{"id":12043,"date":"2020-11-12T10:06:12","date_gmt":"2020-11-12T09:06:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=12043"},"modified":"2020-11-12T10:13:34","modified_gmt":"2020-11-12T09:13:34","slug":"umweltsunden-im-komplexen-spannungsfeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2020\/umweltsunden-im-komplexen-spannungsfeld","title":{"rendered":"Umwelts\u00fcnden im komplexen Spannungsfeld"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Farmer_innen in Neuseeland haben ein Problem: Sie k\u00f6nnen nicht profitabel arbeiten, ohne gleichzeitig die Umwelt zu belasten. Zu welchen Spannungen das f\u00fchrt, hat Anna Geiser in ihrer mit dem Umweltpreis der Universit\u00e4t Freiburg ausgezeichneten Masterarbeit untersucht. Im Interview spricht sie \u00fcber die Ursachen f\u00fcr das Dilemma, m\u00f6gliche L\u00f6sungsans\u00e4tze \u2013 und die Situation in der Schweiz.<\/strong><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>\u00abIch habe mich extrem \u00fcber die Auszeichnung gefreut\u00bb, sagt Anna Geiser. \u00abSie hat mich in meiner \u00dcberzeugung best\u00e4tigt, dass es f\u00fcr eine nachhaltige Gestaltung der Umwelt wichtig ist, soziale Probleme ebenfalls miteinzubeziehen.\u00bb Das hat sie auch in ihrer Masterarbeit mit dem Titel \u201cChanging agriculture \u2013 Southland farmers\u2019 struggles to reconcile neoliberal production demands with increasing environmental regulation\u201c getan. Geiser war vier Monate in Southland, einer Region im S\u00fcden Neuseelands, um ausf\u00fchrliche Interviews mit zehn Farmer_innen und f\u00fcnfzehn Expert_innen zu f\u00fchren. \u00abEs ist wichtig, auch den Personen zuzuh\u00f6ren, die als Verursacher_innen von Umweltproblemen ausgemacht werden.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Anna Geiser, Farmer_innen in Neuseeland scheinen auf den ersten Blick weit weg von der Universit\u00e4t Freiburg. Wie kamen Sie auf das Thema?<br \/>\n<\/strong>Landwirtschaft ist etwas \u00fcberaus Grunds\u00e4tzliches. Die Produktion von Nahrung geht uns alle an, wir alle essen. Es ist zudem ein Thema, das mich seit jeher besch\u00e4ftigt, ein Teil meiner Familie ist in der Landwirtschaft t\u00e4tig. Und warum Neuseeland? Weil die Landwirtschaft dort noch der Schl\u00fcsselsektor der Wirtschaft ist und das Land \u00fcber ein einzigartiges landwirtschaftliches System verf\u00fcgt. Zudem ist in Southland derzeit ein Policy-Making-Prozess im Gang.<\/p>\n<p><strong>Was macht das System in Neuseeland speziell?<br \/>\n<\/strong>Es gibt seit den Achtzigerjahren keine Direktzahlungen mehr, die Landwirtschaft wird vom Staat also nicht subventioniert, die Farmer_innen sind sich selbst \u00fcberlassen. Ebenfalls bemerkenswert: \u00dcber 90 Prozent der landwirtschaftlichen Produkte, die in Neuseeland hergestellt werden, werden exportiert. Das ist ein grosser Unterschied etwa zur Schweiz, wo eher der Inland-Markt wichtig ist. Die Leute in Neuseeland sehen also, dass die Farmer_innen gar nicht in erster Linie f\u00fcr sie produzieren, sondern f\u00fcr anonyme, fremde Menschen in \u00dcbersee. Das macht es umso interessanter, die Beziehung zwischen der Landwirtschaft und der Gesellschaft zu untersuchen \u2013 auch in Hinsicht auf die verursachten Umweltprobleme.<\/p>\n<p><strong>In welchem Spannungsfeld befinden sich die Farmer_innen?<br \/>\n<\/strong>Ohne Direktzahlungen sind sie g\u00e4nzlich dem grossen, freien Markt ausgeliefert. Auf der einen Seite haben sie also den Druck, profitabel zu produzieren, um \u00fcberhaupt zu \u00fcberleben. Andererseits ist die Landwirtschaft in Neuseeland sehr intensiv. Dass das grosse Umweltprobleme schafft, ist eine Tatsache, die niemand leugnen kann. Die Landwirtschaft hat zum Beispiel einen erheblichen Anteil an der Verschlechterung der Trinkwasserqualit\u00e4t. Riesige Herden von K\u00fchen weiden auf einer nicht allzu grossen Fl\u00e4che. Das f\u00fchrt zu einer starken Belastung f\u00fcr den Boden, zu Sedimentation, \u00dcberd\u00fcngung, N\u00e4hrstoffabfluss und Biodiversit\u00e4tsverlust. Hinzu kommen nat\u00fcrlich die Co2-Emissionen, die durch die Exporte entstehen. In der \u00d6ffentlichkeit verst\u00e4rkt sich das Bewusstsein daf\u00fcr. Der gesellschaftliche Druck, auf die Umwelt zu achten, nimmt also zu. Das Problem: In Neuseeland ist es derzeit unm\u00f6glich, profitabel Landwirtschaft zu betreiben und gleichzeitig die Umweltprobleme in einem gr\u00f6sseren Umfang zu reduzieren.<\/p>\n<p><strong>Hat sich die Problematik in den letzten Jahren zugespitzt?<br \/>\n<\/strong>Ja, nach der Streichung der Direktzahlungen wurde den Farmer_innen lange schmackhaft gemacht, grosse Kredite aufzunehmen und grosse Betriebe aufzubauen. So konnten sie zwar kurzzeitig viel Geld verdienen, mittlerweile ist das System aber nicht mehr nachhaltig. Zudem werden die Auswirkungen sichtbarer. Es gibt Leute, die innerhalb von einer Generation miterlebt haben, wie sich der Fluss von nebenan ver\u00e4ndert hat. Sie sagen sich: \u00abAls Kind konnte ich hier noch baden, jetzt ist das Wasser braun.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Die Situation scheint festgefahren. Wie k\u00f6nnen die verschiedenen Akteur_innen f\u00fcr Ver\u00e4nderung sorgen \u2013 seien es die Farmer_innen, der Staat oder die Konsument_innen?<br \/>\n<\/strong>Wichtig ist, dass sie alle zusammenarbeiten, um das Problem gemeinsam anzugehen. Der Staat hat lange Zeit versagt, weil die Regeln nicht restriktiv genug waren, um die Intensivierung der Landwirtschaft zu verhindern. Also muss er strengere Regeln festlegen. Bestrebungen in diese Richtung sind derzeit im Gang. Die Farmer_innen m\u00fcssen ebenfalls ein logisches Interesse daran haben, die Umweltprobleme zu l\u00f6sen. Es muss f\u00fcr sie aber auch umsetzbar sein, deshalb ist der Dialog zwischen Politik und Landwirtschaft so entscheidend. Auf Ebene der Konsument_innen muss bei den Leuten vor allem das Bewusstsein f\u00fcr die Thematik gest\u00e4rkt werden. Wie in der Schweiz gibt es immer mehr Entfremdung zwischen Stadt und Land, zwischen Produzierenden und Konsumierenden. Um das zu \u00e4ndern, sollten sich alle wieder mit den folgenden Fragen auseinandersetzen: Wo kommt das Produkt her? Wer hat es produziert? Welchen Herausforderungen stehen diese Leute gegen\u00fcber?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-12048\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/DSCN2291-Version-2-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/DSCN2291-Version-2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/DSCN2291-Version-2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/DSCN2291-Version-2-768x576.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/p>\n<p><strong>Gibt es in Neuseeland grunds\u00e4tzlich zu viele F<\/strong><strong>armer_innen?<\/strong><br \/>\nDas ist eine kontrovers diskutierte Frage. Es gibt jedenfalls sehr viele. Soll das System nachhaltig sein, m\u00fcssen einige davon verschwinden. Das Problem: Die Landwirtschaft ist ein riesiger Teil der neuseel\u00e4ndischen Wirtschaft, sie macht rund zwei Drittel der Exporte des Landes aus. Man darf nie vergessen, dass hinter den Zahlen Schicksale stecken, Menschen, manchmal ganze Familiengeschichten. Deshalb muss man sich auch fragen: Was machen diese Leute, wenn sie nicht mehr in der Landwirtschaft arbeiten k\u00f6nnen?<\/p>\n<p><strong>Es gibt also selbst ohne Direktzahlungen zu viele Farmer_innen. Das heisst dann wohl, dass Subventionen Hand in Hand mit strengen Regulierungen gehen m\u00fcssten?<br \/>\n<\/strong>Ja, Subventionen m\u00fcssten definitiv an sehr strenge Auflagen gebunden sein. Das System in Neuseeland ist allerdings schon so lange ohne Subventionen, dass es Support von ausl\u00e4ndischen Banken und Investor_innen gab, der Direktzahlungen mehr als ersetzte.<\/p>\n<p><strong>Was war deren Interesse?<br \/>\n<\/strong>Geld! Sie haben festgestellt, dass insbesondere mit einer Landwirtschaft, die auf Export ausgerichtet ist, viel Geld zu verdienen ist. Neuseeland wird mitunter als Kornkammer von China bezeichnet. China kann sich mit seiner Landwirtschaft nicht selbst versorgen und hat deshalb in Neuseeland grosse Investitionen get\u00e4tigt, um zum Beispiel die Versorgung mit Milchpulver sicherzustellen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-12049\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/DSCN3411-Version-2-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/DSCN3411-Version-2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/DSCN3411-Version-2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/DSCN3411-Version-2-768x576.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/p>\n<p><strong>Hat sich dadurch auch die Art der landwirtschaftlichen Betriebe ver\u00e4ndert?<br \/>\n<\/strong>Dazu muss man sagen: Im Vergleich zur Schweiz waren die Betriebe in Neuseeland schon immer sehr gross. Zuletzt sind aber viele supergrosse Betriebe entstanden, an denen oft ausl\u00e4ndische Investor_innen beteiligt sind. Insgesamt gibt es die ganze Bandbreite. Von denjenigen, die ihren Beruf lieben und sich nichts Anderes vorstellen k\u00f6nnen, bis zu jenen, die in erster Linie m\u00f6glichst viel Geld verdienen wollen \u2013\u00a0 das sind dann vor allem die gr\u00f6sseren Kooperationen.<\/p>\n<p><strong>Kann man in einer globalisierten Welt davon ausgehen, dass Southland mit seinen Problemen stellvertretend steht f\u00fcr viele andere Gegenden weltweit?<br \/>\n<\/strong>Teilweise schon, auch wenn die Rahmenbedingungen in Neuseeland wie gesagt speziell sind. Tats\u00e4chlich sind aber viele grosse Landwirtschaftsl\u00e4nder in erster Linie auf Export ausgerichtet. Sie alle haben das grundlegende Problem, dass sie lokal produzieren, dann aber exportieren. Das bedeutet auch, dass die Umweltkosten lokal bezahlt werden, obwohl sie ein globales Problem sind. Was ebenfalls ein l\u00e4nder\u00fcbergreifendes Problem ist, das zum Beispiel auch in der Schweiz ausgepr\u00e4gt ist: Die Distanz zwischen Produzierenden und Konsumierenden wird immer gr\u00f6sser. Stadt und Land leben sich auseinander, der landwirtschaftliche Produktionsprozess wird von einem Teil der Gesellschaft nicht mehr verstanden.<\/p>\n<p><strong>Wie sehr unterscheidet sich die Situation in der Schweiz von derjenigen in Southland?<br \/>\n<\/strong>In Sachen Subventionen pr\u00e4sentiert sich die Lage nat\u00fcrlich ganz anders. Da kann man in der Schweiz \u00fcberspitzt gesagt schon fast von einer Planwirtschaft sprechen. Mit den Direktzahlungen kann relativ genau gesteuert werden, was produziert wird und wie produziert wird. Das fehlt in Southland komplett. Zudem wird in der Schweiz in erster Linie f\u00fcr den inl\u00e4ndischen Markt produziert. Kommt hinzu, dass die B\u00e4uerinnen und Bauern in der Schweiz ausserhalb des Systems leben k\u00f6nnen, wenn sie das wollen. Sie k\u00f6nnen ihre Produkte zum Beispiel direkt ab Hof vermarkten. In Southland ist so etwas nicht m\u00f6glich, das Gebiet ist viel zu wenig dicht besiedelt, als dass gen\u00fcgend Leute am Hof vorbeikommen w\u00fcrden. Vergleichbar ist hingegen das steigende Bewusstsein f\u00fcr die Umweltprobleme, das zeigt sich etwa anhand der Trinkwasserinitiative. Auch in der Schweiz ist es deshalb wichtig, dass Produzierende, Konsumierende und Politik gemeinsam nach L\u00f6sungen suchen, damit nicht ein \u201eBlame Game\u201c entsteht, in dem jeder dem anderen versucht die Schuld in die Schuhe zu schieben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div style=\"background-color: orange; font-size: 100%; padding: 1em;\"><div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<b><b><strong><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-12047 alignleft\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/AnnaCV.png\" alt=\"\" width=\"123\" height=\"159\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/AnnaCV.png 335w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/AnnaCV-232x300.png 232w\" sizes=\"(max-width: 123px) 100vw, 123px\" \/>Zur Person:<br \/>\n<\/strong><\/b><\/b>Anna Geiser hat an der Universit\u00e4t Freiburg in diesem Jahr ihr Masterstudium in Humangeografie mit Schwerpunkt \u201eNature, Society and Politics\u201c beendet. Seither arbeitet sie an der Z\u00fcrcher Hochschule f\u00fcr Angewandte Wissenschaften (ZHAW) im Institut f\u00fcr Umwelt und Nat\u00fcrliche Ressourcen als Wissenschaftliche Assistentin in der Forschungsgruppe \u201eGeography of Food\u201c.<\/div>\n<div style=\"background-color: orange; font-size: 100%; padding: 1em;\"><div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div><\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Informationen zum <a href=\"https:\/\/events.unifr.ch\/dies\/de\/programm\/2020.html\">Dies academicus 2020<\/a><\/li>\n<li>Informationen zum <a href=\"https:\/\/events.unifr.ch\/dies\/de\/dies\/preise.html\">Umweltpreis<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><br \/>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Farmer_innen in Neuseeland haben ein Problem: Sie k\u00f6nnen nicht profitabel arbeiten, ohne gleichzeitig die Umwelt zu belasten. 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