{"id":11791,"date":"2020-10-21T13:19:28","date_gmt":"2020-10-21T12:19:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=11791"},"modified":"2020-10-21T13:19:41","modified_gmt":"2020-10-21T12:19:41","slug":"die-schweiz-wird-idealisiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2020\/die-schweiz-wird-idealisiert","title":{"rendered":"\u00abDie Schweiz wird idealisiert\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><strong>Am 28. Oktober wird im Rahmen des Zyklus \u00abRecht im Film\u00bb der Rechtswissenschaftlichen Fakult\u00e4t die Dokumentation \u00abARADA\u00bb im Cin\u00e9motion REX Freiburg vorgef\u00fchrt: Drei M\u00e4nner erz\u00e4hlen von ihrem Heimweh nach der Schweiz. Hier aufgewachsen, wurden sie wegen Straftaten in die T\u00fcrkei, das Land ihrer Eltern, ausgewiesen &#8230; Wir haben im Vorfeld mit Regisseur Jonas Schaffter \u00fcber seinen hochaktuellen und nachdenklich machenden Film gesprochen.<\/strong><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Wie haben Sie den Weg zum Sujet Ihres Films gefunden?<\/strong><br \/>\nDas ist eine l\u00e4ngere Geschichte. Ich habe vor etwa acht Jahren bereits in Istanbul gelebt, habe dort meinen ersten Dokumentarfilm \u00abOffside Istanbul\u00bb realisiert und bin seither vernarrt in diese Stadt. Ende 2015 bekam ich dann die Chance, f\u00fcr ein Reisestipendium einer Schweizer Stiftung wieder in die T\u00fcrkei zu reisen. Ich wollte diese Zeit zu Recherchezwecken eines neuen Filmprojektes nutzen. Bei der Themensuche hat mich die Schnittstelle zwischen der schweizerischen und t\u00fcrkischen Kulturen interessiert. Eine meiner Ideen war, Menschen zu begleiten, die in der Schweiz aufgewachsen und unfreiwillig in der T\u00fcrkei gelandet sind. Ich hatte aber keine Ahnung, ob ich solche Menschen \u00fcberhaupt finden werde. Zwei Tage vor meiner ersten Recherecheise hat mir ein t\u00fcrkischer Bekannter aus dem Kleinbasel eine Liste mit Namen und Adressen von ausgewiesenen Schweizt\u00fcrken \u00fcberreicht. Ich habe daraufhin die ganze T\u00fcrkei bereist und diese Leute aufgesucht.<\/p>\n<p>Das Schl\u00fcsselerlebnis hatte ich dann bereits am zweiten Tag dieser Reise \u2013 als ich zuhause bei Vedat (einer der Hauptprotagonisten von \u00abArada\u00bb) und seinen zwei Mitbewohnern irgendwo auf der asiatischen Seite Istanbuls sass. Die drei M\u00e4nner sind alle in der Schweiz aufgewachsen und wurden nach Verb\u00fcssen ihrer Gef\u00e4ngnisstrafen in die T\u00fcrkei ausgewiesen. Sie haben sich danach in einem der unz\u00e4hligen deutschsprachigen Callcenter Istanbuls kennengelernt und zusammen ihre Schweizer WG gegr\u00fcndet. Sie sprechen ausschliesslich Schweizerdeutsch miteinander. Gemeinsam versuchen sie im Exil an ihrer Schweizer Identit\u00e4t und Lebensweise festzuhalten. Man ist unter Schicksalsgenossen und jeder weiss wie sich der andere f\u00fchlt. In der T\u00fcrkei f\u00fchlen sie sich fremd. Ich habe also mitten in Istanbul eine Seite der Schweiz kennengelernt, von der ich vorher noch nichts geahnt habe. Als ich mich in jener Nacht um drei Uhr morgens dann endlich auf den Heimweg machte, war f\u00fcr mich zu hundert Prozent klar: Dar\u00fcber muss ich einen Film machen.<\/p>\n<p><strong>\u00abArada\u00bb bedeutet \u00abdazwischen\u00bb auf T\u00fcrkisch.\u00a0Was ist Heimat? Kann Heimat nicht auch\u00a0das \u00abDazwischen\u00bb sein?<br \/>\n<\/strong>Auch ich kann keine abschliessende Antwort darauf geben was Heimat ist. Die Antwort variiert von Mensch zu Mensch. Heimat k\u00f6nnen Orte, Ger\u00fcche oder ganz einfach ein Gef\u00fchl sein \u2013 meistens positiv konnotiert. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich ist Heimat\u00a0 stark ortsgebunden \u2013 also das Dorf im solothurnischen Jura, wo ich aufgewachsen bin und meine Familie habe. Denke ich an Heimat, sch\u00e4tze ich mich gl\u00fccklich, diese \u00f6rtlich festmachen zu k\u00f6nnen. Und ich bin sehr froh dar\u00fcber, dass ich mich jederzeit dorthin zur\u00fcckziehen kann. Meine Protagonisten k\u00f6nnen dies nicht. F\u00fcr sie wurde entschieden, wo ihre Heimat zu sein hat. Die Idee zum Titel \u00abArada\u00bb, also \u00abDazwischen\u00bb, entstand erst im Laufe der langen Montagearbeit. Das Thema Heimat war nat\u00fcrlicherweise stets direkt oder indirekt Teil der Gespr\u00e4che mit den Protagonisten. Dabei wurde deutlich wie nahe Heimat und Identit\u00e4t beieinander liegen. Dieses \u00abdazwischen-\u00bb oder \u00abin der Schwebe sein\u00bb ist Teil der eigenen Identit\u00e4t. Ich sehe das auch als eine St\u00e4rke und Bereicherung, auch wenn oft der Wunsch einer klareren Zugeh\u00f6rigkeit da ist. Ob das \u00abDazwischen\u00bb auch Heimat sein kann? Ich weiss es nicht. Doch denke ich, dass es lohnenswert ist, die eigene Heimat in diesem Dazwischen zu finden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11793 alignleft\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/ARADA-Poster-Solothurn_Mustafa-klein-716x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"314\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/ARADA-Poster-Solothurn_Mustafa-klein-716x1024.jpg 716w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/ARADA-Poster-Solothurn_Mustafa-klein-210x300.jpg 210w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/ARADA-Poster-Solothurn_Mustafa-klein.jpg 750w\" sizes=\"(max-width: 314px) 100vw, 314px\" \/><\/p>\n<p><strong>War die Ausschaffung der Protagonisten die Verbannung aus dem Paradies oder wird die Schweiz idealisiert?<br \/>\n<\/strong>In den K\u00f6pfen der Protagonisten ist die Schweiz tats\u00e4chlich ein Paradies. Die Schweiz wird idealisiert. Kaum sind sie in der T\u00fcrkei, der Heimat ihrer Eltern, tr\u00e4umen sie nur von ihrer Heimat in der Schweiz \u2013 vom Ort, wo sie aufgewachsen sind, wo man sie versteht, wo sie ihr Umfeld haben und wo sie sich selbst sein konnten. Lange sah es so aus, als k\u00f6nnte ich zumindest einen der Protagonisten w\u00e4hrend der Dreharbeiten zur\u00fcck ins \u00abParadies Schweiz\u00bb begleiten. Das w\u00e4re sehr spannend gewesen, da ich mir ziemlich sicher bin, dass ihn im vermeintlichen Paradies schnell wieder die Realit\u00e4t einholt. Dieses Bild der Schweiz als Paradies gibt den Protagonisten Kraft. Doch insgeheim wissen sie, dass zur\u00fcck in der Schweiz auch viele Probleme auf sie zukommen w\u00fcrden. Die Realit\u00e4t in der Schweiz \u2013 als Vorbestrafter wieder Fuss zu fassen, Schulden abzuzahlen, die B\u00fcrokratie etc. \u2013 hat bald nichts mehr mit der idealisierten Schweiz zu tun. Dieses paradiesische Bild der Schweiz fern der Heimat hat mich bei der Arbeit zu \u00abArada\u00bb sehr interessiert. Spannend zu sehen war, wie selbst negative Erlebnisse in der Schweiz ins Positive umgewandelt werden. Bei der Recherche meinte ein Ausgewiesener mal, dass er sogar die Rassistin vermisse, die ihn im Tram immer als \u00abScheisst\u00fcrke\u00bb bezeichnet habe.<\/p>\n<p><strong>Inwiefern ist die Strafe f\u00fcr die begangenen Straftaten in diesem Fall\u00a0verh\u00e4ltnism\u00e4ssig?<br \/>\n<\/strong>In meinem Film wollte ich nicht der Frage nachgehen, ob eine Verbannung aus der Schweizer Heimat nach der bereits abgesessenen Haftstrafe gerecht ist oder nicht. Mich interessierte, was mit Menschen und ihrer Identit\u00e4t passiert, die unfreiwillig aus ihrer eigentlichen in ihre angebliche Heimat ausgewiesen werden. F\u00fcr mich war es schockierend zu sehen, wie Menschen, die in der Schweiz aufgewachsen sind und eine solch starke Bindung zur Schweiz haben, auf praktisch lebenslange Zeit aus der Schweiz verbannt werden k\u00f6nnen und dabei zu beobachten was mit ihnen und ihrem Umfeld passiert. Man darf nicht ausser Acht lassen, dass die Schweiz im internationalen Vergleich eine der h\u00e4rtesten Einb\u00fcrgerungspraxen hat und zudem eine \u00e4usserst rigide Ausweisungspolitik gegen straff\u00e4llige Ausl\u00e4nder angewendet wird. Dies f\u00fchrt zu einer explosiven Mischung. Die Verbannung aus der Heimat ist eine zus\u00e4tzliche Bestrafung \u2013 und f\u00fcr die meisten Ausgewiesenen die viel gr\u00f6ssere Strafe als die eigentliche Gef\u00e4ngnisstrafe.<\/p>\n<p><strong>Ist Ihr Film eine Dokumentation \u00fcber die Reue?<br \/>\n<\/strong>Nicht in erster Linie. Tats\u00e4chlich legten wir jedoch w\u00e4hrend der Montage viel Wert darauf, genau diesem Thema gen\u00fcgend Raum zu geben. Gezielt habe ich die Protagonisten w\u00e4hrend der Dreharbeiten auch immer wieder mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Diese ist ja auch der Grund f\u00fcr ihr Verharren in der Fremde und daher ihr t\u00e4glicher Begleiter. Es ist spannend zu sehen, wie der Umgang mit der Vergangenheit und damit verbunden mit Schuld und Reue bei allen dreien sehr unterschiedlich ist.<\/p>\n<p><strong>Sehen Sie sich in rein\u00a0beschreibender Funktion oder ist Ihre\u00a0Arbeit ein\u00a0politisches Statement?<br \/>\n<\/strong>Zu Beginn ging ich ohne politische Motivation an dieses Thema heran. Ich war neugierig und an den Kontrasten, Reibungen, dem Skurrilen dieser Thematik interessiert. Mir war selbstverst\u00e4ndlich klar, dass dieser Film wegen seines thematischen Rahmens sehr politisch aufgenommen wird. Doch hatte ich keine Lust darauf, einen aktivistischen Film zu machen. Ich wollte nahe bei den Schicksalen meiner drei Protagonisten bleiben, sie als Beobachter bei ihrem Alltag begleiten und sie immer wieder mit Fragen konfrontieren. Ich denke aber, dass diese Realit\u00e4t, die wir f\u00fcr diesen Film festgehalten und montiert haben, eine sehr politische Kraft hat. Das Abbild dieser verborgenen Realit\u00e4t spricht f\u00fcr sich und soll Probleme aufzeigen, von denen wir hier in der Schweiz nicht die Augen verschliessen d\u00fcrfen.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.arada-film.ch\/\">Offizielle Webseite<\/a> des Films<\/li>\n<li>Informationen zur <a href=\"https:\/\/events.unifr.ch\/droitcinema\/de\/programm\/2020\/arada.html\">Veranstaltung<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 28. 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