{"id":12169,"date":"2020-11-24T13:27:02","date_gmt":"2020-11-24T12:27:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=12169"},"modified":"2020-11-25T09:40:19","modified_gmt":"2020-11-25T08:40:19","slug":"genderpreis-2020-politik-scheint-fur-manner-weniger-attraktiv-zu-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2020\/genderpreis-2020-politik-scheint-fur-manner-weniger-attraktiv-zu-werden","title":{"rendered":"Genderpreis 2020: \u00abPolitik scheint f\u00fcr M\u00e4nner weniger attraktiv zu werden\u00bb"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Mit dem Genderpreis werden Master-, Doktorarbeiten und andere wissenschaftliche Publikationen ausgezeichnet, welche eine Gender-Fragestellung in den Fokus r\u00fccken. Das hat Anna Maria Koukal vom Departement f\u00fcr Volkswirtschaftslehre gemacht und wurde deshalb mit sFr. 3000.- pr\u00e4miert. Im Rahmen des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen haben wir mit der Forscherin \u00fcber Schweizer Politik und Mitbestimmung gesprochen.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Wie f\u00fchlt es sich an, f\u00fcr die eigene Arbeit mit dem Genderpreis ausgezeichnet zu werden?<\/strong><br \/>\nNat\u00fcrlich habe ich mich sehr \u00fcber den Genderpreis 2020 gefreut und diese Nachricht hat mich zus\u00e4tzlich f\u00fcr die Arbeit an meinen laufenden Forschungsprojekten motiviert. Interessanterweise ist das \u00fcbrigens genau das, was die \u00f6konomische Theorie \u00fcber Awards sagen w\u00fcrde, n\u00e4mlich dass Preise und Auszeichnungen das Potential haben, intrinsische Motivation zu verst\u00e4rken. Da man als Wissenschaftler_in meistens ein kleines fachspezifisches Publikum hat und intensiv mit seinem Team an der Forschung arbeitet, ist es zudem sch\u00f6n, wenn die eigene Forschung auch f\u00fcr ein breiteres Publikum interessant ist. Zumal sich meine Forschung mit politischen Mitspracherechten f\u00fcr Frauen, Jugendliche und Ausl\u00e4nder _innen besch\u00e4ftigt, freue ich mich auch \u00fcber Gelegenheiten diese aktuellen Forschungsfragen interdisziplin\u00e4r zu diskutieren.<\/p>\n<p><strong>Das Thema Ihrer Arbeit in einem einzigen Satz (oder in einer einzigen Frage) &#8230;<\/strong><br \/>\nUnter welchen Bedingungen sind B\u00fcrger_innen bereit, ihren politischen Einfluss mit neuen Gruppen zu teilen \u2013 und welche Auswirkungen hat das?<\/p>\n<p><strong>Wie sind Sie auf das Thema Ihrer Dissertation gekommen?<br \/>\n<\/strong>Die Schweizer Institutionen, insbesondere die ausgepr\u00e4gte Direkte Demokratie mit ihren vielf\u00e4ltigen Einflussm\u00f6glichkeiten, hat mich schon immer fasziniert. Gleichzeitig haben Frauen in fast keinem anderen Land so lange auf das Stimmrecht gewartet wie in der Schweiz. Diesen Gegensatz aus stark ausgepr\u00e4gten demokratischen Institutionen, die aber eine lange Zeit nur M\u00e4nnern vorenthalten waren, wollte ich besser verstehen. Zu diesem Zweck habe ich einen neuen Datensatz f\u00fcr den Zeitraum 1947 \u2013 1990 zusammengetragen, der um die 100 Abstimmungen zur Einf\u00fchrung des Frauenstimmrechts in der Schweiz auf Gemeindeebene zusammenfasst. Nicht nur die politische Integration von Frauen interessiert mich, in meiner Forschung befasse ich mich zudem mit der politischen Integration von Ausl\u00e4nder_innen und Jugendlichen. Diese wird in der aktuellen politischen Debatte prominent diskutiert.<\/p>\n<p><strong>Wo ist Ihre Arbeit innerhalb Ihrer Fachdisziplin zu verorten und wo besteht noch Entwicklungsbedarf in Bezug auf Themen wie Gender und Feminismus?<br \/>\n<\/strong>Meine wissenschaftlichen Arbeiten lassen sich im Bereich der politischen \u00d6konomie verorten. Allerdings sind die Schwerpunkte der einzelnen Projekte sehr unterschiedlich. Beispielsweise besch\u00e4ftige ich mich in einem Projekt mit der Rolle von kultureller F\u00fchrung (in meinem Fall dem Papst) auf die ge\u00e4usserten Pr\u00e4ferenzen der Schweizer M\u00e4nner zur Einf\u00fchrung des Frauenstimmrechts. Meine empirischen Analysen zeigen, dass sich katholische M\u00e4nner durch die Reformen des zweiten Vatikanums viel st\u00e4rker f\u00fcr das Frauenstimmrecht \u00f6ffnen als protestantische M\u00e4nner. Dieser Effekt ist dort besonders ausgepr\u00e4gt, wo der Bezug zum zweiten vatikanischen Konzil besonders stark ist. Bisher wissen wir noch relativ wenig dar\u00fcber, wie sich Verhaltens\u00e4nderung von kulturellen Vorbildern oder Eliten auf die ge\u00e4usserten Pr\u00e4ferenzen der Gruppenmitglieder auswirkt und welche Mechanismen dabei mitspielen. Gerade im Zusammenhang mit Minderheitsrechten gibt es hier also noch viel Forschungsbedarf.<\/p>\n<p><strong>Wie kommt es, dass Mitbestimmung so stark an Einb\u00fcrgerung gebunden ist?<br \/>\n<\/strong>Tats\u00e4chlich orientiert sich formale politische Mitsprache noch stark am Prinzip der Staatsb\u00fcrgerschaft. Ein Argument f\u00fcr die Verkn\u00fcpfung von Staatsb\u00fcrgerschaft und politischer Mitsprache ist, dass man sicherstellen m\u00f6chte, dass politische Entscheidungen mit einer langfristigen (nachhaltigen) Perspektive getroffen werden und ein gutes Verst\u00e4ndnis des politischen Systems vorhanden ist. Die heutigen Gesellschaften sind aber viel mobiler als sie es noch vor 100 Jahren waren. Das f\u00fchrt dazu, dass heute ein grosser Teil der Bev\u00f6lkerung von der politischen Mitbestimmung \u2013 zumindest partiell \u2013 ausgeschlossen ist. Studierende sind \u00fcbrigens besonders h\u00e4ufig von fehlender politischer Mitsprache betroffen, da sie viel mobiler sind als die Durchschnittsbev\u00f6lkerung und deshalb auch h\u00e4ufig im Ausland leben. Die voranschreitende internationale Mobilit\u00e4t f\u00fchrt auch dazu, dass ein wachsender Anteil der Steuerzahler_innen zwar Steuern bezahlt, aber keine Mitsprache \u00fcber deren Verwendung hat. Dies l\u00e4sst die starke Konzentration auf die Staatsb\u00fcrgerschaft jedoch allm\u00e4hlich br\u00f6ckeln. Bereits heute existieren schon in einigen Schweizer Kantonen politische Mitspracherechte f\u00fcr Ausl\u00e4nder_innen und in der EU haben alle EU- B\u00fcrger_innen automatisch politische Rechte auf der kommunalen Ebene. Es k\u00f6nnte also gut sein, dass wir hier in den n\u00e4chsten Jahrzehnten Ver\u00e4nderungen sehen werden.<\/p>\n<p><strong>Welche (positiven) Entwicklungen beobachten Sie in Bezug auf die Integration bzw. Inklusion von weniger vertretenen Gruppen wie Immigrant_innen oder junge Menschen?<br \/>\n<\/strong>In unserer Forschung haben wir uns die Frage gestellt, wie sich die politische Integration von Immigrant_innen auf die Schweizer_innen auswirkt. Die Ergebnisse sind erstaunlich. Unsere Daten zeigen, dass Schweizer_innen, die in Gemeinden mit Ausl\u00e4nder_innenstimmrecht leben, nach der Einf\u00fchrung des Stimmrechts zufriedener mit der Demokratie sind und sich ihre Einstellung gegen\u00fcber den dort lebenden Immigrant_innen verbessert. Interessanterweise deuten unsere Resultate darauf hin, dass dieser Effekt dort am ausgepr\u00e4gtesten ist, wo die Ablehnung gegen\u00fcber dem Ausl\u00e4nder_innenstimmrecht besonders hoch war.<\/p>\n<div id=\"attachment_12171\" style=\"width: 442px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-12171\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-12171\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Business-Anna-Koukal_final-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"432\" height=\"324\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Business-Anna-Koukal_final-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Business-Anna-Koukal_final-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Business-Anna-Koukal_final-768x576.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 432px) 100vw, 432px\" \/><p id=\"caption-attachment-12171\" class=\"wp-caption-text\">Dr. Anna Maria Koukal<\/p><\/div>\n<p>Bei einer aktuellen Forschungsarbeit analysierten wir zudem das politische Engagement von Frauen und M\u00e4nnern nach der Einf\u00fchrung des kantonalen Frauenstimmrechts 1959. Interessant ist, dass die Wahlbeteiligung der Frauen zun\u00e4chst nur bei rund 15% lag. Erst \u00fcber die Zeit nimmt sie langsam zu, wobei die Zunahme in Gemeinden mit ausgepr\u00e4gter direkter Demokratie etwas st\u00e4rker ist. Auf der anderen Seite beobachten wir, dass durch die Einf\u00fchrung des Frauenstimmrechts die Politik f\u00fcr M\u00e4nner weniger attraktiv zu werden scheint. In verschiedenen empirischen Tests finden wir, dass nach der Einf\u00fchrung des Frauenstimmrechts das politische Engagement der M\u00e4nner stark abf\u00e4llt. Dies erinnert an die Arbeitsmarktliteratur, die einen sogenannten Entwertungseffekt von Berufen findet, die sich f\u00fcr Frauen \u00f6ffnen. Wir wollen nun der Frage nachgehen, ob sich dies auch auf die Politik \u00fcbertragen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><strong>Fast 50 Prozent der neuen Abgeordneten in Neuseelands Parlament sind Frauen, rund 10 Prozent stammen aus der LGBT+ Community und 16 Parlamentarier_innen sind M\u0101ori. Ausserdem sind erstmals Menschen mit einem afrikanischen und lateinamerikanischen Hintergrund mit dabei. Was macht Neuseeland richtig oder anders? Und wie l\u00e4sst sich mehr Vielfalt ins Schweizer Parlament bringen?<br \/>\n<\/strong>Vielfalt ist ein gutes Stichwort! In der Tat k\u00f6nnte Vielfalt in der Politik zu neuen Ideen und verst\u00e4rktem Wettbewerb von politischen Konzepten f\u00fchren und dadurch unter bestimmten Bedingungen die Qualit\u00e4t von politischen Entscheidungen verbessern. Neuseeland k\u00f6nnte uns hierf\u00fcr spannende Daten liefern. So zeigt sich in manchen Arbeiten, dass Frauen in der Politik wichtige Vorbildfunktionen f\u00fcr andere Frauen sein k\u00f6nnen. Unter welchen Bedingungen sich diese Vorbildfunktion materialisiert, ist eine spannende und noch nicht ausreichend beantwortete Forschungsfrage. Wichtig ist, dass der politische Prozess m\u00f6glichst alle Interessen \u2013 auch die von Minderheiten \u2013 ber\u00fccksichtigt. W\u00e4hrend in Neuseeland die Vielfalt im Parlament schon konkret sichtbar ist, l\u00e4uft der Mechanismus in der Schweiz vor allem \u00fcber die Institutionen. Durch Proporzwahlen im Nationalrat und in den kantonalen Parlamenten werden eine Vielfalt von Interessen abgebildet, welche \u00fcber die M\u00f6glichkeit zur direkt demokratischen Beteiligung erg\u00e4nzt werden. Allerdings laufen diese Mechanismen fast ausschliesslich \u00fcber formale politische Stimmrechte.<\/p>\n<p>Ein Ergebnis, welches sich sowohl f\u00fcr die Einf\u00fchrung von Frauen-, \u00a0Ausl\u00e4nder_innen- und auch Jugendstimmrecht gezeigt hat, ist, dass Menschen weniger bereit sind, ihre politischen Rechte zu teilen, wenn sie viel Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen k\u00f6nnen. Vereinfacht gesagt: je mehr Einfluss ich pers\u00f6nlich auf politische Entscheidungen nehmen kann, desto teurer ist die Integration neuer W\u00e4hler_innengruppen. Da das Schweizer Stimmvolk \u00fcber Abstimmungen bzw. Wahlen Einfluss auf die Vielfalt der politischen Landschaft aus\u00fcben kann, k\u00f6nnte man an diesem Kostenhebel ansetzen. Deshalb haben wir in einem ersten Schritt ein Mitspracherecht vorgeschlagen. Was Ausl\u00e4nder_innen, Auslandschweizer_innen und Jugendliche politisch w\u00fcnschen und denken, ist wichtig und kann der Politik bedeutende Impulse geben. Denn Demokratie dient nicht nur der Aggregierung individueller Pr\u00e4ferenzen zu gesellschaftlichen Entscheidungen, sondern der Formung informierter individueller Pr\u00e4ferenzen. Zu den Mitspracherechten k\u00f6nnten zuallererst volles Initiativ- und Referendumsrecht geh\u00f6ren. So k\u00f6nnten Gruppen, die bisher von vollen politischen Rechten ausgeschlossen sind, ihre Ideen in den Diskurs einbringen, wobei die bisherigen W\u00e4hler_innen etwas \u00fcber das politische Verhalten dieser Gruppen lernen k\u00f6nnten.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div style=\"background-color: orange; font-size: 100%; padding: 1em;\"><div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<strong>Der Genderpreis<\/strong> wird am Dies academicus von der <a href=\"https:\/\/www3.unifr.ch\/uni\/de\/organisation\/acad\/gleichstellung\/\">Dienststelle f\u00fcr die Gleichstellung von Mann und Frau<\/a> verliehen. Dieses Jahr wurden neben Anna Maria Koukal zwei weitere Wissenschaftlerinnen mit dem Preis ausgezeichnet: Morgane Pochon f\u00fcr ihre Masterarbeit \u00ab\u00a0\u00bbJe voulais simplement faire revenir mes r\u00e8gles\u00a0\u00bb Essai de reconstitution des parcours d&rsquo;avortement des Fribourgeoises saisies par la justice et de leurs repr\u00e9sentations de l&rsquo;avortement (1930-1970)\u00bb und <a href=\"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2020\/genderpreis-2020-kz-bordelle-waren-teil-eines-umfassenderen-pramiensystems\">Dominique Lysser<\/a> f\u00fcr ihre Masterarbeit \u00ab(Un-)Sichtbarketi im Museum &#8211; ein Blick auf die Historisierung und Musealisierung der KZ-Bordelle und der Sex-Zwangsarbeit in den KZ-Gedenkst\u00e4tten Neuengamme, Flossenb\u00fcrg und Ravensbr\u00fcck\u00bb.<br \/>\n<span style=\"font-size: 100%;\"><div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div><\/span><\/div>\n<div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Webseite von <a href=\"http:\/\/annamariakoukal.com\/\">Anna Maria Koukal<\/a><\/li>\n<li>Informationen zum <a href=\"https:\/\/events.unifr.ch\/dies\/de\/programm\/2020.html\">Dies academicus 2020<\/a><\/li>\n<li>Informationen zum <a href=\"https:\/\/events.unifr.ch\/dies\/de\/dies\/preise.html\">Genderpreis<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><br \/>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Genderpreis werden Master-, Doktorarbeiten und andere wissenschaftliche Publikationen ausgezeichnet, welche eine Gender-Fragestellung in den Fokus r\u00fccken. 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