{"id":14106,"date":"2021-07-19T14:22:27","date_gmt":"2021-07-19T13:22:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=14106"},"modified":"2021-07-19T14:23:18","modified_gmt":"2021-07-19T13:23:18","slug":"warum-lichttherapien-gegen-depressionen-helfen-konnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2021\/warum-lichttherapien-gegen-depressionen-helfen-konnen","title":{"rendered":"Warum Lichttherapien gegen Depressionen helfen k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Lichtbehandlungen sind mehr als Esoterik. Biochemiker Urs Albrecht hat in Experimenten mit M\u00e4usen herausgefunden, dass Licht am Ende der Nacht ein spezielles Gen in der lateralen Habenula anstellt \u2013 und sie damit mehr Gl\u00fcckshormone aussch\u00fctten l\u00e4sst.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>Kurze Wintertage, Nebel, Schwermut, vielleicht sogar eine gewisse Antriebslosigkeit \u2013 die meisten von uns bringen diese Dinge aus dem Bauch heraus miteinander in Verbindung. \u00abIntuitiv wissen wir, dass ein Zusammenhang zwischen Licht und gewissen Arten von Depressionen besteht\u00bb, sagt Urs Albrecht. Der Professor am Departement f\u00fcr Biologie der Universit\u00e4t Freiburg\u00a0denkt dabei insbesondere an den <em>seasonal affective disorder<\/em>, der in lichtarmen Monaten verbreitet ist. Es gibt auch bereits Therapieformen. Vor allem in Nordeuropa weiss man schon seit L\u00e4ngerem, dass Lichtbehandlungen am Ende der Nacht einen positiven Effekt auf das Wohlbefinden haben k\u00f6nnen. \u00abAber niemand wusste, warum das so ist. Deshalb haben viele diese Behandlungen nicht ernstgenommen.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Nachbessern \u00fcber das Uhren-Gen<br \/>\n<\/strong>Albrecht aber holt die Lichttherapien nun definitiv aus der esoterischen Ecke. Fast zehn Jahre lang hat er mit seinem Team an der Studie gearbeitet, die er im Juli im Fachmagazin <em>PLOS Genetics<\/em> ver\u00f6ffentlicht hat. In Experimenten mit M\u00e4usen hat er herausgefunden, wie das Licht die Hirnregion, die f\u00fcr die Stimmung mitverantwortlich ist, beeinflusst: Zur richtigen Zeit eingesetzt, aktiviert es das Uhren-Gen <em>Period 1<\/em> in der lateralen Habenula. Das Spezielle an diesem Gen: Es reagiert nur sp\u00e4t in der Nacht, am st\u00e4rksten zwei Stunden bevor der Tag beginnt. \u00abWird es angestellt, sorgt es daf\u00fcr, dass sich das Wohlbefinden verbessert.\u00bb M\u00e4use, die Licht ausgesetzt wurden, zeigten im <em>Forced Swim Test<\/em> positives Verhalten \u2013 ausser ihnen war das Gen vorher aus der lateralen Habenula entfernt worden. In diesem Fall hatte das Licht pl\u00f6tzlich gar keinen Einfluss mehr auf ihre Stimmung.<\/p>\n<p>Urs Albrecht vergleicht die laterale Habenula mit Justitia, der G\u00f6ttin der Gerechtigkeit, weil sie f\u00fcr die richtige Balance sorgt. Daf\u00fcr, dass weder zu viel noch zu wenig Dopamin \u2013 im Volksmund auch als Gl\u00fcckshormon bekannt \u2013 ausgesch\u00fcttet wird. Und schafft sie es nicht selbst, diese Balance herzustellen, k\u00f6nnen wir sie mit Licht dahingehend beeinflussen, dass sie mehr Dopamin aussch\u00fcttet.<\/p>\n<p><strong>Mehr Glaubw\u00fcrdigkeit f\u00fcr Therapien<br \/>\n<\/strong>Das zumindest l\u00e4sst das Verhalten der M\u00e4use vermuten. Wie sehr aber lassen sich die Ergebnisse auf den Menschen \u00fcbertragen? \u00abGrunds\u00e4tzlich sollte man in der Wissenschaft immer zur\u00fcckhaltend sein. M\u00e4use sind nachtaktiv, Menschen tagesaktiv\u00bb, sagt Albrecht. \u00abAllerdings ist die Induktion des <em>Period 1<\/em>-Gens bei Menschen und M\u00e4usen genau gleich, das Timing der Expression ebenfalls. Die Wahrscheinlichkeit ist deshalb gross, dass vieles mehr oder weniger eins zu eins \u00fcbertragbar ist.\u00bb<\/p>\n<p>Das Interesse an der Studie ist entsprechend gross. Urs Albrecht hat in den letzten Tagen Interviews in Australien und den USA gegeben, in \u00d6sterreich sind ebenso Artikel dar\u00fcber erschienen wie in China. Gut m\u00f6glich, dass diese Aufmerksamkeit der Lichttherapie zu mehr Glaubw\u00fcrdigkeit verhilft. \u00abWir konnten aufzeigen, dass es eben nicht nur ein Gef\u00fchl ist, sondern ein mechanistischer, biologisch erkl\u00e4rbarer Prozess.\u00bb Lichtbehandlungen h\u00e4tten bei Weitem nicht bei allen Formen von Depressionen einen Nutzen. \u00abAber bei ganz spezifischen F\u00e4llen helfen sie eben sehr stark \u2013 und das ohne Nebenwirkungen.\u00bb In der Praxis lesen Patient_innen dann beispielsweise einmal pro Woche um f\u00fcnf Uhr morgens vor einer starken Lampe eine halbe Stunde bis eine Stunde lang ein Buch.<\/p>\n<p><strong>\u00abSklaven unserer Umgebung\u00bb<br \/>\n<\/strong>Dass das Licht direkt unser Wohlbefinden und dadurch unser Handeln beeinflusst, l\u00e4sst Urs Albrecht auch noch zu einer ganz grunds\u00e4tzlichen Erkenntnis kommen: \u00abWir sind nicht so unabh\u00e4ngig und frei, wie wir denken. Wir sind bis zu einem gewissen Grad Sklaven unserer Umgebung.\u00bb Mit seiner Forschung will der Biochemiker, der sich seit 23 Jahren mit den Mechanismen der inneren Uhr besch\u00e4ftigt, dazu beitragen, dass wir uns mit zus\u00e4tzlichem Wissen optimal an die Umgebung anpassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Webseite von <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/bio\/en\/research\/genetics\/albrecht.html\">Urs Albrecht<\/a><\/li>\n<li>Lesen Sie auch den Artikel <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2017\/das-innere-zeitgefuehl-einst-esoterik-heute-nobelpreis?lang=de\"><em>Das innere Zeitgef\u00fchl: Einst Esoterik, heute Nobelpreis<\/em><\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lichtbehandlungen sind mehr als Esoterik. 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