{"id":17804,"date":"2023-03-20T09:15:38","date_gmt":"2023-03-20T08:15:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=17804"},"modified":"2023-03-31T17:08:28","modified_gmt":"2023-03-31T16:08:28","slug":"sprichwoertlicher-kurzbesuch-im-mittelalter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2023\/sprichwoertlicher-kurzbesuch-im-mittelalter?lang=de","title":{"rendered":"Sprichw\u00f6rtlicher Kurzbesuch im Mittelalter"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Wer sich aufmerksam durch die Korridore des Geb\u00e4udes MIS04 bewegt, entdeckt am Anschlagbrett neben dem B\u00fcro des Medi\u00e4vistischen Instituts (MIS 4123) <\/strong><strong>seit Beginn des Fr\u00fchlingssemesters 2023 <\/strong><strong>grosse Weisheiten aus fr\u00fcherer Zeit. <\/strong><strong>Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Dr. Martin Rohde ver\u00f6ffentlicht dort und online regelm\u00e4ssig das<\/strong> <strong>\u00ab<\/strong><strong>Mittelalterliche Sprichwort der Woche<\/strong><strong>\u00bb<\/strong><strong>, ein sprachlicher und philosophischer Kurzbesuch in einer Welt lange vor unserer Zeit.<br \/>\n<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Wie sind Sie auf die Idee gekommen, an der Pinnwand Ihres Instituts und auf dessen Website w\u00f6chentlich ein mittelalterliches Sprichwort anzubringen?<br \/>\n<\/strong>Sprichw\u00f6rter waren im Mittelalter \u2013 das mag \u00fcberraschen \u2013 ein sehr beliebtes Mittel, um in einem Gespr\u00e4ch oder auch Disput seinen Standpunkt argumentativ zu untermauern: In Romanen, in Gedichten, ja sogar in Predigten sind deshalb eine riesige Anzahl an Sprichw\u00f6rtern \u00fcberliefert. Heute geht es uns mit dieser Aktion darum, Aufmerksamkeit zu erzeugen und neugierig zu machen auf die Fachgebiete unseres Instituts, vielleicht sogar durch Irritation einen Denkanstoss zu vermitteln oder einfach zum Schmunzeln Anlass zu geben.<br \/>\nDazu kommt, dass ein Mitglied unseres Instituts, Prof. Hugo O. Bizzarri, zu Sprichw\u00f6rtern und Exempeln (damit sind mittelalterliche Kurzerz\u00e4hlungen gemeint, die der Belehrung dienen) forscht, und bereits vor einigen Jahren hat das Institut zu diesem Thema eine Tagung im Rahmen der \u00abFreiburger Colloquien\u00bb veranstaltet sowie anschliessend eine Publikation in der Reihe \u00abScrinium Friburgense\u00bb dazu herausgebracht. Wir haben also bei verschiedenen Gelegenheiten im Team \u00fcber diese literarische Gattung gesprochen, und so kam ich auf die Idee, \u00abDas mittelalterliche Sprichwort der Woche\u00bb zu lancieren.<\/p>\n<p><strong>Worauf achten Sie beim Ausw\u00e4hlen der Sprichw\u00f6rter?<br \/>\n<\/strong>Mittelalterliche Sprichw\u00f6rter sind nicht unbedingt \u2013 wie wir das gewohnt sind \u2013 kurz und b\u00fcndig, es gibt auch solche, die mehrere Verse umfassen. Solche eignen sich nat\u00fcrlich nicht f\u00fcr unsere Pinnwand. Wir suchen pr\u00e4gnante und konzise Sprichw\u00f6rter, die man im Vorbeigehen lesen kann. Ausserdem m\u00fcssen sie auch ausserhalb des jeweiligen praktischen Kontextes, in dem sie urspr\u00fcnglich \u00fcberliefert sind, verst\u00e4ndlich sein. Ein Sprichwort wie etwa \u00abJene ist verru\u0308ckt, deren Kopf so viele Haare hat wie Absalom\u00bb ist darum ungeeignet f\u00fcr unsere Pinnwand. Ausserdem wollen wir die verschiedenen Sprachen ber\u00fccksichtigen. So wechseln wir in jeder Woche die mittelalterliche Sprache (Mittellatein, Mittelhochdeutsch, Provenzalisch, Altitalienisch, Altenglisch oder Altspanisch) und \u00fcbersetzen das Sprichwort jeweils entweder in modernes Deutsch oder Franz\u00f6sisch.<\/p>\n<p><strong>Zu welchen Themen finden sich im Mittelalter speziell viele Sprichw\u00f6rter?<br \/>\n<\/strong>Es gibt zahlreiche Themenbereiche, zu denen im Mittelalter besonders viele Sprichw\u00f6rter entstanden sind: Da w\u00e4re zum Beispiel der Bereich der Tierwelt zu nennen, wo es um den Vergleich von tierischen und menschlichen Verhaltensweisen geht. Oder Themenbereiche, die sich auf landwirtschaftliche Aktivit\u00e4ten beziehen oder meteorologische Ph\u00e4nomene aufgreifen. Sprichw\u00f6rter betrafen im Mittelalter moralische Fragen aller Art, denn sie dienten als Verhaltensregeln in einer Gesellschaft, in der die M\u00fcndlichkeit vorherrschte. Es gibt auch mittelalterliche Redensarten, die politische Grunds\u00e4tze zum Ausdruck bringen, wie das ber\u00fchmte Sprichwort \u00abRex a recte regendo\u00bb. Es definiert den Charakter des K\u00f6nigs im Gegensatz zum Tyrannen: Der K\u00f6nig solle regieren, indem er die Gesetze respektiert; andernfalls w\u00fcrde er zum Tyrannen. Heute dagegen m\u00f6gen uns Sprichw\u00f6rter zu moralischen Fragen oder solche, die der Ermahnung dienten, tugendhaft zu sein, wom\u00f6glich bieder und unangenehm belehrend erscheinen.<\/p>\n<div id=\"attachment_17800\" style=\"width: 690px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG20230315143302-1-scaled.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-17800\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-17800\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG20230315143302-1-1024x525.jpg\" alt=\"\" width=\"680\" height=\"349\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG20230315143302-1-1024x525.jpg 1024w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG20230315143302-1-300x154.jpg 300w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG20230315143302-1-768x394.jpg 768w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG20230315143302-1-1536x788.jpg 1536w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG20230315143302-1-2048x1051.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-17800\" class=\"wp-caption-text\">Anschlagbrett neben MIS4123<\/p><\/div>\n<p><strong>Finden Sie auch Sprichw\u00f6rter, deren Sinn sich Ihnen nicht erschliesst?<br \/>\n<\/strong>Tats\u00e4chlich gibt es mittelalterliche Sprichw\u00f6rter, die heute schwierig zu verstehen sind, insbesondere solche, die sich auf damalige Gewohnheiten beziehen, mit historischen Ereignissen verbunden sind oder literarische Stoffe des Mittelalters aufgreifen. Dies sieht man gut etwa beim spanischen Sprichwort \u00abCedacilo nuevo, tres d\u00edas en estaca\u00bb (Neues Sieblein, drei Tage am Pfahl). Es verweist auf den Brauch, den neuen Weinfilter drei Tage lang an einen Pfahl zu h\u00e4ngen, bevor man ihn verwendet, was metaphorisch auf die Sorgfalt hinweist, mit der die Dinge angepackt werden sollten. Oder das Sprichwort \u00abAachen wurde nicht in einer Stunde erobert\u00bb, das \u00e4hnlich auf Spanisch oder Franz\u00f6sisch existiert, wobei die Stadt auch durch Rom, Paris oder Zamora ersetzt wurde. Es erinnert daran, dass grosse Vorhaben schwer zu realisieren sind beziehungsweise Zeit brauchen.<\/p>\n<p><strong>Es gibt wohl eine grosse Anzahl Sprichw\u00f6rter, die in gesellschaftlicher Hinsicht mit unserer Zeit nicht mehr kompatibel sind (etwa hinsichtlich des Frauenbilds usw.). Wie gehen Sie mit solchen Funden um?<br \/>\n<\/strong>Es kann nicht bestritten werden, dass es viele misogyne mittelalterliche Sprichw\u00f6rter gibt (aber gilt das nicht auch noch f\u00fcr die Moderne&#8230;?). Allerdings gibt es auch zahlreiche mittelalterliche Sprichw\u00f6rter, die sich \u00fcber m\u00e4nnliche Vertreter bestimmter Berufsgruppen lustig machen. Auch gibt es nicht wenige mittelalterliche Sentenzen, die etwa Bauern oder andere ,niedrige Schichten\u2018 l\u00e4cherlich machen. Viele Sprichw\u00f6rter wiederum \u2013 das mag erstaunen \u2013 warnen ausgerechnet vor den Vertretern der Kirche. In all diesen F\u00e4llen muss man sich bem\u00fchen, sie als Zeugnis einer Zeit zu verstehen, in der andere Prinzipien galten. Das nennt man \u00abArch\u00e4ologie des Wissens\u00bb. Die Kulturen der Vergangenheit haben ihre eigenen Normen, und wir d\u00fcrfen sie nicht anhand unserer eigenen Werte beurteilen. F\u00fcr unsere Sprichwortauswahl lassen wir diese Sprichw\u00f6rter jedoch einfach weg oder wir w\u00e4hlen eine \u00fcberlieferte Variante, die nicht gender-, standes- oder berufsspezifisch formuliert ist.<\/p>\n<p><strong>Welches ist Ihr liebstes altes Sprichwort?<br \/>\n<\/strong>\u00abHuelga, viejo, que bien page tu asno\u00bb (Ruh dich aus, Alter, denn dein Esel weidet gut)<br \/>\nIn die heutige Jugendsprache \u00fcbersetzt, w\u00fcrde das wohl heissen: \u00abChill deine base, Alter!\u00bb<\/p>\n<p>Aber auch Sprichw\u00f6rter, die universelle Wahrheiten mit Humor und Ironie ausdr\u00fccken, gefallen mir, wie zum Beispiel \u00abCe cuide li larron que tuit soient si compaignon\u00bb (Der Dieb denkt, dass alle so sind wie er selbst) oder \u00abAliquando bonus dormitat Homerus\u00bb (Manchmal ist es gut, dass Homer schl\u00e4ft).<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr wie lange reicht Ihre Sammlung an Sprichw\u00f6rtern noch?<br \/>\n<\/strong>Mittelalterliche Sprichw\u00f6rter gibt es unz\u00e4hlige. Samuel Singer hat eine Sammlung von romanisch-deutschen Sprichw\u00f6rtern ediert: <em>Thesaurus Proverbiorum Medii Aevi<\/em>; die Sammlung umfasst 13 umfangreiche B\u00e4nde, mit ca. 80\u2019000 Sprichw\u00f6rtern! Dann gibt es noch das sechsb\u00e4ndige Werk <em>Proverbia sententiaeque latinitatis medii aevi. Lateinische Sprichw\u00f6rter und Sentenzen des Mittelalters<\/em> aus dem Nachlass von Hans Walther und zahlreiche weitere Sammelwerke. F\u00fcr unsere Pinnwand g\u00e4be es also von den jahrhundertealten Sprichw\u00f6rtern noch mehrere Jahrhunderte lang Nachschub.<\/p>\n<div><div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div><\/div>\n<div><div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><br \/>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Zum <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/mediaevum\/de\/news\/sprichwort.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sprichwort der Woche<\/a><\/li>\n<li>\u00dcber <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/mediaevum\/de\/institut\/mitglieder\/rohde.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Martin Rohde<\/a><\/li>\n<li>\u00dcber <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/directory\/de\/people\/8069\/d3e49\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hugo O. Bizzarri<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_niederl%C3%A4ndischen_Sprichw%C3%B6rter\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Erkl\u00e4rung des Titelbildes<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sich aufmerksam durch die Korridore des Geb\u00e4udes MIS04 bewegt, entdeckt am Anschlagbrett neben dem B\u00fcro des Medi\u00e4vistischen Instituts (MIS 4123) seit Beginn des Fr\u00fchlingssemesters 2023 grosse Weisheiten aus fr\u00fcherer Zeit. Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Dr. Martin Rohde ver\u00f6ffentlicht dort und online regelm\u00e4ssig das \u00abMittelalterliche Sprichwort der Woche\u00bb, ein sprachlicher und philosophischer Kurzbesuch in einer Welt lange vor unserer Zeit. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, an der Pinnwand Ihres Instituts und auf dessen Website w\u00f6chentlich ein mittelalterliches Sprichwort anzubringen? 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