{"id":15249,"date":"2022-02-03T09:31:17","date_gmt":"2022-02-03T08:31:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=15249"},"modified":"2022-02-03T10:06:52","modified_gmt":"2022-02-03T09:06:52","slug":"mit-einer-aufenthaltsbewilligung-arbeiten-die-leute-mehr-und-langer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2022\/mit-einer-aufenthaltsbewilligung-arbeiten-die-leute-mehr-und-langer","title":{"rendered":"Mit einer Aufenthaltsbewilligung arbeiten die Leute mehr und l\u00e4nger"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte mit Wohnsitz im Zielland integrieren sich besser in den Arbeitsmarkt als Grenzg\u00e4nger_innen. Dies legt eine aktuelle Studie der \u00d6konom_innen Selina Gangl, Martin Huber und Berno B\u00fcchel von der Universit\u00e4t Freiburg nahe.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>Wie kann ein Land Arbeitskr\u00e4fte anlocken und binden? Diese Frage ist vor dem Hintergrund des Fachkr\u00e4ftemangels auch f\u00fcr Industriel\u00e4nder aktueller denn je, Wirtschaftswachstum und Innovation k\u00f6nnen davon abh\u00e4ngen. \u00abZwischen Industriestaaten gibt es erhebliche Migrationsbewegungen von Arbeitskr\u00e4ften. Diese Migration zwischen Industriel\u00e4ndern wird in der Literatur allerdings selten beleuchtet, meist fokussiert sie sich auf die Migration aus Entwicklungsl\u00e4ndern in Industriel\u00e4nder\u00bb, sagt Selina Gangl. Die Doktorandin hat nun mit einer k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten Studie ihren Teil dazu beigetragen, das zu \u00e4ndern. Gemeinsam mit den Professoren Martin Huber, der wie sie am Lehrstuhl f\u00fcr Angewandte \u00d6konometrie und Politikevaluation forscht, und Berno B\u00fcchel vom Lehrstuhl f\u00fcr Mikro\u00f6konomie, hat Selina Gangl erforscht, wie sich die Erteilung von Aufenthaltsbewilligungen auf die Integration in eine Volkswirtschaft auswirkt, die attraktive Nettol\u00f6hne bietet.<\/p>\n<p><strong>Ideales Setting in Liechtenstein<br \/>\n<\/strong>Das ist kein leichtes Unterfangen. \u00abDas grosse Problem ist normalerweise, dass Migration nicht zuf\u00e4llig geschieht\u00bb, sagt Martin Huber. \u00abLeute, die von einem Land ins andere migrieren, sind normalerweise selektiv.\u00bb So unterscheiden sich die Personen mit oder ohne Aufenthaltsbewilligung typischerweise in verschiedenen Bereichen, etwa in Sachen Bildung oder Herkunftsland. Die Wirkung der Aufenthaltsbewilligung auf die Arbeitsmarktpartizipation von den \u00fcbrigen Einflussfaktoren zu isolieren ist dadurch schwierig bis unm\u00f6glich. Es br\u00e4uchte also mehr Zufall \u2013 im Idealfall ein Setting, bei dem zuf\u00e4llig ermittelt wird, wem ein Wohnsitz gew\u00e4hrt wird, und bei dem gleichzeitig f\u00fcr alle interessierten Arbeitsmigrant_innen auch das grenz\u00fcberschreitende Pendeln eine Option bleibt.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gibt es genau dieses Setting in Liechtenstein. \u00abDort finden jedes Jahr zwei Lotterien statt, in denen zuf\u00e4llig das Recht zugeteilt wird, nach Liechtenstein zu ziehen \u2013 und zwar nur unter Leuten, die bereits \u00fcber einen Arbeitsvertrag in Liechtenstein verf\u00fcgen\u00bb, erkl\u00e4rt Martin Huber. Kommt hinzu, dass ausschliesslich Personen aus Industriel\u00e4ndern mitmachen k\u00f6nnen. Denn die Lotterie ist ein Kompromiss, den Liechtenstein eingehen muss, um im Europ\u00e4ischen Wirtschaftsraum (EWR) dabei sein zu d\u00fcrfen. \u00abLiechtenstein wollte Teil des EWRs sein, gleichzeitig aber die Anzahl Aufenthaltsbewilligungen beschr\u00e4nken, weil es ein kleines Land ist und seine nationale Identit\u00e4t sch\u00fctzen wollte. Dieses Recht wurde dem Land gew\u00e4hrt, allerdings nur unter der Bedingung, dass es die H\u00e4lfte der Bewilligungen im Lotterieverfahren vergibt\u00bb, erkl\u00e4rt Selina Gangl.<\/p>\n<p><strong>Deutliche Ergebnisse<br \/>\n<\/strong>So nutzten die Forschenden der Universit\u00e4t Freiburg das ideale Versuchsfeld und analysierten die Daten aus den Lotterien der Jahre 2006 bis 2016. In ihren Daten befinden sich 350 Personen, die in der Lotterie erfolgreich waren, sowie 2\u2019795 Personen, die nicht erfolgreich waren. Untersucht wurden die Jahre zwei bis zw\u00f6lf nach dem jeweiligen Lotterieentscheid.<\/p>\n<p>Bei der Auswertung haben die Forschenden festgestellt, dass eine Aufenthaltsbewilligung einen bedeutenden positiven Effekt auf die Arbeitsmarktintegration hat. \u00abDie Leute, die in der Lotterie gewinnen und nach Liechtenstein ziehen, arbeiten l\u00e4nger und mehr in Liechtenstein als diejenigen, die kein Wohnrecht erhalten und mehrheitlich weiterhin pendeln\u00bb, sagt Selina Gangl. Die Ergebnisse sind deutlich: \u00abWir haben die Arbeitswahrscheinlichkeit in Prozentpunkten gemessen. Der Wert pendelt sich bei circa 25 Prozent ein. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person w\u00e4hrend der n\u00e4chsten Jahre in Liechtenstein arbeitet, erh\u00f6ht sich also um ungef\u00e4hr 25 Prozentpunkte, wenn sie eine Aufenthaltsbewilligung hat\u00bb, sagt Martin Huber. \u00abUnd auch der Besch\u00e4ftigungsgrad ist durchschnittlich um etwa 20 Prozent h\u00f6her.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Pendler_innen haben irgendwann genug<br \/>\n<\/strong>Interessant ist auch eine Erkenntnis, welche die Forschenden durch eine weitere Aufschl\u00fcsselung erlangten. In der Studie wird zwischen zwei Gruppen unterschieden: Personen, die bereits vor der Lotterie in Liechtenstein arbeiteten und zwingenderweise Pendler_innen aus dem benachbarten Ausland sind sowie Personen, die ein Angebot von einer Firma aus Liechtenstein haben, wom\u00f6glich aber noch weit weg wohnen. Kurzfristig hat der Lotterieentscheid erwartungsgem\u00e4ss einen deutlich h\u00f6heren Einfluss auf die zweite Gruppe. Eine Aufenthaltsbewilligung schafft somit kurzfristig einen Anreiz f\u00fcr potenzielle neue Arbeitskr\u00e4fte, eine Besch\u00e4ftigung in Liechtenstein aufzunehmen, w\u00e4hrend die Wirkung f\u00fcr Pendler_innen zun\u00e4chst nahe bei null liegt. \u00abNach sieben bis acht Jahren gleicht sich der Effekt allerdings an, und zwar auf einem positiven Niveau. L\u00e4ngerfristig scheint es keine grossen Unterschiede zwischen beiden Gruppen zu geben\u00bb, sagt Martin Huber. Anders ausgedr\u00fcckt: Manche Grenzg\u00e4nger_innen haben irgendwann genug vom Pendeln und verlassen den Arbeitsmarkt, wenn sie keine Aufenthaltsbewilligung erhalten.<\/p>\n<p>Die Daten, die den Forschenden f\u00fcr ihre Studie zur Verf\u00fcgung standen, lassen keinen R\u00fcckschluss auf die m\u00f6glichen Gr\u00fcnde f\u00fcr die Arbeitsmarkteffekte zu. Aus anderen Studien l\u00e4sst sich allerdings schliessen, dass insbesondere eine vorteilhafte Besteuerung, aber auch k\u00fcrzere Pendelzeiten wichtige Faktoren sind, die den Effekt einer Aufenthaltsbewilligung auf die Arbeitsmarktintegration treiben \u2013 auch f\u00fcr Personen aus dem nahen Ausland.<\/p>\n<p><strong>Auf die Schweiz \u00fcbertragbar?<br \/>\n<\/strong>Bleiben zum Schluss zwei wichtige Fragen: Inwiefern sind die Erkenntnisse auf andere L\u00e4nder, wie etwa die Schweiz, \u00fcbertragbar? Und welche politischen Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen?<\/p>\n<p>\u00abIn Liechtenstein ist die Ausgangslage besonders\u00bb, antwortet Selina Gangl auf die erste Frage, \u00ab56 Prozent der Leute, die in dem Land arbeiten, pendeln jeden Tag nach Liechtenstein hinein und wieder hinaus\u00bb. M\u00f6glich ist das, weil das Land so klein ist, in der Schweiz liessen sich die Ergebnisse deshalb am ehesten auf die Grenzregionen \u00fcbertragen. \u00abDie Wirtschaftsstruktur unterscheidet sich von Land zu Land. Gut m\u00f6glich, dass die Effekte nicht genau die gleichen sind. Allerdings sind manche der wirtschaftlichen Sektoren, die in Liechtenstein stark vertreten sind, auch in der Schweiz bedeutend\u00bb, erkl\u00e4rt Martin Huber. \u00abIch denke schon, dass unsere Studie generell aufzeigt, dass Aufenthaltsbewilligungen den Effekt haben k\u00f6nnen, ausl\u00e4ndische Mitarbeitende anzulocken und zu halten \u2013 und entsprechend ein Instrument sind, um ausl\u00e4ndische Schl\u00fcsselarbeitskr\u00e4fte besser zu binden.\u00bb<\/p>\n<p>Das ist es, was die Forschenden untersuchen wollten. \u00abDie Studie weist nach, welchen Nutzen eine Aufenthaltsbewilligung f\u00fcr den Arbeitsmarkt in Bezug auf die Integration von ausl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4ften hat. Dem m\u00fcssen Politiker_innen dann potenzielle Kosten gegen\u00fcberstellen. Das k\u00f6nnten zum Beispiel steigende Wohnungspreise oder Infrastrukturkosten sein. Zu entscheiden, wie der Nutzen gegen\u00fcber den potenziellen Kosten dann gewichtet wird, ist nicht unsere Aufgabe, sondern diejenige der Politik\u00bb, schliesst Martin Huber.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Webseite von <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/appecon\/de\/lehrstuhl\/team\/selina-gangl.html\">Selina Gangl<\/a><\/li>\n<li>Webseite von <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/appecon\/de\/lehrstuhl\/team\/prof\/\">Martin Huber<\/a><\/li>\n<li>Webseite von <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/amabe\/de\/lehrstuhl\/team\/prof.html\">Berno B\u00fcchel<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #ff9900;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte mit Wohnsitz im Zielland integrieren sich besser in den Arbeitsmarkt als Grenzg\u00e4nger_innen. 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