{"id":11732,"date":"2020-10-14T16:11:00","date_gmt":"2020-10-14T15:11:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges?p=11732"},"modified":"2020-10-15T09:19:22","modified_gmt":"2020-10-15T08:19:22","slug":"going-norte-migrationsgeschichten-in-spanglish","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2020\/going-norte-migrationsgeschichten-in-spanglish","title":{"rendered":"Going Norte \u2013 Migrationsgeschichten in Spanglish"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Die Latinos sind bereits heute die gr\u00f6sste Minderheit in den USA. Welche Geschichten erz\u00e4hlen sie sich? Welche B\u00fccher schreiben sie? Sebastian Imoberdorf ist diesen Fragen nachgegangen und hat daf\u00fcr den Vigener-Preis erhalten. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Migration, Identit\u00e4ten und den American Dream.<\/strong><\/h4>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/42278_pp_2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11712 alignleft\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/42278_pp_2-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"289\" height=\"193\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/42278_pp_2-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/42278_pp_2-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/42278_pp_2-768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 289px) 100vw, 289px\" \/><\/a>Herr Imoberdorf, Sie haben zur Literatur der Latinos in den USA doktoriert und daf\u00fcr k\u00fcrzlich den Vigener-Preis erhalten. Welche drei US-lateinamerikanischen B\u00fccher sollte man denn gelesen haben \u2013 und weshalb?<br \/>\n<\/strong>Das ist keine leichte Aufgabe! Die US-Latino-Literatur ist breit, vielf\u00e4ltig und von hoher Qualit\u00e4t. M\u00fcsste ich mich auf drei Titel beschr\u00e4nken w\u00e4ren es die folgenden:<\/p>\n<p>&#8211; Ein Klassiker ist sicherlich <em>El Corrido de Dante<\/em> [\u00abDantes Corrido\u00bb] von Eduardo Gonz\u00e1lez Via\u00f1a, der mit einem ironischen Augenzwinkern die Migration von Latinos in die USA thematisiert. Er stellt sie in Anlehnung an Dante Alighieris <em>G\u00f6ttlicher Kom\u00f6die<\/em> als Reise durch H\u00f6lle und Fegefeuer dar, die am Schluss ins vermeintliche Paradies f\u00fchren soll.<\/p>\n<p>&#8211; Als zweites w\u00fcrde ich den Roman <em>M\u00e1s all\u00e1 del invierno<\/em> [\u00abEin unverg\u00e4nglicher Sommer\u00bb] von Isabel Allende nennen, der das Zeitgeschehen aufgreift und als Kritik am amtierenden US-Pr\u00e4sidenten und seiner Migrationspolitik gelesen werden kann.<\/p>\n<p>&#8211; Eines meiner Lieblingsb\u00fccher ist jedoch <em>Norte<\/em> [\u00abNorden\u00bb] von Edmundo Paz Sold\u00e1n. Es skizziert sehr individuelle Migrationserfahrungen, hinterfragt stereotype Vorstellungen und verkn\u00fcpft gekonnt verschiedene Genres, wie etwa den Migrations- und den Kriminalroman.<\/p>\n<p><strong>Wie sind Sie denn pers\u00f6nlich zu diesem Thema gekommen?<br \/>\n<\/strong>Migration besch\u00e4ftigt mich schon lange. Auch meine eigene Familie besitzt eine kleine Migrationsgeschichte: Einige meiner Vorfahren sind im 19. Jahrhundert nach Argentinien ausgewandert, mein Grossonkel nach Kalifornien. Als ich an der Universit\u00e4t Freiburg ein Seminar zum Thema \u00abUS-Latino-Literatur\u00bb besuchte, fing ich unverz\u00fcglich Feuer und wusste, dass ich mich mit der Thematik vertieft auseinandersetzen wollte. Ich denke, dass das Migrationsthema immer schon gegenw\u00e4rtig war, dass es aber im aktuell angespannten politischen Klima polemisch debattiert wird und auch k\u00fcnftig immer wieder hitzig diskutiert werden wird. Migrationsbewegungen gab es seit jeher und wird es auch immer geben. Das wird sich auch mit den st\u00e4rksten Mauern nicht \u00e4ndern lassen.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-178677638.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-11714\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-178677638-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"680\" height=\"454\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-178677638-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-178677638-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-178677638-768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><\/a><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Mit welchen Themen setzen sich die US-Latino-Autor_innen denn besonders auseinander?<br \/>\n<\/strong>Die Frage der Identit\u00e4t besch\u00e4ftigt die meisten Schriftsteller_innen. Dieser Diskurs hat sich in den letzten Jahrzehnten aber stetig weiterentwickelt. W\u00e4hrend es in den ersten Werken vor allem um eine kollektive kulturelle Identit\u00e4t ging, hat sich die Identit\u00e4tsfrage heute vervielf\u00e4ltigt und differenziert, was Verallgemeinerungen entgegenwirkt und die komplexe, heterogene Realit\u00e4t besser darstellt.<\/p>\n<p>In meiner Dissertation stelle ich f\u00fcr die Literatur des neuen Jahrtausends zwei Tendenzen fest. Erstens kommen die Autor_innen davon ab, kollektive Migrationserfahrungen zu beschreiben. Sie bevorzugen individuelle Geschichten. Und zweitens gewinnt neben der kulturellen auch die soziale und sexuelle Identit\u00e4tsbildung an Bedeutung. Es geht heute nicht mehr nur darum zu fragen, wer die Latinos sind, sondern wer die Latina bzw. der Latino ist. Immer h\u00e4ufiger wird auch der geschlechtergerechte Terminus \u00abLatinx\u00bb verwendet.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-1092349044.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-11723\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-1092349044-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"680\" height=\"454\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-1092349044-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-1092349044-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-1092349044-768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><\/a><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Diese individuellen Migrationserfahrungen f\u00fchren die Latinos aus eher konservativen in eine liberalere Gesellschaft. Finden die \u00abLatinx\u00bb in den USA gr\u00f6ssere Freiheiten? Und wie ergeht es da insbesondere Frauen und LGBTQI?<br \/>\n<\/strong>Das ist in der Tat so. Insbesondere Latinas und Mitglieder der LGBTQI-Gemeinschaft migrieren von einem Umfeld, das noch viel st\u00e4rker von patriarchalischen und heteronormativen Strukturen gepr\u00e4gt ist in ein Land der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten und der soziokulturellen Diversit\u00e4t. Das klingt positiv, die Wirklichkeit sieht jedoch h\u00e4ufig etwas anders aus. Dies zeigt zum Beispiel der Erz\u00e4hlband <em>Historias prohibidas de Marta Veneranda<\/em> [\u00abDie verbotenen Geschichten von Marta Veneranda\u00bb] der lesbischen Autorin Sonia Rivera-Vald\u00e9s. Den vorwiegend weiblichen Figuren f\u00e4llt es oft schwer, in der neuen Heimat eine Rolle zu finden, die sich nicht ausschliesslich auf das H\u00e4usliche beschr\u00e4nkt. Sie haben M\u00fche, sich aus dem auferlegten Korsett der Ursprungsgesellschaft zu l\u00f6sen und soziale Normen und Tabus zu durchbrechen. Interessant ist dabei, dass auch die lesbischen Figuren die von ihrer Ursprungskultur geerbten Rollenverteilungen (aktiv vs. passiv) im neuen Kontext zun\u00e4chst reproduzieren, sie dann aber hinterfragen und schliesslich aufzuheben versuchen. Zu all diesen Schwierigkeiten kommt die Konfrontation mit rassistischen Verhaltensmustern hinzu, die die Eingliederung in die Gastgesellschaft zus\u00e4tzlich erschweren.<\/p>\n<p><strong>Wie wird denn die Migration in der US-Latino-Literatur beschrieben? Mit welchen Hoffnungen machen sich die Leute auf den Weg und auf welche Schwierigkeiten stossen sie?<br \/>\n<\/strong>Die Motive f\u00fcr die Migration sind sehr vielf\u00e4ltig. Ein h\u00e4ufiger Ausl\u00f6ser ist die instabile politische Lage in den lateinamerikanischen L\u00e4ndern \u2013 etwa die Diktaturen, die B\u00fcrgerkriege oder auch der Drogenhandel in Kolumbien und Mexiko. In Zusammenhang damit kann der Wunsch nach freier sexueller Entfaltung stehen. In Reinaldo Arenas novellistischer Autobiografie <em>Antes que anochezca<\/em> [\u00abBevor es Nacht wird\u00bb] geht es zum Beispiel um die Verfolgung von Homosexuellen unter dem Castro-Regime, w\u00e4hrend welchem viele Mitglieder der LGBTQI-Gemeinschaft aus Kuba flohen. <em>El sue\u00f1o de Am\u00e9rica<\/em> [\u00abAm\u00e9ricas Traum\u00bb] von Esmeralda Santiago wiederum handelt von h\u00e4uslicher Gewalt und davon, wie die puerto-ricanische Protagonistin Am\u00e9rica diesen Teufelskreis durchbricht, indem sie in New York ein selbstst\u00e4ndiges, neues Leben beginnt. Und nicht zuletzt ist der vielzitierte <em>American Dream<\/em> ein wiederkehrendes Motiv. Viele Latinos migrieren gen Norden, weil sie dort Arbeit, Erfolg und bessere Lebenskonditionen f\u00fcr sich und ihre Familien zu finden hoffen. Diese Vielfalt von Gr\u00fcnden spiegelt auch die Realit\u00e4t wider, denn jede Migrationsgeschichte ist individuell.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-1179649824.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-11715\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-1179649824-1024x686.jpg\" alt=\"\" width=\"680\" height=\"456\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-1179649824-1024x686.jpg 1024w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-1179649824-300x201.jpg 300w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-1179649824-768x515.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><\/a><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p>Auf dem Weg in die USA lauern vor allem auf \u00abillegale\u00bb Migranten viele Gefahren. Aufgrund ihres irregul\u00e4ren Status w\u00e4hlen sie versteckte und gef\u00e4hrliche Wege und durchqueren etwa den R\u00edo Bravo oder die W\u00fcste. Andere reisen auf dem Dach des G\u00fcterzugs <em>La Bestia<\/em> [\u00abDie Bestie\u00bb], wo sie Gefahr laufen, herunterzufallen oder von kriminellen Banden ausgeraubt und, im Falle der weiblichen Migrantinnen, vergewaltigt zu werden. All dies wird in der US-Latino-Literatur thematisiert und beschrieben.<\/p>\n<p><strong>Die Latinos sind die gr\u00f6sste Minderheit in den USA. Es gibt mehr Latinos, als Schwarze. Wo leben diese Leute? Was arbeiten sie? Und wie finden die Latinos einen Platz in den USA?<br \/>\n<\/strong>Einmal in den USA angekommen warten weitere Schwierigkeiten auf die Latinos: der Kulturschock, das Fehlen von Papieren und folglich von Arbeit. In meiner Dissertation habe ich mich auf das Konzept der Akkulturation berufen, in dem untersucht wird, inwieweit sich die Migrant_innen in die Gastgesellschaft eingliedern. Lehnen sie die neue Kultur ab und f\u00fchren sie ihr altes Leben in sogenannten Enklaven weiter? Integrieren sie sich, ohne dabei Werte und Gepflogenheiten zu verlieren? Oder passen sie sich sogar so stark an, dass sie mit ihrer Ursprungskultur brechen? Auch hier sind die Erfahrungen in den Romanen sehr unterschiedlich. Im untersuchten Korpus werden dabei etwa Gastarbeiter ohne Papiere, Angeh\u00f6rige der Mittelklasse, aber auch Universit\u00e4tsprofessoren dargestellt \u2013 was wiederum sehr gut der heterogenen Realit\u00e4t der Latinos in den USA entsprechen d\u00fcrfte.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-685785112.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-11716\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-685785112-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"680\" height=\"454\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-685785112-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-685785112-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-685785112-768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><\/a><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Wie steht es denn um die Erfolgsgeschichten?<br \/>\n<\/strong>Die gibt es nat\u00fcrlich. Jedoch erf\u00fcllt sich der <em>American Dream<\/em> nicht f\u00fcr alle, f\u00fcr manche wird er sogar zu einem <em>American Nightmare<\/em>. Die Idee, vom Tellerw\u00e4scher zum Million\u00e4r aufzusteigen, wird den Latinos durch ber\u00fchmte Pers\u00f6nlichkeiten wie etwa Jennifer Lopez, Salma Hayek, Ricky Martin oder Benicio del Toro vorgelebt. Dazu kommen die Erfahrungsberichte von Verwandten, die es in den USA \u00abgeschafft\u00bb haben, die sich ein regelm\u00e4ssiges Einkommen erarbeitet und ein neues Leben aufgebaut haben. Viele vergessen jedoch, dass solche Erfahrungen nicht f\u00fcr alle gelten und dass der Weg zum Erfolg ein langer und harter ist.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-649662423.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-11717\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-649662423-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"680\" height=\"454\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-649662423-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-649662423-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-649662423-768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><\/a><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Die Migration (<em>going west<\/em>) und die Hoffnung auf ein besseres Leben sind eigentlich ur-amerikanische Motive. Kommt die Latino-Literatur denn auch ausserhalb der Community an? Und wird sie als amerikanische Literatur verstanden?<br \/>\n<\/strong>Die US-Latino-Literatur findet sogar sehr grossen Anklang. Beweise daf\u00fcr sind das Erscheinen verschiedener Werke auf der <em>New York Times bestseller list<\/em>, die Schaffung von <em>Latino Studies<\/em>-Lehrst\u00fchlen an zahlreichen Universit\u00e4ten und die Diskussion der Thematik im akademischen wie auch im \u00f6ffentlichen Leben. Verwunderlich ist dies nicht, wenn man bedenkt, dass fast 60 Millionen Menschen hispanischer Herkunft in den USA leben. Die US-Latinos sind mehr als eine Minderheit, sie sind eine Realit\u00e4t und ihre Literatur kann auf jeden Fall als amerikanische verstanden werden. Man k\u00f6nnte sogar noch weiter gehen und sagen, dass sie sowohl als nord- als auch als lateinamerikanische Literatur betrachtet werden kann.<\/p>\n<p>Jedoch sollte meines Erachtens zwischen Englisch und Spanisch verfassten Texten unterschieden werden. Die englischen Werke stossen sicher in der Gesamtgesellschaft auf gr\u00f6sseres Interesse, da sie f\u00fcr ein breiteres Publikum zug\u00e4nglich sind \u2013 auch f\u00fcr Latinos der dritten oder vierten Generation, die in die US-amerikanische Gesellschaft hineinwachsen und manchmal gar kein Spanisch mehr sprechen, aber auch f\u00fcr diejenigen englischsprachigen US-Amerikaner, die sich ganz einfach f\u00fcr die Thematik interessieren. Mein pers\u00f6nlicher Anreiz war es jedoch, in meiner Doktorarbeit die Romane spanischsprachiger US-Latinos zu behandeln, da deren Literatur, im Vergleich zur englischsprachigen, erst sehr rudiment\u00e4r untersucht wurde. Darin sah und sehe ich weiterhin enormes Potential.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-554373375.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-11729\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-554373375-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"680\" height=\"454\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-554373375-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-554373375-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-554373375-768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><\/a><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Welche Rolle spielt denn das Spanische heute im amerikanischen Alltag? Als ich vor einigen Jahren in Kalifornien war, sah ich beispielsweise zweisprachige Werbungen und Restaurants, die Stellen f\u00fcr K\u00fcchenpersonal gar ausschliesslich auf Spanisch ausschrieben.<br \/>\n<\/strong>Spanisch spielt im amerikanischen Alltag eine sehr grosse Rolle. Bereits jetzt ist es die erste und wichtigste Fremdsprache und gem\u00e4ss Sch\u00e4tzungen sollen die USA im Jahr 2060 sogar das zweitgr\u00f6sste spanischsprachige Land der Welt sein. Diese Entwicklung findet sich nat\u00fcrlich auch in der US-Latino-Literatur \u2013 in der spanisch- wie auch in der englischsprachigen. Die Romane weisen einen hohen Anteil an <em>Spanglish<\/em> (Mischform aus Englisch und Spanisch) auf und auch das sogenannte <em>Code-Switching<\/em> (Wechsel von einer Sprache zur andern innerhalb einer \u00c4usserung) ist ein fester Bestandteil der Texte. Auffallend ist dabei, dass diese Stilmittel vor allem in Zusammenhang mit der Identit\u00e4tsfindung benutzt werden.<\/p>\n<p><strong>Was denken Sie, wor\u00fcber schreiben Latino-Autor_innen in 10, 20 oder 50 Jahren?<br \/>\n<\/strong>Einerseits werden sich US-Latino-Autor_innen wohl weiterhin am Zeitgeist orientieren. So \u00fcberrascht es beispielsweise nicht, dass es bereits literarische Reaktionen auf die gegenw\u00e4rtige Migrationspolitik gibt. Neben dem eingangs erw\u00e4hnten Roman von Isabel Allende setzt sich auch der peruanisch-amerikanische Schriftsteller Eduardo Gonz\u00e1lez Via\u00f1a in <em>La frontera del para\u00edso<\/em> (\u00abDie Grenze zum Paradies\u00bb) damit auseinander und schenkt dem aktuellen Pr\u00e4sidenten sogar eine explizite Widmung (\u00abDieses Buch ist Donald Trump gewidmet, damit er weiss, wer wir sind und dass Hass eine absurde Sache ist\u00bb).<\/p>\n<p>Zum anderen werden k\u00fcnftig wahrscheinlich weitere Tabus gebrochen und artistische Genres miteinander vermischt werden. Obwohl es bereits einige Werke zur sexuellen Identit\u00e4t von US-Latino-Autor_innen gibt, kann ich mir gut vorstellen, dass in den n\u00e4chsten Jahren auch die Frage der Geschlechteridentit\u00e4t vermehrt thematisiert wird: Wie sieht beispielsweise die Migration von transsexuellen oder geschlechtsneutralen Migrant_innen aus? Aber auch das Vermischen verschiedener Gattungen ist ein Trend, der sich k\u00fcnftig akzentuieren wird. Schon heute gibt es Schriftsteller_innen, wie etwa Carmen Mar\u00eda Machado oder Edmundo Paz Sold\u00e1n, die das Thema der Migration in den Kontext der Horrorliteratur setzen. Andere stellen die Realit\u00e4t der US-Latinos in <em>Graphic Novels<\/em> dar.<br \/>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-470622895.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-11728\" src=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-470622895-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"680\" height=\"454\" srcset=\"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-470622895-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-470622895-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/GettyImages-470622895-768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><\/a><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<p><strong>Zum Schluss noch die Frage: Was waren denn die besonders sch\u00f6nen Momente im Verlauf Ihrer Diss?<br \/>\n<\/strong>Ein Highlight war sicher mein Forschungsaufenthalt an der University of California, Santa Barbara, wo ich mich <em>in situ<\/em> mit der Thematik auseinandersetzen konnte. Dabei habe ich viele namenhafte Experten kennengelernt und sogar Interviews mit ihnen gef\u00fchrt, die ich dann auch f\u00fcr meine Analyse verwenden konnte. Besonders bereichernd war w\u00e4hrend dieser Zeit auch der telefonische und schriftliche Kontakt zu einigen Autor_innen. So hatte ich unter anderem die Ehre, Isabel Allende und Edmundo Paz Sold\u00e1n zu interviewen, die meiner Dissertation mit ihren interessanten Beitr\u00e4gen nochmals eine ganz besondere und pers\u00f6nliche Note verliehen haben. Alle Interviews findet man \u00fcbrigens im Anhang meiner Dissertation.<\/p>\n<p>Sehr sch\u00f6n finde ich aber auch, dass die US-Latino-Literatur auch bei meinen Studierenden grossen Anklang findet und ich sogar schon Vorschl\u00e4ge f\u00fcr Bachelor- und Masterarbeiten erhalten habe. Ich bin zuversichtlich, dass daraus viele interessante Studien hervorgehen werden. Und nat\u00fcrlich werde auch ich selbst mich weiterhin diesem Thema widmen und neue Tendenzen mitverfolgen.<\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<span style=\"color: #ff6600;\">__________<\/span><\/p>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<ul>\n<li>Mit dem 1908 gestifteten <a href=\"https:\/\/events.unifr.ch\/dies\/de\/dies\/preise.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Joseph-Vigener-Preis<\/a>, der mit mindestens 1000 Franken dotiert ist, werden herausragende Doktorarbeiten ausgezeichnet. Der Vigener-Preis wurde in diesem Jahr ex-aequo an <a href=\"https:\/\/www3.unifr.ch\/directory\/de\/people\/18731\/9a148\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Diletta Guidi<\/a> und an <a href=\"https:\/\/www3.unifr.ch\/directory\/de\/people\/12598\/b5eca\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Sebastian Imoberdorf<\/a> verliehen. Den Bericht zur anderen Dissertation finden Sie <a href=\"https:\/\/www3.unifr.ch\/alma-georges\/articles\/2020\/lislam-au-musee-une-these-pour-questionner-nos-pratiques-culturelles?lang=de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a>.<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n<div class=\"clear\" style=\"height:20px\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Latinos sind bereits heute die gr\u00f6sste Minderheit in den USA. Welche Geschichten erz\u00e4hlen sie sich? Welche B\u00fccher schreiben sie? Sebastian Imoberdorf ist diesen Fragen nachgegangen und hat daf\u00fcr den Vigener-Preis erhalten. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Migration, Identit\u00e4ten und den American Dream. Herr Imoberdorf, Sie haben zur Literatur der Latinos in den USA doktoriert und daf\u00fcr k\u00fcrzlich den Vigener-Preis erhalten. Welche drei US-lateinamerikanischen B\u00fccher sollte man denn gelesen haben \u2013 und weshalb? Das ist keine leichte Aufgabe! Die US-Latino-Literatur ist breit, vielf\u00e4ltig und von hoher Qualit\u00e4t. M\u00fcsste ich mich auf drei Titel beschr\u00e4nken w\u00e4ren es die folgenden: &#8211; Ein Klassiker ist<\/p>\n","protected":false},"author":40,"featured_media":11711,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[80,75],"tags":[128,1312,290],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11732"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/users\/40"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11732"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11732\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11733,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11732\/revisions\/11733"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/media\/11711"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11732"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11732"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unifr.ch\/alma-georges\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11732"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}