{"id":11789,"date":"2020-10-21T23:30:26","date_gmt":"2020-10-21T22:30:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=11789"},"modified":"2020-10-22T09:52:57","modified_gmt":"2020-10-22T08:52:57","slug":"im-kollektiv-gegen-den-sexismus-im-weissen-kittel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2020\/im-kollektiv-gegen-den-sexismus-im-weissen-kittel?lang=de","title":{"rendered":"Im Kollektiv gegen den Sexismus im weissen Kittel"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sie wollen sicher nicht \u00abCh\u00e9rie\u00bb genannt werden und setzen sich daf\u00fcr ein, dass sich im Ausbildungs- und Spitalumfeld alle wohlf\u00fchlen: Im Interview erkl\u00e4ren Lea und Linda vom neu gegr\u00fcndeten Kollektiv CLASH Fribourg, wie sie gegen Sexismus und sexuelle Bel\u00e4stigung in der Medizin vorgehen.<\/strong><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Sie geh\u00f6ren zu den Mitbegr\u00fcnder_innen von CLASH Fribourg. Warum braucht es das Kollektiv?<br \/>\n<\/strong><strong>Lea:<\/strong> Unser Vorbild ist CLASH in Lausanne \u2013 das ist sozusagen das Original. Dort haben sich Medizinstudentinnen aus dem Praktikumsjahr zusammengetan, weil sie im Spital viel Sexismus und auch sexuelle Bel\u00e4stigung erfahren haben. Daraufhin haben sie auf informelle Weise Zeugenaussagen gesammelt. Es kamen schreckliche Geschichten ans Tageslicht. Bei ihnen war das spezifisch auf das Lausanner Universit\u00e4tsspital (CHUV) bezogen. Aber es liegt auf der Hand, dass diese Probleme auch in anderen Spit\u00e4lern auftreten. In Freiburg verbringen wir mit dem neuen Masterstudium nun ebenfalls viel Zeit im Spital. Wir haben zum Gl\u00fcck noch keine schrecklichen Geschichten erfahren, aber wir versuchen bereits pr\u00e4ventiv einzuwirken.<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00e4mpft CLASH in Freiburg konkret gegen diese Probleme an?<br \/>\nLinda:<\/strong> Das Institut f\u00fcr Hausarztmedizin hat ein Formular erstellt, mit dem Betroffene oder Personen, die Zeugen von Diskriminierungen wurden, uns ihre F\u00e4lle schildern k\u00f6nnen. Dieses Formular kann online anonym ausgef\u00fcllt werden. Zudem kann man uns an zwei Tagen pro Woche w\u00e4hrend zwei Stunden telefonisch kontaktieren. An einem Tag auf Franz\u00f6sisch und Italienisch, am anderen Tag auf Deutsch. Wir sind da, um zuzuh\u00f6ren und allenfalls Ratschl\u00e4ge zu erteilen.<br \/>\n<strong>Lea:<\/strong> Wir sind keine institutionelle Struktur, anhand der Zeugenformulare und Anrufe verfassen wir aber zweimal pro Jahr einen zusammenfassenden Bericht. Es geht darum, der Universit\u00e4tsleitung und der Leitung des Freiburger Spitals (HFR) m\u00f6gliche Probleme aufzuzeigen.<\/p>\n<p><strong>Linda:<\/strong> Zus\u00e4tzlich wollen wir mit verschiedenen Projekten und Veranstaltungen die Leute sensibilisieren und informieren, Diskussionen anregen und dadurch zu L\u00f6sungsans\u00e4tzen beitragen. Vor kurzem organisierten wir zum Beispiel einen Filmabend. Wir stehen am Anfang und haben viele Ideen \u2013 einige davon gilt es nun noch zu konkretisieren.<\/p>\n<p><strong>Es gibt weltweit verschiedene Studien, die Probleme mit Sexismus in der medizinischen Ausbildung best\u00e4tigen. Das Thema ist pr\u00e4sent: 92 Prozent der befragten Medizinstudent_innen an der Universit\u00e4t Freiburg haben bereits von Sexismus oder sexueller Bel\u00e4stigung in Spit\u00e4lern geh\u00f6rt, 54 Prozent f\u00fcrchten sich davor, in zuk\u00fcnftigen Praktika selbst davon betroffen zu sein. Sind im Medizinstudium diese Probleme weiter verbreitet als in anderen Studienf\u00e4chern?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Lea:<\/strong> Vor allem im praktischen Teil unseres Studiums wird es problematisch. Sobald wir im Spital arbeiten, befinden wir uns in steilen hierarchischen Strukturen. Wir werden von vielen verschiedenen Personen betreut, wobei immer auch eine gewisse Abh\u00e4ngigkeit besteht. An den meisten Orten bleiben wir nur kurze Zeit, es gibt viele Wechsel. Wenn die Situationen instabil und die Hierarchien steil sind, wird das System anf\u00e4lliger f\u00fcr Sexismus, sexuelle Bel\u00e4stigung und Diskriminierung im Allgemeinen \u2013 die Probleme werden weniger schnell bemerkt, und nicht immer wird offen dar\u00fcber gesprochen.<br \/>\n<strong>Linda:<\/strong> F\u00fcr uns ist aber auch wichtig, dass die Diskussionen \u00fcber diese Probleme nicht nur im Bereich der Medizin gef\u00fchrt werden. Wir m\u00fcssen irgendwo anfangen, und weil wir Medizin studieren, starten wir eben hier. Aber wir sind offen f\u00fcr alle, es geht nicht nur um uns.<\/p>\n<p><strong>Dann kann sich bei Ihnen auch eine Geschichtsstudentin melden, die Sexismus erfahren hat?<br \/>\n<\/strong><strong>Linda<\/strong>: Selbstverst\u00e4ndlich. Wir haben noch nicht viel Erfahrung und wollten deshalb klein beginnen \u2013 aber es d\u00fcrfen sich alle bei uns melden.<br \/>\n<strong>Lea:<\/strong> Das gilt \u00fcbrigens nicht nur auf universit\u00e4rer Ebene, sondern auch spitalspezifisch f\u00fcr andere Hierarchiestufen. Denn als Medizinstudent_innen sind wir zwar in der \u00c4rzt_innenhierarchie zuunterst, wenn man alle anderen Berufsgruppen anschaut, die im Spital arbeiten, sind wir aber immer noch in einer ziemlich privilegierten Position. Es gibt die Pfleger_innen, die Putzfachkr\u00e4fte, die K\u00fcche: Sie alle k\u00f6nnen uns von ihren Erfahrungen mit Diskriminierung \u2013 das kann neben Sexismus auch Rassismus, LGBTQ-Feindlichkeit et cetera sein \u2013 berichten. Langfristig gesehen m\u00f6chten wir uns im gesamten System etablieren.<\/p>\n<p><strong>Woher kommen diese steilen Hierarchien in der Medizin?<br \/>\nLinda:<\/strong> Grunds\u00e4tzlich ist es ja durchaus sinnvoll, wenn man Supervisor_innen hat, schliesslich verf\u00fcgen diese \u00fcber mehr Erfahrung. Entscheidend ist vor allem auch das Bewusstsein \u00fcber die Strukturen und der Umgang damit.<br \/>\n<strong>Lea:<\/strong> Ich denke ebenfalls, dass unsere Ausbildung so gross und komplex ist, dass es in einem gewissen Mass Sinn ergibt, dass man nicht automatisch nach dem Studium selbstst\u00e4ndig ist und die volle Verantwortung tr\u00e4gt. Alle Vorgesetzten haben wieder ein St\u00fcck Verantwortung mehr. F\u00fcr den Lernprozess und den Verantwortungsprozess ist das sinnvoll. Was sicher zus\u00e4tzlich zu den steilen Hierarchien beitr\u00e4gt: Historisch gesehen wurden \u00c4rzt_innen lange Zeit teils fast schon als \u00dcbermenschen betrachtet. Dieses Bild der G\u00f6tter in Weiss hat allerdings sowohl auf die Atmosph\u00e4re innerhalb der \u00c4rzteschaft, als auch hinsichtlich der Behandlung von Patient_innen mehr negative als positive Auswirkungen.<\/p>\n<p><strong>Sie studieren beide im f\u00fcnften Jahr Medizin. Haben Sie w\u00e4hrend Ihrer Ausbildung selbst schon Sexismus oder sexuelle Bel\u00e4stigung erlebt?<br \/>\n<\/strong><strong>Linda:<\/strong> Pers\u00f6nlich nicht.<br \/>\n<strong>Lea:<\/strong> Meiner Meinung nach beginnt es auf einer theoretischen Ebene in den Vorlesungen schon ab dem ersten Jahr. Wenn Beispiele aus der Klinik behandelt werden, heisst es typischerweise immer \u00abder Arzt\u00bb,\u00a0\u00abder Patient\u00bb, \u00abdie Krankenschwester\u00bb. Das ist der Grundstein f\u00fcr die sexistische Haltung, in der wir ausgebildet werden. Diese Haltung tr\u00e4gt dazu bei, dass sich einige Leute berechtigt f\u00fchlen, sich auf eine gewisse Weise zu verhalten, die objektiv betrachtet auf keinen Fall in Ordnung ist.<\/p>\n<p><strong>Und auf der praktischen Ebene?<br \/>\n<\/strong><strong>Lea:<\/strong> Dort gibt es viele kleine Beispiele: In meinem dritten Studienjahr hat der eine Tutor mich und eine andere Studentin \u00abCh\u00e9rie\u00bb genannt. In einem professionellen Ausbildungsrahmen war das f\u00fcr mich absolut deplatziert. Ein anderes Mal habe ich mitgekriegt, wie ein Chirurg im Operationssaal eine sexistische Bemerkung machte und gleich hinzuf\u00fcgte, nach dieser Aussage werde er bestimmt bald vom HR herbeizitiert. Er war sich also bewusst, dass die Aussage nicht okay ist, machte sie aber trotzdem.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie auch bereits von schwerwiegenden F\u00e4llen geh\u00f6rt?<br \/>\nLea:<\/strong> Es ist nicht unser Ziel, an dieser Stelle davon zu erz\u00e4hlen. Aber ja, es gibt sie. Wir hatten auch bereits eine Kontaktaufnahme einer Studentin, die zwar nicht in Freiburg studiert hat, aber im Kantonsspital Freiburg ein Praktikum absolvierte und Dinge erlebte, die ganz eindeutig nicht okay sind. Ins Detail gehen m\u00f6chte ich aber nicht, das \u00fcberlassen wir der Betroffenen selbst, sollte sie irgendwann ihre Geschichte \u00f6ffentlich erz\u00e4hlen wollen.<\/p>\n<p><strong>Wer ergriff die Initiative, einen Ableger von CLASH in Freiburg aufzubauen?<br \/>\nLinda:<\/strong> Das Institut f\u00fcr Hausarztmedizin hat ein sehr engagiertes Team, das entschlossen gegen Sexismus im Spital-Milieu vorgeht und auch in diesem Fall den Anstoss gab. Eine junge \u00c4rztin, die im Institut arbeitet, war bereits bei der Gr\u00fcndung von CLASH in Lausanne dabei. In Gespr\u00e4chen mit ihr entwickelten wir Ideen, wie wir vorgehen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><strong>Welche langfristigen Visionen verfolgt das Kollektiv?<br \/>\nLea:<\/strong> Wir m\u00f6chten dazu beitragen, dass es im Bereich der Medizin gerechter und inklusiver zu und her geht. Damit wir eines Tages als gute Vorbilder dastehen und nicht die alten Muster, mit denen wir nicht einverstanden sind, weiterverfolgen. Das wirkt sich sp\u00e4ter auch auf den Umgang mit Patient_innen aus. Auch dort darf es absolut keinen Platz f\u00fcr Sexismus, Rassismus oder irgendeine andere Form von Diskriminierung geben. Wir wollen dazu beitragen, dass in einem Spital und einem Praxisumfeld sowohl die Pflegebed\u00fcrftigen als auch alle, die Pflege geben, sich wohlf\u00fchlen k\u00f6nnen, und niemand diskriminiert wird.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/CLASHFribourg\/\">Facebook-Fanpage<\/a> von CLASH Freiburg<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div style=\"background-color: orange; font-size: 100%; padding: 1em;\"><div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<b>Zum Kollektiv<br \/>\n<\/b>CLASH steht f\u00fcr Collectif de lutte contre les attitudes sexistes en milieu hospitalier. Das Ziel des Lausanner Originals sowie des Freiburger Ablegers: der Kampf gegen sexuelle Bel\u00e4stigung und Sexismus im Spital- und Praxisalltag sowie in den Ausbildungsinstitutionen. Hauptanliegen des gemeinn\u00fctzigen Vereins ist es, eine leicht zug\u00e4ngliche Anlaufstelle anzubieten, um betroffene Personen und Zeug_innen zu sch\u00fctzen und zu unterst\u00fctzen. CLASH Fribourg hat sieben Vorstandsmitglieder und umfasst insgesamt gut 20 Medizinstudent_innen.<br \/>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><br \/>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie wollen sicher nicht \u00abCh\u00e9rie\u00bb genannt werden und setzen sich daf\u00fcr ein, dass sich im Ausbildungs- und Spitalumfeld alle wohlf\u00fchlen: Im Interview erkl\u00e4ren Lea und Linda vom neu gegr\u00fcndeten Kollektiv CLASH Fribourg, wie sie gegen Sexismus und sexuelle Bel\u00e4stigung in der Medizin vorgehen. Sie geh\u00f6ren zu den Mitbegr\u00fcnder_innen von CLASH Fribourg. Warum braucht es das Kollektiv? Lea: Unser Vorbild ist CLASH in Lausanne \u2013 das ist sozusagen das Original. Dort haben sich Medizinstudentinnen aus dem Praktikumsjahr zusammengetan, weil sie im Spital viel Sexismus und auch sexuelle Bel\u00e4stigung erfahren haben. Daraufhin haben sie auf informelle Weise Zeugenaussagen gesammelt. 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