{"id":12257,"date":"2020-11-30T13:57:04","date_gmt":"2020-11-30T12:57:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=12257"},"modified":"2020-12-01T09:47:13","modified_gmt":"2020-12-01T08:47:13","slug":"im-spannungsfeld-zwischen-lehrpersonen-und-schuelern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2020\/im-spannungsfeld-zwischen-lehrpersonen-und-schuelern?lang=de","title":{"rendered":"Im Spannungsfeld zwischen Lehrpersonen und Sch\u00fcler_innen"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Marc Wittwer hat f\u00fcr seine Masterarbeit mit dem Titel \u00abWie hast du es so mit der Schweigepflicht?\u00bb \u2013 Eine qualitative Studie zu den \u00c4usserungsformen der Vertraulichkeit in der Schulsozialarbeit den Ethikpreis des Hochschulrates erhalten. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber den Umgang mit Vertrauen und Vertrauensbr\u00fcchen.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Mark_Wittwer.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-12260 alignleft\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Mark_Wittwer-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"237\" height=\"237\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Mark_Wittwer-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Mark_Wittwer-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Mark_Wittwer-768x768.jpg 768w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Mark_Wittwer-1024x1024.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 237px) 100vw, 237px\" \/><\/a>Herr Wittwer, beginnen wir beim Titel: \u00abWie hast du es so mit der Schweigepflicht?\u00bb \u2013 Wie kam\u2019s zu dem?<br \/>\n<\/strong>Das ist ein Zitat eines Schulsozialarbeiters. Er hatte seine neue Stelle angetreten und am Telefon fragte ihn die Schulpsychologin wie er es mit der Schweigepflicht hat. Ich fand das charakteristisch. Denn es gibt Regeln und Richtlinien \u2013 und es gibt deren individuelle Interpretation. Dieses Spannungsfeld wollte ich in meiner Arbeit ausloten.<br \/>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<strong>Was tun Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter \u00fcberhaupt?<br \/>\n<\/strong>Sie schaffen ein sehr niederschwelliges Beratungsangebot f\u00fcr Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler. Sie sind da, wo die Kinder sind und beraten bei famili\u00e4ren Problemen, bei schwierigen Klassendynamiken, Mobbing, Problemen mit Lehrpersonen, etc. Oft bieten sie aber auch Pr\u00e4ventions- und Aufkl\u00e4rungskurse zu verschiedenen Themen an. Der Beruf ist noch relativ neu und die Aufgaben werden lokal unterschiedlich definiert. Welche Rolle der oder die Schulsozialarbeiter\/in im Schulhaus hat, h\u00e4ngt darum oft auch stark ab von der Schulleitung, der Organisationsform sowie von der Person, die den Job aus\u00fcbt. F\u00fcr mich war genau das ausgesprochen interessant.<\/p>\n<p><strong>Und diese Schulsozialarbeiter erfahren von den Kindern allerhand Informationen, \u00fcber die sie schweigen m\u00fcssen.<br \/>\n<\/strong>Genau, das ist gesetzlich definiert. Andererseits gibt es aber auch ein Melderecht und teilweise gar eine Meldepflicht. Wenn eine Schulsozialarbeiterin sieht, dass ein Kind gef\u00e4hrdet ist \u2013 zum Beispiel weil es von seinen Eltern misshandelt wird \u2013 muss sie es der KESB melden, sonst macht sie sich strafbar. Aber das ist ein Extremfall. Im Alltag gibt es sehr viel mehr Graubereiche gerade im Austausch mit den Lehrkr\u00e4ften. Da gibt es einen erheblichen Interpretationsspielraum, wie freigiebig man Informationen weitergibt, oder eben nicht.<\/p>\n<p><strong>Welche Kommunikationsmuster haben Sie denn da gefunden?<br \/>\n<\/strong>Man kann grob gesagt drei Kategorien machen. Zun\u00e4chst gibt es jene, die vom Kind aus denken. Die sagen sich \u00abWenn mich ein Lehrer etwas fragt, habe ich grunds\u00e4tzlich mal Schweigepflicht. Bevor ich etwas weitererz\u00e4hle kl\u00e4re ich immer zuerst mit dem Kind, ob ich das darf.\u00bb Das sind typischerweise die Leute, die auch drauf achten, nicht mit den Lehrern in die Pause zu gehen. Man k\u00f6nnte das den eher distanzierenden Ansatz nennen.<\/p>\n<p>Den zweiten Ansatz nenne ich konfliktiv. Diese Leute versuchen einen Mittelweg. Sie wissen, dass sie vom Kind ausgehen m\u00fcssen, sind zugleich aber auch eingebunden in ein Team. Sie versuchen, den W\u00fcnschen von Sch\u00fclern und Lehrpersonen gerecht zu werden. Das ist nicht einfach und so ertappen sie sich dann oft im Nachhinein, dass sie Lehrkr\u00e4ften Dinge gesagt haben, die sie eigentlich nicht h\u00e4tten weitergeben sollen. Ich habe beispielsweise eine Schulsozialarbeiterin interviewt, die mehrfach gesagt hat: \u00abJa, und dann habe ich gemerkt, Mist, das h\u00e4tte ich gar nicht d\u00fcrfen. Und dann habe ich dem Lehrer gesagt, er soll\u2019s nicht weitererz\u00e4hlen\u00bb.<\/p>\n<p>Und schliesslich gibt\u2019s den voll kooperativen Ansatz. Diese Leute sagen sich \u00abMeine Arbeit ist eine Dienstleistung an den Lehrpersonen. Ich werde von der Schule bezahlt und wenn ein Lehrer etwas wissen will, dann sage ich ihm das auch.\u00bb Die L\u00f6sen sich von der Kinderperspektive. Und das bringt nat\u00fcrlich auch wieder Probleme mit sich.<\/p>\n<p><strong>Zum Beispiel?<br \/>\n<\/strong>Ein Schulsozialarbeiter erz\u00e4hlte von einer Sch\u00fclerin, die gerade auf die schiefe Bahn geriet. Er sprach mit der Mutter und die vertraute ihm an, dass sie sich von ihrem Mann trennen werde. Sie dachte, die Tochter wisse davon noch nichts. In Tat und Wahrheit kannte die Tochter aber den Handy-Code ihrer Mutter und las deren Nachrichten, was sie dem Schulsozialarbeiter auch erz\u00e4hlt hatte. Sie war also im Bild. Der Sozialarbeiter hatte ein schlechtes Bauchgef\u00fchl und beschloss, mit dem Lehrer zu sprechen. Der wiederum telefonierte sp\u00e4ter mit der Mutter, die sich \u00fcber die schulischen Leistungen ihrer Tochter informieren wollte. In diesem Gespr\u00e4ch erz\u00e4hlte sie dem Lehrer, dass sie sich trennen werde \u2013 worauf der Lehrer sagte \u00abJa, ich weiss, ich habe davon geh\u00f6rt\u00bb.<\/p>\n<p><strong>Uff<\/strong>.<br \/>\nDie Mutter war stinksauer auf den Sozialarbeiter. Der wiederum konnte aber nat\u00fcrlich nicht sagen, dass die Tochter die SMS liest. Eine ganz schwierige Situation.<\/p>\n<p><strong>Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter bewegen sich also in einem Spannungsfeld an Anspr\u00fcchen. Haben Sie herausgefunden, wie sie damit am besten umgehen?<br \/>\n<\/strong>Ich glaube nicht, dass es nur einen richtigen Weg gibt. Die L\u00f6sung ist vielmehr, dass man sich dieses Spannungsfelds bewusst ist und sich Gedanken macht, wie man sich darin positioniert. Wenn man das gekl\u00e4rt hat, gibt es Techniken, die man anwenden kann. Wenn mich ein Lehrer etwas fragt, kann ich sagen, \u00abSorry, Schweigepflicht\u00bb und dann mit dem Kind besprechen, was ich ihm sagen darf und was nicht. Oder ich sage \u00abSorry, ich muss grad ins B\u00fcro\u00bb und gewinne so Zeit, um zu \u00fcberlegen, was ich ihm antworte. Oder ich sage ihm \u00abKomm in mein B\u00fcro und wir besprechen die Frage dort\u00bb. Oder wenn ich ganz offene Atmosph\u00e4re kreieren will, beantworte ich ihm die Frage gleich auf dem Gang.<\/p>\n<p>Es gibt kein richtig oder falsch, aber es hilft, wenn man ein klares Konzept hat. Gerade weil in der Schulsozialarbeit vieles noch nicht so genau definiert ist, sollte man seine berufliche Rolle immer wieder reflektieren \u2013 sei\u2019s allein f\u00fcr sich oder in Inter- und Supervisionen. Was steht in den Richtlinien? Was im Ethikkodex? Arbeite ich jetzt noch als Schulsozialarbeiter oder einfach f\u00fcr die Lehrkr\u00e4fte? Gute Beziehungen mit Lehrpersonen, Schulleitung, Schulpsychologen, KESB, etc. sind wichtig, aber man sollte sich auch nicht anbiedern.<\/p>\n<p>Es braucht eine professionelle Linie. Hat man die nicht, ger\u00e4t man ins Schlingern. Und wer schlingert, der ist f\u00fcr die Kinder nicht berechenbar. Dann vertrauen sie einem nicht und ohne das Vertrauen der Kinder kann man keine Schulsozialarbeit machen.<\/p>\n<p><strong>Letzte Frage: Was bedeutet der Preis f\u00fcr Sie?<br \/>\n<\/strong>Er ist eine sch\u00f6ne Anerkennung. Eine akademische Laufbahn habe ich aber trotzdem nicht eingeschlagen. Ich arbeite inzwischen beim BAG, da wird einem im Moment auch nicht langweilig. Mit dem Preisgeld werde ich vermutlich eine sch\u00f6ne Reise machen und endlich mal unbesorgt Steuern zahlen (lacht).<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marc Wittwer hat f\u00fcr seine Masterarbeit mit dem Titel \u00abWie hast du es so mit der Schweigepflicht?\u00bb \u2013 Eine qualitative Studie zu den \u00c4usserungsformen der Vertraulichkeit in der Schulsozialarbeit den Ethikpreis des Hochschulrates erhalten. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber den Umgang mit Vertrauen und Vertrauensbr\u00fcchen. 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