{"id":17053,"date":"2022-12-05T09:20:45","date_gmt":"2022-12-05T08:20:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=17053"},"modified":"2022-12-05T09:20:45","modified_gmt":"2022-12-05T08:20:45","slug":"fiktionalitat-vorstellungskraft-handeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2022\/fiktionalitat-vorstellungskraft-handeln?lang=de","title":{"rendered":"Fiktionalit\u00e4t \u2013 Vorstellungskraft \u2013 Handeln"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Victor Lindblom wurde am Dies academicus 2022 der Unifr mit dem Vigener-Preis geehrt. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber eine Arbeit, die viele begeistert.\u00a0<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>Victor Lindblom, Ihre Dissertation tr\u00e4gt den Titel \u00abVorstellungen und \u00dcberzeugungen \u2013 Zur Grenzziehung zwischen fiktionalen und nichtfiktionalen Erz\u00e4hlwerken mit Untersuchungen zu Max Frischs <em>Montauk<\/em> und Lukas B\u00e4rfuss\u2019 <em>Koala\u00bb<\/em>. Darin befassen Sie sich mit der Bestimmung der Fiktionalit\u00e4t eines Textes.<\/p>\n<p><strong>Was genau muss mensch sich darunter vorstellen und warum ist das Konzept umstritten?<\/strong><br \/>\nFiktionalit\u00e4t und Nichtfiktionalit\u00e4t sind Eigenschaften, die wir verschiedenen Formen sprachlicher \u00c4usserungen innerhalb der zwischenmenschlichen Kommunikation zuschreiben. Im Alltag ist unser intuitives Verst\u00e4ndnis der Konzepte oft ausreichend, um zu wissen, womit wir es zu tun haben. Die Frage, worauf diese Praxis im Detail beruht \u2013 warum wir also einer einzelnen \u00c4usserung, einer Erz\u00e4hlung oder einem komplexen Erz\u00e4hlwerk die Eigenschaft zuschreiben, fiktional oder nichtfiktional zu sein \u2013 wird hingegen immer wieder neu diskutiert.<\/p>\n<p>Dabei haben sich innerhalb der fiktionstheoretischen Debatte der letzten 30 Jahre zwei Grundideen mehr oder weniger deutlich durchgesetzt. Erstens wird die Auffassung breit geteilt, dass Fiktionalit\u00e4t prim\u00e4r ein pragmatisches Ph\u00e4nomen ist \u2013 also ein Ergebnis eines bestimmten sprachlichen Handelns. Zweitens hat sich die Idee etabliert, dass der Begriff der Fiktionalit\u00e4t \u00fcber dessen Beziehung zur Vorstellungskraft bestimmt werden sollte.<\/p>\n<p>Innerhalb des Rahmens dieser zwei Grundideen stellt sich damit die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Fiktionalit\u00e4t, der Vorstellungskraft und dem Handeln von Autorinnen und Autoren sowie Leserinnen und Lesern. Hier gibt es verschiedene Vorschl\u00e4ge, die sich zwar nur in ihren Details unterscheiden \u2013 auf diese Details kommt es jedoch an. Ich baue auf diesen Vorschl\u00e4gen auf und habe versucht, einige Probleme zu l\u00f6sen, die mir bisher ungel\u00f6st erschienen.<\/p>\n<p><strong>Warum haben Sie ausgerechnet <em>Montauk<\/em> von Max Frisch und<em> Koala <\/em>von Lukas B\u00e4rfuss ausgesucht, um Ihre eigene Theorie der Fiktionalit\u00e4t zu entwickeln? Was haben beide gemeinsam?<br \/>\n<\/strong><em>Montauk<\/em> und <em>Koala<\/em> sind Erz\u00e4hlwerke, deren Fiktionalit\u00e4tsstatus notorisch umstritten ist: manche halten die Werke f\u00fcr fiktional, andere f\u00fcr nichtfiktional; manche gehen von Mischungen aus fiktionalen und nichtfiktionalen Teilen aus, andere halten den Fiktionalit\u00e4tsstatus schlicht f\u00fcr unbestimmbar. Gerade weil es sich um umstrittene F\u00e4lle handelt, eignen sie sich meines Erachtens jedoch besonders gut, um die Leistungsf\u00e4higkeit verschiedener Fiktionstheorien zu testen, St\u00e4rken und Schw\u00e4chen zu entdecken und auf diesen Beobachtungen aufzubauen. Hinter diesem Vorgehen steht die Idee, dass eine leistungsf\u00e4hige Fiktionstheorie nicht nur mit eindeutigen F\u00e4llen umgehen k\u00f6nnen sollte, sondern auch mit umstrittenen und komplexen F\u00e4llen wie <em>Montauk<\/em> und <em>Koala<\/em>.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Auswahl spielten aber auch rein pers\u00f6nliche Gr\u00fcnde eine Rolle: Ich finde <em>Montauk<\/em> und <em>Koala<\/em> sowohl vom Gehalt als auch von der Machart her spannend.<\/p>\n<p><strong>Und wie lautet Ihre Theorie in einfachen Worten?<br \/>\n<\/strong>Ich formuliere insgesamt sechs Definitionen (fiktionale bzw. nichtfiktionale \u00c4usserungen, Erz\u00e4hlungen, Erz\u00e4hlwerke) und eine Analysemethode aus, weshalb eine Zusammenfassung nicht einfach ist. Trotzdem kann ich drei zentrale Punkte herausstreichen.<\/p>\n<p>Erstens geht die Theorie, wie viele andere auch, davon aus, dass Fiktionalit\u00e4t und Nichtfiktionalit\u00e4t ausschliesslich vom sprachlichen Handeln der Autorin oder des Autors abh\u00e4ngt. Der grundlegende Unterschied zwischen Fiktionalit\u00e4t und Nichtfiktionalit\u00e4t beruht auf der geforderten Haltung gegen\u00fcber dem jeweils ge\u00e4usserten Gehalt: Die Leserschaft soll sich, kurz gesagt, entweder vorstellen, dass etwas der Fall ist oder glauben, dass etwas der Fall ist.<\/p>\n<p>Zweitens geht die Theorie davon aus, dass Fiktionalit\u00e4t und Nichtfiktionalit\u00e4t nicht in je einer Definition bestimmt werden k\u00f6nnen. Es braucht vielmehr verschiedene, aufeinander aufbauende Definitionen f\u00fcr verschiedene Ebenen: von der Mikroebene der einzelnen \u00c4usserung, der Mesoebene der Erz\u00e4hlung bis zur Makroebene des Erz\u00e4hlwerkes. Hier baue ich auf den Theorien von Gregory Currie, Kathleen Stock und David Davies auf, kombiniere diese und passe die Definitionen an die Bed\u00fcrfnisse der Literaturwissenschaft an.<\/p>\n<div id=\"attachment_17042\" style=\"width: 465px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Foto_VL.jpeg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-17042\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-17042\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Foto_VL.jpeg\" alt=\"\" width=\"455\" height=\"341\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Foto_VL.jpeg 827w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Foto_VL-300x225.jpeg 300w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Foto_VL-768x576.jpeg 768w\" sizes=\"(max-width: 455px) 100vw, 455px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-17042\" class=\"wp-caption-text\">Victor Lindblom<\/p><\/div>\n<p>Drittens geht die Theorie davon aus, dass Erz\u00e4hlwerke Mischungen sein k\u00f6nnen aus fiktionalen und nichtfiktionalen Erz\u00e4hlungen. Die Klassifikation auf der Werkebene h\u00e4ngt bei solchen Mischf\u00e4llen davon ab, in welcher Beziehung die Erz\u00e4hlungen stehen. Im Rahmen einer Interpretation muss dann eine Hypothese formuliert werden, von welcher Erz\u00e4hlung die Bedeutung des Werks entscheidend abh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Mein L\u00f6sungsvorschlag f\u00fcr <em>Montauk<\/em> und <em>Koala<\/em> lautet zuletzt, dass es sich in beiden F\u00e4llen um Mischf\u00e4lle aus fiktionalen und nichtfiktionalen Erz\u00e4hlungen handelt. Diese Erz\u00e4hlungen stehen auf der Ebene des Werks jedoch in einem anderen Funktionszusammenhang. In <em>Montauk <\/em>h\u00e4ngt die Werkbedeutung entscheidend von den nichtfiktionalen Erz\u00e4hlungen ab \u2013 in <em>Koala<\/em> jedoch von den fiktionalen Erz\u00e4hlungen.<\/p>\n<p><strong>Wie aktuell ist Max Frisch eigentlich noch? Angenommen, er w\u00fcrde noch leben. Was w\u00fcrden Sie ihn gerne fragen?<br \/>\n<\/strong>Wenn die Frage auf die literarische Qualit\u00e4t seines Werks zielt, dann bleibt Max Frisch meiner Lekt\u00fcreerfahrung nach aktuell. Aus thematischer Perspektive sehe ich es \u00e4hnlich: Insbesondere das Ringen mit der existentiellen Frage nach dem eigenen Ich scheint mir kein Ablaufdatum zu haben. D\u00fcrrenmatt hat bekanntlich in einem Brief geschrieben, Frisch habe \u00abseinen Fall zur Welt\u00bb gemacht. Frisch schreibt zwar oft \u00fcber Frisch \u2013 in <em>Montauk<\/em> sowieso \u2013, es geht ihm dabei meines Erachtens aber letztlich um das Individuum als solches.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde wohl vor allem konkrete Fragen zu einzelnen Werken stellen, die mich selbst besch\u00e4ftigt haben. Zum Beispiel, was es mit der Zahnarztepisode in <em>Stiller<\/em> auf sich hat \u2013 oder ob er in <em>Montauk<\/em> absichtlich auf <em>Alice im Wunderland<\/em> verweist, um so die Identit\u00e4t der im Text \u00abLynn\u00bb genannten Frau preiszugeben.<\/p>\n<p><strong>Lukas B\u00e4rfuss hat den Ehrendoktortitel von der Philosophischen Fakult\u00e4t\u00a0erhalten. Hatten Sie am Dies Academicus\u00a0die M\u00f6glichkeit, ihn pers\u00f6nlich kennenzulernen? Kennt er Ihre Dissertation?<br \/>\n<\/strong>Wir hatten schon vorher ein wenig Kontakt und er hatte mich bereits gefragt, ob er die Arbeit lesen d\u00fcrfe. Er scheint interessiert an der Forschung und dar\u00fcber Bescheid zu wissen. Nach dem Dies Academicus haben wir dann B\u00fccher ausgetauscht: Sekund\u00e4rliteratur gegen Prim\u00e4rliteratur quasi.<\/p>\n<p><strong>Schreiben Sie selbst literarisch?<br \/>\n<\/strong>Nein.<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet Ihnen der erhaltene Vigener-Preis?<\/strong><br \/>\nAm meisten freut mich daran, dass die Arbeit nicht nur f\u00fcr ein enges Publikum innerhalb des eigenen Faches verst\u00e4ndlich zu sein scheint.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Der <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/lettres\/de\/news\/preise-und-auszeichnungen\/\">Vigener-Preis<\/a> wurde 1908 nach einer Spende von Joseph Vigener ins Leben gerufen. Er wird f\u00fcr herausragende Doktorarbeiten verliehen. Die Fakult\u00e4ten der Universit\u00e4t Freiburg verleihen diese Preise anl\u00e4sslich des Dies Academicus.<\/li>\n<li>Webseite von <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/germanistik\/de\/departement\/team\/people\/103693\/2e27b\">Victor Lindblom<\/a><\/li>\n<li>Webseite des <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/germanistik\/de\/\">Departements f\u00fcr Germanistik<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\"><div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div><\/div>\n<div><div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Victor Lindblom wurde am Dies academicus 2022 der Unifr mit dem Vigener-Preis geehrt. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber eine Arbeit, die viele begeistert.\u00a0 Victor Lindblom, Ihre Dissertation tr\u00e4gt den Titel \u00abVorstellungen und \u00dcberzeugungen \u2013 Zur Grenzziehung zwischen fiktionalen und nichtfiktionalen Erz\u00e4hlwerken mit Untersuchungen zu Max Frischs Montauk und Lukas B\u00e4rfuss\u2019 Koala\u00bb. Darin befassen Sie sich mit der Bestimmung der Fiktionalit\u00e4t eines Textes. Was genau muss mensch sich darunter vorstellen und warum ist das Konzept umstritten? Fiktionalit\u00e4t und Nichtfiktionalit\u00e4t sind Eigenschaften, die wir verschiedenen Formen sprachlicher \u00c4usserungen innerhalb der zwischenmenschlichen Kommunikation zuschreiben. 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