{"id":14296,"date":"2021-09-06T07:19:41","date_gmt":"2021-09-06T06:19:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=14296"},"modified":"2021-09-06T14:21:12","modified_gmt":"2021-09-06T13:21:12","slug":"weltliteratur-im-mittelalter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2021\/weltliteratur-im-mittelalter","title":{"rendered":"\u00a0\u00abWeltliteratur\u00bb im Mittelalter"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Das traditionelle Freiburger Colloquium des Medi\u00e4vistischen Instituts wird dieses Jahr (8.\u201310.9.) erstmals von mehreren Personen organisiert, n\u00e4mlich von allen medi\u00e4vistischen Literaturwissenschaftler_innen der Uni Freiburg gemeinsam und noch dazu in Zusammenarbeit mit dem Institut f\u00fcr Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft. Die Direktorin des Medi\u00e4vistischen Instituts, Prof. Cornelia Herberichs, \u00a0erkl\u00e4rt, wie es dazu kam. <div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<\/strong><\/h4>\n<p>F\u00fcr die Organisation des diesj\u00e4hrigen Colloquiums brauchte es besonders viele mitdenkende K\u00f6pfe aus verschiedenen Disziplinen, denn wir haben uns mit dem Colloquium eine grosse Herausforderung gestellt: Unser Thema ist sozusagen die \u00abWeltliteratur\u00bb im Mittelalter.<\/p>\n<p><strong>Konnte es im Mittelalter \u00fcberhaupt so etwas wie eine \u00abWeltliteratur\u00bb geben?<br \/>\n<\/strong>Nat\u00fcrlich ist der Begriff \u00abWeltliteratur\u00bb, wie Goethe ihn vor allem gepr\u00e4gt hat, nicht eins zu eins auf das Mittelalter \u00fcbertragbar. Die bekannte \u00abWelt\u00bb war damals ja schon geographisch viel kleiner als heute. Aber f\u00fcr das europ\u00e4ische Hochmittelalter kann man \u2013 mit Einschr\u00e4nkungen \u2013 durchaus eine \u00e4hnliche Universalit\u00e4t beobachten: Literarische Stoffe waren u.a. in lateinischer, franz\u00f6sischer, deutscher und englischer Sprache gleichermassen verbreitet. Die Geschichten um Alexander den Grossen, K\u00f6nig Artus, Reinhart Fuchs, die Reiseabenteuer Marco Polos und die Schlachten vor Trojas Stadtmauern lasen Menschen \u2013 oder bekamen sie vorgelesen \u2013 quer \u00fcber den ganzen Kontinent.<\/p>\n<p><strong>Das h\u00f6rt sich fast nach Mainstream-Kultur an, vergleichbar mit dem heutigen Unterhaltungsmarkt, auf dem in allen Ecken der Welt dieselben Produkte, Musik, Filme oder auch Kunstwerke rezipiert werden?<br \/>\n<\/strong>Was die damalige Situation von der heutigen, durch Massenmedien globalisierten Unterhaltungskultur unter anderem unterscheidet, ist, dass diese Romane nicht wirklich in andere Sprachen \u00ab\u00fcbersetzt\u00bb, sondern f\u00fcr den jeweiligen Kulturkreis jeweils eigens nacherz\u00e4hlt und angepasst wurden. Das Ph\u00e4nomen, literarische Werke in Fremdsprachen m\u00f6glichst exakt und werkgetreu zu \u00fcbersetzen, ist recht modern und stammt erst aus dem Humanismus des 16. Jahrhunderts. Das markiert einen bedeutsamen kulturellen Unterschied mittelalterlicher transnationaler Kultur zur heutigen.<\/p>\n<div id=\"attachment_14270\" style=\"width: 218px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Bedford-B_3.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-14270\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-14270 size-medium\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Bedford-B_3-208x300.jpg\" alt=\"\" width=\"208\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Bedford-B_3-208x300.jpg 208w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Bedford-B_3.jpg 540w\" sizes=\"(max-width: 208px) 100vw, 208px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14270\" class=\"wp-caption-text\">Turmbau zu Babel. Franz\u00f6sischer Meister im Stundenbuch des Herzogs von Bedford (1423), British Library, London, Ms. Add. 18850, f. 17v.<\/p><\/div>\n<p><strong>Warum ist der Unterschied so bedeutsam?<br \/>\n<\/strong>Trotz zahlreicher \u00dcbereinstimmungen, was die groben Inhalte der Texte betrifft, wurden die \u00abBlockbuster\u00bb-Geschichten in vielen Details doch jeweils unterschiedlich dargeboten, angepasst an das jeweilige kulturelle Milieu und auch gepr\u00e4gt vom literarischen Stil des jeweiligen \u00dcbersetzers bzw. Bearbeiters. Das ist vielleicht eher vergleichbar mit dem Ph\u00e4nomen, dass heute gewisse erfolgreiche Filme aus Asien oder Europa in den USA an anderen Schaupl\u00e4tzen und mit eigenen Schauspielern neu gedreht werden, um f\u00fcr die Zuschauer_innen des dortigen Kulturkreises zug\u00e4nglicher zu sein. Dabei ver\u00e4ndern sich in der Darbietung zahlreiche Einzelheiten: Historische Anspielungen im Plot, Geschlechterrollen, \u00e4sthetische Normen etc. werden f\u00fcr das Zielpublikum angepasst. Das gilt auch f\u00fcr die international erfolgreichen literarischen Stoffe des Mittelalters. Aus dieser Perspektive ist Komparatistik immer auch ein Politikum.<\/p>\n<p><strong>Inwiefern ein Politikum?<br \/>\n<\/strong>Von ihren Anf\u00e4ngen im 19. Jahrhundert an wollten Komparatisten explizit ein Gegengewicht setzen zu einer Betrachtung von Literatur und Kunst aus rein monoglotter, nationalstaatlicher Perspektive. Dadurch dass sie aufzeigten, dass unterschiedliche Sprachr\u00e4ume und Kulturen \u00fcber diverse K\u00fcnste miteinander vernetzt und verflochten sind, sollte Literatur vor dem Missbrauch durch nationalistische Ideologien gesch\u00fctzt werden: Die erste komparatistische Zeitschrift, \u00abActa Comparationis Litteratura Universalis\u00bb, wurde 1877 vom ungarischen Germanisten Hugo Meltzl herausgegeben. Die Zeitschrift verstand sich programmatisch als ein \u00abVereinigungsorgan\u00bb von Dichtern und Philosophen \u00aballer Nationen\u00bb. Nach dem zweiten Weltkrieg, im Jahr 1948, erschien aus der Feder des Romanisten Ernst Robert Curtius eine ausserordentlich einflussreiche Studie mit dem Titel \u00abEurop\u00e4ische Literatur und lateinisches Mittelalter\u00bb. Der Universalgelehrte wollte mit diesem umfangreichen Werk seinen Zeitgenossen ins Ged\u00e4chtnis rufen, dass alle europ\u00e4ischen Kulturen eine gemeinsame christlich-abendl\u00e4ndische Tradition besitzen; sein Ziel war es, den Chauvinismen und Nationalismen in der Kunst- und Literaturforschung seiner Zeit eine Absage zu erteilen. Die Medi\u00e4vistik spielte in diesen historischen Phasen der Komparatistik des 19. und 20. Jahrhunderts eine eminente, politische Rolle.<\/p>\n<p><strong>Ist das auch heute noch so?<br \/>\n<\/strong>Die \u00abNeu-Komparatistik\u00bb, welche sich mit modernen Kulturen und Literaturen besch\u00e4ftigt, ist auch heute oftmals politisch gepr\u00e4gt: So setzt sie sich intensiv auseinander mit der Kritik am Eurozentrismus der fr\u00fchen Komparatistik, mit den Orientalismus- und Postkolonialismus-Debatten, mit der Rolle des Englischen f\u00fcr die Literatur kleiner Sprachgruppen. Das sind spannende und wichtige Themen, und auch die Medi\u00e4vistik setzt sich in j\u00fcngerer Zeit\u00a0 zunehmend mit Verflechtungen zwischen europ\u00e4ischen und aussereurop\u00e4ischen, beispielsweise Kulturkreisen des Orients auseinander. Aber dennoch haben sich die \u00abmoderne\u00bb und die \u00abmedi\u00e4vistische Komparatistik\u00bb inzwischen voneinander entfernt. F\u00fcr die Medi\u00e4vistik ist ihre Aufgabe als eine auch komparatistisch arbeitende Disziplin deshalb gewissermassen neu zu definieren: K\u00f6nnen wir Begriffe wie \u00abDekolonialisierung\u00bb oder \u00abGlobalisierung\u00bb wirklich auf das Mittelalter anwenden, wie dies in den letzten Jahren zum Teil versucht wurde? Welche Begriffe und Instrumente der modernen Komparatistik k\u00f6nnen auch f\u00fcr uns fruchtbar sein und von welchen sollte man die H\u00e4nde lassen, um nicht durch R\u00fcckprojektionen eine historische Linearit\u00e4t zu konstruieren, die der Wirklichkeit nicht gerecht wird? Durch die zeitliche Distanz k\u00f6nnen Medi\u00e4vist_innen bestimmte Methoden, die in der modernen Komparatistik eine wichtige Rolle spielen, auch pr\u00e4zisieren.<\/p>\n<p><strong>Welche sind dies?<br \/>\n<\/strong>Zum Beispiel das Arbeiten mit Epocheneinteilungen. Schon der Begriff \u00abMittelalter\u00bb verdankt sich Vergleichsoperationen: Zeitliche Periodisierungen von Geschichte entstehen durch den Vergleich historischer Paradigmen mit einem Vorher und Nachher, sei es medialer Revolutionen wie dem Buchdruck, seien es sozialer oder religi\u00f6ser Umw\u00e4lzungen. Diese zeitliche Dimension von Epochenbegriffen hat aber auch eine r\u00e4umliche Dimension: Aktuell wird im Anschluss an die Thesen des Arabisten Thomas Bauer in der Medi\u00e4vistik diskutiert, ob es ein \u00abislamisches Mittelalter\u00bb \u00fcberhaupt gegeben habe? Wie gehen wir mit gleichzeitigen Ph\u00e4nomenen um, die in weit auseinanderliegenden Kulturen vorliegen, f\u00fcr die aber keine Austauschbeziehungen nachzuweisen sind? Der Historiker Michael Borgolte wird im Rahmen unserer Tagung einen Abendvortrag halten zu dem Ph\u00e4nomen, dass Stiftungen \u2013 \u00a0also Rechtsformen, die \u00fcber das Leben des Stifters hinaus einen gewissen gesellschaftlichen Einfluss aus\u00fcben \u2013 in Gesellschaften unterschiedlichster Religionen und Sozialstrukturen entstehen. Welche Schl\u00fcsse ziehen wir aus solchen universalen, jedoch voneinander unabh\u00e4ngigen Entwicklungen f\u00fcr eine \u00abglobale Geschichtsschreibung\u00bb? Oder auch die Sprachenpolitik: Aktuell wird das Englische als Katalysator einer \u00abWeltliteratur\u00bb als eine kolonialistische Sprache kritisiert. Aamir R. Mufti hat j\u00fcngst in seinem Buch \u00abForget English!\u00bb ein flammendes Pl\u00e4doyer formuliert gegen die Globalisierung des Englischen und f\u00fcr die Polyglossie der Kunst. In den Jahrhunderten nach der Karolingischen Bildungsreform des 8. Jahrhunderts war das Lateinische eine \u00e4hnliche \u00abWeltsprache\u00bb wie heute das Englische. Wie dr\u00fccken sich dennoch unterschiedliche kulturelle Pr\u00e4gungen in Texten derselben Sprache aus? Solche Fragen haben medi\u00e4vistische und moderne Komparatistik gemein, auch wenn die Antworten gewiss unterschiedlich ausfallen. Gerade deshalb aber ist ein Austausch f\u00fcr beide Seiten befruchtend.<\/p>\n<p><strong>Also kann die moderne Komparatistik von der Medi\u00e4vistik lernen?<br \/>\n<\/strong>Ja, das mag unbescheiden klingen, aber so ist es durchaus gemeint! Auch f\u00fcr wissenschaftliche Disziplinen gilt: Um die Besonderheit eines Gegenstandes oder auch seiner Selbst zu ermessen und zu verstehen, ist man auf Vergleichskontexte angewiesen. Auch deswegen ist es wichtig, dass Kultur- und Geisteswissenschaftler_innen, die sich mit unterschiedlichen Epochen befassen, miteinander ins Gespr\u00e4ch kommen und ihre Untersuchungsmethoden und Terminologien miteinander vergleichen, also Komparatistik gewissermassen auf sich selbst anwenden. Dass von der Medi\u00e4vistik dabei einiges zu lernen ist, ist eine der Annahmen, die dem Freiburger Colloquium 2021 zugrunde liegen. Aber nat\u00fcrlich werden auch wir Medi\u00e4visti_innen gewiss Denkanst\u00f6sse in umgekehrter Richtung erhalten.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/mediaevum\/de\/veranstaltungen\/freiburger-kolloquien\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Freiburger Colloquium 2021<\/a><\/li>\n<li>Organisiert wird das Freiburger Colloquium 2021 vom Italianisten Prof. Paolo Borsa, vom Hispanisten Prof. Hugo Bizzarri, von der Anglistin Prof. Elisabeth Dutton, von der Romanistin Prof. Marion Uhlig und der Germanistin Prof. Cornelia Herberichs.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das traditionelle Freiburger Colloquium des Medi\u00e4vistischen Instituts wird dieses Jahr (8.\u201310.9.) erstmals von mehreren Personen organisiert, n\u00e4mlich von allen medi\u00e4vistischen Literaturwissenschaftler_innen der Uni Freiburg gemeinsam und noch dazu in Zusammenarbeit mit dem Institut f\u00fcr Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft. Die Direktorin des Medi\u00e4vistischen Instituts, Prof. Cornelia Herberichs, \u00a0erkl\u00e4rt, wie es dazu kam. F\u00fcr die Organisation des diesj\u00e4hrigen Colloquiums brauchte es besonders viele mitdenkende K\u00f6pfe aus verschiedenen Disziplinen, denn wir haben uns mit dem Colloquium eine grosse Herausforderung gestellt: Unser Thema ist sozusagen die \u00abWeltliteratur\u00bb im Mittelalter. Konnte es im Mittelalter \u00fcberhaupt so etwas wie eine \u00abWeltliteratur\u00bb geben? Nat\u00fcrlich ist der Begriff<\/p>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":14269,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[85,75],"tags":[1304,260,290,562],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14296"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14296"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14296\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14299,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14296\/revisions\/14299"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14269"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14296"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14296"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14296"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}