{"id":13105,"date":"2021-02-11T15:07:15","date_gmt":"2021-02-11T14:07:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges?p=13105"},"modified":"2021-02-11T15:09:19","modified_gmt":"2021-02-11T14:09:19","slug":"tellerwascher-im-niemandsland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2021\/tellerwascher-im-niemandsland","title":{"rendered":"Tellerw\u00e4scher im Niemandsland"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Mit ihrer Dissertation \u00abBleiberecht in der Gastrok\u00fcche\u00bb hat Jacqueline Kalbermatter gerade den Nachwuchspreis f\u00fcr Arbeitssoziologie, industrielle Beziehungen und Gewerkschaftsforschung in der Schweiz gewonnen. Sie sagt, der Titel sei sarkastisch.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Frau Kalbermatter, herzliche Gratulation zum Preis. Salopp formuliert dreht sich Ihre Arbeit um \u00abTellerw\u00e4scher\u00bb &#8211; aber von wem reden wir hier ganz konkret?<br \/>\n<\/strong>Danke. Der Fokus meiner Dissertation liegt auf gefl\u00fcchteten Arbeiter_innen mit unsicherem Aufenthaltsstatus. Das ist in der Schweiz ja relativ kompliziert. Einerseits geht es um Leute mit Status N \u2013 also Personen, die in einem Asylverfahren sind und auf einen Entscheid warten. Andererseits geht es um Leute mit Status F \u2013 also Menschen, die einen Wegweisungsentscheid erhalten haben, bei denen aber sogenannte \u00abWegweisungsvollzugshindernisse\u00bb vorliegen. Beispielsweise, weil in ihrer Heimat Krieg herrscht. Und drittens geht es um abgewiesene Asylsuchende, die einen Wegweisungsentscheid erhalten, die Schweiz aber nicht verlassen haben. Ihr Aufenthalt in der Schweiz gilt als illegal. Allen gemein ist, dass ihr Aufenthalt mit immensen Unsicherheiten und fehlenden Rechten verbunden ist.<\/p>\n<p><strong>Da sind wir tief in den M\u00fchlen der Migrationsb\u00fcrokratie. Sprechen wir denn da von vielen Leuten?<br \/>\n<\/strong>\u00dcber den Daumen sind es vielleicht 60&rsquo;000 Personen. Aber bei diesen zeigen sich Mechanismen, die auch sonst im Migrations- und Arbeitsbereich relevant sind.<\/p>\n<p><strong>Diese Leute mit unsicherem Aufenthaltsstatus arbeiten unter anderem in K\u00fcchen von Gastronomiebetrieben. Wie haben sie deren Lebens- und Arbeitsumst\u00e4nde nun untersucht?<br \/>\n<\/strong>Ich habe Gastro-Unternehmer_innen interviewt, habe mit den Arbeiter_innen selbst gesprochen und habe eine ethnographische Feldstudie gemacht \u2013 ich bin also auch selbst in diese K\u00fcchen arbeiten gegangen. Dabei hat mich interessiert, wie die Dynamiken und Strukturen in diesen K\u00fcchen sind.<\/p>\n<p>Es ging mir bei meiner Dissertation darum, Migrations- und Arbeitssoziologie zusammenzubringen. Ich wollte untersuchen, was die migrationspolitischen Regulierungen im konkreten Arbeitsalltag der Menschen f\u00fcr Auswirkungen haben. Ich fand das auch deshalb relevant, weil im Asylbereich immer wieder Experimente durchgef\u00fchrt werden, die sp\u00e4ter auf andere Personengruppen ausgedehnt werden.<\/p>\n<p><strong>Wie muss man sich denn den Alltag in diesen K\u00fcchen vorstellen?<br \/>\n<\/strong>Im Arbeitsalltag der Abwaschk\u00fcche ist man einer hohen Belastung ausgesetzt. Es ist eine immense physische Verausgabung. Dazu geh\u00f6rt etwa das Heben und Tragen schwerer T\u00f6pfe, das Schrubben verkrusteter Pfannen und das Ausr\u00e4umen des heissen Geschirrs aus der Sp\u00fclmaschine. Auch ist die Arbeit zumeist mit einer \u00e4usserst hohen Arbeitsintensit\u00e4t verbunden.<\/p>\n<p>Es gibt in den K\u00fcchen verschiedene Arbeiten, vom Tellerw\u00e4scher bis zum Sternekoch. Die unterscheiden sich nach Ansehen und Lohn. Zugleich unterscheiden sich die Leute, die die Arbeiten verrichten, nach geografischer Herkunft und nach dem Aufenthaltsstatus. Meine These ist, dass die Gefl\u00fcchteten mit unsicherem Aufenthaltsstatus auf der untersten Stufe der betriebsinternen Hierarchie landen.<\/p>\n<p>Da kann man sagen: Gut, die k\u00f6nnen die Sprache nicht, sind vielleicht schlecht ausgebildet. Meine Frage aber zielt in eine andere Richtung. Warum kommen die Leute da nicht raus?<\/p>\n<p><strong>Und? Warum kommen sie da nicht raus?<br \/>\n<\/strong>Die Arbeitsverh\u00e4ltnisse werden durch ihren unsicheren Aufenthaltsstatus beeinflusst. F\u00fcr sie ist es schwierig, \u00fcberhaupt eine Arbeitsstelle zu besetzen. Gleichzeitig stellt eine Arbeitsstelle die einzige M\u00f6glichkeit f\u00fcr ein Bleiberecht in der Schweiz dar, mit dem sie sich aus der unsicheren Aufenthaltssituation hieven k\u00f6nnen. Die Leute tun alles, um eine Aufenthaltsbewilligung, also eine B-Bewilligung zu erhalten. Also sind sie bereit, auch unter prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen weiterzuarbeiten. \u2013\u00a0 Der Titel meiner Arbeit ist durchaus sarkastisch gemeint. Die Menschen haben die Aussicht auf ein Bleiberecht, wenn sie in der K\u00fcche bleiben.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie dazu vielleicht ein konkretes Beispiel?<br \/>\n<\/strong>Ich habe eine Person kennengelernt, die schon seit \u00fcber 15 Jahren in der Schweiz ist, einen F-Ausweis hat und verschiedene Stellen gehabt, aber diese immer wieder verloren hat. Und das nicht, weil sie gek\u00fcndigt h\u00e4tte \u2013 das tun die Leute, mit denen ich zu tun hatte, eigentlich allgemein nicht, weil sich dadurch die Aussicht auf eine feste Aufenthaltsbewilligung verschlechtert.<\/p>\n<p>Die betreffende Person hat eine grosse Familie, die Gastrol\u00f6hne sind da einfach nicht existenzsichernd. Ein existenzsichernder Lohn ist aber die Voraussetzung, damit man eine feste Aufenthaltsbewilligung erh\u00e4lt. Man muss sozialhilfeunabh\u00e4ngig sein. Das ist aber sehr schwierig, weil in der Gastronomie oft auf Abruf gearbeitet und im Stundenlohn bezahlt wird.<\/p>\n<p>Wenn das Restaurant an einem freien Tag anrief und sagte \u00abWir haben Leute, du musst kommen\u00bb, dann kam die Person. Wenn sie dann doch nicht gebraucht wurde, hat sie auch das akzeptiert, und so weiter. Sie sagte: \u00abWenn ich schon mal eine Stelle habe, dann halte ich auch daran fest und mache alles mit. Denn das ist mein einziger Weg, um aus meiner unsicheren Aufenthaltssituation herauszukommen.\u00bb<\/p>\n<p>Das Beispiel ist typisch: Stundenlohnbesch\u00e4ftigte haben stets die Hoffnung, festangestellt zu werden. Und Festangestellte tun alles, um nicht in den Stundenlohn, die Arbeitslosigkeit und die Sozialhilfe zur\u00fcckgeschleudert zu werden.<\/p>\n<p><strong>Wie kommt man denn \u00fcberhaupt zu diesem gelobten B-Status?<br \/>\n<\/strong>Als Gefl\u00fcchtete_r mit unsicherem Aufenthaltsstatus kann man ein H\u00e4rtefallgesuch stellen. Voraussetzung f\u00fcr einen Erfolg sind aber mindestens 5 Jahre Aufenthalt in der Schweiz, diverse weitere Bedingungen sowie eine Stelle, die sichert, dass man nicht auf die Sozialhilfe angewiesen ist. Wie immer gibt es kantonale Unterschiede. Meine Studie lief im Kanton Bern und hier muss man mindestens ein Jahr lang eine feste Stelle haben. Ausnahmen gibt es nur f\u00fcr Spezialf\u00e4lle wie Alleinerziehende.<\/p>\n<p>Ohne B-Bewilligung hat man tiefere Ans\u00e4tze in der Sozialhilfe, kann die Familie nicht oder nur unter bestimmten Voraussetzungen nachziehen und hat ganz allgemein mit vielen Unsicherheiten und fehlenden Rechten zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><strong>Und die Gastrounternehmer_innen nutzen die Verletzlichkeit der Gefl\u00fcchteten aus?<br \/>\n<\/strong>In der Studie geht es nicht darum, die Unternehmer_innen allgemein als Sklaventreiber anzuprangern \u2013 das braucht es auch nicht. Man muss die Leute nicht anpeitschen, l\u00e4nger oder h\u00e4rter zu arbeiten. Viele tun das ohnehin, weil sie so sehr auf die Arbeitsstelle angewiesen sind.<\/p>\n<p>Manche Vorgesetzte besch\u00e4ftigen Gefl\u00fcchtete durchaus aus humanistischen Motiven. Sie sprechen etwa davon, dass sie bei der sogenannten \u00abIntegration\u00bb helfen und ihnen eine \u00abChance\u00bb geben wollen. Aber erstens unterliegen auch sie einer unternehmerischen Logik und die tiefen Margen in der Gastronomie erlauben wenig Spielraum. Und zweitens gehen auch mit humanistischen Argumentationen Kulturalisierungen von Gefl\u00fcchteten einher.<\/p>\n<p><strong>Wie liesse sich die Situation der Leute denn nun verbessern?<br \/>\n<\/strong>Diese Frage hat mich auch sehr besch\u00e4ftigt. Ich habe eine utopische Antwort und eine reformistische. Die utopische w\u00e4re, dass wir uns \u00fcberlegen, was Migrationspolitik eigentlich bedeutet und dass wir zum Schluss kommen, das heutige Migrationsmanagement abzuschaffen. Die reformistische Variante w\u00e4re, dass die Koppelung von Arbeits- und Aufenthaltssituation aufgel\u00f6st wird.<\/p>\n<p>Man sollte Fragen wie Familienzusammenf\u00fchrung von der Arbeit unabh\u00e4ngig machen. Und man sollte sich \u00fcberlegen, inwiefern die vielen verschiedenen Status-Kategorien \u00fcberarbeitet werden k\u00f6nnen. Ganz allgemein sollte die Exklusion der Rechte \u00fcberwunden werden. Rechte, die f\u00fcr den Rest der Gesellschaft ganz selbstverst\u00e4ndlich gelten, sollten auch f\u00fcr diese Menschen gelten. \u2013 Aktuell geht es allerdings eher in die andere Richtung \u2026<\/p>\n<p><strong>Wer k\u00f6nnte etwas bewegen, damit es f\u00fcr die Gefl\u00fcchteten in eine bessere Richtung geht?<br \/>\n<\/strong>Gewerkschaften oder soziale Bewegungen, die sich f\u00fcr Antirassismus engagieren. Diese m\u00fcssten zeigen, dass Arbeit und Asyl zusammenh\u00e4ngen. Und das erscheint logisch am Ende eines solchen Gespr\u00e4chs, aber es ist etwas, das den meisten Menschen nicht bewusst ist. Das skizzierte Bild ist oft \u00abBeim Asyl gehts um Schutz, das hat nichts mit Arbeit zu tun\u00bb. Aber Asylpolitik ist de facto eben auch Arbeitsmarktpolitik.<\/p>\n<p>Und sobald man einer bestimmten Gruppe bestimmte Rechte verwehrt, hat das f\u00fcr diese auch massive Konsequenzen im Arbeitsmarkt. Man kann die Frage auch umdrehen: Was passiert mit diesen Menschen, wenn sie eine stabile Aufenthaltsbewilligung und somit mehr Rechte erhalten? Welchen Effekt hat das auf ihre Biografien? Das w\u00fcrde mich brennend interessieren. Dazu braucht es aber definitiv noch mehr Forschung.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><a href=\"http:\/\/- https:\/\/seismoverlag.ch\/de\/daten\/bleiberecht-in-der-gastro-kuche\/\">Publikation<\/a> \u00abBleiberecht in der Gastro-K\u00fcche. Migrationspolitische Regulierungen und Arbeitsverh\u00e4ltnisse von Gefl\u00fcchteten mit unsicherem Aufenthaltsstatus.\u00bb<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit ihrer Dissertation \u00abBleiberecht in der Gastrok\u00fcche\u00bb hat Jacqueline Kalbermatter gerade den Nachwuchspreis f\u00fcr Arbeitssoziologie, industrielle Beziehungen und Gewerkschaftsforschung in der Schweiz gewonnen. Sie sagt, der Titel sei sarkastisch. Frau Kalbermatter, herzliche Gratulation zum Preis. Salopp formuliert dreht sich Ihre Arbeit um \u00abTellerw\u00e4scher\u00bb &#8211; aber von wem reden wir hier ganz konkret? Danke. Der Fokus meiner Dissertation liegt auf gefl\u00fcchteten Arbeiter_innen mit unsicherem Aufenthaltsstatus. Das ist in der Schweiz ja relativ kompliziert. 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