{"id":13038,"date":"2021-02-05T14:20:40","date_gmt":"2021-02-05T13:20:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=13038"},"modified":"2021-02-05T14:21:30","modified_gmt":"2021-02-05T13:21:30","slug":"wie-freiburgerinnen-fuer-das-stimmrecht-kaempften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2021\/wie-freiburgerinnen-fuer-das-stimmrecht-kaempften?lang=de","title":{"rendered":"Wie Freiburgerinnen f\u00fcr das Stimmrecht k\u00e4mpften"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Vor 50 Jahren sagten die stimmberechtigten Schweizer M\u00e4nner endlich \u00abJA\u00bb zum Frauenstimmrecht. Das Projekt \u00abHommage 2021\u00bb erweist den Pionierinnen die Referenz. Irma Gadient gibt f\u00fcnf Freiburgerinnen ein Gesicht.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Frau Gadient, was muss ich mir unter \u00abHommage 2021\u00bb vorstellen?<\/strong><br \/>\nHommage 2021 ist ein historisch-k\u00fcnstlerisches Projekt, das die K\u00e4mpferinnen f\u00fcr das Frauenstimmrecht in den Fokus r\u00fcckt. Es ehrt Frauen, die f\u00fcr politische Rechte k\u00e4mpften und sich f\u00fcr gesellschaftliche Gleichberechtigung stark machten. In einem Teilprojekt wurden Expertinnen aus allen Kantonen der Schweiz angefragt, f\u00fcnf bis acht Vork\u00e4mpferinnen vorzustellen. Ihre vielf\u00e4ltigen Biografien sind auf <a href=\"http:\/\/www.hommage2021.ch\">www.hommage2021.ch<\/a> in einer virtuellen Ausstellung zu entdecken.<\/p>\n<p>Parallel dazu werden 52 Frauenportraits ab dem 7. Februar in der Berner Altstadt zu sehen und zu h\u00f6ren sein. Mittels QR-Code k\u00f6nnen Zitate der Frauen, die von Schauspielerinnen eingelesen wurden, geh\u00f6rt werden. Die geplante Lichtprojektion auf das Bundeshaus, die am 7. Februar Premiere feiern sollte, musste coronabedingt verschoben werden.<\/p>\n<p><strong>Sie haben im Rahmen dieses Projekts f\u00fcnf Freiburgerinnen portraitiert. War der Kanton Freiburg f\u00fcr die Frauen ein besonders schwieriges Pflaster?<br \/>\n<\/strong>Bei der ersten nationalen Abstimmung 1959 sagten tats\u00e4chlich 70% der Freiburger Stimmberechtigten \u00abNein\u00bb \u2013 das sind sogar noch etwas mehr als die knapp 67% im landesweiten Durchschnitt. Zw\u00f6lf Jahre sp\u00e4ter sagten 71% der Stimmberechtigten im Kanton \u00abJa\u00bb \u2013 etwas mehr als die 66% des Schweizer Durchschnitts!<\/p>\n<p><strong>Das ist ein starker Meinungsumschwung. Was geschah denn in diesen 12 Jahren, dass die M\u00e4nner ihre Haltung so \u00e4nderten?<\/strong><br \/>\nDas ist kaum auf eine einfache Formel zu bringen. Es gab zahlreiche gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen, die sich auf die Geschlechterverh\u00e4ltnisse auswirkten: Frauen konnten sich besser ausbilden und wurden in verschiedenen Berufen pr\u00e4senter. Es gab Innovationen, vom K\u00fchlschrank bis zur Antibabypille. Der Umbruch von 1968 pr\u00e4gte die Gesellschaft. Die b\u00fcrgerlichen Parteien und die katholische Kirche \u00e4nderten in diesem Zeitraum ihre Haltung zum Frauenstimm- und Wahlrecht. 1959 sagte die Kirche in Freiburg \u00abNein\u00bb und die B\u00fcrgerlichen beschlossen \u00abStimmfreigabe\u00bb, was mit \u00abNein\u00bb gleichzusetzen ist. 1971 sprachen sich auch diese Akteure f\u00fcr ein \u00abJa\u00bb zum Frauenstimmrecht aus. Zahlreiche Freiburger Frauen hatten mit ihrem jahrzehntelangen beharrlichen Kampf massgeblichen Anteil daran, dass die Vorlage 1971 angenommen wurde.<\/p>\n<p>Interessant ist, dass die Freiburgerinnen im Kampf um das Frauenstimmrecht 1959 und 1971 auf sehr unterschiedliche Argumente und Strategien setzten.<\/p>\n<p><strong>Inwiefern?<br \/>\n<\/strong>1959 wurde mit dem Prinzip der Rechtsgleichheit von Frau und Mann argumentiert. Der Abstimmungskampf von 1971 wurde anders gef\u00fchrt: Die Frauen f\u00fchrten eher eine Komplementarit\u00e4t der Geschlechter an und es gab Slogans wie: \u00abF\u00fcr die Frauen ein herzliches Ja\u00bb.<\/p>\n<p>Erw\u00e4hnen m\u00f6chte ich die Strategie der Historikerin Jeanne Niquille 1959: Sie argumentierte aus historischer Perspektive und zeigte auf, dass es im Kanton Freiburg im 18. Jahrhundert \u2013 beispielsweise in Villars-sur-Gl\u00e2ne \u2013 Gemeindepr\u00e4sidentinnen gegeben hatte. Sie verwies damit auf eine \u00abFreiburger Tradition\u00bb der politischen Rechte von Frauen.<\/p>\n<p><strong>Wenn Sie sich die Freiburger Vork\u00e4mpferinnen ansehen, gibt es da etwas, das diese Frauen verbindet?<br \/>\n<\/strong>Sie waren gut ausgebildet. Und sie verhielten sich untereinander solidarisch, waren auch mit der Schweizer Frauenstimmrechtsbewegung sehr gut vernetzt. Nicht alle Frauen waren in Freiburg geboren, einige stammten aus anderen Schweizer Kantonen oder anderen europ\u00e4ischen Staaten. Anne Reichlen-Gellens etwa wurde in Belgien geboren. Es gab alleinstehende Frauen ohne Kinder genauso wie verheiratete Familienfrauen.<\/p>\n<div id=\"attachment_13039\" style=\"width: 273px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-13039\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-13039\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Joye-Thee\u030cvoz_Madeleine_Emma_1906-1989_JPEG_600dpi-780x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"263\" height=\"345\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Joye-Thee\u030cvoz_Madeleine_Emma_1906-1989_JPEG_600dpi-780x1024.jpg 780w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Joye-Thee\u030cvoz_Madeleine_Emma_1906-1989_JPEG_600dpi-228x300.jpg 228w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Joye-Thee\u030cvoz_Madeleine_Emma_1906-1989_JPEG_600dpi-768x1009.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 263px) 100vw, 263px\" \/><p id=\"caption-attachment-13039\" class=\"wp-caption-text\">Foto Madeleine Joye-Th\u00e9voz: Besitz Familien Joye<\/p><\/div>\n<p><strong>Eine dieser Frauen war Madeleine Joye-Th\u00e9voz. K\u00f6nnen Sie uns kurz erz\u00e4hlen, wer sie war?<br \/>\n<\/strong>Madeleine Joye-Th\u00e9voz wurde 1906 in Freiburg geboren und engagierte sich bereits sehr fr\u00fch f\u00fcr die politischen Rechte von Frauen. Schon als 18-J\u00e4hrige nahm sie an Veranstaltungen der Schweizer Frauenbewegung teil. Dabei schlief sie, weil sie kein Geld hatte, oft einfach irgendwo im Stroh. Sie wollte unbedingt die Frauenrechtlerinnen kennenlernen und zum Beispiel erfahren, wie man einen Frauenstimmrechts-Verein f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Sie war Lehrerin und unterrichtete junge Frauen in Staatsb\u00fcrgerinnenkunde, wobei sie diese mit feministischer Literatur bekannt machte. Sie betonte, dass politische Rechte vom Geschlecht unabh\u00e4ngig sein m\u00fcssen und fiel immer wieder mit mutigen Aktionen auf. Sie engagierte sich stark im Abstimmungskampf von 1959. Mitstreiterinnen fanden sie mitreissend, Gegner beschrieben sie als exzentrisch. Ihr Verdienst war es unter anderem, dass sie den Staatsrat dazu zwang, Farbe zu bekennen. Dass sie und andere Frauen 1959 keinen Erfolg hatten, lag letztlich an der zu starken Gegnerschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_13040\" style=\"width: 273px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-13040\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-13040\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/image001-750x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"263\" height=\"359\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/image001-750x1024.jpg 750w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/image001-220x300.jpg 220w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/image001-768x1049.jpg 768w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/image001.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 263px) 100vw, 263px\" \/><p id=\"caption-attachment-13040\" class=\"wp-caption-text\">Foto Augusta Kaelin-Anastasi: Besitz Familie Meyer-Kaelin<\/p><\/div>\n<p><strong>Und inwiefern verhielten sich die K\u00e4mpferinnen von 1971 anders?<br \/>\n<\/strong>Das kann ich am Beispiel von Augusta Kaelin-Anastasi beschreiben. Sie ist in Lugano aufgewachsen und hat an der Universit\u00e4t Freiburg studiert. Sp\u00e4ter lebte sie im Bezirk Gruy\u00e8re, einem der Bezirke, die 1959 den h\u00f6chsten Neinstimmen-Anteil aufwiesen. Kaelin organisierte, dass in jedem Dorf eine Frau mit Blumen von Hof zu Hof ging, um die Menschen mit \u00abCharme\u00bb zu \u00fcberzeugen. Augusta Kaelin arbeitete auch eng mit den M\u00e4nnern ihrer Partei \u2013 der CVP \u2013 zusammen. Sie war ab 1971 in der Legislative von Bulle politisch aktiv und w\u00e4re eigentlich gerne Grossr\u00e4tin geworden, musste dann aber aus parteipolitischen Gr\u00fcnden hinter m\u00e4nnlichen Kandidaten zur\u00fcckstehen. Ihre Tochter Th\u00e9r\u00e8se Meyer-Kaelin wurde sp\u00e4ter Nationalr\u00e4tin und 2005 sogar Nationalratspr\u00e4sidentin. Und auch andere weibliche Familienmitglieder, darunter zwei Enkelinnen Augustas, sind politisch engagiert.<\/p>\n<p><strong>Wie haben die Menschen denn auf diese Frauen reagiert?<br \/>\n<\/strong>Es gibt eine interessante Reportage des RTS von 1969- eine historische Perle! Sie zeigt in einem Ausschnitt, wie die Frau eines Bezirksobmanns von Hof zu Hof geht, und zwar keine Blumen verteilt, aber mit den Menschen \u00fcbers Frauenstimmrecht spricht. Das Interesse war gross, gerade auch am B\u00fcrgerrechtsunterricht, den Sekundarlehrpersonen f\u00fcr interessierte Frauen auf dem Land anboten.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/rts.ch\/play\/embed?urn=urn:rts:video:3474385\" width=\"560\" height=\"315\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<h6>Quelle: https:\/\/rts.ch\/play\/tv\/redirect\/detail\/3474385<\/h6>\n<p><strong>Zur\u00fcck zum Projekt Hommage 2021: Ist es zeitlich befristet oder bleibt es in einer Form erhalten?<br \/>\n<\/strong>Die Frauenportr\u00e4ts bleiben aufgeschaltet. \u00dcber 50 neue Frauenportr\u00e4ts sind in Arbeit f\u00fcr eine Aufnahme in das Historische Lexikon der Schweiz (https:\/\/hls-dhs-dss.ch\/de\/). Das Gosteli-Archiv, eine wichtige Partnerin von Hommage2021, das die Geschichte der Frauenbewegung aufbewahrt, steht allen interessierten Personen offen. Die Ausstellung der Frauenportr\u00e4ts an den Berner Hausfassaden ist bis Ende Juni befristet. Vielleicht finden sich ja k\u00fcnftig noch andere Formen der W\u00fcrdigung: Es werden Stimmen laut, dass viele Freiburger Frauen schon l\u00e4ngst einen Strassennamen verdient h\u00e4tten. Jeanne Niquille beispielsweise, die promovierte Historikerin und innovative Archivarin, hat f\u00fcr Freiburg enorm viel geleistet \u2013 nach ihr ist bis jetzt erst ein Archivsaal benannt.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><a href=\"http:\/\/www.hommage2021.ch\">Webseite<\/a> des Projekts \u00abHommage 2021\u00bb<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www3.unifr.ch\/directory\/de\/people\/2352\/e2456\">Webseite<\/a> von Irma Gadient<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 50 Jahren sagten die stimmberechtigten Schweizer M\u00e4nner endlich \u00abJA\u00bb zum Frauenstimmrecht. Das Projekt \u00abHommage 2021\u00bb erweist den Pionierinnen die Referenz. Irma Gadient gibt f\u00fcnf Freiburgerinnen ein Gesicht. Frau Gadient, was muss ich mir unter \u00abHommage 2021\u00bb vorstellen? Hommage 2021 ist ein historisch-k\u00fcnstlerisches Projekt, das die K\u00e4mpferinnen f\u00fcr das Frauenstimmrecht in den Fokus r\u00fcckt. Es ehrt Frauen, die f\u00fcr politische Rechte k\u00e4mpften und sich f\u00fcr gesellschaftliche Gleichberechtigung stark machten. In einem Teilprojekt wurden Expertinnen aus allen Kantonen der Schweiz angefragt, f\u00fcnf bis acht Vork\u00e4mpferinnen vorzustellen. Ihre vielf\u00e4ltigen Biografien sind auf www.hommage2021.ch in einer virtuellen Ausstellung zu entdecken. 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