{"id":15430,"date":"2022-03-14T17:47:56","date_gmt":"2022-03-14T16:47:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=15430"},"modified":"2022-03-14T17:47:56","modified_gmt":"2022-03-14T16:47:56","slug":"breaking-the-silence-israelische-soldat_innen-packen-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2022\/breaking-the-silence-israelische-soldat_innen-packen-aus?lang=de","title":{"rendered":"\u00abBreaking the Silence\u00bb \u2013 Israelische Soldat_innen packen aus!"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Vertreter_innen von \u00abBreaking the Silence\u00bb, eine Organisation von Veteran_innen, die seit Beginn der Zweiten Intifada im israelischen Milit\u00e4r gedient haben, haben es sich zur Aufgabe gemacht, die \u00d6ffentlichkeit mit der Realit\u00e4t des Alltags in den besetzten pal\u00e4stinensischen Gebieten zu konfrontieren. Was sie im Rahmen einer Veranstaltung an der Unifr berichtet haben, l\u00e4sst sprachlos zur\u00fcck.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>Becca Strober tr\u00e4gt eine dunkle Hose, ein helles Baumwollhemd unter dem bordeauxroten Pullover, eine feine Schmuckkette. Sie ist freundlich, sympathisch. W\u00e4hrend sie vorne am Redepult steht, wirkt sie eher wie eine Uni-Dozentin als jemand, die mehrere Jahre in der israelischen Armee gedient hat. Wenn sie \u00fcber die Taten w\u00e4hrend ihrer Dienstzeit in besetzten Gebieten wie Hebron, eine Stadt 30 km s\u00fcdlich von Jerusalem, berichtet, sind die Zuh\u00f6renden im Vorlesungssaal erstaunt.<\/p>\n<p><strong>Von der Armee in die Bildung<br \/>\n<\/strong>\u00abWir m\u00fcssen alles in unserer Macht Stehende tun, um die Sicherheit j\u00fcdischer Menschen zu gew\u00e4hrleisten\u00bb, war Becca in ihrer Jugend \u00fcberzeugt. Im Kontext einer zionistischen Bewegung aufgewachsen, wanderte sie im Alter von 18 Jahren nach Israel ein und diente daraufhin der Armee. Ihre Aufgabe: Andere f\u00fcr den Krieg vorzubereiten, ihnen den Umfang mit Waffen und das Schiessen beibringen. \u00abEs ist von Pr\u00e4vention die Rede \u2013 ein positiv konnotiertes Wort. Pr\u00e4vention heisst, Attacken zu verhindern, bevor sie passieren, Menschenleben retten!\u00bb Die Realit\u00e4t ist allerdings, so stellte Becca sp\u00e4ter im Westjordanland fest, eine andere. \u00abIn den besetzten Gebieten geht es grunds\u00e4tzlich darum, die pal\u00e4stinensische Zivilbev\u00f6lkerung in ihrem Alltag zu kontrollieren\u00bb, erkl\u00e4rt Becca. Die Massnahmen zur Kontrolle wurden mit der Zeit immer grossfl\u00e4chiger und aggressiver. \u00abWir wollen das Schweigen brechen und \u00fcber die Gewalt reden, die wir diesen Menschen angetan haben und immer noch antun.\u00bb Daf\u00fcr sammeln Becca und ihre Crew von der Organisation <em>Breaking the Silence<\/em> tausende von Testimonials, Momentaufnahmen, die man auf der Webseite der Organisation nachlesen kann. Fr\u00fcher Soldatin, heute Bildungsverantwortliche, sieht Becca die israelische Besatzung als grundlegendes, internationales Problem. Deshalb sei es wichtig, dass auch Universit\u00e4tsstudierende einer Schweizer Universit\u00e4t erfahren, was vor sich geht.<\/p>\n<p><strong>\u00abWhat the fuck am I doing here?\u00bb<br \/>\n<\/strong>\u00abAuf den Strassen spielen die Kinder Besetzer und Besetzte, so normal sind die Durchsuchungen auf den Strassen geworden\u00bb, sagt Becca und zeigt ein Foto. Sie erz\u00e4hlt, wie sich die Soldat_innen insbesondere junge M\u00e4nner daf\u00fcr rauspicken. \u00abSo geben wir ihnen das Gef\u00fchl, minderwertig zu sein. Wir wollen, dass sie verunsichert sind und sich geduckt halten.\u00bb Wie sollen sonst ein paar tausend israelische Verteidigungskr\u00e4fte in einem Gebiet, in welchem 400&rsquo;000 Israeli und zwei Millionen Pal\u00e4stinenser_innen leben, die keine Besatzung wollen, die Kontrolle behalten? \u00abUm Pr\u00e4senz zu zeigen, haben israelische Soldat_innen ein paar Strategien\u00bb. Beispielsweise sogenannte <em>flying checkpoints<\/em>, vor\u00fcbergehende und unangek\u00fcndigte provisorisches Hindernisse, die von der israelischen Armee eingerichtet werden, um die Kontrolle der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung \u00fcber ihren Alltag zu untergraben. \u00abWir haben vom Commander h\u00e4ufig den Befehl erhalten, Autos anzuhalten und zu durchsuchen. Den Auftrag, etwas Bestimmtes zu finden gab es nicht.\u00bb Manchmal hiess es, man solle einfach alle Wagen herauswinken, die eine bestimmte Ziffer im Kennzeichen haben, z.B. eine 3. \u00abWir liessen auch Lastwagenfahrer glauben, dass wir nach Drogen suchen. Dabei ging es gar nicht um die Drogen, sondern potenziellen Drogendealern zu zeigen, dass wir aufmerksam sind.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abIch habe so oft gedacht \u2018What the fuck am I doing here\u2019?\u00bb, sagt Ori Givati, Direktor f\u00fcr Advocacy von <em>Breaking the Sicence<\/em>. Auch er hatte erst die Vorstellung, sein Land und seine Leute vor grossen Gefahren sch\u00fctzen zu m\u00fcssen und nicht, Zivilist_innen zu kontrollieren. \u00abDie Commander haben sich nicht einmal die M\u00fche gegeben, die sinnlosen Missionen als relevant wirken zu lassen\u00bb, regt sich Ori auf. In den meisten F\u00e4llen w\u00fcssten nicht einmal die Befehlshaber_innen, was sie da eigentlich tun. Wie auch? Gibt es denn eine <em>richtige<\/em> oder <em>moralische<\/em> Art und Weise der Okkupation? Becca bringt weitere konkrete Beispiele aus dem irren Alltag: \u00abHauptstrategien der Unterdr\u00fcckung sind Verhaftungen, Hausdurchsuchungen und Eins\u00e4tze bei Proteste.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Verhaftung von Kindern als Terrorpr\u00e4vention<br \/>\n<\/strong>\u00abEs gibt die <em>special force units<\/em> und die regul\u00e4re Infanterie\u00bb, erkl\u00e4rt Becca. Verhaftet die Infanterie eine Person, wird sie zu den <em>special force units<\/em> gebracht. Was danach passiert, ist nicht mehr Angelegenheit der einfachen Soldat_innen. \u00abDie meisten Verhaftungen sind sogenannte <em>snack arrests<\/em>\u00bb, also Verhaftungen von allen m\u00f6glichen unwichtigen und ungef\u00e4hrlichen Personen, darunter auch Kinder. Ein hinreichender Grund kann der Klau von Kugelschreibern sein. Auf dem St\u00fctzpunkt werden einige dieser Menschen geohrfeigt und erniedrigt, indem man Fotos von ihnen macht. Auf Terrorgruppen wird Druck ge\u00fcbt, indem man ihre Verwandten abf\u00fchrt. \u00abBei Massenverhaftungen holt man z.B. alle M\u00e4nner aus ihren H\u00e4usern \u2013 mitten in der Nacht, w\u00e4hrend sie in Pyjamas schlafen.\u00bb Dann bringt man diese M\u00e4nner weg, f\u00fchrt sie in Handschellen in irgendeine Schule und l\u00e4sst sie dort warten. Grund f\u00fcr einen solchen Befehl kann sein, dass jemand Steine geworfen hat \u2013 aber es werden alle bestraft. \u00abEs gibt zudem die <em>mock<\/em> oder <em>fake arrests<\/em>.\u00bb In diesem Fall inszeniert man Aktionen in H\u00e4usern, in welchen niemand wohnt, oder man holt mitten in der Nacht die Menschen aus ihren Wohnungen, nur um sie wieder reinzuschubsen. \u00abSo \u00fcben die Soldat_innen zu verhaften und die Bev\u00f6lkerung, wie man verhaftet wird.\u00bb<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div id=\"attachment_15426\" style=\"width: 690px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-15426\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-15426 size-large\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/AG_BreakingTheSilence-1024x660.jpg\" alt=\"\" width=\"680\" height=\"438\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/AG_BreakingTheSilence-1024x660.jpg 1024w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/AG_BreakingTheSilence-300x193.jpg 300w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/AG_BreakingTheSilence-768x495.jpg 768w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/AG_BreakingTheSilence-1536x990.jpg 1536w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/AG_BreakingTheSilence-2048x1320.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><p id=\"caption-attachment-15426\" class=\"wp-caption-text\">Becca Strober und Ori Givati, Breaking The Silence<\/p><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Hausdurchsuchungen<\/strong><br \/>\nBei den Hausdurchsuchungen werden vier Arten unterschieden. 1) Das Konfiszieren von Waffen, Geld und andere Dinge, die suspekt erscheinen. 2) Das Konfiszieren von H\u00e4usern, weil sie sich wegen der Sicht als Kontrollpunkte eignen. 3) Das <em>mapping<\/em>. Bei dieser Prozedur betreten die Soldat_innen ein Haus, nehmen die Daten der Familie auf, bringen sie dann in einen Raum, wo zwei Soldaten sie bewachen, w\u00e4hrend die anderen das Haus durchsuchen, es vermessen und kartieren. Sie schreiben auf, was sich im Haus befindet, wie gross die R\u00e4ume sind usw. Den Soldat_innen ist klar, dass diese ganzen Daten im Papierkorb landen. Sie wissen auch, dass niemand in irgendetwas Illegales verwickelt ist. Die ganzen Notizen werden nicht einmal mehr an den Kompaniechef weitergeleitet. \u00abDie Leute sollen sich verfolgt f\u00fchlen, eingesch\u00fcchtert sein\u00bb, sagt Becca. 4) die <em>straw widows<\/em>, sprich die vor\u00fcbergehende Inbesitznahme von H\u00e4usern aus milit\u00e4rischen Gr\u00fcnden. Vor\u00fcbergehend kann ein paar Stunden, Tage oder gar Jahre bedeuten.<\/p>\n<p><strong>Proteste<\/strong><br \/>\nDemonstrationen im Besatzungsgebiet sind regelm\u00e4ssig und normal. Proteste bedeutet aber, dass die Leute das Haupt erheben. \u00abDas gilt es zu verhindern\u00bb, erkl\u00e4rt Becca. \u00abDie Leute sollen auf den Strassen am Vorw\u00e4rtskommen gehindert werden.\u00bb Auch hier sind Massenverhaftungen \u00fcblich. Der Commander kann beispielsweise befehlen, zw\u00f6lf junge Menschen zu verhaften, die irgendwie mit den Protesten in Verbindung gebracht werden k\u00f6nnten. \u00abEinmal wurde ein Soldat ins Gesicht geschlagen. Es ging im gut, aber der Commander liess daraufhin den Bruder des Angreifers verhaften. Er war praktisch noch ein Kind.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Doppelte Schikane<\/strong><br \/>\nDie Schikane kommt aber nicht nur von den Soldat_innen. Auch einige israelische Siedler_innen zeigen sich aggressiv. Wenn sie die Pal\u00e4stinenser_innen mit Steinen bewerfen, sie sonst wie physisch attackieren, ihre Scheiben einschlagen, einbrechen und ihre B\u00e4ume zerst\u00f6ren, passiert einfach nichts. \u00abUnsere Aufgabe ist nicht, sie auch zu besch\u00fctzen\u00bb, behauptet Becca n\u00fcchtern. \u00abDie Pal\u00e4stinenser_innen in ihren privaten R\u00e4umen anzugreifen, bewirkt, dass sie sich verziehen.\u00bb<\/p>\n<p><strong>50 Jahre sind nicht mehr \u00abtempor\u00e4r\u00bb<\/strong><br \/>\n\u00abIch stehe heute hier, weil das alles keinen Sinn ergibt. Es gibt keine moralische Art der Kontrolle. Ohne Gewalt l\u00e4sst sich niemand kontrollieren, der nicht kontrolliert werden m\u00f6chte\u00bb, stellt Becca fest. \u00abDie ganze Situation ist nicht gerecht. Es geht aber nicht darum, eine L\u00f6sung daf\u00fcr zu finden, sondern Unrecht zu reparieren. Und dar\u00fcber zu reden geh\u00f6rt dazu.\u00bb Nicht alle sind dar\u00fcber gl\u00fccklich, das Veteran_innen wie sie oder Ori das Schweigen brechen. Vor allem zwischen 2015 und 2017 wurde \u00abBreaking the Silence\u00bb zum Angriffsziel. \u00abWir wurden als L\u00fcgner_innen, anti-israel und antisemitisch bezeichnet. Manche konnten aufgrund von Morddrohungen nicht mehr ohne Sicherheitsleute unterwegs sein. Sie bekamen Anrufe mit Aussagen wie \u2018Wir kennen den Namen deiner Tochter. Wir kennen den Namen deines Hundes \u2026\u2019\u00bb, berichtet Becca. Und Ori erg\u00e4nzt: \u00abWir leben immer noch nicht in einer demokratischen Gesellschaft\u00bb. Beide stellen klar, dass sie nicht per se gegen das Milit\u00e4r sind, sondern gegen die Besatzungspolicy.<\/p>\n<p><strong>Wie weiter?<\/strong><br \/>\n\u00abViele junge israelische Menschen wissen nicht einmal, dass es sich um eine Besatzung handelt\u00bb, meint Becca. Ihr sei bewusst, dass es absurd klinge. Das sei aber nun mal das Resultat einer gut ge\u00f6lten Maschinerie in Medien und Bildung. <em>Breaking the Silence<\/em> informiert deshalb nicht nur im Ausland, sondern f\u00fchrt vor allem in Israel selber zahlreiche Informationsanl\u00e4sse. Becca und Ori haben am Ende ihres Berichts noch eine Bitte an die Anwesenden: \u00abIhr habt eine Stimme! Sie wird geh\u00f6rt!\u00bb Okkupation sei ein internationales Thema. Auch Studierende an Schweizer Unis k\u00f6nnen Druck aus\u00fcben, um diesen Irrsinn zu beenden, indem sie Projekte wie <em>Breaking the Silence<\/em> finanziell f\u00f6rdern. \u00abNiemand ist neutral, auch nicht ein Land wie die Schweiz. Wer nichts sagt, unterst\u00fctzt das Unrecht.\u00bb<\/p>\n<div style=\"background-color: orange; font-size: 100%; padding: 1em;\">\n<p><strong><em>Breaking the Silence <\/em><\/strong>wurde von Diplomassistentin und Doktorandin Dominique Lysser am Departement f\u00fcr Zeitgeschichte eingeladen. Erm\u00f6glicht wurde dieser Anlass durch die enge Zusammenarbeit mit dem Forum f\u00fcr Menschenrechte in Israel und Pal\u00e4stina. Das ist ein Zusammenschluss von zw\u00f6lf Nichtregierungsorganisationen, die sich f\u00fcr einen menschenrechtsbasierten Ansatz im Nahostkonflikt einsetzen.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Webseite von <a href=\"https:\/\/www.breakingthesilence.org.il\/\"><em>Breaking The Silence<\/em><\/a><\/li>\n<li>Webseite des <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/histcont\/de\/\">Departements f\u00fcr Zeitgeschichte<\/a><\/li>\n<li>Webseite von <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/histcont\/de\/departement\/team\/lysser-dominique.html\">Dominique Lysser<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #ff9900;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vertreter_innen von \u00abBreaking the Silence\u00bb, eine Organisation von Veteran_innen, die seit Beginn der Zweiten Intifada im israelischen Milit\u00e4r gedient haben, haben es sich zur Aufgabe gemacht, die \u00d6ffentlichkeit mit der Realit\u00e4t des Alltags in den besetzten pal\u00e4stinensischen Gebieten zu konfrontieren. 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