{"id":12189,"date":"2020-11-24T13:28:15","date_gmt":"2020-11-24T12:28:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=12189"},"modified":"2020-11-24T18:36:25","modified_gmt":"2020-11-24T17:36:25","slug":"genderpreis-2020-kz-bordelle-waren-teil-eines-umfassenderen-pramiensystems","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2020\/genderpreis-2020-kz-bordelle-waren-teil-eines-umfassenderen-pramiensystems","title":{"rendered":"Genderpreis 2020: \u00abKZ-Bordelle waren Teil eines umfassenderen Pr\u00e4miensystems\u00bb"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Mit dem Genderpreis werden Master-, Doktorarbeiten und andere wissenschaftliche Publikationen ausgezeichnet, welche eine Gender-Fragestellung in den Fokus r\u00fccken. Dominique Lysser vom Departement f\u00fcr Zeitgeschichte wurde mit sFr. 3000.- pr\u00e4miert: Ihre Arbeit behandelt die Geschichte der KZ-Bordelle. Im Rahmen des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen haben wir die Historikerin zum ihrem Forschungsthema befragt und dabei viel Neues gelernt.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Wie f\u00fchlt es sich an, f\u00fcr die eigene Arbeit mit dem Genderpreis ausgezeichnet zu werden?<\/strong><br \/>\nDie Anerkennung ist ein tolles Gef\u00fchl. Ich habe viel Zeit und Energie in meine Masterarbeit investiert und bin zu Recherchezwecken mehrmals nach Deutschland gereist. Zu sp\u00fcren, dass sich dieser grosse Aufwand gelohnt hat, ist enorm wertvoll und motivierend. Als Feministin war mir eine gendersensible Perspektive auf meinen Forschungsgegenstand von Anfang an sehr wichtig. Dass genau dieser Fokus der Grund ist, warum die Arbeit ausgezeichnet wird, freut mich nat\u00fcrlich umso mehr.<\/p>\n<p><strong>Das Thema Ihrer Arbeit in einem einzigen Satz (oder in einer einzigen Frage) &#8230;<\/strong><br \/>\nMeine Masterarbeit befasst sich mit der Ausstellungspraxis und Darstellungstradition der Geschichte der Sex-Zwangsarbeit in H\u00e4ftlingsbordellen in den Dauerausstellungen der KZ-Gedenkst\u00e4tten Neuengamme, Flossenb\u00fcrg und Ravensbr\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Wie sind Sie auf das Thema Ihrer Masterarbeit gekommen?<\/strong><br \/>\nIch habe eine Mastervorlesung von Prof. Dr. Christina Sp\u00e4ti und Prof. Dr. Julia Gelshorn \u00fcber die Rezeptionsgeschichte des Holocaust besucht. Auf der Suche nach einem Thema f\u00fcr das Midterm-Paper bin ich dann eher zuf\u00e4llig auf die Geschichte der KZ-Bordelle gestossen. Ich hatte vorher noch nie von Bordellen f\u00fcr m\u00e4nnliche H\u00e4ftlinge in Konzentrationslagern geh\u00f6rt. Das hat mich gleichermassen schockiert und motiviert, mehr \u00fcber diesen Teilaspekt des nationalsozialistischen Gewaltsystems zu erfahren. Und ich habe sofort gemerkt: Mein Interesse an diesem Thema war definitiv gr\u00f6sser als der Umfang eines regul\u00e4ren Midterm-Papers.<\/p>\n<p><strong>Ganz viele Menschen wissen nicht, dass es KZ-Bordelle gab. Warum ist das Thema so unsichtbar?\u00a0<\/strong><br \/>\nAuf diese Frage gibt es mehrere Antworten. Erstens ist die sp\u00e4te Historisierung und Musealisierung der Geschichte der Sex-Zwangsarbeit in den KZ-Bordellen das Resultat der langj\u00e4hrigen gesellschaftlichen Tabuisierung der geschlechtsbezogenen Gewalt im Nationalsozialismus. Obwohl sexuelle Gewalt eine Form der Machtaus\u00fcbung darstellt, die \u00fcberall verf\u00fcgbar ist und verstanden wird, wirken Skandalisierungstendenzen der sachlichen und kritischen Auseinandersetzung auf gesellschaftlicher, juristischer und historischer Ebene entgegen.<\/p>\n<p>Zweitens bedeutete die Befreiung der NS-Konzentrationslager und der Zusammenbruch des Dritten Reichs nicht f\u00fcr alle ehemaligen H\u00e4ftlinge auch eine Befreiung der stigmatisierenden und diskriminierenden Behandlung durch die Mehrheitsgesellschaft. Die Hierarchisierung der Gefangenen in Haftgruppen unterschiedlichen Sozialprestiges wirkte auch nach Kriegsende fort. Die tiefe Position der als \u00abasozial\u00bb Verfolgten, zu denen die Mehrheit der Sex-Zwangsarbeiterinnen geh\u00f6rte, verortete sie auch nach ihrer KZ-Haft (wieder) an den Rand der Gesellschaft und damit auch ausserhalb der Geschichtsschreibung.<\/p>\n<p>Und drittens entstand erst durch den Paradigmenwechsel von Politik- und Ereignisgeschichte zu Alltags- und Mikrogeschichte in den 1970er Jahren ein methodischer Bezugsrahmen, der geschlechtsspezifische Perspektiven auf die KZ-Geschichte \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glichte.<\/p>\n<p>Sichtbarkeit ergibt sich folglich nicht einfach, sondern sie wird hergestellt. Jede Pr\u00e4sentation von Geschichte verweist zum einen auf die historischen Inhalte, die sie zu vermitteln versucht und zum anderen auf die gesellschaftlichen Machtverh\u00e4ltnisse, die sie geschaffen hat.<\/p>\n<div id=\"attachment_12186\" style=\"width: 503px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-12186\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-12186 \" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Dominique-Lysser.jpg\" alt=\"\" width=\"493\" height=\"370\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Dominique-Lysser.jpg 945w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Dominique-Lysser-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Dominique-Lysser-768x576.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 493px) 100vw, 493px\" \/><p id=\"caption-attachment-12186\" class=\"wp-caption-text\">Dominique Lysser<\/p><\/div>\n<p><strong>Wie werden KZ-Bordelle in den Museen behandelt? Sind Sie mit der Art und Weise einverstanden oder was sollte anders gemacht oder erz\u00e4hlt werden?<br \/>\n<\/strong>Die \u00abeine\u00bb Darstellung der Geschichte der KZ-Bordelle und der Sex-Zwangsarbeit gibt es nicht und das ist auch gut so. Ich habe im Rahmen meiner Masterarbeit die Gedenkst\u00e4tten Neuengamme, Flossenb\u00fcrg und Ravensbr\u00fcck untersucht. Dabei wurde sehr schnell deutlich, dass Fragen der musealen Inszenierungsmittel und gestalterischen M\u00f6glichkeiten von vielen verschiedenen Faktoren abh\u00e4ngen: Wie gross ist die zur Verf\u00fcgung stehende Ausstellungsfl\u00e4che? Welche Quellen k\u00f6nnen als Exponate zug\u00e4nglich gemacht werden? Wie l\u00e4sst sich dieser spezifische Aspekt der Lagergeschichte in das Narrativ der Gesamtschau integrieren?<\/p>\n<p>Ich denke, insgesamt ist wichtig, dass die Geschichte der Lagerbordelle und der Sex-Zwangsarbeit in allen drei Ausstellungen als Teilaspekt des Gewaltsystems Konzentrationslager \u00abzu sehen\u00bb gegeben wird, auch wenn diese Sichtbarkeit unterschiedliche Formen der Repr\u00e4sentation umfasst. Die Gedenkst\u00e4tte Ravensbr\u00fcck beispielsweise widmet dem Thema einen eigenen Ausstellungsraum. Das ist nicht nur aufgrund der Ausstellungsarchitektur m\u00f6glich, sondern auch dank dem vielf\u00e4ltigen Quellenmaterial. Im Gegensatz dazu nimmt die Sex-Zwangsarbeit innerhalb der Ausstellung zur Geschichte des KZ Flossenb\u00fcrg verh\u00e4ltnism\u00e4ssig wenig Raum ein. Flossenb\u00fcrg war ein reines M\u00e4nnerlager und die Zwangsarbeit im Lagerbordell in Relation dazu ein entsprechend marginaler Aspekt.<\/p>\n<p><strong>Wer hat von den KZ-Bordellen profitiert und wie lassen sich diese mit der NS-Logik (z.B. \u00ab\u00a0Rassenschande\u00a0\u00bb) vereinbaren?<\/strong><br \/>\nDie Bordelle in den Konzentrationslagern waren Teil eines umfassenderen Pr\u00e4miensystems, das Verg\u00fcnstigungen an H\u00e4ftlinge regelte. Heinrich Himmler erhoffte sich durch diese Leistungsanreize eine Produktivit\u00e4tssteigerung der H\u00e4ftlinge. Nur sehr privilegierte und besser gestellte H\u00e4ftlinge durften (und konnten) das Lagerbordell besuchen. Das erkl\u00e4rt auch die geringe Dimension: Die Zahl der Bordellg\u00e4nger machte weniger als 1% der m\u00e4nnlichen H\u00e4ftlinge aus. Das waren anfangs vor allem \u00abReichsdeutsche\u00bb, sp\u00e4ter auch Polen, Skandinavier und Westeurop\u00e4er. J\u00fcdischen H\u00e4ftlingen und sowjetischen Kriegsgefangenen war der Bordellbesuch verboten. Entsprechend war auch die Mehrheit der Sex-Zwangsarbeiterinnen \u00abreichsdeutscher\u00bb Herkunft. Es ist auszuschliessen, dass j\u00fcdische Frauen in den Lagerbordellen sexuell ausgebeutet wurden. Im Gewaltverh\u00e4ltnis \u00abKZ-Bordell\u00bb greifen folglich die rassistischen, antisemitischen, antifeministischen sowie heterosexistischen Dimensionen der NS-Ideologie ineinander.<\/p>\n<p><strong>Zwangsprostituiert wurden u.a. auch lesbische Frauen.\u00a0Bisher wird aber\u00a0nirgends explizit und allein lesbischen Verfolgten des NS-Regimes gedacht. Die Debatte\u00a0\u00fcber ein Mahnmal in Ravensbr\u00fcck zieht sich schon seit ein paar Jahren und es gab\u00a0Konflikte\u00a0innerhalb der LGBT+ Community, weil einige (schwule)\u00a0Historiker lesbischen Frauen abgesprochen haben, zu den Opfergruppen dieser Zeit zu geh\u00f6ren. Wie gut dokumentiert ist das Thema? Und warum wird es so emotional diskutiert?<br \/>\n<\/strong>Weibliche Homosexualit\u00e4t wurde im Gegensatz zu m\u00e4nnlicher Homosexualit\u00e4t, die als \u00abvolkszerst\u00f6rerisch\u00bb galt, nicht strafrechtlich verfolgt, sofern nicht weitere Verfolgungsgr\u00fcnde vorlagen. Im Verst\u00e4ndnis der Nationalsozialisten war auch eine lesbische (reichsdeutsche) Frau \u00abgeschlechtsbereit\u00bb, das heisst biologisch dazu in der Lage, Kinder f\u00fcr den NS-Staat zu zeugen. Dieser genderspezifische Unterschied in der Verfolgung homosexueller Menschen war das Resultat der pronatalistischen Bev\u00f6lkerungspolitik der Nationalsozialisten.<\/p>\n<p>Trotzdem: F\u00fcr homosexuelle Frauen war innerhalb der \u00abdeutschen Volksgemeinschaft\u00bb kein Platz und lesbische Beziehungen wurden als \u00abEntartungserscheinungen\u00bb gewertet. Ich denke, deshalb ist es aus historischer Perspektive berechtigt und gesellschaftlich wichtig, lesbische Frauen zu den Opfergruppen dieser Zeit zu z\u00e4hlen, auch wenn sich ihre Verfolgungskontexte von denjenigen homosexueller M\u00e4nner unterscheiden. Aber Opferzuschreibungen waren und sind immer ein politischer Streitpunkt, nicht zuletzt auch deswegen, weil es sich dabei um eine Frage der Definitionsmacht handelt.<\/p>\n<p><strong>Es gibt jetzt einen neuen Antrag f\u00fcr ein Mahnmal bzw. eine Gedenkkugel, der von einem breiten B\u00fcndnis queerer Gruppen getragen wird. Ist mit neuem Widerstand zu rechnen oder kommt es diesmal Ihrer Einsch\u00e4tzung nach doch noch zu einem guten Ende?<br \/>\n<\/strong>Wie der Antrag aufgenommen und ob mit Widerstand zu rechnen sein wird, kann ich nicht voraussagen. Als Historikerin setze ich mich in meiner Arbeit mit vergangenen Ereignissen auseinander und stelle in der Regel keine Prognosen f\u00fcr die Zukunft auf.<\/p>\n<p>Ich denke aber, dass der zwangsl\u00e4ufig wiederkehrenden \u00f6ffentlichen Debatte \u00fcber den \u00abrichtigen\u00bb Umgang mit der eigenen Geschichte eine wichtige Korrektivfunktion zukommt. Jede Gesellschaft erwartet andere Erinnerungen und l\u00e4sst andere zu: die kulturellen Kontexte und Soziet\u00e4ten beeinflussen, was durch wen, wie und zu welchem Anlass erinnert wird. Eine solche Diskussion sagt also viel \u00fcber unsere Bed\u00fcrfnisse in der Gegenwart aus und wie wir diese gesamtgesellschaftlich verhandeln.<br \/>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div style=\"background-color: orange; font-size: 100%; padding: 1em;\"><div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<strong>Der Genderpreis<\/strong> wird am Dies academicus von der <a href=\"https:\/\/www3.unifr.ch\/uni\/de\/organisation\/acad\/gleichstellung\/\">Dienststelle f\u00fcr die Gleichstellung von Mann und Frau<\/a> verliehen. Dieses Jahr wurden neben Dominique Lysser zwei weitere Wissenschaftlerinnen mit dem Preis ausgezeichnet: Morgane Pochon f\u00fcr ihre Masterarbeit \u00ab\u00a0\u00bbJe voulais simplement faire revenir mes r\u00e8gles\u00a0\u00bb Essai de reconstitution des parcours d&rsquo;avortement des Fribourgeoises saisies par la justice et de leurs repr\u00e9sentations de l&rsquo;avortement (1930-1970)\u00bb und <a href=\"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2020\/genderpreis-2020-politik-scheint-fuer-maenner-weniger-attraktiv-zu-werden\">Anna Maria Koukal<\/a> f\u00fcr ihre Doktorarbeit \u00abThe Enfranchisement of Women and Foreigners in Switzerland. Lessons for Direct Democracy, Cultural Change and Integration\u00bb .<br \/>\n<span style=\"font-size: 100%;\"><div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div><\/span><\/div>\n<div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Webseite von <a href=\"https:\/\/www3.unifr.ch\/histcont\/de\/departement\/team\/lysser-dominique.html\">Dominique Lysser<\/a><\/li>\n<li>Informationen zum <a href=\"https:\/\/events.unifr.ch\/dies\/de\/programm\/2020.html\">Dies academicus 2020<\/a><\/li>\n<li>Informationen zum <a href=\"https:\/\/events.unifr.ch\/dies\/de\/dies\/preise.html\">Genderpreis<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><br \/>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Genderpreis werden Master-, Doktorarbeiten und andere wissenschaftliche Publikationen ausgezeichnet, welche eine Gender-Fragestellung in den Fokus r\u00fccken. 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