6re zu einem wachsenden internationalen Netzwerk von Forschenden, welche die Rolle der Wissenschaft und Kommunikationsstrategien in dieser Krise diskutieren.<\/p>\n<p><strong>Einige Wissenschaftler_innen, aktuell oft aus der Klimaforschung, ver\u00f6ffentlichen nicht nur ihre Ergebnisse, sondern versuchen auch, die \u00d6ffentlichkeit zu warnen und die Beh\u00f6rden zum Handeln zu bewegen. Sind Sie der Meinung, dass dies die Rolle der wissenschaftlichen Gemeinschaft ist oder dass sie sich auf ihre Forschung beschr\u00e4nken und keine Stellung beziehen, resp. sich nicht einmischen sollte?<br \/>\n<\/strong>Ich habe Wissenschaftskommunikation studiert und weiss daher sehr gut, dass die Ver\u00f6ffentlichung in einer akademischen Zeitschrift f\u00fcr eine erfolgreiche Wissensverbreitung nie ausgereicht hat. Das ist nichts Neues.<br \/>\nDie wissenschaftliche Gemeinschaft hatte schon immer eine dreifache Aufgabe: Forschung zu betreiben, auf der Grundlage dieser Forschung die beste Ausbildung zu bieten und die Ergebnisse zum Nutzen der gesamten Gesellschaft zu vermitteln. Akademiker_innen standen schon immer an vorderster Front des gesellschaftlichen Wandels: Die Statistikerin Florence Nightingale und die \u00c4rztin Elizabeth Garrett Anderson waren prominente F\u00fcrsprecherinnen der Suffragetten, die sich Ende des 19. Jahrhunderts f\u00fcr das Frauenwahlrecht in Grossbritannien einsetzten. F\u00fchrende Intellektuelle und Nobelpreistr\u00e4ger verfassten in den 1950er Jahren das ber\u00fchmte Russell-Einstein-Manifest gegen Atomwaffen. Die F\u00fcrsprache und sp\u00e4ter auch die Akte des zivilen Ungehorsams des Klimawissenschaftlers James Hansen haben andere Akademiker dazu inspiriert, sich seit den 1980er Jahren f\u00fcr den Klimaschutz zu engagieren.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass immer mehr Forschende in dieser Hinsicht aktiv werden, zeugt nicht von einem Wandel der akademischen Kultur, sondern von einer zunehmenden Gefahr f\u00fcr unsere Gesellschaft. Die Auswirkungen der Klimakrise sind in allen Bereichen des Lebens und der Forschung sp\u00fcrbar. Meiner Meinung nach ist die Vorstellung, die akademische Welt k\u00f6nne sich von der Gesellschaft abkoppeln, intellektuell unredlich, und sich auf Neutralit\u00e4t zu berufen heisst, den Status quo zu unterst\u00fctzen. Als \u00d6kologin geh\u00f6rt es zu meinen zentralen Aufgaben, mich darum zu sorgen, ob das \u00d6kosystem und die nat\u00fcrlichen Populationen, die ich untersuche, am Leben bleiben oder nicht. Von der medizinischen Forschung wird erwartet, dass sie gegen Krankheiten und Leiden Stellung bezieht, Dieses Denken sollte auch f\u00fcr alle anderen Bereiche gelten. Die Rolle der Wissenschaft bestand nie darin, nur die Zerst\u00f6rung zu dokumentieren.<\/p>\n<p><strong>Wie sch\u00e4tzen Sie den Einfluss ihrer Forschung auf die wissenschaftliche Debatte und die \u00f6ffentliche Politik ein?<br \/>\n<\/strong>Die \u00d6kologie steht nat\u00fcrlich im Mittelpunkt vieler der grossen Probleme unserer Zeit. Es gibt demnach viele Debatten, sowohl theoretisch als auch auf Anwendungsebene. Beispielsweise zeigen meine j\u00fcngsten Ergebnisse \u00fcber die Ausbreitungsf\u00e4higkeit roter Waldameisen, einer Schl\u00fcsselspezies in borealen W\u00e4ldern, Zusammenh\u00e4nge mit dem Erhalt von Lebensr\u00e4umen und dem R\u00fcckgang der biologischen Vielfalt und wurden zur Diskussion \u00fcber die Landnutzungspolitik herangezogen. Die Debatte \u00fcber die Waldnutzung in Finnland ist derzeit ziemlich hitzig.<\/p>\n<p><strong>Sind Sie der Typ, der seine \u00dcberzeugungen vom \u00abLabor\u00bb auf die Strasse tragen w\u00fcrde, um einem Thema das notwendige Gewicht zu verleihen?<br \/>\n<\/strong>Ja, das habe ich und werde ich wieder tun. Ich glaube, dass ziviler Ungehorsam, neben anderen Methoden des gewaltfreien zivilen Widerstands, notwendig ist, um unsere Gesellschaft schnell genug auf eine nachhaltige Zukunft auszurichten. Akademiker_innen haben jahrzehntelang \u00fcber die Klima- und Umweltkrise kommuniziert, aber die Strategien, die wir angewandt haben, sind eindeutig gescheitert, da sich die Krisen nur noch versch\u00e4rfen.<\/p>\n<p>Ich ermutige alle Menschen, sich \u00fcber soziale Bewegungen zu informieren und dar\u00fcber, wie in der Vergangenheit grosse gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen herbeigef\u00fchrt wurden. Ich selbst habe urspr\u00fcnglich nur Naturwissenschaften und keine Sozialwissenschaften studiert, daher waren mir diese Themen nicht besonders vertraut, aber sie sind \u00e4usserst wichtig. Ich bin mir bewusst, dass nicht alle mit meiner Haltung zum zivilen Ungehorsam einverstanden sind, und das ist nat\u00fcrlich in Ordnung. Aber als Akademiker_innen sollten wir uns eine fundierte Meinung bilden, anstatt uns auf blosse Intuition zu verlassen<strong>.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Glauben Sie, dass Sie als Wissenschaftlerin die Legitimit\u00e4t oder sogar die Pflicht haben, sich an der \u00f6ffentlichen Debatte zu beteiligen?<br \/>\n<\/strong>Unbedingt. Wir Akademiker_innen werden mit \u00f6ffentlichen Mitteln zum Nutzen der Gesellschaft ausgebildet, also haben wir nat\u00fcrlich auch eine Verantwortung gegen\u00fcber der Gesellschaft. Eine davon ist es, immer wieder zu analysieren, wann und wie wissenschaftliche Erkenntnisse vermittelt werden sollen. Der aktuelle wissenschaftliche Konsens ist, dass wir auf eine zunehmend katastrophale Zukunft zusteuern \u2013 aber auch, dass es noch nicht zu sp\u00e4t ist und dass es L\u00f6sungen gibt, wenn wir sehr schnell handeln. Die Bev\u00f6lkerung kann immer noch Druck auf die Politik aus\u00fcben, um unseren Kurs zu \u00e4ndern. Ich sehe es als unsere Pflicht an, dies immer wieder laut auszusprechen.<\/p>\n<p>Auch wenn einige Forscher_innen mit den Strategien von Aktivismusbewegungen wie Extinction Rebellion oder Renovate Switzerland \u00fcberhaupt nicht einverstanden sind, sollten sie dennoch ihre Stimme einsetzen, um die forschungsbasierte Botschaft dieser Bewegungen zu legitimieren. Viele von uns Forschenden schreiben Erkl\u00e4rungen zur gesellschaftlichen Relevanz in unsere F\u00f6rdergesuche, um zu begr\u00fcnden, warum wir mehr \u00f6ffentliche Mittel f\u00fcr unsere Arbeit erhalten sollten. Aber seien wir ehrlich: Es reicht nicht aus, nur vorzugeben, Wirkung zu erzeugen.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Seite von Sanja Hakalas Forschungsgruppe <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/bio\/en\/groups\/leboeuf-group\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LeBoeuf Group<\/a><\/li>\n<li>Paper zum Thema: <a href=\"https:\/\/elifesciences.org\/articles\/83292\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">The biospheric emergency calls for scientists to change tactics<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Biologin und Wissenschaftskommunikatorin Sanja Hakala ist \u00fcberzeugt, dass die akademische Welt es der Gesellschaft schuldet, sich aktiv \u00f6ffentlich zu den grossen Problemen unserer Zeit zu \u00e4ussern \u2013 bis hin zur Teilnahme an Protestaktionen. Teil drei unserer Serie \u00fcber die Redefreiheit von Wissenschaftler_innen. Ganz generell: Ist es jede Wahrheit wert, ausgesprochen zu werden? Sowohl die Wahrheit an sich als auch die Absicht, sie auszusprechen, sind wichtig. Die Aufgabe der Forschung besteht selbstverst\u00e4ndlich darin, die Wahrheit zu suchen und sie auch zu vermitteln. Wir m\u00fcssen auch analysieren, wie die Wahrheit, das Wissen, in der Gesellschaft verwendet wird. Der Kampf gegen Fehlinformationen wird<\/p>\n","protected":false},"author":76,"featured_media":17718,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[115,75],"tags":[1498,1497,1494],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17976"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/users\/76"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17976"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17976\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17993,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17976\/revisions\/17993"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17718"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17976"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17976"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17976"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}