{"id":16253,"date":"2022-08-05T09:42:03","date_gmt":"2022-08-05T08:42:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=16253"},"modified":"2022-09-05T14:30:50","modified_gmt":"2022-09-05T13:30:50","slug":"medizin-im-nationalsozialismus-so-wurde-das-grauen-salonfahig-gemacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2022\/medizin-im-nationalsozialismus-so-wurde-das-grauen-salonfahig-gemacht","title":{"rendered":"Medizin im Nationalsozialismus: So wurde das Grauen salonf\u00e4hig gemacht"},"content":{"rendered":"<h4><strong>In den Kellern von medizinischen Instituten in Deutschland und in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern lagern Kisten mit menschlichen Organpr\u00e4paraten, vor allem Gehirnpr\u00e4parate , deren Herkunft unklar ist. Viele von diesen geh\u00f6ren zu Opfern des Naziregimes, deren K\u00f6rper auch nach ihrem Tod ausgebeutet wurden. Noch viele Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wurden diese K\u00f6rperteile und Pr\u00e4parate in der Lehre verwendet oder sp\u00e4ter anonym begraben.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>Inakzeptabel, laut Prof. Paul Weindling, einem britischen Forscher und Medizinhistoriker, der seine Karriere der Aufgabe widmet, die Namen der individuellen Opfer herauszufinden und ihre Geschichten zu rekonstruieren. F\u00fcr diese Arbeit wurde er 2019 mit dem Dr. h. c. der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Fakult\u00e4t ausgezeichnet. Dieser Ehrentitel war f\u00fcr ihn von grossem Wert, da er die Bedeutung seiner Arbeit aufzeigt und ihn bei der Fortsetzung seiner Forschung unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p><strong>Aktuelle ethische Fragen<\/strong><br \/>\nUnter anderem hat Paul Weindling nun f\u00fcnf Jahre mit der Leopoldina, der deutschen Akademie der Wissenschaften, f\u00fcr sein Projekt der Opferforschung zusammengearbeitet. Zum Abschluss dieser Forschungszeit organisierte Paul Weindling eine grosse Tagung mit dem Titel \u00abMedizin im Nationalsozialismus: Kulturen, Strukturen, Lebensgeschichten\u00bb vom 13. bis 14. Juni an der Leopoldina. Die Veranstaltung versammelte Forschende aus ganz Europa, die sich mit medizinischen und wissenschaftlichen Verbrechen im Nationalsozialismus befassen. Die Konferenz befasste sich unter anderem mit dem Vorgehen der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Innere Medizin, die vor und nach 1945 daran arbeitete, die Namen ihrer Mitglieder, die in NS-Verbrechen verwickelt waren, zu rehabilitieren und sogar mit besonderen Ehren zu versehen. Die Konferenz l\u00f6ste auch ethische Diskussionen aus, wie z. B. die Frage, ob eine \u00f6ffentliche Kenntlichmachung der Identit\u00e4t von NS-Opfern, die an psychischen Krankheiten litten, problematisch oder historisch geboten sei. Im Rahmen dieser Konferenz lud Paul Weindling Martina King, Professorin f\u00fcr Medical Humanities an der Universit\u00e4t Freiburg, ein, den \u00f6ffentlichen Abendvortrag zu halten.<\/p>\n<p><strong>Besch\u00f6nigende Arztromane<br \/>\n<\/strong>\u00abEr sagte mir, ich solle einfach etwas zu Literatur und Medizin sagen\u00bb, erinnert sich Prof. King. Sie ist Germanistin und befasst sich mit den Beziehungen zwischen Medizin und Literatur im geschichtlichen Kontext, hatte sich aber noch nie mit B\u00fcchern, insbesondere nicht mit Arztromanen besch\u00e4ftigt, die w\u00e4hrend des Nazi-Regimes in Deutschland geschrieben wurden. In den vier Monaten vor der Konferenz begann sie daher mit dieser neuen Untersuchung, ohne zu wissen, was sie finden w\u00fcrde. Und sie fand vieles: zahlreiche besch\u00f6nigende Arztromane, die von Medizinern oder Belletristikautoren geschrieben wurden, um die biopolitische Ideologie des NS-Regimes zu rechtfertigen und die Bev\u00f6lkerung f\u00fcr die verbrecherischen Ideen von Eugenik, Zwangssterilisierung und planm\u00e4ssigem Krankenmord zu gewinnen. Diese Romane waren aufgrund ihrer harmonisierenden, klischeehaften Tendenzen beliebt, wurden verfilmt und blieben weitgehend unhinterfragt. Es handelte sich um wahre Propagandawerke. \u00abDiese Autoren waren kriminell, aber sie blieben ungestraft\u00bb, sagt King.<\/p>\n<div id=\"attachment_16258\" style=\"width: 690px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/King_Weindling_Leopoldina-scaled.jpeg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-16258\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-16258 size-large\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/King_Weindling_Leopoldina-1024x768.jpeg\" alt=\"\" width=\"680\" height=\"510\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/King_Weindling_Leopoldina-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/King_Weindling_Leopoldina-300x225.jpeg 300w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/King_Weindling_Leopoldina-768x576.jpeg 768w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/King_Weindling_Leopoldina-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/King_Weindling_Leopoldina-2048x1536.jpeg 2048w\" sizes=\"(max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-16258\" class=\"wp-caption-text\">Paul Weindling, Dr. h.c. Universit\u00e4t Freiburg, und Martina King auf einer Tagung der Leopoldina<\/p><\/div>\n<p><strong>Erst einmal durchatmen<\/strong><br \/>\nIhr Vortrag fand auf der Leopoldina-Konferenz positive Aufnahme: Andere Forschende betonten den Mangel an literaturwissenschaftlichen Arbeiten in diesem Bereich. Leider glaubt Prof. King, dass nicht viele Germanist_innen bereit w\u00e4ren, diese Forschung zu \u00fcbernehmen: \u00abEs ist eine schwierige, anspruchsvolle Arbeit\u00bb, erkl\u00e4rt sie, \u00absie erfordert sowohl textanalytische Kenntnisse, um zu verstehen, wie der Einsatz der Sprache diese Texte zu einer wirksamen Propaganda machte, als auch die Bereitschaft, sich mit einer sehr dunklen Geschichte zu besch\u00e4ftigen.\u00bb Sie hofft, dass sich eines Tages jemand eingehender mit diesem Thema befassen wird. Ihrerseits ist sie froh, zu ihrer \u00fcblichen Arbeit zur\u00fcckzukehren: \u00abIch muss erst einmal durchatmen.\u00bb Was Paul Weindling betrifft, wird er mit Unterst\u00fctzung der Max-Planck-Gesellschaft seine Arbeit \u00fcber die NS-Geschichte der Max-Plank-Institute f\u00fcr Psychiatrie und f\u00fcr Hirnforschung fortsetzen und sich weiterhin unerm\u00fcdlich daf\u00fcr einsetzen, die Identit\u00e4ten der Opfer zu kl\u00e4ren und ihre Geschichten zu erz\u00e4hlen. Er ist dankbar f\u00fcr die Auszeichnung, die ihm von der Universit\u00e4t Freiburg verliehen wurde und die ihm half, die Bedeutung seiner Arbeit zu unterstreichen.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">_____<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.leopoldina.org\/mitgliederverzeichnis\/mitglieder\/member\/Member\/show\/paul-julian-weindling\/\">Webseite<\/a> von Paul Weindling<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/med\/de\/research\/groups\/mh\/people\/278806\/0087b\">Webseite<\/a> von Martina King<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Kellern von medizinischen Instituten in Deutschland und in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern lagern Kisten mit menschlichen Organpr\u00e4paraten, vor allem Gehirnpr\u00e4parate , deren Herkunft unklar ist. 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