{"id":13534,"date":"2021-04-12T10:04:25","date_gmt":"2021-04-12T09:04:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=13534"},"modified":"2021-04-14T13:23:34","modified_gmt":"2021-04-14T12:23:34","slug":"was-bringt-es-zu-wissen-ob-ein-mensch-als-mann-oder-als-frau-geboren-wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2021\/was-bringt-es-zu-wissen-ob-ein-mensch-als-mann-oder-als-frau-geboren-wurde","title":{"rendered":"\u00abWas bringt es, zu wissen, ob ein Mensch als Mann oder als Frau geboren wurde?\u00bb"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Recht ist nicht immer gerecht. Nula Frei von der Rechtswissenschaftlichen Fakult\u00e4t der Unifr und Nils Kapferer, Doktorand am Europainstitut der Unibas, erkl\u00e4ren im Interview, warum sie in ihrem FRI-Lesekreis einen queerfeministischen Ansatz versuchen.\u00a0<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Wer steckt hinter dem FRI-Lesekreis und f\u00fcr wen wurde er gegr\u00fcndet?<br \/>\n<\/strong><em>Nils Kapferer<\/em>: Das FRI \u2013 Schweizerisches Institut f\u00fcr feministische Rechtswissenschaft und Gender Law \u2013 geht auf die Initiative von feministischen Juristinnen in den 1990er Jahren zur\u00fcck und wird aktuell von einer vielf\u00e4ltig zusammengsetzten Gruppe von Jurist_innen getragen.<\/p>\n<p>Im Jahr 2019 haben zwei Mitglieder des FRI, Sofia Balzaretti von der Unifr und ich von der Uni Basel beschlossen, M\u00f6glichkeiten des Austausches rund um Texte &#8211; juristische und\/oder soziologische anzubieten, die eine Reflexion \u00fcber das Recht aus einer Gender-Perspektive erm\u00f6glichen. Da Sofia Balzaretti f\u00fcr ihre Dissertation ins Ausland ging, hat sich Nula Frei bereit erkl\u00e4rt, zusammen mit mir diese Treffen weiterzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Der FRI-Lesekreis ist interdisziplin\u00e4r und offen f\u00fcr alle, die aus einer feministischen und queeren Perspektive dar\u00fcber nachdenken wollen, was das Recht in unserer Gesellschaft ist und tut. Er ist in erster Linie f\u00fcr Jus-Studierende gedacht, aber auch Studierende anderer Fachrichtungen sind herzlich willkommen. Der FRI-Lesekreis ist auch offen f\u00fcr Menschen, die sich wissenschaftlich mit dem Thema befassen oder einfach nur diese Momente des Austauschs nutzen wollen.<\/p>\n<div id=\"attachment_13545\" style=\"width: 282px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-13545\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-13545\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Photo.jpeg\" alt=\"\" width=\"272\" height=\"401\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Photo.jpeg 434w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Photo-203x300.jpeg 203w\" sizes=\"(max-width: 272px) 100vw, 272px\" \/><p id=\"caption-attachment-13545\" class=\"wp-caption-text\">Nils Kapferer, Unibas<\/p><\/div>\n<p><strong>Wonach fragt eine feministische und queere Rechtskritik?<br \/>\n<\/strong><em>Nils Kapferer<\/em>: Das Recht, nicht nur in seiner Anwendung, sondern auch im Studium, ist &#8211; wie viele Bereiche der Gesellschaft &#8211; von Menschen produziert, gedacht und analysiert worden, die sich meist als m\u00e4nnlich, heterosexuell und cisgender identifizieren, aus wohlhabendem Hause und, wie so h\u00e4ufig in der Schweiz, weiss sind. Diese Realit\u00e4t hat \u00fcber Jahrhunderte gepr\u00e4gt, was das Recht ist und wie es gedacht wird. Es ist notwendig, andere Ans\u00e4tze &#8211; in unserem Fall feministische und queere &#8211; zu entwickeln, um dar\u00fcber nachzudenken, was das Recht ist. Auch wenn sich das langsam \u00e4ndert, ist ein feministischer Ansatz an den Juristischen Fakult\u00e4ten der Schweiz immer noch schlecht vertreten. Von einem queeren Ansatz ganz zu schweigen! Den FRI-Lesekreis gibt es mit dem Ziel, einen Diskussionsraum anzubieten, der es uns erm\u00f6glicht, diesen feministischen und queeren Ansatz bekannt zu machen und weiterzuentwickeln. Dar\u00fcber hinaus m\u00f6chte der FRI-Lesekreis auch eine interdisziplin\u00e4re Perspektive entwickeln, insbesondere durch die Lekt\u00fcre von Texten aus der Rechtssoziologie.<\/p>\n<p><strong>Was sind die konkreten Forderungen oder Ziele einer solchen Rechtskritik?<br \/>\n<\/strong><em>Nils Kapferer<\/em>: Alle Rechtsgebiete sind f\u00fcr einen feministischen und queeren Ansatz geeignet. Wenn man sich mit der Gesetzgebung auseinandersetzt, ist es immer notwendig, den Kontext zu ber\u00fccksichtigen, in dem sie geschrieben wurde. Wer hat das Gesetz erlassen? F\u00fcr wen wurde es erlassen? Wer wird davon profitieren? Manchmal mag ein Gesetz neutral erscheinen, weil es sich an die gesamte Bev\u00f6lkerung richtet, aber seine konkreten Auswirkungen betreffen nicht alle Menschen in gleicher Weise.<\/p>\n<p>Zum Beispiel kann ein Gesetz, das darauf abzielt, die Laden\u00f6ffnungszeiten zu verl\u00e4ngern, neutral erscheinen. Aber in Wirklichkeit, wenn wir uns den Text und seine Folgen etwas genauer ansehen, wird klar, dass es Frauen sind, die von dieser Erweiterung am meisten betroffen sind. Tats\u00e4chlich sind 66% (2018, BFS) der im Detailhandel t\u00e4tigen Personen Frauen. Ausserdem \u00fcbernehmen Frauen in Haushalten mit Kindern immer noch 69 % der Hausarbeit (2018, BFS). Zum Schluss sind es in 84 % der F\u00e4lle Frauen, die eine Familie mit nur einem Elternteil f\u00fchren (2017, BFS). Eine Ausweitung der Laden\u00f6ffnungszeiten trifft daher vor allem Frauen, die in Zeiten, in denen keine Kinderbetreuungseinrichtungen ge\u00f6ffnet sind, L\u00f6sungen finden m\u00fcssen. Um auf diese Weise \u00fcber das Recht zu denken, ist es notwendig, die Gender-Brille aufzusetzen, aber auch in der Lage zu sein, \u00abausserhalb des Rechts\u00bb zu denken, also mit Hilfe anderer Disziplinen wie Soziologie, Geschichte, Psychologie, etc.<\/p>\n<div id=\"attachment_13543\" style=\"width: 282px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-13543\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-13543\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/DSC_7305_kopie-996x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"272\" height=\"280\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/DSC_7305_kopie-996x1024.jpeg 996w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/DSC_7305_kopie-292x300.jpeg 292w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/DSC_7305_kopie-768x789.jpeg 768w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/DSC_7305_kopie-1495x1536.jpeg 1495w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/DSC_7305_kopie-1993x2048.jpeg 1993w\" sizes=\"(max-width: 272px) 100vw, 272px\" \/><p id=\"caption-attachment-13543\" class=\"wp-caption-text\">Nula Frei, Unifr<\/p><\/div>\n<p><strong>In welchen Bereichen des Rechts sind die gr\u00f6ssten Missst\u00e4nde festzustellen?<br \/>\n<\/strong><em>Nula Frei<\/em>: Ich sehe die feministische und queere Rechtskritik als ein Analysetool, ein bestimmter Blick auf die Welt, der Machtstrukturen identifiziert und uns somit ein besseres Verst\u00e4ndnis des Rechts erlaubt. Insofern lassen sich s\u00e4mtliche Bereiche des Rechts queer-feministisch analysieren, und hier liegen viele Bereiche noch brach, etwa im besonderen Verwaltungsrecht. Die brennendsten Fragen stellen sich derzeit sicherlich in Bezug auf den Umgang des Rechts mit geschlechtsspezifischer oder sexualisierter Gewalt, dann die fehlende Anerkennung von Care-Arbeit und der ganze rechtliche Rattenschwanz, der daraus folgt (z.B. im Sozialversicherungs- oder im Steuerrecht) sowie die immer noch existierenden, aber mit den derzeitigen rechtlichen Mitteln kaum bek\u00e4mpfbare Diskriminierung am Arbeitsplatz. Schliesslich auch die rechtlich immer noch stark verankerte Zweigeschlechtlichkeit bzw. Binarit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>In Deutschland gibt es seit Ende 2018 die sogenannte \u00abDritte Option\u00bb. Beim Eintrag ins Personenstandsregister k\u00f6nnen Menschen zwischen \u00abm\u00e4nnlich\u00bb, \u00abweiblich und \u00abdivers\u00bb w\u00e4hlen, oder gar keine Angabe machen. Wie finden Sie das und wo stehen wir aktuell in der Schweiz?<br \/>\n<\/strong><em>Nils Kapferer<\/em>: In der Schweiz hat der Bundesrat eine \u00c4nderung des Zivilgesetzbuches vorgeschlagen, der sich mit dem Personenstand befasst, um die administrative Transition von Personen zu erleichtern, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde \u2013 das ist aber noch nicht in Kraft. Der Bundesrat hat in der Vernehmlassung betont, dass diese \u00c4nderung die Geschlechterbinarit\u00e4t nicht in Frage stellt und dass er diese Frage in seiner Antwort auf zwei 2017 eingereichte Postulate, die sich speziell mit dieser Frage befassen, angehen will.<\/p>\n<p>Die Notwendigkeit der Angabe einer Geschlechtsidentit\u00e4t im Personenstand wirft viele Fragen auf: Was bringt es, zu wissen, ob ein Mensch als Mann oder als Frau geboren wurde? Ist es nicht so, dass die Festlegung des Geschlechts eines Menschen bei der Geburt bereits der Beginn einer spezifischen Sozialisation und von zahlreichen Diskriminierungen ist?<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus ergeben sich aus diesen \u00dcberlegungen auch pragmatische Bedenken, insbesondere in Bezug auf die Erstellung von Statistiken. In der Tat bef\u00fcrchten einige, dass es ohne Statistiken nicht mehr m\u00f6glich sein wird, die Ungleichheiten aufzuzeigen, unter denen z. B. Frauen leiden, und dass es daher nicht mehr m\u00f6glich sein wird, \u00f6ffentliche Politik in verschiedenen Bereichen wie der Gleichstellung der Geschlechter zu betreiben.<\/p>\n<p><strong>Auf der einen Seite haben wir das Recht auf Gleichheit, auf der anderen Forderungen nach Ber\u00fccksichtigung und Anerkennung von Differenzen &#8211; Ein Paradoxon?<br \/>\n<\/strong><em>Nula Frei<\/em>: Diese beiden vermeintlich widerspr\u00fcchlichen Forderungen haben die Gerichte schon vielfach besch\u00e4ftigt, etwa wenn es um die Zul\u00e4ssigkeit von \u00abFrauenquoten\u00bb ging oder um das Recht muslimischer Frauen, eine Vollverschleierung (Niqab) zu tragen. Zur Aufl\u00f6sung dieser Widerspr\u00fcche f\u00fchren Gerichte in der Regel eine G\u00fcterabw\u00e4gung zwischen den sich widersprechenden Interessen durch, wobei man sagen kann, dass sie in der Tendenz dem Recht auf Gleichheit einen h\u00f6heren Stellenwert einr\u00e4umen als der Anerkennung von Differenz.<\/p>\n<p><strong>Wie sinnvoll ist eine genderneutrale Sprache im Recht?<br \/>\n<\/strong><em>Nula Frei<\/em>: Die Rechtssprache und die gendergerechte Sprache haben eines gemeinsam: Sie streben nach sprachlicher Pr\u00e4zision. Insofern gilt auch im Recht: Betrifft eine Regelung nur M\u00e4nner? Dann (und nur dann) sollte auch das Maskulinum verwendet werden. Betrifft sie alle Personen unabh\u00e4ngig von ihrem Geschlecht? Dann sollte eine neutrale Formulierung gefunden werden. Offizielle Rechtstexte in der Schweiz arbeiten zumeist mit der Beidnennung, z.B. \u00abB\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger\u00bb. Hier ist die Schweiz fortschrittlicher als viele andere L\u00e4nder, die in Rechtstexten immer noch das generische Maskulinum verwenden; die Beidnennung wird uns aber vor Herausforderungen stellen, sollte die \u00abDritte Option\u00bb dereinst in der Schweiz eingef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnen Studierende oder die Gesellschaft allgemein f\u00fcr solche Themen sensibilisiert werden?<br \/>\n<\/strong><em>Nula Frei<\/em>: Generell wird derzeit in der \u00d6ffentlichkeit wieder mehr \u00fcber Geschlechter-Themen gesprochen als noch vor f\u00fcnf Jahren, allerdings sind die Diskussionen leider h\u00e4ufig sehr polarisiert. Sch\u00f6n w\u00e4re es, wenn auch im Jus-Studium die Geschlechterdimensionen des Rechts h\u00e4ufiger angesprochen w\u00fcrden, denn wie gesagt gibt es kein einziges Rechtsgebiet, das nicht auch eine Geschlechterkomponente hat, und einmal eine feministische und queere Perspektive einzunehmen er\u00f6ffnet spannende analytische Einsichten.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span class=\"g7-highlight orange\"><strong>Glossar<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gender: <\/strong>Damit gemeint ist die soziale Dimension des Geschlechts. Gender spiegelt Pflichten, Eigenschaften und Erwartungen einer Gesellschaft wider.<strong><br \/>\nQueerfeminismus\/-feminismen: <\/strong>Feministische Ans\u00e4tze, der sich auf feministische Theorie und Queer-Theorie bzw. den Queer Studies beziehen.\u00a0<strong><br \/>\n<\/strong><strong>cis\/cisgender\/cis Person: <\/strong>Person, bei der die Geschlechtsidentit\u00e4t mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht \u00fcbereinstimmt.\u00a0<strong><br \/>\ntrans\/transgender: <\/strong>Oberbegriff f\u00fcr alle Menschen, deren Geschlechtsidentit\u00e4t (teilweise) nicht dem ihnen k\u00f6rperlich zugeordneten Geschlecht entspricht.<\/span>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.genderlaw.ch\/deutsch\/fri\/startseite\/index.html\">Webseite<\/a> von Genderlaw, Schweizerisches Institut f\u00fcr feministische Rechtswissenschaft und Gender Law<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.genderlaw.ch\/deutsch\/fri\/veranstaltungen\/fri-lesekreis-2021-feministische-und-queere-rechtskritik.html?zur=3\">Webseite<\/a> mit den Veranstaltungen des FRI-Lesekreises<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www3.unifr.ch\/directory\/de\/people\/12770\/1c2c1\">Webseite<\/a> von Nula Frei<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Recht ist nicht immer gerecht. Nula Frei von der Rechtswissenschaftlichen Fakult\u00e4t der Unifr und Nils Kapferer, Doktorand am Europainstitut der Unibas, erkl\u00e4ren im Interview, warum sie in ihrem FRI-Lesekreis einen queerfeministischen Ansatz versuchen.\u00a0 Wer steckt hinter dem FRI-Lesekreis und f\u00fcr wen wurde er gegr\u00fcndet? Nils Kapferer: Das FRI \u2013 Schweizerisches Institut f\u00fcr feministische Rechtswissenschaft und Gender Law \u2013 geht auf die Initiative von feministischen Juristinnen in den 1990er Jahren zur\u00fcck und wird aktuell von einer vielf\u00e4ltig zusammengsetzten Gruppe von Jurist_innen getragen. 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